Der Iran hat kein geistliches Oberhaupt mehr. Ali Khamenei ist nach fast 40 Jahren an der Macht getötet worden. Ein Nachfolger soll schnell bestimmt werden, doch die dauernden Angriffe von den USA und Israel machen die Auswahl kompliziert. Es ist nicht mal klar, ob alle Kandidaten noch am Leben sind. Darum geht's in dieser Folge des NTV-Podcasts Wieder was gelernt. Alle Ausgaben von Wieder was gelernt gibt es auf allen Podcast-Plattformen und in der NTV-App. Abonnieren Sie den Podcast gern, dann bekommen Sie eine Nachricht, wenn wir eine neue Folge produziert haben. Ich bin Caroline Amme. Hallo und willkommen.
Schwarze Rauchwolken steigen am Samstagmorgen über Teheran auf. Dutzende Raketen sind in der iranischen Hauptstadt eingeschlagen. Bei den israelischen und amerikanischen Luftangriffen auf den Iran wird die Residenz von Ali Khamenei getroffen. Der 86-Jährige war das geistliche Oberhaupt der Islamischen Republik. Der einflussreichste Mann des Landes. Auf Satellitenbildern sind die Trümmer seiner Residenz zu sehen. Später wird dort Khameneys Leiche gefunden. Auch vier Familienmitglieder sind tot, darunter seine Tochter und ein Enkelkind. Die israelische Armee sagt, sie hat den Machthaber gezielt getötet. Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu war die Genugtuung anzumerken, als er in einer Fernsehansprache gesagt hat, dass Khameney wahrscheinlich tot ist. Dreieinhalb Jahrzehnte hat dieser Tyrann Terrorismus über die Welt gesandt, sein eigenes Volk elend gemacht und dauerhaft und unermüdlich daran gearbeitet, den Staat Israel auszulöschen. Diesen Plan gibt es nicht mehr und es gibt viele Zeichen, dass es auch diesen Tyrann nicht mehr gibt.
Fast vier Jahrzehnte lang, seit 1989, war Khamenei oberster Führer des Iran, hat das Land mit harter Hand geführt. Proteste gegen das Regime hat er immer wieder blutig niederschlagen lassen, zuletzt die Massenproteste im Januar. Über 7000 Menschen waren dabei getötet worden. Khamenei wusste wahrscheinlich, dass Israel und vielleicht auch die USA ihn ausschalten wollten. Um sich zu schützen, hatte er immer geheim gehalten, wo er sich aufhält. Doch diesmal wurde bekannt, dass der oberste Führer an einer Sitzung der Führung in Teheran teilnehmen wollte. Der Tipp, wo er sich auffällt, soll laut der New York Times vom US-Auslandsgeheimdienst CIA gekommen sein. Nun beginnt ein neues Kapitel des Landes. Nur wie wird es aussehen und wer wird Khameneis Nachfolger? Die iranische Führung hat schnell reagiert und vorübergehend einen dreiköpfigen Übergangsrat bestimmt.
Der besteht aus dem Präsidenten Masoud Pezeshkian, einem Wächterratsmitglied und dem Justizchef. Sie übernehmen die Aufgaben Ramenehs. Er hatte das höchste Staatsamt inne, war Oberbefehlshaber der Armee, hat Gesetze genehmigt und Religion und Medien kontrolliert. Die drei sollen aber bald abgelöst werden. Die Führung des Landes hat angekündigt, sie will schnell einen neuen obersten Führer ernennen. Er könne schon in ein oder zwei Tagen gewählt werden, hat der iranische Außenminister am Sonntag dem Nachrichtensender Al-Jazeera gesagt. Bestimmt wird der mächtigste Mann des Landes von einem Expertenrat aus 88 einflussreichen Geistlichen, also Ayatollahs, und zwar einstimmig. Der Rat wird alle acht Jahre von den Iranerinnen und Iranern gewählt, zuletzt 2024.
Durch die amerikanisch-israelischen Luftangriffe könnten allerdings viele Ratsmitglieder gestorben sein. Und solange die Angriffe dauern, ist es auch schwierig, eine sichere Versammlung zu organisieren. Der ultrakonservative Wächterrat muss vorher die Kandidaten genehmigen. Faktisch wählt das Regime hinter den Kulissen den Nachfolger, den der Expertenrat dann nur noch absegnet. Das Land hat nicht viel Erfahrung damit, einen neuen geistlichen Führer zu bestimmen, sagt der Politikwissenschaftler Thomas Jäger. Denn an der iranischen Spitze hat es bisher nur einen Wechsel gegeben, als Ruhollah Khomeini 1989 gestorben ist. Das gab es genau einmal nach dem Tod Khomeinis. Und seitdem ist dieser Expertenrat nicht mehr zusammengetreten, der eigentlich den geistigen Führer wählt. Aber wie das immer so ist, neben den formalen Institutionen gibt es informelle Prozesse. dass sich die Islamische Republik und das Regime darauf vorbereitet haben. Davon wird man ausgehen können, nicht nur aufgrund des hohen Alters von Khamenei, sondern weil man eben auch damit rechnen musste, dass gezielte Tötungen stattfinden.
