Raketen auf den Hauptstadtflughafen, lahmgelegte Ölexportwege und ausbleibende Investoren. In Saudi-Arabien muss Kronprinz Mohamed bin Salman plötzlich fast alles hinterfragen. Die Beziehungen zu Donald Trump, seine Mammut-Bauprojekte und wie er die Wirtschaft wieder auf Vordermann bringt. Darum geht es in dieser Folge von Wieder was gelernt. Das ist der Podcast von NTV. Sie finden diese und alle anderen Folgen auf ntv.de und in der ntv-App bei RTL+, aber auch natürlich auf allen anderen bekannten Podcast-Plattformen wie Spotify und wie Apple Podcasts. Ich bin Kevin Schulte, hallo. Saudi-Arabien steckt in seiner schwersten Krise seit Jahrzehnten. Das Königreich wird von den Houthi-Terroristen ins Visier genommen. Anfang des Monats schlägt eine Rakete ein im Flughafen von Riyadh. Zwei Terminals werden getroffen, teilweise stürzen Dächer ein und begraben Flugreisende unter sich. Die Bilanz mindestens 13 Tote, über 300 Verletzte, viele von ihnen schwer. Trümmer abgefangener Raketen schlagen in Kindergärten und Krankenhäusern ein, Schulen und Botschaften werden evakuiert. Saudi-Arabien ist im Ausnahmezustand. Ein Tag nach diesen Angriffen vom 10. Oktober folgen schon die nächsten Attacken. Erneut wird der internationale Flughafen King Khalid in der saudischen Hauptstadt getroffen. Ein Mensch stirbt, elf weitere werden verletzt. Auch der Kingfad Airport in Dhaman am Persischen Golf wird von Houthi-Raketen attackiert. Genauso eine Gasanlage und eine Ölraffinerie des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco. Seit mehr als zehn Jahren ist Saudi-Arabien im Krieg mit den Houthis. Die Miliz kontrolliert den Jemen, auch dank der Unterstützung des Iran. Die schiitischen Terroristen bringen Saudi-Arabien mit ihren Raketenangriffen dramatisch in Bedrängnis. Die Terroristen sorgen dafür, dass Mohammed bin Salman in seiner schwersten Krise steckt. Dabei hatte sich das Königshaus noch im Sommer gelassen gezeigt. Durchaus zu Recht damals, sagt der Saudi-Arabien-Experte. Sebastian Sons vom Forschungsinstitut Kapo. Im Gegensatz zu den kleineren Golfstaaten ist Saudi-Arabien von den iranischen Angriffen nach Februar nicht so wirklich getroffen worden. Das hatte auch was damit zu tun, dass es ja nach wie vor auch diplomatische Beziehungen gibt zwischen Saudi-Arabien und Iran. Saudi-Arabien konnte auch deswegen mit der Blockade der Straße von Hormuz besser umgehen, weil man ja eine Alternativpipeline hat, die durch das Land führt von Ost nach West und man dann eben auch das Öl über den Hafen von Janbu und das Rote Meer transportieren konnte. Und daher rührte in gewisser Art und Weise auch das Gefühl, dass man einigermaßen mit der Krise umgehen kann. Nichtsdestotrotz war die Lage auch vorher schon angespannt. Jetzt aufgrund der Angriffe der Huthis hat sich da die Lage tatsächlich sehr prekär entwickelt. Ob man die Situation unterschätzt hat, das weiß ich nicht, das glaube ich auch nicht. Ich denke, dass man schon auch darauf gesetzt hat, dass man eben die Hussis einigermaßen unter Kontrolle hat, dass man möglicherweise auch gehofft hat, dass die amerikanischen Angriffe gegen die Hussis ja zuletzt 2025 auch dazu geführt haben. Die Gruppe eben militärisch stärker zurückzuschlagen und möglicherweise man auch darauf gepocht hat, dass. Die jemenitische Regierung, die man ja sehr stark nicht nur militärisch, sondern auch finanziell und politisch unterstützt, eben diesen Vormarsch der Houthis im Jemen, gerade an der Meerenge Bab al-Mandab, unterbinden kann. Also ich glaube, da sind viele Faktoren zusammengekommen. Das zeigt sich jetzt leider für Saudi-Arabien eben auch in diesen schweren Angriffen. Und das ist mit Sicherheit auch ein Dilemma, in dem das Königreich jetzt steckt, weil es eben keine großen Handlungsoptionen hat. Für Kronprinz Mohamed bin Salman ist das in jeder Hinsicht ein Desaster. Saudi-Arabien ist kein Land, in das man gerade einen Fuß setzen, geschweige denn investieren will. Diesen Monat gab es in Riyadh eine große Energiekonferenz, die fand aber nur so im Hybridmodus statt. Die meisten prominenten Teilnehmer versuchten erst gar nicht anzureisen. US-Energieminister etwa Chris Wright, der ließ sich nur per Videokonferenz zuschalten. Die Chefs von BP, ExxonMobil, Shell und Total Energies sagten ihre Reise nach Riyadh ebenfalls ab. Die wenigen Teilnehmer vor Ort, die wurden vom saudischen Energieministerium von kleineren Regionalflughäfen abgeholt und dann in die Hauptstadt gefahren. Der noch weitaus größere Hammer ist aber die Verschiebung der Future Investment Initiative. Die Konferenz ist ein Eldorado für Investoren, mächtige Wirtschaftsbosse und Politiker. In Anspielung auf das Weltwirtschaftsforum ist vom Davos in der Wüste die Rede. Eigentlich sollte die Veranstaltung vom 26. bis 29. Oktober, also nächste Woche in Riad, stattfinden. Inzwischen wurde sie aber komplett abgesagt und soll dann im kommenden Jahr nachgeholt werden. Die saudische Wirtschaft leidet stark unter der prekären Sicherheitslage im Nahen Osten. Es droht eine Rezession. Das Finanzministerium erwartet für dieses Jahr mittlerweile einen BIP-Rückgang von 3,6 Prozent. Und das spürt ein großer Teil der Bevölkerung. Es ist eine sehr junge Bevölkerung. 60 Prozent der Menschen sind unter 30. Und es ist auch eine sehr heterogene Bevölkerung, in der es durchaus Armut und Arbeitslosigkeit gibt. Die ist zwar zurückgegangen, aber bei etwa 35 Millionen Menschen, davon knapp 28, 29 Millionen saudische Staatsangehörige, gibt es ein soziales Gefälle. Das gibt es so bei den einheimischen Bevölkerungen in Katar oder den Emiraten nicht. Da ist der Wohlstand viel höher. Das heißt, hier ist auch der Druck höher, dass Reformen greifen. Und bereits vor dem Krieg hat Saudi-Arabien ja bestimmte Maßnahmen zurückschrauben müssen. Ja, Gigaprojekte wie The Line wurden erstmal gestoppt, weil man gesehen hat, man muss an anderer Stelle investieren. Man muss vor allen Dingen erstmal die Alltagsprobleme der Menschen auch angehen. Bezahlbaren Wohnraum, öffentlicher Nahverkehr, Grünflächen in Städten, Arbeitsplatzschaffung, Bildungsmaßnahmen, Schulplätze, Kindergartenplätze für die Eltern und so weiter. Das sind alles Punkte, die in Saudi-Arabien eine ganz wichtige Rolle spielen und jetzt kommt eben zusätzlich verschärfend diese Situation dazu. Das heißt, wir haben hier zwei unterschiedliche strukturelle Probleme. Das erste ist eben eine langfristige Diversifizierung der saudischen Wirtschaft. Das braucht Zeit, das geht nicht über Nacht und da hat man eben auch Herausforderungen zu bewältigen. Und jetzt eben diese akute Bedrohungslage, die auch das Investitionsklima in Saudi-Arabien natürlich massiv beschädigt. Das Geschäftsmodell ist angegriffen. Ausländische Investitionen brechen ein. Das war auch vorher schon ein Problem, aber wird jetzt natürlich immer schwieriger. Welches ausländische Unternehmen geht jetzt gerade nach Saudi-Arabien, wenn es nicht genau weiß, ob ein Projekt auch geschützt werden kann? Das heißt, hier gibt es auch einen Vertrauensverlust. Die ambitionierten Pläne des Kronprinzen rücken in den Hintergrund. Eigentlich will Mohamed bin Salman den Tourismussektor ausbauen. Er investiert ja auch schon stark in die Tech-Industrie, in die KI-Industrie. Doch all das wird jetzt gefährdet. Ausländische Investments gehen zurück in Zeiten, in denen die Kassen des Königreichs bereits arg strapaziert sind. Gigantische Bauprojekte wie die kerzengerade neue Wüstenstadt The Line hat der Kronprinz ja schon vor zwei Jahren eingedampft. In acht Jahren ist dann auch die Fußball-WM zu Gast in Saudi-Arabien. Auch beim Nonplusultra des internationalen Sportswashing muss die reiche Golfenmonarchie aber offenbar aufgrund der Sicherheits- und Finanzlage kürzen. Berichten zufolge wird Saudi-Arabien fünf neue Fußballstadien weniger bauen als ursprünglich geplant. Saudi-Arabien steckt in der Klemme. Ohne Sicherheit keine Investition. Das Königreich pumpt noch mehr Geld in sein Militär als ohnehin geplant. Und derzeit investiert Riyadh 6 bis 8 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Rüstung und Verteidigung. Damit ist Saudi-Arabien eines der Länder weltweit mit den höchsten Militärausgaben. Es ist alles ein teurer Rüstungskreislauf. Man darf auch nicht vergessen, die Houthis sind ein sehr mächtiger Akteur im Jemen. Sie haben sich diese Macht erkämpft in den letzten Jahren. Sie sind ein Akteur, den man nicht ohne weiteres mit Luftschlägen besiegen kann. Das hat man gesehen, das hat man ja nicht nur bei den Houthis gesehen, das sieht man auch bei anderen nichtstaatlichen Gruppierungen, ob das die Taliban waren oder sind, ob das die Hezbollah ist etc. Das heißt eben auch diese asymmetrische Kriegsführung, die ist im Fall der Houthis sehr schwer durchzuführen. Es gibt eine hohe Mobilisierungsmotivation auf Seiten der Houthis, eben aus unterschiedlichen Gründen eben auch in diesen Kampf zu ziehen. Und man hat sich auf die Fahne geschrieben, eben im Jemen Macht auszuüben. Dafür muss man Saudi-Arabien provozieren und auch schwächen. Und das schaffen sie derzeit eben mit relativ einfachen Mitteln. Und dazu muss man sagen, klar, die iranische Unterstützung spielt hier eine wichtige Rolle, auch mit Lieferung von Militärmaterial, Drohnenproduktion etc. Aber auch hier sind die Houthis autonomer geworden. Auch hier haben sie ihre lokale Produktion hochgefahren in den letzten Monaten und Jahren. Und damit ist man dann auch in der Lage, Ziele in Saudi-Arabien zu treffen. Das ist nichts Neues. Das haben wir auch in der Vergangenheit immer wieder gesehen, wie sie richtig gesagt haben. Und ich glaube, einen hundertprozentigen Schutz davor gibt es nicht. Aber man darf auch nicht vergessen, in den letzten Monaten hat Saudi-Arabien. Die meisten Angriffe auch aus dem Iran oder anderswo auch abwehren können. Das heißt, man ist da schon durchaus in der Lage gewesen. Derzeit sieht es da problematischer aus und ich denke, das ist eine Frage, die man in Saudi-Arabien auch zumindest hinter verschlossenen Türen sehr kritisch diskutieren wird. Wie kommt Saudi-Arabien jetzt aus dieser gefährlichen Lage heraus? Kronprinz bin Salman ist auf der Suche nach Verbündeten. Einer davon, Donald Trump. Doch bis auf ein paar Worte, mit denen der US-Präsident die Houthi-Angriffe verurteilt hat, ist Trump keine große Hilfe derzeit. Die Vereinigten Staaten haben Militärberater nach Saudi-Arabien geschickt. Soweit so gut. Ansonsten halten sie sich eher zurück. Trotz der Ankündigung von Mohammed bin Salman in den nächsten Jahren hunderte Milliarden Dollar in die amerikanische Wirtschaft zu investieren. Beziehungsstatus kompliziert, so würde ich es mal nennen. Also das ist auch nichts Neues. Die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und den USA sind historisch gesehen eng. Da geht es vor allen Dingen eben um Sicherheitszusammenarbeit. Und für die USA war Saudi-Arabien eben lange, lange Zeit ein wichtiger Ölpartner. Das Ganze hat sich jetzt in den letzten Jahren, muss man schon sagen, auch ein wenig entfremdet. Also das ist keine Liebesehe, die wir da sehen, sondern es ist ein gewisses Zweckbündnis. Und auch die Tatsache, dass zwischen Donald Trump und Mohammed bin Salman, dem saudischen Kronprinzen, schon auch eine persönliche Nähe besteht, offenbar, heißt das nicht, dass eben Trump auch auf Seiten der Saudis quasi. Immer das Richtige entschieden hat. Und ich würde schon so sagen, und das ist ja auch