Es ist einer der größten Skandale in der Geschichte der berufsständischen Altersvorsorge. Tausende Zahnärzte in Berlin, Brandenburg und Bremen stehen mit sehr viel weniger Rente da. Das Zahnärzteversorgungswerk hat ihr Geld verzuckt. Die neue Führungsriege zieht nun vor Gericht und will Millionen Euro an Schadenersatz. Darum geht's in dieser Folge des NTV-Podcasts Wieder was gelernt. Schön, dass Sie mit dabei sind. Ich bin Karoline Amme. Hallo und willkommen. Marien Schaaf hat sich bisher keine Sorgen um ihre Altersversorgung gemacht. Heute sagt die Zahnärztin aus Berlin-Köpenick, sie sei naiv gewesen. Sie gehört zu 11.000 Zahnärzten und Zahnärztinnen aus Berlin, Brandenburg und Bremen, deren Geld fürs Alter teilweise futsch ist. Das Zahnärzteversorgungswerk hat sie um ihre Renten gebracht. Vergangenen Herbst hört Marien Schaaf zum ersten Mal davon. Sie hat sich zu einer Vertreterversammlung zugeschaltet und ist geschockt. Ja, meine erste Reaktion war wirklich entsetzend pur. Also ich wollte das gar nicht so richtig glauben, was mit den Pflichtbeiträgen passiert ist, weil die habe ich ja über Jahrzehnte eingezahlt und war so ein kleiner Schock. Erfahren habe ich das auf der Vertreterversammlung vom Versorgungswerk tatsächlich das erste Mal. Es gab 2008 schon mal sowas ähnliches. Da wurden meine Anwartschaften, das ist ja immer nur eine Anwartschaft auf eine Rente, die wir zugesichert kriegen.
Da wurden die schon mal gekürzt und es ist jetzt halt wieder passiert. Das war ein bisschen erschreckend. Das Versorgungswerk der Berliner Zahnärztekammer ist die Rentenkasse der Zahnärzte. Wie auch Anwälte, Architekten oder Steuerberater zahlen sie nicht in die gesetzliche Rentenversicherung ein, sondern haben ein eigenes Versorgungswerk. Dort müssen die Zahnärzte und Zahnärztinnen jeden Monat einen Pflichtbetrag einzahlen. Dieses Geld legt das Versorgungswerk an. Aus den Kapitalerträgen werden dann die Renten gezahlt. Eigentlich müssen Versorgungswerke ihr Geld sicher anlegen, zum Beispiel in festverzinsliche Wertpapiere. Das VZB hat stattdessen über 70 Prozent seines Vermögens in Privatkredite, Beteiligungen an nicht börsennotierten Unternehmen und in Immobilien gesteckt.
Wie Hotels und Ferienanlagen auf Ibiza und Sardinien, in Schottland und in Mecklenburg-Vorpommern. Es ist in ein Sammelsurium an Start-ups eingestiegen, denen es nicht besonders gut ging. Rund 16 Millionen Euro hat das Versorgungswerk in eine Garnelenzucht in Schleswig-Holstein investiert. Ende Juni hat das Unternehmen Insolvenz angemeldet. Fast 200 Millionen Euro wurde in ein Recyclingwerk für Plastikbehälter in Los Angeles investiert, obwohl Gutachter abgeraten hatten. Mittlerweile ist die Fabrik geschlossen. Außerdem ist die zahnärztliche Rentenkasse in einen Hamburger LKW-Logistiker und eine Crowd-Investing-Plattform eingestiegen. Beide haben inzwischen Insolvenz angemeldet. Schlagzeilen gemacht hat Anfang 2025 die Insolvenz des digitalen Versicherers Element Insurance AG. Das VZB war einer der wichtigsten Geldgeber des Berliner Start-ups und hatte über 80 Prozent der Anteile. Insgesamt hat das Versorgungswerk allein für seine Beteiligungen insgesamt knapp 500 Millionen Euro gezahlt. Heute sind sie nur noch rund 50 Millionen Euro wert. Ein Verlust von 90 Prozent. Noch verheerender ist das Gesamtergebnis. Ende 2024 hat das Vermögen des VZB bei 2,2 Milliarden Euro gelegen. Eine Prüfung im vergangenen Sommer hat dann ergeben, davon sind nur noch 1,1 Milliarden Euro übrig.