Und das hat man ja etwa bei den Proxys der Esbollah und anderen gesehen. Also insofern ist das jetzt ein Prozess, den man von außen beobachten muss, wo man viel lernen wird über die Stabilität des Regimes, Wo aber der Ausgang eben nicht offen, der Ausgang offen ist und nicht direkt vorhergesagt werden kann. Es gibt jetzt in den nächsten Tagen einen Nachfolger und wer das sein wird. So eine Liste von fünf, sechs Namen wird gehandelt. Das ist schon länger der Fall. Aber eine direkte Prognose, wer jetzt an dessen Stelle tritt, das würde ich mir nicht zutrauen. Und weiß auch nicht, ob die Prozesse im Iran derzeit so stabil sind, dass man das tut. Dass Khameneys Tod so schnell bekannt gegeben wurde, lässt auf zwei Dinge schließen, hat der Politikwissenschaftler Mehran Kamrava bei Bloomberg gesagt. Entweder sei sein Tod schwer zu verbergen gewesen oder hinter den Kulissen sei bereits ein Nachfolger ausgewählt worden und die Nachfolge in der Führung sei schon im Gange. Khamene soll auch selbst Namen von mehreren möglichen Nachfolgern genannt haben, öffentlich hat er dazu aber nichts gesagt. Nach dem Zwölftagekrieg vor rund neun Monaten soll Khamenei drei mögliche Nachfolger benannt haben, hat eine Ostexperte Jan Bauge Baumann der Frankfurter Rundschau gesagt. Um wen es sich handelt, sei aber geheim gehalten worden.
Aussichtsreich seien wohl keine Newcomer oder Außenseiter, eher als gediente Regimevertreter, glaubt der Experte. Vor zwei Jahren hatte Khamenei laut einem Reutersbericht hochrangige Geistliche ausgewählt, die seine Nachfolge bestimmen sollten. Das dreiköpfige Komitee hatte aber wegen der Angriffe von Israel und den USA seine Planung beschleunigt. Sie sollten schnell einen Nachfolger präsentieren, falls Ramene stirbt.
Zwei Favoriten gibt es bei den Beratungen. Einmal Moshtaba Khamenei. Das ist der Sohn von Ali Khamenei. Über ihn wird schon seit Jahren als möglicher neuer oberster Führer spekuliert. Man weiß nicht so viel über ihn, er ist nicht viel in der Öffentlichkeit aufgetreten. Es ist auch nicht bekannt, ob er die aktuellen Angriffe überlebt hat. Moshtaba Khamenei ist der Mann im Schatten der iranischen Politik, so hat es die New York Times formuliert. Der 56-Jährige ist der zweite von sechs Söhnen des Ayatollahs. Er hat zwar kein Regierungsamt, aber er hat im Büro seines Vaters gearbeitet, hat dort viel Einfluss und Kontakte in den iranischen Sicherheitsapparat. Moustaba Khamenei sieht aus wie die jüngere Version seines Vaters, sagt Anne Almeling Mitte Februar im Podcast NZZ Akzent. Sie ist Auslandsredakteurin der Neuen Zürcher Zeitung. Er könnte eine wichtige Rolle dabei spielen, das System zu erhalten, denn er ist wie sein Vater ein Hardliner und würde seine Politik fortführen. Es gibt schon einiges, was für ihn sprechen könnte als möglichen Nachfolger seines Vaters. Motsdamas Hintergrund passt. Er hat zum Beispiel zwei Jahre Dienst geleistet bei den Streitkräften und dann schiitische Theologie studiert in Teheran und in Gomb. Muss man Theologie studieren, um Revolutionsführer zu werden? Ja, also man muss auch den Rang eines Ayatollahs erreichen, also ein hoher schiitischer Geistlicher Sein. Und das ist eine ziemlich komplizierte Laufbahn. Ein Weg ist, dass ihm Großayatollahs, also die höchsten schiitischen Geistlichen.
Ihm eine Lehrbefugnis erteilen. Die hat er aber noch nicht. Das ist aber nicht unbedingt ein Problem. Also auch sein Vater hatte das noch nicht, als er auserkoren wurde zum Nachfolgerkandidat von Rohrla Khomeini. Allerdings spricht auch einiges gegen Moshtaba Khamenei. Er ist unbeliebt im Volk. Er soll ein riesiges Vermögen angehäuft haben, besitzt über einen iranischen Banker Immobilien in London, Dubai, Mallorca und Frankfurt. Das US-Finanzministerium hat vor einigen Jahren auch Sanktionen gegen ihn verhängt. Und eine Erbfolge ist auch deshalb unwahrscheinlich, weil man damit das rückgängig machen würde, was man in den 70er Jahren bekämpft hat. Die beiden arbeiten eng zusammen, die vertrauen sich auch. Das Problem ist eher, dass Mordstaber wirklich sein Sohn ist. Also eine dynastische Herrschaft, die ist nicht vorgesehen in der Islamischen Republik Iran.
Die Islamische Revolution 1979, die basierte ja gerade auf der lagerübergreifenden Ablehnung der Schahmonarchie. Auch sein Vater selbst war anscheinend gegen den Sohn als Nachfolger. Er war besorgt, der Iran könnte zu einer Art Erbfolge zurückkehren, wie sie mit dem Sturz des Schahs 1979 endete, hatte Reuters berichtet. Der zweite Name auf der Liste des Komitees der Geistlichen ist Hassan Khomeini. Das ist der Enkel des Staatsgründers Ruhollah Khomeini, dem Vorgänger von Khamenei. Der 53-Jährige ist ganz anders gestrickt als Moshtaba Khamenei. Er ist relativ gemäßigt, hat enge Kontakte zu Reformern und hat auch schon mal die Machthaber kritisiert. Auch er hat kein Regierungsamt, kümmert sich aber um das Mausoleum seines Großvaters in Teheran. Vor zehn Jahren wollte er mal für den Expertenrat kandidieren, hat dafür auch das Okay von seinem Großvater bekommen. Der Wächterrat hat ihn dann aber disqualifiziert. Obwohl er eher reformorientiert ist, haben hochrangige Geistliche und die Revolutionsgarden anscheinend Respekt vor ihm. In den vergangenen Monaten soll er auffallend viel präsent gewesen sein, hat der Iran-Experte Walter Posch der Zeit gesagt. Er kann sich vorstellen, dass er das Amt bekommt. Aber auch bei Hassan Khomeini ist anscheinend nicht klar, ob er die letzten Angriffe überhaupt überlebt hat. Es kursieren auch noch weitere Namen für die Nachfolge, unter anderem der von Ali Reza Arafi.
Das ist einer der drei Männer, die das Land übergangsweise führen. Der 67-Jährige gehört zum Expertenrat und sitzt auch im Wächterrat. Seinen Aufstieg hat er Khamenei zu verdanken. Die USA haben potenzielle Nachfolger anscheinend selbst bei ihren Angriffen getötet. Der Zweit- und Drittplatzierte auf der Liste der möglichen Nachfolger seien tot, hat US-Präsident Donald Trump ABC News gesagt. Falls es sich um dieselbe Liste handelt, die Trump in der New York Times erwähnt hatte. Dort hatte er gesagt, er habe drei sehr gute Optionen für den zukünftigen Anführer des Iran. Namen hat er da aber nicht genannt. Klar scheint bisher nur, der Tod des obersten Führers Rameney bedeute keinen Regimewechsel im Iran, sagt Thomas Jäger. Und zwar deshalb, weil es das Engagement von außen eben nicht in dem Maß gibt, dass es die inneren Entwicklungen so anstoßen würde, dass sie dann wirklich erfolgreich sein können. Das, was wir momentan sehen, ist eine gewisse Stabilisierung des Systems. Das hat sozusagen die ersten Angriffe überlebt, auch wenn entsprechende Führungspersonen ums Leben gekommen sind. Und die große Frage wird sein, in welcher Form sich eine wie auch immer geartete autoritäre Herrschaft dann jetzt in den nächsten Wochen herausbildet. Das ist nicht gesagt, das ist ein relativ offener Prozess. Aber den Regimewechsel, den der amerikanische Präsident jetzt nochmal angesprochen hat.
Den halte ich für nicht sehr wahrscheinlich. Und man sieht das auch in den Worten von Trump, der ja jetzt auch schon hergeht und sagt, naja, das ist eigentlich nur eine Möglichkeit von vielen. Es könnte auch sein, dass wir von außen einen Nachfolger bestimmen. Es könnte auch sein, dass es so eine Lösung gibt wie in Venezuela, wo eben Personen ausgetauscht wurden, aber das ganze Regime erhalten blieb. Also man sieht, die Vereinigten Staaten halten sich nach wenigen Tagen jetzt schon alle Optionen offen. Für Donald Trump war eigentlich das Ziel des Iran-Angriffs, das Regime auszutauschen. Mittlerweile spricht er nicht mehr davon. Den Regimesturz soll die iranische Bevölkerung jetzt selbst erledigen. So sieht das auch Israel. Sie sollen die Drecksarbeit für die ganze Welt erledigen. Momentan können die Iranerinnen und Iraner aber ohnehin nichts tun, glaubt der Geopolitik-Experte Clemens Fischer. Solange die Bombenangriffe andauern, könne niemand auf der Straße demonstrieren. Und solange sei auch das Mullah-Regime vor einem Umsturz sicher. Das war der NTV-Podcast Wieder was gelernt. Diesmal über die schwierige Suche nach einem Khamenei-Nachfolger im Iran. Wenn Ihnen die Folge gefallen hat, lassen Sie uns gern 5 Sterne da bei Spotify oder bei Apple Podcasts. Ich bin Caroline Amme. Vielen Dank fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal.