Nur noch wenige Wochen, dann sind die deutschen Gasvorräte aufgebraucht. So lautet die Prognose im Januar. Speicherbetreiber und Opposition schlagen Alarm. Wirtschaftsministerin Reiche habe Warnungen ignoriert und ihre Wetterwette verloren, heißt es. Plötzlich ist sogar eine nationale Gasreserve im Gespräch. Dabei zeigt ein Blick auf das Gesamtsystem, die neue deutsche Gasversorgung funktioniert. Selbst dann, wenn die Bedingungen wie in diesem Winter äußerst schwierig sind. Darum geht es in dieser Folge von Wieder was gelernt. Abonnieren Sie den Podcast gerne überall, wo es Podcasts gibt. Und wenn Sie Wieder was gelernt unterstützen möchten, dann freuen wir uns über eine Bewertung bei Apple Podcasts oder Spotify. Ich bin Christian Herrmann. Hallo und herzlich willkommen. In einer Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses des Deutschen Bundestags muss sich Katharine Reiche vergangene Woche für die niedrigen Füllstände der deutschen Gasspeicher rechtfertigen. Bei dem Termin blockt die Wirtschaftsministerin Kritik ab und wiederholt ihre Zuversicht der vergangenen Wochen. Die Versorgung ist gesichert. Es gibt keine Notwendigkeit für staatliche Eingriffe in den Gasmarkt. Sorgen sind nicht angebracht. Und sie behält Recht. Die deutsche Gasversorgung hat sich in einem äußerst schwierigen Winter bewährt.
Die deutschen Gasvorräte reichen nur noch für sechs Wochen. So lautete die Prognose Ende Januar. Damals lagen die Füllstände der deutschen Gasspeicher bei nur noch knapp über 30 Prozent. Die unterirdischen Speicher waren so leer wie seit der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 nicht mehr. Und zwar mit großem Abstand. Die gemächliche Befüllung der Gasspeicher im vergangenen Sommer und der ungewöhnlich frostige Jahresstart forderten ihren Tribut. Vor zwei und vor drei Jahren waren die Speicher zum selben Zeitpunkt fast 50 Prozentpunkte voller. Laut Argus Media, einer Preisberichtsagentur für Rohstoffe, entspricht die Differenz ungefähr 130 vollbeladenen Flüssiggastankern.
Speziell die Grünen versuchten, der Wirtschaftsministerin daraus einen Strick zu drehen. Die Gasspeicher sind zu früh zu leer, warnte der Bundestagsabgeordnete Michael Kellner. Ministerin Reiche hat nur zugeschaut, sagte er, Warnungen ignoriert. Ihre Wetterwette ist nicht aufgegangen. Er rief die Menschen sogar zum Gassparen auf.
Knapp vier Wochen später, also Ende Februar, sind die Gasspeicher noch zu gut 20 Prozent gefüllt. Jetzt steigen die Temperaturen wieder. Hat Wirtschaftsministerin Reiche ihre Wetterwette etwa doch gewonnen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Entscheidend ist, die deutsche Gasversorgung wäre auch ohne Sonnenschein und steigende Temperaturen für die kommenden Wochen gut aufgestellt gewesen. Selbst wenn weiter geheizt werden müsste, würden wir noch zwei bis drei Monate etwa über die Runden kommen. Das hat Jochen Linsen vom Forschungszentrum Jülich vergangene Woche bei einem Pressegespräch gesagt. Denn die Gasspeicher, über die so viel diskutiert wurde, die decken nur noch ungefähr ein Viertel der deutschen Nachfrage ab. Das ist tatsächlich so ein grober Richtwert. Wenn man das nimmt, dann kann man relativ einfach rechnen aufgrund der Speicherkapazitäten, die man derzeit in Deutschland haben, wie lange es reicht. Das heißt also, wir brauchen ungefähr 30 Terawattstunde. Das ist so eine Energieeinheit, die eben jetzt pro Monat im Prinzip aus den Speichern entnommen wird, wenn man das mal mittel macht. Und daraus kann man relativ gut prognostizieren, wenn es jetzt ein Dezember hier noch ein paar Mal hintereinander gehen würde, dann würde man damit noch zwei bis drei Monate hinkommen. Das heißt, solange sich die Importsituation und sonstige Nachfragen nicht ändern.
Jochen Ninsen merkt zwei Punkte an, die in den vergangenen Wochen häufig untergegangen sind. Erstens, der Gasverbrauch in Deutschland sinkt, sowohl in der Industrie als auch im privaten Bereich. Prozesse werden elektrifiziert, Haushalte steigen auf Wärmepumpen um und ja, einige Unternehmen verlagern ihre Produktionen auch von Deutschland ins günstige Ausland. Das kann man gut und das kann man schlecht finden, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Europa von Januar bis Juni 2025 21 Prozent weniger Erdgas verbraucht hat als im selben Zeitraum vor vier Jahren, also 2021.
Der russische Angriff auf die Ukraine hat bei der deutschen Gasversorgung Spuren hinterlassen, und zwar nachhaltig. Nicht nur beim Gasverbrauch, sondern auch bei den Gasquellen. Russland ist raus, Norwegen und die USA sind drin. Und damit kommen wir zu zweitens. Auch die Gasspeicher selbst verlieren an Bedeutung. Anders als früher kommt nämlich ein Großteil unseres Erdgases nicht mehr über russische Pipelines nach Deutschland und muss dann eingelagert werden. Ein Teil wird aus Norwegen nach wie vor über Pipelines geliefert, ein anderer Teil wird verflüssigt und auf Schiffen aus den USA nach Deutschland geschickt. Dafür wurden an Nord- und Ostsee so viele Flüssiggasterminates gebaut, dass die Kritik an der Ampelkoalition vor ein paar Jahren noch war, übertreibt es bitte nicht. Nicht zu Unrecht. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine wurden in ganz Europa neue Flüssiggasterminates gebaut. Zusammen haben sie Importkapazitäten von 70 Milliarden Kubikmetern. Bis 2030 sollen weitere Terminates mit Kapazitäten von weiteren 60 Milliarden Kubikmetern hinzukommen. Das ist mehr Erdgas, als die beiden Nord Stream Pipelines von Russland nach Deutschland schleusen konnten. Die Röhren hatten insgesamt Kapazitäten von jeweils 55 Milliarden Kubikmetern.
Auch diese Entwicklung kann man hinterfragen. In diesem Winter haben die LNG Terminals aber geleistet, wofür sie gebaut wurden. Die Flüssiggastanker fungieren gewissermaßen als mobile Gasspeicher. Sie kreuzen die Weltmeere und wenn sie benötigt werden, werden sie gerufen. Und sie erreichen Europa offenbar selbst dann, wenn auf drei Kontinenten gleichzeitig Kältewellen toben. Nicht nur in Zentraleuropa war es im Januar ungewöhnlich kalt, sondern auch in den USA und in China. Die USA haben deshalb sogar Erdgas, das eigentlich exportiert werden sollte, ins heimische Netz umgeleitet, also vom Markt weggenommen. Trotzdem musste keine Heizung in Deutschland kalt bleiben. Daran würde selbst ein weiterer Wintereinbruch wahrscheinlich nichts mehr ändern.
Ich sehe kein Problem für die restlichen Winterwochen, hat Franziska Holz bei dem Pressegespräch gesagt. Sie ist die stellvertretende Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Und auch sie sagt, wir beziehen sehr viel Gas aus Norwegen und haben außerdem die Flüssiggasterminals in Deutschland, aber auch in den Niederlanden und in Belgien. Langfristig erwartet die Expertin sogar eher eine weitere Entspannung als Anspannung bei der Versorgung. Denn das globale Flüssiggasangebot wird größer und größer. Speziell in den Vereinigten Staaten, die für die deutsche Versorgung auf diesem Weg am wichtigsten sind. Das Angebot ist auskömmlich. Wir haben gerade aus den USA sehr viel kurzfristig verfügbares Flüssigerdgas. Das ist wichtig, dass man das betont. Es ist nicht so einfach, nach Katar zu gehen, was der größte LNG-Anbieter der Welt ist, weil die ihr ganzes Gas in Langfristverträgen verkauft haben. Das war ja hier 2022 ein Thema, arabisches Gas importieren, aber das ist nie passiert, weil die halt ihr Gas schon in anderen Ländern verlangt für das Vertrag verkauft haben. Kurzfristig ist das in den USA verfügbar und da steigen die Kapazitäten, die Verflüssigungskapazitäten im Moment mehrere Dutzend Milliarden Kubikmeter jedes Jahr, sodass wir da.
Wir sehen jetzt sogar mittlerweile Diskussionen über Langfristverträge mit den USA, weil da wirklich extrem viel Gas auf den Markt drängt. Also wirklich in Größenordnung von, ich sag mal, unser Jahresverbrauch, 80 Milliarden Kubikmeter, kommt da neu auf den Markt dazu jedes Jahr, sodass wir nicht so wirklich eine Knappheit haben. Diese Angaben decken sich mit der Einschätzung des Bundeswirtschaftsministeriums. Die LNG-Infrastruktur und die norwegischen Pipelines sorgen dafür, dass die Füllstände der Gasspeicher an Aussagekraft verlieren. Sie sind gewissermaßen ein Puffer. Notfalls können sie Deutschland mehr als zwei komplette Wintermonate allein versorgen, wenn der Nachschub sich einmal verzögern sollte. Müssen sie aber nicht. Die neue Kennzahl für die Versorgungslage ist eine andere, sagt Franziska Holz. Um es mal ganz klar zu sagen, wir haben einen Indikator für Knappheit und das wäre der Preis. Der Preis ist, wie ich gerade sagte, nicht so wahnsinnig hoch im Vergleich zu dem, was Herr Lissengard so schön Erdgas-Krise nannte 2022. Der war der Preis 10 mal so hoch wie heute.
Also auch der Markt hat ja offensichtlich die Beurteilung, dass wir genügend Erdgas verfügbar haben aus diesen verschiedenen Quellen, Pipeline, LNG, Speicher. Und genau, und wenn wir die Speicher wirklich weit runterfahren, dann haben wir immer noch erst mal genug andere Quellen mit Pipeline und LNG. Und natürlich kann man sich da dann nochmal die Frage stellen, das war ja 2022, 2023, auch 2024 noch in der Diskussion, dass man, wenn eine von diesen Quellen ausfällt, eine Pipeline aus Norwegen zum Beispiel, dass man auch in diesem Fall dann noch genügend Erdgas zur Verfügung haben muss, was ja vollkommen richtig ist. Aber auch diese Situation ist aus meiner Sicht gesichert, eben weil wir gerade auch diesen Zugang zu den LNG-Märkten jetzt wirklich sehr auskömmlich haben. Als Mitte Januar der Frost über Europa hereinbrach, sind die Gaspreise an den europäischen Handelsplätzen deutlich gestiegen. Seitdem sind sie aber auch wieder deutlich gefallen. Nicht einmal der drohende Angriff der Vereinigten Staaten auf den Iran sorgt derzeit für einen Preisschock, obwohl die Straße von Hormuz eine wichtige Transportroute für Flüssiggaslieferungen ist. Tatsache ist, aktuell kostet Gas am Markt etwa 15 bis 20 Prozent mehr als im Dezember, als das Wetterchaos noch nicht absehbar war. Das ist nicht ideal, das ist aber auch kein Weltuntergang.
Die viel größere Herausforderung für den deutschen und auch für den europäischen Gasmarkt dürfte der kommende Sommer werden. Dann muss sich der Kontinent nämlich für den kommenden Winter eindecken und anders als in den Vorjahren deutlich mehr Gas nachbestellen, um die Speicher wieder auf ein ansprechendes Niveau zu befüllen. Berechnung zufolge könnte Europa 130 Lieferungen von Flüssiggastankern mehr als im vergangenen Sommer benötigen, um die Speicherlücke zu schließen. Darauf spekulieren die Anbieter dieser Lieferungen bereits. Am Markt sind die Preise für Lieferungen im kommenden Sommer teurer als für Lieferungen im kommenden Winter selbst. Das könnte laut der Preisagentur Argus Media dazu führen, dass Händler lieber abwarten, als im Sommer Gas nachzubestellen. Das wiederum könnte dafür sorgen, dass Deutschland ohne Speicherheitsabsicherung in den kommenden Winter geht.
Kompliziert wird die Lage durch die Tatsache, dass es in Deutschland zwei unterschiedliche Arten von Gasspeichern gibt. Im Norden herrschen Kavernenspeicher vor, das sind große unterirdische Hohlräume in Salzgestein. Außerdem gibt es Porenspeicher, das waren früher Öl- und Gasfelder, die findet man aufgrund der Geologie eher in Süddeutschland, speziell in Bayern. Und die lassen sich laut Jochen Linzen vom Forschungszentrum Jülich deutlich langsamer befüllen als die Kavernenspeicher im Norden. Dieses Befüllen von diesen Puchenspeichern dauert relativ lange. Das heißt also, das ist nicht so dynamisch, wie das bei Kavernenspeichern gibt. Da gibt es jetzt keine Regel, aber es ist ungefähr ein Faktor 2 bis 3 in der Leistung, mit dem man so einen Speicher befüllen kann und wieder entnehmen kann dabei. Das heißt also, es ist dann wirklich der spannende Punkt, Wenn die Buchenspeicher dann relativ leer sind, in welchen Zeiträumen kann ich sie wieder auffüllen? Und das ist tatsächlich ein Thema, das heißt nicht nur die Entnahme, sondern auch dann wieder das Auffüllen dieser Speicher dauert relativ lange. Und das ist regional sehr unterschiedlich, in der Tat.
Trotz dieser Schwierigkeiten raten die Experten jedoch davon ab, eine strategische Gasreserve einzurichten. Denn die würde nicht dabei helfen, einen kalten Winter zu überstehen. Die hätte eine andere Aufgabe, wie Franziska Holz meiner Kollegin Juliane Kipper vergangene Woche im Interview gesagt hat. Eine Gasreserve braucht man dann, wenn am Markt überhaupt kein Gas mehr verfügbar ist. Sie ist ein Instrument für eine außergewöhnliche Krisensituation wie einen Krieg. Und würde die Steuerzahler viele Milliarden Euro im Jahr kosten. Das scheint angesichts der diversen deutschen Gasquellen, die wir inzwischen haben, überflüssig zu sein. Was die lauten Warnungen der Gasspeicherbetreiber und auch der Opposition tatsächlich zeigen, ist, dass das Geschäftsmodell der Speicherbetreiber nicht mehr funktioniert. Denen gehört das eingelagerte Gas natürlich nicht. Sie vermieten ihre Kapazitäten lediglich an Händler, Lieferanten und Versorger, wenn diese gewissermaßen Stauraum benötigen. Je seltener die Gasspeicher benötigt werden oder je seltener sie voll sind, desto weniger Geld verdienen die Speicherbetreiber. Deshalb wird schon darüber diskutiert, einige Speicher stillzulegen. Dass Wirtschaftsministerin Reiche den Betreibern nicht die Taschen füllen möchte, sollte gelobt, nicht kritisiert werden. Die deutsche Gasversorgung hat sich nämlich bewährt. In einem Winter, der äußerst schwierig war.
Das war wieder was gelernt. Ich bin Christian Herrmann. Tschüss und bis zum nächsten Mal.