Das VZB hat also fast die Hälfte seines Vermögens verloren. Der Finanzexperte Nikolas Kreutz sagt im Podcast Das Börsenbrain, Das Versorgungswerk hat das Vermögen seiner Mitglieder verzockt. War keine Strategie vorhanden, kein Risikomanagement und das, was ich einfach sehr deutlich sehe, auch kein Korrektiv. Die Langenfassung, man hat die Altersvorsorge behandelt wie Venture Capital.
80 Prozent in einzelne Start-ups zu investieren, das widerspricht jedem Grundsatz von Vermögenssicherung, von Diversifikation. Das kleine Einmaleins, was man nicht nur an der Uni lernt, sondern was man auch mit klarem Menschenverstand mitgegeben bekommen hat. Hier gibt es also echte Tatsache. Klare Übertretung von Diversifikationslimits. Es war der Glaube, wir sind halt alle cleverer als der Markt. Da ist also wirklich ein systematischer Investmentfehler entstanden oder viele Fehler aneinandergereiht. Ich denke, das ist das Prinzip dieser Overconfidence in Reinform, dass man eine gewisse Selbstüberheblichkeit hatte mit diesen Geldern. Wichtig zu wissen ist, das Versorgungswerk der Zahnärztekammer ist selbst verwaltet. Das bedeutet, hauptsächlich entscheiden ehrenamtliche Zahnärzte und Kiefernchirurgen, worin investiert wird. Das ist normal in berufsständischen Versorgungswerken.
Geschäftsführer war 25 Jahre lang Ralf Wohltmann. Als immer mehr Verluste bekannt geworden sind, wurde er Anfang 2025 freigestellt und später entlassen. Der Vorwurf? Er war an einem Unternehmen beteiligt, das mit dem VZB Geschäfte gemacht hatte und hat damit gegen seinen Arbeitsvertrag verstoßen. Ralf Wohltmann ist gegen den Rausschmiss vorgegangen. mit seiner Klage aber Ende Januar gescheitert. Das Berliner Arbeitsgericht hat sie größtenteils abgewiesen. Nur in einem Punkt hat es ihm Recht gegeben, die fristlose Kündigung war nicht okay. Das VZB muss die vertragliche Kündigungsfrist einhalten, ein Jahr in diesem Fall. Auch die Berliner Staatsanwaltschaft interessiert sich für die Vorgänge. Seit vergangenem August ermittelt sie gegen ehemalige Gremienmitglieder wegen Verdachts auf Korruption, sagt Jo Goll vom rbb24-Recherche im Inforadio. Der Vorwurf gegen den Hauptbeschuldigten, den ehemaligen Vorsitzenden des Verwaltungsausschusses, lautet auf Vorteilsnahme, Bestechlichkeit, Vorteilsgewährung und den sieben weiteren inzwischen abgesetzten Mitgliedern dieses Verwaltungsausschusses, Denen wird Beihilfe vorgeworfen. Und dieser Verwaltungsausschuss, bestehend aus Zahnärzten, der ist letztendlich für die Finanzanlagen des Versorgungswerks verantwortlich. Und offenbar hat man da seit 2018 verstärkt in riskante Beteiligungen und Anleihen investiert, zum Beispiel in Immobilien mit Spezialnutzung wie Ferienressorts und Hotelanlagen.
Zusätzlich Investitionen in Digitalversicherer, das ist ziemlich riskant. Alles Investments, die in den vergangenen Jahren immer weiter ins Minus getrudelt sind, ja förmlich abgeschmiert sind. Für die versicherten Zahnärzte ist das keine Genugtuung. Ihre Renten müssen um hunderte Euro gekürzt werden. Wie viel sie tatsächlich im Alter mal ausgezahlt bekommen, wissen Maren Schaaf und ihre Kolleginnen nicht. Sie hat ihren letzten Bescheid 2024 bekommen. Aktuell zahlt sie 1.600 Euro ein ins Versorgungswerk pro Monat. Wie viel ihrer Altersversorgung sie durch die Fehlinvestitionen verloren hat, erfahren sie und ihre Kolleginnen wahrscheinlich erst bei der nächsten Mitgliederversammlung im April. Um die Löcher zu stopfen, hat das VZB die Beiträge um fast 100 Euro erhöht. Auf jetzt maximal 1.605,50 Euro pro Monat, berichtet der RBB.
Dagegen gibt es Widerstand. Dutzende Zahnärzte wollen demnach Widerspruch einlegen und bei einer Ablehnung klagen. Die wirtschaftliche Unsicherheit lässt Maren Schaaf nachts kaum schlafen. Einige Kollegen denken schon darüber nach, Berlin, Brandenburg oder Bremen zu verlassen und woanders nochmal neu anzufangen. Für sie kommt das nicht in Frage. Auf jeden Fall weiß ich von jüngeren Kollegen, die jetzt das Bundesland verlassen wollen. oder ich weiß auch von einer, die das tatsächlich schon tut. Das ist natürlich eine Möglichkeit, sich finanziell besser aufzustellen, wenn man keine eigene Praxis hat, die man verkaufen muss. Und dann ist es ja auch so, dass die eingezahlten Beiträge nicht unbedingt in das neue Versorgungswerk mitgenommen werden können. Jedenfalls in meinem Fall geht es nicht mehr. Dafür bin ich schon zu lange in Berlin quasi versichert. Aber jüngere Kollegen können noch die eingezahlten Beiträge mitnehmen und dadurch den finanziellen Schaden etwas reduzieren. Obwohl es ist natürlich, wenn man sich einmal niedergelassen hat, als selbstständiger Zahnärztin oder Zahnarzt, das gar nicht so einfach geht. Manche haben nur Kredite abzuzahlen oder andere Verbindlichkeiten. Dann ist es ja auch meistens ein Risiko, irgendwo ganz neu anzufangen. Und die familiäre Bindung an Berlin ist ja auch so ein Punkt. Das ist schon eine schwierige Entscheidung. Da muss man wirklich noch jung sein und noch keine eigene Praxis haben. Ich glaube, dann geht es einfacher. Viele Zahnärzte hoffen jetzt, dass der Bund ihre Renten rettet. Sie fordern in einem Brief an Bundesgesundheitsministerin Nina Wagen ein Sondervermögen.
Momentan hat das Land Berlin die staatliche Aufsicht über das VZB. Die Zahnärzte glauben, Berlin sei damit überfordert. Sie möchten, dass der Bund die Kontrolle übernimmt. Viele fühlen sich machtlos. Die Berliner Zahnärztin hat deshalb eine Unterschriftenaktion gestartet, die sie im Juni beim Berliner Abgeordnetenhaus einreichen will. Keiner sagt irgendwas oder wenn wir um Hilfe bitten, weiß ich noch nicht, ob da welche kommt. Und das war ja auch der Grund, warum ich die Petition quasi gestartet habe, um so ein bisschen mehr Öffentlichkeit zu erzeugen und auch um vom Senat eine Reaktion zu kriegen. Mir geht es jetzt gar nicht darum, dass der Senat einspringt und sagt, oh, wir zahlen jetzt für euch die Rente, sondern wir brauchen ja Lösungen, dass sowas nicht nochmal passiert. Das ist ja jetzt nicht das erste Mal und das hätte nach 2008 aus meiner Sicht schon besser überwacht werden können, damit das nicht ein zweites Mal passiert oder eher ein drittes Mal. Petition hin oder her. Letztlich haben die Zahnärzte ihre Altersvorsorge selbst verzockt. Deshalb will das Versorgungswerk die Fehlinvestitionen selbst aufklären mit der neuen Führung. Ein Versorgungswerk sollte und durfte sein Geld so nicht anlegen, kritisiert der Kiefern-Chirurg Thomas Schieritz in einem Interview. Im vergangenen April ist er zum neuen Vorsitzenden des Verwaltungsausschusses gewählt worden.
Er spricht von einem systemischen Aufsichts- und Kontrollversagen. In der Vertreterversammlung habe es immer wieder kritische Nachfragen gegeben zur Anlagestrategie und zur Risikosteuerung, die seien aber nie beantwortet worden. Das VZB will das verlorengegangene Geld zurückhaben. Es fordert von einer Wirtschaftsprüfergesellschaft rund 82 Millionen Euro Schadenersatz, berichtete RBB.
