In China wird Massentierhaltung auf die Spitze getrieben. Landwirte halten hunderttausende Schweine in gigantischen 26-stöckigen Hochhäusern. Mit den hochtechnisierten Anlagen soll der Hunger nach Schweinefleisch gestillt werden. Jetzt exportiert die Volksrepublik die Zuchtmethode auch in andere Länder. Darum geht's in dieser Folge des NTV-Podcasts Wieder was gelernt. Abonnieren Sie unseren Podcast gern, Sie finden uns auf allen Plattformen und in der NTV-App. Wir freuen uns über ein Abo und eine Bewertung von Ihnen. Ich bin Caroline Amme. Hallo und willkommen. Jetzt geht's in die Folge. Die beiden rot-grauen Hochhäuser sehen von außen aus wie ganz normale Wohnblöcke. Drinnen wohnen aber keine Menschen, sondern Schweine.
Schweinezuchtanlagen in Hochhäusern boomen in China. Die Anlage ist in der zentralchinesischen Provinz Hubei. Sie ist eine der höchsten der Volksrepublik. Sie ist Ende 2022 eröffnet worden. In zwei Hochhausblöcken leben auf jeweils 26 Stockwerken 650 Tiere auf einer Fläche von 800.000 Quadratmetern. Die riesige Schweinemastanlage ist ein extremes Beispiel für Massentierhaltung. Sie produziert 1,2 Millionen Schweine pro Jahr. Um die Tiere kümmern sich über 800 Mitarbeiter. Noch dieses Jahr soll eine Schlacht- und Verarbeitungslinie dazukommen. Die Schweine werden versorgt über ein ausgeklügeltes System. Das Futter für die Tiere wird mit einem Förderband aufs Dach transportiert und von dort etagenweise verteilt. Über 30.000 automatisierte Futterstellen bekommen die Tiere per Knopfdruck ihr Futter. Wie viel, das richtet sich nach Größe, Gewicht und Rasse. Für jede Phase der Schweinezucht gibt es in den Hochhäusern eigene Bereiche. Trächtige Sauen, Ferkel und die heranwachsenden Schweine sind getrennt untergebracht. Das macht die Schweinehaltung sauberer, sagt der Betreiber. Eigentlich ein Zementunternehmen. Geschäftsführer Jin Lin beschreibt in einem Video der staatlichen Nachrichtenagentur, wie die Hochhäuser funktionieren.
Im ersten Stock gibt es ein zentrales Steuerungssystem, das steuert und überwacht Wasser, Strom, Gas und die Belüftung. Auf jeder Etage ist ein Abferkelraum, neugeborene Ferkel schlafen in warmen Bereichen. Es gibt sechs Aufzüge, die zehn Tonnen tragen können. In jeden passen 60 bis 65 ausgewachsene Schweine mit einem Gewicht bis 125 Kilogramm. Wir können einen LKW in nur 15 Minuten mit Schweinen beladen.
Warum Schweine ausgerechnet im Hochhaus gezüchtet werden, hat einen einfachen Grund. Land ist begrenzt und in China teuer. Schweinefleisch wird in China immer beliebter, daher bauen die Züchter in die Höhe. 2019 hat die Regierung offiziell mehrstöckige Gebäude für die Tierhaltung erlaubt, um sie effizienter zu machen. Ein Jahr später hat die erste Farm dieser Art aufgemacht. Eine Anlage mit 21 sechsstöckigen Gebäuden. In denen werden nicht nur Tiere gehalten, sondern auch Futter produziert und geschlachtet. Inzwischen gibt es in China über 2000 solcher Massen Schweinezuchtprojekte in fast 4500 Hochhäusern.
Durch die afrikanische Schweinepest sind seit 2018 Millionen Tiere in China gestorben. Es gab deshalb weniger Schweinefleisch, die Preise in China und weltweit sind gestiegen. Um sie wieder zu drücken, hatte die Regierung damals sogar ihre tiefgefrorene strategische Schweinefleischreserve freigegeben. Doch die Seuche hat bleibende Folgen hinterlassen. Die Schweinehaltung im Land ist grundlegend umgebaut worden. Die kleinen Zuchtbetriebe mit weniger als 500 Schweinen sind seltener geworden. Heute gibt es davon nur noch rund 20 Millionen, 75 Prozent weniger als noch vor einigen Jahren. Die Regierung fördert größere Anlagen, die besser kontrolliert werden, mit einem niedrigeren Krankheitsrisiko.
Damit will sich die Volksrepublik unabhängiger machen von anderen Ländern, sagt der China-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, Matthias Kamp, im Podcast NZZ Akzent. Chinas Landwirtschaft und auch die Schweinezucht war immer sehr kleinteilig. Und China ist in hohem Maße abhängig von Importen aus dem Ausland, also nicht nur Schweinefleisch, auch Getreide, Soja und so weiter. China muss sehr viel importieren und die Regierung unter ihrem Präsidenten Xi Jinping will, dass China selbstversorgend wird, autark wird und hat sich eben dran gemacht, die ganze Landwirtschaft voll auf Effizienz zu trimmen. Dahinter steht immer der Gedanke, China sieht sich als die neue Weltmacht und nur wer bei der Lebensmittel- und Nahrungsmittelversorgung autark ist und unabhängig ist, kann auch eine wirkliche Großmacht sein. Schweinefleisch ist in China eine Art Grundnahrungsmittel. Chinesinnen und Chinesen essen weltweit das meiste Schweinefleisch. Und in der Volksrepublik werden auch die meisten Schweine weltweit gehalten, über die Hälfte aller Bestände. Das war aber nicht immer so, sagt Agrarexpertin Mindy Schneider in der ARD.
Früher haben die Menschen in China einmal im Jahr Schweinefleisch gegessen. Dann kamen die Reformen und es gab mehr Fleisch. Der Erfolg der Regierung hängt also auch davon ab, ob die Menschen genug günstiges Schweinefleisch kaufen können. So kann die Regierung zeigen, schau, es geht uns immer besser.
Ein Team der ARD hat sich so ein Schweinehochhaus im Süden Chinas mal von innen angesehen. Die Journalisten mussten durch mehrere Desinfektionsschleusen gehen, bevor sie in die Anlage gekommen sind. Kein Keim soll an die Schweine kommen. Die Zuchtsauen sind eng eingepfercht in Kastenständen. Nur alle vier Monate lang dürfen sie sich eine Stunde lang frei bewegen, erzählt ein Mitarbeiter den Reportern. Jede Sau hat eine eigene automatisierte Versorgung mit Futter und Wasser. Fünf Arbeiter sind für 1000 Tiere verantwortlich. Die Automatisierung spart Personal. Eingesperrt leben auch die Arbeiter. Sie sind auf dem Gelände in einem Wohnheim untergebracht. Es gibt Freizeitangebote wie Sportplätze, Fitnessstudios und Karaoke. Oft bleiben sie mehrere Monate dort. Viele sind jung, unter 30 Jahre alt. Auch sie müssen durch die Desinfektionsstrecke. Für Arbeiter in solchen Schweinezucht-Blocks gelten strenge Vorschriften, sagt Matthias Kamp. Alle zwei Monate dürfen sie nur raus. Wenn sie wieder rein wollen oder rein sollen müssen, müssen sie vorher fünf Tage Quarantäne machen. Erst dann kommen sie wieder rein. Auch ich hätte eine Quarantäne machen müssen, wenn ich reingewollt hätte. Ja, es wäre gegangen, aber fünf Tage Quarantäne ist dann ein bisschen viel.
