Australien gehört zu den größten Exporteuren von Kohle und Erdgas. Doch Benzin und Diesel importiert das Land. Vor gut zehn Jahren entscheiden die Mineralölkonzerne sich dafür, eine Raffinerie nach der anderen zu schließen. Jetzt bezahlen australische Autofahrer den Preis dafür. Darum geht es in dieser Folge von Wieder was gelernt. Abonnieren Sie den Podcast gerne überall, wo es Podcasts gibt. Und wenn Sie Wieder was gelernt unterstützen möchten, freuen wir uns immer über eine Bewertung bei Apple Podcasts oder Spotify und natürlich auch darüber, wenn Sie anderen Leuten von dem Podcast berichten. Dankeschön. Ich bin Christian Herrmann. Hallo und herzlich willkommen.

2011 zieht Shell die Reißleine. Der Mineralölkonzern kündigt an, 2013 seine Raffinerie im australischen Clyde zu schließen, wie ABC News Australien damals berichtet. Es ist ein Einschnitt für die australische Kraftstoffversorgung. Die Anlage westlich von Sydney stellt fast 40 Prozent des Treibstoffs her, der täglich in New South Wales verbraucht wurde. Das ist Australiens bevölkerungsreichster Bundesstaat.

Die Raffinerie ist zum damaligen Zeitpunkt bereits mehr als 90 Jahre alt. Sie kann Rohöl nicht ansatzweise so effizient und günstig zu Bitum, Schmier- und Kraftstoffen weiterverarbeiten wie die neuen Mega-Raffinerien, die damals vor der australischen Haustür in Südostasien entstehen, zum Beispiel in Singapur. Für die Betreiber australischer Tankstellen ist es günstiger, den Treibstoff im Ausland einzukaufen als selbst herzustellen. Shell ist mit dieser Einschätzung nicht allein. Ein Jahr später zieht die Tankstellenkette Caltex nach. Die Tochter des US-amerikanischen Mineralölkonzerns Chevron macht 2014 ihre Raffinerie Cornell südlich von Sydney dicht. 2015 schließt der britische Konzern BP seine Anlage Bulwer Island in Queensland. Wenig später folgen zwei weitere Raffinerien. Das Argument ist immer dasselbe. Der Betrieb rechne sich nicht mehr, wie der Mineralöl-Experte Gavin Wendt damals bei ABC News erklärt.

Die australische Branche steht stellvertretend für alle Raffinerien weltweit. Das eigentliche Problem sind die Margen. Sie sind im Laufe der Zeit immer weiter gesunken. Das Raffineriegeschäft ist einfach kein besonders profitables Geschäft mehr.

Doch das ist damals kein Problem. Die australische Regierung gibt einen Bericht in Auftrag. Darin wird untersucht, ob die australische Treibstoffversorgung in Gefahr geraten würde, wenn Shell, Caltex und andere ihre Raffinerien schließen und man stattdessen Benzin, Diesel und andere Ölprodukte importiert. Das Ergebnis ist eindeutig. Der Rückgang der heimischen Raffineriekapazitäten wird die Versorgungssicherheit Australiens mit flüssigen Kraftstoffen nicht beeinflussen, heißt es in dem Bericht. Rohölimporte in diesem Umfang mit Importen raffinierter Kraftstoffe zu ersetzen, stellt kein zusätzliches Risiko für die Versorgungssicherheit dar.

Es war eine andere Zeit. Die Welt lebte Globalisierung, Freihandel und Zusammenarbeit. 2015, das war auch das Jahr, in dem Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich, China, Russland und die USA unter Führung von Barack Obama das Atomabkommen mit dem Iran unterzeichneten. Die iranische Atombombe sollte diplomatisch verhindert werden. Der globale Ölpreis lag damals bei unter 40 US-Dollar pro Barrel. Ein Jahr später zerbrach diese Welt. Die US-Bevölkerung wählte erstmals Donald Trump zu ihrem Präsidenten. 2018 kündigte er an, dass die Vereinigten Staaten aus dem Atomabkommen mit dem Iran aussteigen würden. Der Rest ist Geschichte. Der amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran hat einen weltweiten Öl- und Gasschock ausgelöst. Deutschlandfunk.

Umwelt und Verbraucher. Die Abhängigkeit von fossilen Energien hat ihren Preis. In Deutschland sieht man ihn deutlich an der Zapfsäule. In Australien ist es allerdings noch schlimmer. Dort haben hunderte Tankstellen gar kein Benzin mehr und oder kein Diesel. So können die australischen Farmer die Baumwolle nicht ernten und das Wintergetreide auch nicht aussehen. Es fehlt schlicht der Treibstoff für die Trecker. An der Düngefront sieht es auch nicht besser aus. Regelmäßige Lebensmittellieferungen an die Supermärkte sind jetzt in Gefahr. Andreas Stummer kennt für uns die Details aus Australien. Hey, are you gonna leave anything left for me? Australien geht der Treibstoff aus. Nicht nur der Deutschlandfunk berichtet von abenteuerlichen Szenen an Tankstellen, von Lkw-Fahrern, die im Hinterland festsitzen und von Landwirten, die ihre Felder nicht bewirten können. Denn die australischen Lieferanten liefern nicht mehr. Singapur, Südkorea und andere beziehen ihr Rohöl für die Mega-Raffinerien vorwiegend von den Golfstaaten, also über die Straße von Hormuz. Doch die bleibt auch in der fünften Kriegswoche weitgehend geschlossen. Nur eine Handvoll Tanker dürfen die Meerenge mit Erlaubnis des Iran passieren. Was in den südostasiatischen Megaraffinerien ankommt, wird für die heimische Bevölkerung aufbereitet.

Eigenbedarf geht vor. Das ist ein Problem für eine Nation wie Australien, die zu den größten Exporteuren von Kohle und Gas gehört, inzwischen aber selbst mehr als 90 Prozent ihrer Kraftstoffe importiert. Australien verfügt für Notfälle über Dieselreserven für 30 Tage, Benzinreserven für 39 Tage und Kerosinreserven für 30 Tage. Laut der australischen Regierung besteht derzeit kein Grund zur Sorge. Sie sagt, die Versorgung mit Benzin, Diesel und Kerosin sei bis mindestens Mai gesichert. Neue Lieferungen sind ihr zufolge bereits auf dem Weg. Die Engpässe an den Tankstellen, von denen berichtet wird, punktuell heißt es. Das Ergebnis von Hamsterkäufen, nicht Lieferschwierigkeiten. Ein Kunde habe fast 5000 Liter Diesel abgezapft, bevor er gestoppt werden konnte, erzählt etwa ein Tankstellenbetreiber im Deutschlandfunk.

Problematischer sind wie in Deutschland derzeit die Kosten. Die Preise für Benzin und Diesel haben sich an australischen Tankstellen seit Beginn des Iran-Kriegs fast verdoppelt. Um die Lage zu entschärfen, senkt die australische Regierung deshalb die Mineralölsteuer vom 1. April an für drei Monate von 52,6 Cent auf 26,3 Cent pro Liter. Autofahrer sollen damit bei einer typischen Tankfüllung etwa 19 australische Dollar sparen. Das entspricht etwa 11 Euro. Außerdem werden Schwerlastfahrzeuge für drei Monate von der Straßennutzungsgebühr befreit und Tankstellen dürfen 60 Tage lang Diesel mit einem höheren Schwefelgehalt anbieten. Auch das soll die Kosten senken und die Verbreitung erhöhen. Treibstoff müsse aber nicht rationiert werden, sagt Premierminister Anthony Albanese.

Kurzfristig ist die australische Treibstoffversorgung gesichert, aber natürlich ist klar, je länger dieser Krieg andauert, desto schlimmer werden die Auswirkungen. Ich und die Regierung verstehen, dass die Menschen besorgt sind, aber wir haben einen Plan, um die Krise durchzustehen. Der Kostendruck für die Menschen ist enorm. Die Auswirkungen eines Krieges auf der anderen Seite der Welt spielen sich hier vor Ort ab. Wir handeln jetzt, um übervorbereitet zu sein und uns vor den schlimmsten Auswirkungen zu schützen.

Langfristig muss sich die australische Regierung jedoch ähnliche Fragen stellen wie viele andere Regierungen, die vom Iran-Schock überrascht wurden. Wie können wir kostengünstige Versorgungssicherheit herstellen? Für die australische Mineralölindustrie ist die Lösung offensichtlich. Australien muss seine Treibstoffversorgung wieder in die eigenen Hände nehmen. Laut dem Verband der australischen Energieproduzenten hat Australien erhebliche unerschlossene Ölvorkommen. Diese könnten die Versorgungssicherheit stärken und die Abhängigkeit von Importen verringern. Wenn denn die politischen Rahmenbedingungen stimmen, sprich, die australische Regierung soll die Projekte und damit die Branche bitte finanziell unterstützen.

Kritiker warnen, trotz der aktuellen Krise vor Schnellschüssen. Denn die Ölfelder sind bestenfalls mehrere Jahre von der Erschließung und Förderung entfernt. Und selbst dann wäre das ursprüngliche Problem in Australien nicht gelöst. Das Rohöl müsste anschließend zu Benzin und Diesel weiterverarbeitet werden. Shell, Keltex und Co. haben ihre Raffinerien vor gut zehn Jahren aber nicht nur stillgelegt, sondern abgerissen. Derzeit hat Australien nur noch zwei laufende Raffinerien. Um für jede weitere geopolitische Krise gewappnet zu sein, müsste das Land also neue Anlagen bauen. Das würde weitere Jahre dauern. Experten kalkulieren zudem mit Kosten zwischen 5 und 15 Milliarden australischer Dollar pro Raffinerie. Das sind umgerechnet 3 bis 9 Milliarden Euro. Ob diese Anlagen anschließend mit südostasiatischen Megaraffinerien konkurrieren könnten, ist ebenfalls offen. Möglicherweise müsste also nicht nur der Bau, sondern auch der Betrieb subventioniert werden. Schlimmstenfalls könnte den Experten zufolge das Gegenteil dessen eintreten, was man eigentlich erreichen will, wenn man diese Strategie verfolgt. Die heimische Förderung und Raffinierung könnte die Kraftstoffpreise in Australien langfristig sogar erhöhen, nicht senken.

Die unbequeme Wahrheit lautet wahrscheinlich, eine unabhängige und günstige Kraftstoffversorgung ist für Australien nicht mehr in Reichweite. Der sinnvollste Weg, sich von globalen Preisschocks zu lösen, lautet wie für viele andere Länder auch, steigt auf erneuerbare Energien um. Bis dahin gibt es nur zwei Sieger der australischen Treibstoffkrise. Ampol und Viva Energy. Die beiden Unternehmen betreiben die letzten beiden Raffinerien in Australien und können sich derzeit über zusätzliche Einnahmen und steigende Margen freuen. Die australische Investmentbank Macquarie hat das Kursziel für beide Unternehmen an der australischen Börse gerade erst angehoben. Das war wieder was gelernt. Wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, sagen Sie es gerne weiter. Wir freuen uns immer über Bewertungen bei Apple Podcasts oder Spotify. Vielen Dank. Ich bin Christian Herrmann und sage Tschüss und bis zum nächsten Mal.