belegt, dass Saudi-Arabien vor dem 28. Februar, also vor Beginn der US-israelischen Angriffe auf Iran, versucht hat, diese Angriffe zu vermeiden. Weil man eben genau ein solches Szenario gefürchtet hat, weil man quasi besorgt war, dass man unter dem Bus geworfen wird, dass man im Stich gelassen wird. Und genau so ist es gekommen. Am Anfang nicht so stark, aber jetzt eben mit aller Macht. Und von daher gibt es diesen Entfremdungsprozess und auch eine gewisse Frustration auf Seiten Saudi-Arabiens, dass auch Donald Trump sich bisher nicht bereit erklärt hat, auch massiv gegen die Houthis vorzugehen. Sebastian Sons sagt, Saudi-Arabien ist in einer ähnlichen Lage wie die Europäer. Das Land braucht die USA, kann sich aber nicht auf sie verlassen. Deshalb sucht Mohamed bin Salman verstärkt nach anderen Partnern. Die Zusammenarbeit mit China hat Saudi-Arabien verstärkt. Zum Iran gibt es immerhin diplomatische Beziehungen. Mit der Türkei und mit Pakistan hat Riyadh vor kurzem den Mekka-Verteidigungspakt geschlossen. Alles, um irgendwie gegen die Houthi-Terroristen anzukommen. Saudi-Arabien klopft in der ganzen Welt Länder ab, ob es ihnen Luftabwehrsysteme abkaufen kann. Außerdem versuche Saudi-Arabien derzeit ausländische Kämpfer für den Einsatz gegen die Houthis zu rekrutieren, berichtet das Wall Street Journal. Die Söldner sollen den jemenitischen Verbündeten von Saudi-Arabien helfen. Gleichzeitig werde eine diplomatische Lösung geprüft, heißt es. Selbst das altbewährte Öl-Business läuft inzwischen alles andere als geschmiert, erklärte Saudi-Arabien-Kenner Sebastian Sons. Dabei ist Mohammed bin Salman ausgerechnet jetzt besonders stark auf die sehr dicken Einnahmen ursprünglich aus den Ölexporten angewiesen. Das heißt, die Rechnung, die man aufgemacht hat in Saudi-Arabien ist, wir nutzen die Öleinnahmen, um uns vom Erdöl unabhängiger zu machen. Das ist so ein bisschen quasi dieses Hybrid-Modell, würde ich es nennen. Und das ist natürlich jetzt problematischer geworden, erstens durch die Blockade der Straße von Hormuz, jetzt auch durch die zumindest temporäre Blockade von Bab al-Mandab. Das heißt, beide Exportwege für saudisches Öl sind derzeit unterbrochen, sind blockiert. Das Rote Meer auf der einen Seite, der Persische Golf auf der anderen Seite, die Straße von Hormuz, wie gesagt. Und das ist eine Herausforderung, weil Saudi-Arabien eben gerade Öl nach Asien transportiert, nach China, nach Korea, nach Japan. Das sind die Abnehmerstaaten von saudischem Erdöl. Und da wird es jetzt eben schwierig, eben auch dieses Öl zu transportieren. Und das zeigt sich eben, dass quasi durch diese Krise, durch diesen Konflikt, eben Saudi-Arabien mittelfristig dann diese Probleme bekommt, jetzt noch verschärft, Durch die Angriffe, die man sieht, die ja auch Energieinfrastruktur getroffen haben. Also die Ost-West-Pipeline ist getroffen worden, Öl-Raffinerien sind getroffen worden. Das heißt, da gibt es auch Rückschläge, das kostet wieder Geld. Die Produktionsquote geht runter, das hat nicht nur Auswirkungen auf Saudi-Arabien, sondern eben auch auf den gesamten Ölmarkt in der Welt. Und das sieht man ja eben auch schon seit mehreren Monaten im Endeffekt. Welche Lösung auch immer Mohammed bin Salman braucht dringend eine. Der saudische Kronprinz steckt in seiner schwersten politischen Krise. Solange saudische Flughäfen angegriffen werden, solange die nicht sicher sind, hat sein Land keine Chance, zurück in die Normalität zu finden. Solange Raketen einschlagen, hat der Kronprinz keine Chance, ausländische Investoren zurückzuholen und seine Mammutprojekte eines Tages vielleicht doch noch zu realisieren. Das war Wieder was gelernt über Saudi-Arabien und die gefährliche Lage dort im Land im Kampf gegen die Houthi-Terroristen. 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