Und wir sind dann eben draußen rumgelaufen, haben uns das alles angesehen immer wieder. Wir waren einen halben Tag da, haben dann eben unter anderem auch Leute getroffen, die das alles ziemlich gut finden, was dort stattfindet. Trotz des üblen Geruchs. Wenn der Wind ungünstig steht, können es Nachbarn in dem Vorort mit den beiden großen Schweinehochhäusern im Freien nicht aushalten und flüchten in ihre Häuser, berichtet der NZZ-China-Korrespondent. Zwar habe der Betreiber Filteranlagen versprochen, passiert ist anscheinend aber nichts. Die Kritik an den vertikalen Farmen hält sich in Grenzen. Der große Teil der Chinesinnen und Chinesen sehe es ganz pragmatisch. Das ist ein bisschen anders als bei uns in Westeuropa, wo es dann doch ethische Bedenken und auch moralische Bedenken gibt und Tierschutz und so weiter. Also das gibt es in China nicht so. Also alles, was Hightech ist und technologischer Fortschritt ist, wird umarmt von den Chinesen. Und sie haben da ein ganz entspanntes Verhältnis dazu. Und am Ende aller Tage ist es dann so, schauen Sie auch auf den Geldbeutel, wenn dadurch Schweinefleisch erschwinglich bleibt und einigermaßen preisgünstig bleibt. Naja, warum nicht? Die Anlagen werden als biosicher, effizient und nachhaltig angepriesen.
Es gäbe aber kaum Beweise dafür, dass diese Intensivanlagen diese Vorteile tatsächlich haben, sagt der Umweltwissenschaftler Matthew Hayek von der New York University im britischen Guardian über die Schweinehochhäuser. Dasselbe gelte auch für US-amerikanische Indoor-Anlagen.
Die Tiere leben auf engstem Raum. Wenn es ein Keim in die Anlage schafft, kann sich die Krankheit schnell ausbreiten. Je höher die Tierdichte, desto höher das Risiko. Außerhalb Chinas sind solche Schweinehochhäuser selten. In Deutschland hat es früher mal eins gegeben. In Maasdorf in Sachsen-Anhalt wurden zu DDR-Zeiten auf sechs Etagen Schweine gezüchtet. Gebaut worden ist es Anfang der 1970er Jahre. Damals ein Vorzeigeobjekt für moderne Tierhaltung.
In Wirklichkeit sind die Tiere dort aber gequält worden. Das hat die Tierschutzorganisation Deutsches Tierschutzbüro zwischen 2013 und 2018 mit versteckten Kameras heimlich dokumentiert, hat der Vorsitzende Jan Peiffer 2018 bei NTV erzählt. Im Schweinehoros werden Gesetze gebrochen, über 500 Stunden Videomaterial liegt uns vor, die zeigen, wie brutal die Mitarbeiter mit den Tieren umgehen. Hier werden Tiere misshandelt, sie werden totgeschlagen und all das ist eben verstößt gegen das Gesetz und deswegen muss hier gehandelt werden und aus unserer Sicht muss hier deswegen das Schweinehochhaus geschlossen werden. Und das ist dann auch passiert. Noch im selben Jahr ist das Schweinehochhaus nach den Tierschützer-Protesten geräumt worden. Seit 2023 hat der Betreiber keine Betriebserlaubnis mehr. Die baugleiche Kopie des deutschen Hochhausstahls steht in Estland, der letzte seiner Art in Europa und die größte Schweinemastanlage im Baltikum. Sie ist ebenfalls in den 70er Jahren gebaut worden und noch heute in Betrieb. Bis zum Ende der Sowjetunion hat sie die Region rund um St. Petersburg versorgt. Heute werden dort im Jahr 280.000 Ferkel geboren und 50.000 Schweine gemästet. Der Stahl ist zwar nicht so groß wie die in China, aber genauso modern, mit computergesteuerter Fütterung, Belüftungssystem, Einlassschleusen und einer Biomethananlage nebendran.
Auch andere Länder schielen inzwischen auf diese Hightech-Stelle. Bald sollen solche Hochhauszuchtanlagen auch in Südkorea und Vietnam entstehen, jeweils in Zusammenarbeit mit chinesischen Firmen. Vertikale Farmen werden in Südostasien immer wichtiger, um die wachsende Nachfrage nach Fleisch zu bedienen und gleichzeitig das Platzproblem und das Seuchenrisiko in den Griff zu bekommen. Das war der NTV-Podcast Wieder was gelernt mit einer Folge über die großen Schweinehochhäuser in China. Ich danke Ihnen fürs Zuhören. Mein Name ist Carolina Amme. Bis zum nächsten Mal.