Über 200 Rinder verschwinden in Brandenburg. Die Polizei kann Ende September zwei Verdächtige schnappen. Die Spur führt nach Polen. Dort werden gestohlene Rinder wiederentdeckt. Experten vermuten, dass Profis am Werk waren, möglicherweise mit brutalen Methoden. Darum geht's in dieser Folge von Wieder was gelernt, dem NTV-Podcast. Und wie immer am Anfang noch der Hinweis, abonnieren Sie unseren Podcast gern überall, wo es Podcasts gibt. Und wenn Sie wieder was gelernt unterstützen möchten, freuen wir uns über eine Bewertung bei Apple Podcasts oder bei Spotify. Jetzt geht's aber in die Folge. Ich bin Caroline Amme. Hallo! Dienstag früh, 5 Uhr, in einem Stall in Südbrandenburg, Ende April. Eigentlich will sich der Tierpfleger um die Rinder kümmern. Doch der Stall der Agrargenossenschaft Gräfendorf im Landkreis Elbe-Elster ist fast leer. 71 seltene Zuchtrinder sind über Nacht verschwunden. Sie wurden gestohlen. Die Rinder gehörten zur Rasse deutsches schwarzbuntes Niederungsrind. Fünf Monate später, Ende September, dann die frohe Botschaft. Die Polizei hat zwei Tatverdächtige, zwei polnische Männer geschnappt. In Polen hat sie mehrere gestohlene Rinder aufgespürt. Landwirt Michael Jentsch von der Agrargenossenschaft ist erleichtert. Was positiv an der ganzen Sache ist, ich hätte nicht gedacht, dass es zu so einem Verhandlungserfolg kommt. Und egal, welche Rinder gefunden wurden, es ist doch schon mal positiv. Und da hat sich sicher diese Sonderkommission, die sie da gegründet haben, bewährt. Also wir sind froh, dass da was gefunden ist. Wir können auch jetzt nicht sagen, ob unsere Rinder dabei sind. Im Frühjahr verschwinden genau 211 Rinder aus Ställen und von Weiden in mehreren Brandenburger Landkreisen. Der Schaden ist groß, liegt bei 337.000 Euro. Auch weil Zuchttiere darunter sind, die sind besonders wertvoll, weil jahrelange Zuchtarbeit dahinter steckt. Die könne ein Landwirt nicht so einfach ersetzen, sagt der Landesbauernverband. Das brandenburgische Landeskriminalamt gründet die Ermittlungsgruppe Weide. Zusammen mit polnischen Kollegen spüren die Polizisten nach monatelangen Ermittlungen die zwei Tatverdächtigen auf. Sie hatte auch landesweit Viehtransporter und andere Fahrzeuge kontrolliert. Die beiden Diebe sollen die Rinder von März bis Mai nachts in Viehtransporter verladen und nach Polen gebracht haben. Die Ohrmarken waren abgeknipst. Die gestohlenen Rinder sollten in Polen neu angemeldet werden, sagt die Sprecherin der Brandenburger Polizei Beate Kardels. Im Labor wird gerade analysiert, ob es sich tatsächlich um die Tiere handelt, die in Brandenburg gestohlen wurden. Von Amtstierärzten wurden den vor Ort befindlichen Rinder Haar- und Blutproben entnommen. Diese gilt es jetzt in den Datenbanken, die hier vorhanden sind in Deutschland, abzugleichen mit vorhandenen DNA-Proben der Tiere und zu sehen, wo stammen diese Tiere tatsächlich her. Die Rinder, die aufgefunden wohnen, befinden sich aktuell auch noch in Polen, solange das Ergebnis der Auswertung der Blut- und Haarproben noch nicht da ist. Wenn das vorliegt und wir auch tatsächlich sagen können, zu wem die Rinder wirklich gehören, dann erfolgt eine Rückführung und die weiteren Absprachen mit Geschädigten oder gegebenenfalls auch den Versicherungen. Die Rückführungen sind aufwendig, genauso wie die Entführungen. In einer Nacht sind jeweils rund 30, 50, 60 oder eben in einem Fall über 70 Rinder verschwunden. Einpacken und losfahren? So einfach ist es nicht. Rinder sind Herdentiere, sie wollen zusammenbleiben. Es sei bereits anspruchsvoll, einzelne Tiere zu stehlen, erzählt Landwirt Thoralf Müller im MDR. Ihm haben Diebe 2025 sieben Jungbullen von seinem Hof in Südthüringen gestohlen. Mindestens vier Mann müssen da dabei gewesen sein. Dass zwei, drei Mann die Gruppe zurückhalten und der dritte und vierte Mann das Tier so lenken und aufs Auto buxieren, mit einem Strick kommt man auch nicht an. In Südbrandenburg in der Agrargenossenschaft Gräfendorf hatten die Täter in einem abgelegenen Stall zugeschlagen. Die Diebe sind nachts mit einem Lkw an den Stall herangefahren und haben zwischen Laderampe und Stall mit Gittern eine Treibgasse improvisiert, schreibt der Stern. Am Ende der Gasse seien Mistgabeln gefunden worden. Damit könnten die Rinder auf einen Lkw getrieben worden sein, vermutet Rinderzüchter Michael Jentsch. Man hat deutliche Spuren gesehen. Lkw-Spuren hat man deutlich gesehen. Man hat auch gesehen, welche Hilfsmittel direkt aus dem Stall mit Treibgitter zum Verladen und so verwendet wurden. Also der Nachteil war, an dem Morgen hat es so ziemlich stark geregnet und da ist so viel verwischt worden von den Spuren. Mehr kann ich nicht sagen, man hat genau gewusst, wo die hergekommen sind, wie das gemacht sind. Die waren nicht das erste Mal da. Also die hatten die Sache entsprechend erkundet. Vor Jahren hat es eine ähnliche Diebstahl-Serie gegeben in Brandenburg. Von 2014 bis 2017 sind hunderte Rinder und Kälber verschwunden. In einem Fall hatten die Diebe acht Kälber von einer Weide gestohlen. Die Tiere wurden mit Narkose-Pfeilen betäubt und dann in einen LKW geführt. Die Betäubungspfeile und zwei Führungsstricke haben die Täter am Tatort liegen lassen. Manche Viehdiebe nutzen aber auch den Herdentrieb der Rinder aus. Dorsten Höhne vom Kreisbauernverband Elbe-Elster vermutet, dass die Tiere von der Agrargenossenschaft Gräfendorf in der Dämmerung angelockt worden sein könnten, zum Beispiel durch Licht im LKW. Oder durch andere Rinder, die schon vorher im Transporter waren. Ein Tier der Herde könnte auch als Lockvogel als erstes in das Fahrzeug gebracht worden sein. Wenn das erste Rind einer Herde läuft, gehen die anderen hinterher, sagt Dorsten Höhne im Spiegel. Das dauere nicht lang, zehn Minuten vielleicht, höchstens eine Viertelstunde. Wichtig sei, dass keine Unruhe entstehe und die Tiere nicht anfangen zu muhen, sonst könne die Tat auffliegen. Klar ist, die Viehdiebstähle sind gut vorbereitet, wie Henrik Wendorf vom Landesbauernverband Brandenburg im RBB erklärt. Man muss erstens wissen, wo die Tiere stehen, welche Gewohnheiten sie haben, ob sie vielleicht an eine Futterstelle oder Tränke an eine Wasserstelle kommen, regelmäßig. Und man muss sie genau beobachtet haben vorher. Und man muss Profi sein. Also man muss die Technik dafür haben, ein Tier auf dem Lkw zu bekommen. Das ist nicht so ein Selbstläufer, wie man das vielleicht von einem Haustür kennt, sondern die sind natürlich auch auf der Weide ein bisschen natürlich. Die haben auch eine Scheu. Das schafft einer alleine auch nicht. Das sind ja größere Herden. Gehören da schon Bannen dazu, die da sehr gut organisiert sind und die, ich sag mal, auch vielleicht über etwas Ortskenntnis verfügen, indem sie das Feuer ausspioniert haben oder beobachtet haben. Die Diebe in Brandenburg haben alle mitten in der Nacht zugeschlagen, zwischen 1 und 4 Uhr. Zu dieser Uhrzeit sind an den abgelegenen Weiden oder Ställen selten Menschen unterwegs. Das nutzen Einbrecher aus. Gewerbliche Einbrüche würden häufig gegen 3, 4 Uhr morgens begangen, hat uns Christoph Wenzlaff gesagt. Das sei eine tote Zeit, sagt der Brandenburger Landesvorsitzende des Bunds Deutscher Kriminalbeamte. Spontan haben die Täter nicht zugeschlagen, sondern haben ihr Ziel vorher über längere Zeit beobachtet. Gerade heute kann man sich sehr gut vorstellen, dass hier möglicherweise auch mit Drohnen gearbeitet wird, um sowas auszukundschaften. Aber auch klassisch im Internet recherchiert wird, wo sind Viehhöfe, wo sind Firmen, die solche Tiere haben und da Geschäftsmodelle haben. Und dann wird ausgekundschaftet, wo... Sich diese Firmen und die Weideflächen befinden. Und dann schaut man sich das. An, schaut sich die Tiere an. Es ist davon auszugehen, dass solche Taten nicht aus dem Affekt passieren. Da fährt keiner mit einem Viehtransport über die Höfe, über die Dörfer und guckt, wo jetzt hier Rinderflächen sind. Sondern sowas wird vorbereitet. Sowas wird ausgekundschaftet über mehrere Tage. Die Diebe kennen sich in dem Metier aus, sagen die betroffenen Bauern. Bei Michael Jentsch haben die Täter ganz gezielt die wertvollen Tiere mitgenommen. Die kleinsten Rinder und Tiere in Behandlung haben sie zurückgelassen. Möglicherweise haben die Täter vorher in der Landwirtschaft gearbeitet und kennen sich deshalb mit den Tieren gut aus, sagt Kriminalermittler Christoph Wenzlaff. Sie wissen wahrscheinlich auch, wie man Papiere fälscht. Ich stelle es mir halt so vor, dass man es genau so macht, wie man auch vorgeht, wenn man diese Tiere offiziell verlebt und verbringt. Das heißt, sie brauchen ein entsprechendes Fahrzeug, einen ausgewiesenen Viehtransporter. Sie brauchen Personal, was die Tiere zusammentreibt und dann eben dazu bewegt, in diesen Transporter reinzugehen. Und da kann man sich vorstellen, bei Tieren, die bis zu 700, 800, 900 Kilogramm wiegen können, dass da eine gewisse Überzeugungskraft vonnöten ist, damit die Tiere dann auch das machen, was man möchte. Möglicherweise wird auch Gewalt oder was eingesetzt. Daneben gehört natürlich auch der ganze Bereich der Urkundenfälschung und des Betruges. Sie müssen sich vorstellen, solche Ladungspapiere dergleichen, das kann sein, dass die dann gefälscht werden, die Ohrmarken der Tiere etc. Etc. Also die Herkunft wird versucht zu verschleiern. Also wenn man das professionell begehen will, machen will und auch Risiken, beispielsweise bei Grenzkontrollen, minimieren will, dann muss man da sehr viel für tun und sehr professionell vorgehen. Den beiden festgenommenen Verdächtigen wirft die Staatsanwaltschaft Frankfurt-Oder schweren Bandendiebstahl vor. Die Polizei vermutet, dass neben den beiden gefassten Männern noch mehr Täter beteiligt waren. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Christoph Wenzler vermutet, dass ein großes Netzwerk hinter den Viehdiebstählen steckt. Kriminelle, die sich im Internet nur für einen Diebstahl vernetzen. So eine Art der Zusammenarbeit beobachtet der Kriminalist inzwischen häufiger. Auftraggeber könnten möglicherweise auch Viehzüchter gewesen sein. Wir beobachten das sowieso zunehmend im Bereich der organisierten Kriminalität. Dass, anders als vielleicht in der Vergangenheit, dass einzelne Tätergruppierungen sind, die hier vollständig agieren, jetzt Phänomene zutage treten, dass arbeitsteilig auch die Gruppierungen agieren, also dass man miteinander vernetzt ist. Stichwort ist hier Crime as a Service, also dass unterschiedliche Tatenmuster von spezialisierten Kriminellen angeboten werden. Also das geht eben los mit der Beschaffung der Tiere. Das können zum Beispiel auch Auftragstaten gewesen sein von Menschen, die eben gezielt bestimmte Zuchttiere haben wollten. Dann geht das Ganze weiter über die Logistik, den Transport, über die Verschleierung von Urkunden bis hin zur Weiterverarbeitung. Aber auch die Finanzströme müssen da unter Umständen im Blick behalten werden. Da geht es dann um Geldwäsche. Was hilft dagegen, dass sich Fremde an den Tieren der Bauern vergreifen? Alles rund um die Uhr zu bewachen ist unmöglich, sagt Hendrik Wendorf im RBB, auch nicht mit Videokameras. Die Flächen seien einfach zu groß. In Brandenburg gäbe es etwa 300.000 Hektar Grünland. Fast die Hälfte würde für Weiden genutzt. In Brandenburg sei es nicht einfach, alles so zu sichern, dass man nicht mit Tricks und Kniffen an eine Herde kommt, sagt Henrik Wendorf. Bewegungsmelder machen in Stellen oft keinen Sinn, weil sich dort ständig etwas bewegt, sagt Dorsten Höhne vom Kreisbauernverband im Spiegel. Mit Glück gäbe es eine Videoüberwachung im Stall. Christoph Wenzler vergleicht die ausgedehnten Weiden mit der kritischen Infrastruktur in Deutschland. Ähnlich wie Strom- und Bahntrassen könnten die nicht komplett überwacht oder abgesichert werden. Nicht nur die Bauern seien in der Pflicht, sondern es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, hier für Schutz zu sorgen. Das sind ja riesengroße Flächen, die da unterhalten werden müssen. Und diese Flächen, die können Sie einfach nicht derart umfrieden, dass man da nicht mehr auf die Flächen kommt. Das ist aus Kostengründen sicherlich nicht möglich. Die Umfriedung sieht ja in der Regel so aus, dass dort mit Elektrozäunen gearbeitet wird, im niedrigen Spannungsbereich, um die Tiere sozusagen davon abzuhalten, auszubrechen. Aber das hält ja einen Menschen nicht davon ab, diesen Zaun beispielsweise zu durchtrennen oder aber auch an den dafür vorgesehenen Stellen, Zufahrten zu den Weideflächen, dort irgendwelche Tore, die dann nur mit Vorhängeschlössern gesichert sind, zu durchtrennen und dann mit dem Lkw auf das Gelände zu fahren und die Tiere dort einzuladen. Die verstärkten Polizeistreifen in den vergangenen Monaten haben geholfen, die Diebe fernzuhalten, sagt Christoph Wenzlaff. Bekämpfen könne man die Viehdiebstähle nur, wenn man die Tälte ermittelt und rechtskräftig verurteilt. Zumindest für eine gewisse Zeit. Das war der NTV-Podcast Wieder was gelernt. Alle Folgen finden Sie auf sämtlichen Podcast-Plattformen und in der NTV-App. Ich bin Caroline Amme. Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.