Tschetscheniens Herrscher Ramzan Kadyrov prahlt öffentlich damit, wie viele Männer er Putins Truppen in der Ukraine zuführt. In Wahrheit sind die oft als TikTok-Truppen verspotteten Soldaten auf dem Schlachtfeld kaum zu sehen. Der Kreml-Chef segnet die Scharade ab. Ruhe und Stabilität in Tschetschenien sind für Putin wichtiger als der Einsatz in der Ukraine. Darum geht es jetzt hier im Podcast. Wieder was gelernt von NTV. Sie finden diese und alle anderen Folgen auf ntv.de und in der NTV-App bei RTL Plus und auf allen anderen bekannten Podcast-Plattformen. Ich bin Kevin Schulte. Hallo. In Tschetschenien leben Todgesagte länger. Ramzan Kadyrov regiert noch immer in der russischen Teilrepublik. Und das, obwohl er mindestens sechsmal seinen Rücktritt angekündigt hat in den vergangenen Jahren und obwohl ihm immer wieder nachgesagt wird, schwer krank zu sein. Doch plötzlich ist davon nichts mehr zu hören. Im Gegenteil, Kadyrov macht das, was er am besten kann. Kreml-Chef Wladimir Putin umschmeicheln, Tschetschenien mit harter Hand regieren und allen Gegnern von Russland mit Gewalt drohen. Wir sind bereit, in jede vom Oberbefehlshaber vorgegebene Richtung vorzustoßen. Unsere Spezialeinheiten brennen, buchstäblich vor Verlangen hochkomplexe Befehle auszuführen. So prallt Kadirov Mitte Juli und präsentiert stolz eine scheinbar unfassbare Zahl. Tschetschenien habe über 70.000 Kämpfer in den Krieg in die Ukraine geschickt, 9% der gesamten männlichen Bevölkerung. Die Botschaft ist klar, Tschetschenien steht voll und ganz hinter dem inzwischen über vierjährigen Ukraine-Feldzug von Wladimir Putin. Blöd für Kadyrov, die Zahl hat offensichtlich gar nichts mit der Realität zu tun. Die russische Exil-Nachrichtenseite Mediasona wertet seit Kriegsbeginn aus, woher die gefallenen russischen Soldaten kommen. Demnach liegt die Zahl der getöteten Tschetschenen bei 543, Stand Mitte August. Das entspricht 0,2 Prozent aller russischen Gefallenen. Insgesamt machen die Tschetschen aber 1,1 Prozent der russischen Bevölkerung aus. Die Statistik zeigt, in Wahrheit versucht Kadyrov, seine Männer vom Krieg wegzuhalten. Der Chef versteht die Situation genau, zitiert der Economist, eine Person aus dem engsten Umfeld der tschetschenischen Führung. Kadyrov habe, Zitat, keine Lust, sein Volk zugunsten Russlands zu opfern. Tschetschenien hat eine bewegte Geschichte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat die Republik im Jahr 1991 ihre Unabhängigkeit ausgerufen. Das hat Russland nicht anerkannt und deshalb zunächst die Gegner der damaligen Regionalregierung in Tschetschenien unterstützt. 1994 dann hat Moskau offiziell den Tschetschenien-Krieg gestartet, um das Land zu unterwerfen. 1997 wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet. Der Konflikt aber blieb ungelöst, weil der politische Status von Tschetschenien nicht geklärt wurde. 1999 hat Russland Tschetschenien erneut den Krieg erklärt zum zweiten Mal. Der Kreml hatte der tschetschenischen Seite zuvor Anschläge auf Wohnhäuser in Russland zugeschrieben. Putins Armee gewann den Feldzug dann auch. In Tschetschenien der Kreml installierte daraufhin eine Moskau-freundliche Regierung mit Ramsans Vater Ahmad Kadyrov an der Spitze. Dieser wurde 2004 bei einem Anschlag getötet. Seit 2007 regiert Sohn Ramsan Kadürov die Region im Nordkaukasus. Die Präsidentschaft ist geprägt von Menschenrechtsverletzungen, von Gewalt und politischen Morden. Die sind an der Tagesordnung. Dem Kreml ist das alles egal. Hauptsache in Tschetschenien muckt niemand auf. Kadürov ist Putins Bluthund, der Mann für das Grobe in der Islamischen Teilrepublik. Hinter ihm steht seine brutale Privatarmee, die Kadürovzi, die nicht in die normale militärische Kommandostruktur Russlands eingegliedert ist. Die Miliz ist mit Putins Zustimmung zur wichtigsten Sicherheitskraft der Republik geworden, schreibt die US-Denkfabrik New Lines. Vor zwei Jahren hat Putin das kleine Tschetschenien zum ersten Mal nach 13 Jahren besucht. NTV-Russland-Korrespondent Rainer Munz hat den Besuch damals so eingeordnet. Es geht um Ruhe und Stabilität in dieser Region und zu zeigen, dass Wladimir Putin den tschetschenischen Präsidenten Kadirov weiterhin unterstützt. Das ist ja eine sehr unruhige, muslimisch geprägte Region und der tschetschenische Präsident Kadirov sorgt für Wladimir Putin dort in Tschetschenien für Ruhe mit Methoden, die ja international durchaus verurteilt werden. Man darf nicht vergessen, es war Wladimir Putin, der den Zweiten Tschetschenienkrieg begonnen hat und der mit seine Wahl auch begründet hat, damals zum russischen Präsidenten im Jahr 2000. Dank Kadyrov und seinen Leuten hat Putin seit etwa zwei Jahrzehnten Ruhe in Tschetschenien. Im Gegenzug bekommt Kadyrov Geld aus Moskau, um die Teilrepublik über Wasser zu halten. Der Großteil der gut 1,5 Millionen Einwohner lebt in Armut, der Kadyrov-Clan in Saus und Braus. Kadyrov ist mächtiger als alle anderen russischen Regionalfürsten und kann seine Leute deshalb vor den russischen Rekrutierungen für den Ukraine-Krieg verstecken und schützen. Dass die Kadyrovzi anders als andere Regionen nicht bereit sind, für Russland Opfer zu bringen oder vielleicht sogar einfach zu feige für den Krieg sind, darf aber niemand erfahren. Deshalb muss Kadyrov sie öffentlich als die stärksten Kämpfer von allen darstellen. In Wahrheit kann er es sich auch nicht erlauben, seine Männer in Massen in die Ukraine zu schicken, Denn wenn die tschetschenischen Männer an der Front kämpfen, anstatt Ordnung in der tschetschenischen Hauptstadt Grozny und Umgebung aufrechtzuerhalten, dann ist die Stabilität des Kadirov-Regimes konkret gefährdet. Hohe Opferzahlen könnten die Stimmung kippen lassen. Das Trauma zweier Kriege in jüngerer Vergangenheit wiegt dabei besonders schwer. Tschetschen, die älter sind als 35, erinnern sich noch an die Bombardierungen und Säuberungsaktionen nach dem Vorbild von Butscher, analysiert der Economist und bezieht sich auf Kriegsverbrechen, die Russen in Tschetschenien begangen haben. Über das tschetschenische Trauma weiß auch Wladimir Putin Bescheid. Deshalb lässt er Kadirov gewähren, ihn gefälschte Rekrutierungszahlen vortragen und dessen Männer nicht unnötig die Hände schmutzig machen. Solange Russland in der Ukraine gebunden ist, darf in Tschetschenien erst recht kein neuer Brandherd aufflammen. Deshalb war der Kreml-Chef vor zwei Jahren auch persönlich vor Ort. Dabei hat ihm Kadirov Honig um den Mund geschmiert und im typischen Diktatorenstil ein neues Großprojekt angekündigt. Dessen erster Bauabschnitt inzwischen auch fertiggestellt ist. Der tschetschenische Präsident Kadirov nutze die Chance gleich und hat Wladimir Putin ein neues Stadtviertel präsentiert, das gebaut werden soll. Das wird dann nach Wladimir Putin benannt, aber der Hintergrund ist natürlich, so hat er ihm auch gezeigt, ja wir unterstützen Moskau, wir unterstützen den russischen Präsidenten, aber das alles kostet auch Geld. Moskau weiterhin bitte Finanzmittel überweisen, dafür dass Ruhe im Kaukasus bleibt. Die wenigen Tschetschenen, die doch in den Krieg ziehen in die Ukraine, haben die Anweisung bekommen, es nicht zu übertreiben und auf sich selbst aufzupassen, zitiert der Economist ein Insider aus dem Machtapparat in Grozny. In Todesgefahr begeben sie sich also eher nicht. Russische Militärblogger machen sich über die tschetschenischen Soldaten sogar lustig, bezeichnen sie als TikTok-Truppen, weil sie mehr für martialische Auftritte in Social Media als für ihre Präsenz an gefährlichen Frontabschnitten bekannt sind. Und das dürfte insgeheim ganz im Sinne sein von Ramzan Kadyrov. Er braucht seine Kämpfer schließlich für den eigenen alltäglichen inpolitischen Überlebenskampf in Tschetschenien. Das war Wieder was gelernt über Tschetschenien und Diktator Ramzan Kadyrov. Wenn es Ihnen gefallen hat, lassen Sie gerne ein Abo da und Sie verpassen dann auch keine Folge mehr. Ich bin Kevin Schulte. Bis zum nächsten Mal hier bei Wieder was gelernt, dem Podcast von NTV.