Das ist die Summe, die der Pensionskasse 2024 und 2025 verloren gegangen ist. Angeblich, weil die Wirtschaftsprüfer den Jahresabschluss 2023 nicht ordentlich geprüft haben, so der Vorwurf. Außerdem zieht das VZB vor Gericht und will Verantwortliche für den Milliardenverlust verklagen. Die Klage richtet sich gegen zwölf Parteien, einmal gegen neun ehemalige Verantwortliche des Versorgungswerks. Der Deutschen Apotheker- und Ärztebank und einem Abschlussprüfer wirft das VZB vor, schlecht beraten zu haben. Dem Land Berlin, konkrete Senatsverwaltung für Wirtschaft, wirft das Versorgungswerk schlechte Kontrolle vor. Die Senatsverwaltung hat uns gesagt, sie äußert sich nicht zu laufenden Gerichtsverfahren. Auch der RBB hat nachgefragt und eine etwas ausführlichere Antwort bekommen. Berlin ist kein Einzelfall, auch in anderen, der insgesamt rund 90 Versorgungswerke kriselt ist. Die Pressestelle, die räumt aber immerhin ein, dass man wisse, dass das Investitionsumfeld in den vergangenen Jahren besonders für Versicherer und Versorgungswerke immer schwieriger geworden sei. Deshalb seien deutschlandweit Versorgungswerke auch anderer Berufsgruppen dazu übergegangen, auf risikobehaftete Anlageprodukte umzusteigen. Auch deshalb seien die Versorgungswerke gehalten, heißt es aus der Pressestelle.
Regelmäßig sogenannte Stresstests für ihre Anlagen durchzuführen und intern zu simulieren, was bei bestimmten Marktlagen passieren kann. Zudem müssten bei riskanten Anlagen sogenannte Verlustrücklagen gebildet werden. Nach dem Motto, je höher der Anteil von Risikoanlagen, desto höher müssen diese Rücklagen dann sein. Und jetzt bleibt eben die Frage, hat die Senatsverwaltung das alles wirklich kontrolliert? Und wie gesagt, die Antwort darauf fällt sehr, sehr schmal aus. Das wird jetzt alles in Justizkreisen heiß diskutiert. Am Ende steht die Frage, gibt es eine Anklage oder wird das ganze Verfahren am Ende wieder eingestellt? Die Bayerische Versorgungskammer hatte wegen Fehlinvestitionen fast 700 Millionen Euro verloren. Sie hatte sich bei US-Immobilienprojekten in San Francisco, Miami Beach und Manhattan verspekuliert. Unter anderem hat sie in Projekte eines US-Immobilienentwicklers investiert, der in den USA 2018 wegen Steuerbetrugs verurteilt worden war. Auch das Versorgungswerk der hessischen Ärztekammer hat bis zu 300 Millionen Euro verloren am Immobilienmarkt. Wenn ein Versorgungswerk in Geldnot kommt, springt der Staat nicht ein. Es müsse sich selbst helfen, hat Sandra Klug von der Verbraucherzentrale Hamburg im Wirtschaftsmagazin Kapital gesagt. Mit höheren Beiträgen, einem höheren Rentenalter, einer niedrigeren Rente oder eben mit riskanten Anlageformen.
Das Berliner Zahnärzteversorgungswerk hatte sich laut dem Tagesspiegel 2013 Schritt für Schritt von sicheren Wertpapieren wie Fonds und Aktien verabschiedet und auf Direktbeteiligungen gesetzt. Anfangs hat das auch gut funktioniert. Zehn Jahre später musste das VZB dann 65 Millionen Euro abschreiben. Die goldenen Zeiten für Versorgungswerke sind vorbei. Sicherer ist es, wenn die Mitglieder zusätzlich auch privat vorsorgen, damit am Ende eine Rente rauskommt, von der man auch leben kann. Das war der NTV-Podcast Wieder was gelernt mit einer Folge über die verzockten Renten der Berliner Brandenburger und Bremer Zahnärzte. Diese und alle anderen Folgen finden Sie überall, wo es Podcasts gibt. Wir freuen uns über jedes Abo und wenn Sie uns eine Bewertung dalassen, das geht bei Spotify oder bei Apple Podcasts. Ich bin Caroline Amme. Vielen Dank fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal.