Eine winzige Inselgruppe im Nordatlantik ist der Auslöser für eine geopolitische Posse der besonders skurrilen Art. Saint-Pierre und Miquelon ist der letzte verbliebene Außenposten Frankreichs in Nordamerika. Donald Trump, der US-Präsident, färbt es in den amerikanischen Farben. Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron setzt ein Zeichen an der Seite von Kanadas Premierminister Mark Carney. Worum geht es genau in diesem kuriosen Inselstreit? Das ist jetzt Thema in dieser Folge von Wieder was gelernt, dem Podcast von NTV. Sie finden diese und alle anderen Folgen auf ntv.de und in der NTV-App bei RTL Plus und auf allen anderen bekannten Podcast-Plattformen. Ich bin Kevin Schulte. Hallo. Eine winzige Insel im Nordatlantik bietet alle Zutaten für einen geopolitischen Krimi. Eine Prise Frankreich nur 25 Kilometer vor der Küste von Kanada. US-Präsident Donald Trump, der die Insel auf einer Landkarte in den amerikanischen Farben einfärbt, willkommen auf Saint-Pierre und Miquelon. So heißt die kleine Inselgruppe vor der kanadischen Küste, präziser vor Neufundland, der großen Insel ganz im Nordwesten Kanadas. Warum schaut die Welt genau hierher? Warum hat Trump sie auf dem Schirm und warum haben sich im September ausgerechnet in der Inselhauptstadt Saint-Pierre der kanadische Regierungschef Mark Carney und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron getroffen? Zu den wichtigsten Fakten. Der französische Präsident ist das Staatsoberhaupt von Saint-Pierre und Miquelon. Die Inseln sind ein französisches Überseegebiet, der letzte verbliebene Teil der Kolonie Neu-Frankreich. So hieß das französische Kolonialreich in Nordamerika. Hier in Saint-Pierre und Miquelon zahlt man mit Euro, hier spricht man französisch, hier gibt es französische Steckdosen und Patisseries. Die etwa 5800 Einwohner sind vollwertige Franzosen, EU-Bürger. Am 7. September in diesem Jahr hat Donald Trump auf seinem Online-Netzwerk True Social eine Landkarte veröffentlicht. Darauf zu sehen Nordamerika und die Karibik, auch Grönland und Island mit drauf. Alles eingefärbt in Rot, Weiß und Blau, den Farben der amerikanischen Flagge. Die winzige Inselgruppe Saint-Pierre und Miquelon ebenfalls. Für Emmanuel Macron war das Anlass genug, um nur eineinhalb Wochen später auf die Insel zu reisen. Drei Tage lang blieb der französische Präsident auf dem entlegenen französischen Außenposten und hat sich dort auch mit Kanadas Premier Marc Carney getroffen. Es gibt hier gar nichts zu diskutieren, hat Macron gesagt. Die Inseln bleiben französisch, das ist ganz klar. So Macron schon bei seiner Ankunft in Saint-Pierre, der Inselhauptstadt. Am Tag danach hat Macron dann beim gemeinsamen Pressetermin mit Kani das kanadisch-französische Verhältnis in den Mittelpunkt gerückt. Wir sind stolz, sie in diesem französischen Land Nordamerikas willkommen zu heißen. Das ist unsere Republik, euer Kontinent. Dies ist der erstoffizielle Besuch eines kanadischen Premierministers in Saint-Pierre-et-Miquelon. Und so schreiben ihr heutiger Besuch ihre Anwesenheit, die Austausche, die wir geführt haben, bereits Geschichte. Ich sehe es als Symbol an einer gemeinsamen Überzeugung, dass unsere Beziehung nicht nur aus Paris oder Ottawa aufgebaut ist, sondern auch in diesem Gebiet, das uns zu Nachbarn macht. Wir trennen uns nur 25 Kilometer mehr von der Küste Neufundlands Und durch diese Nähe haben Kanada und Frankreich tiefe Verbindungen durch eine gemeinsame Geschichte. Vor allem die von Fischern, von Seeleuten und Familien, die von Generationen zu Generationen zwischen dem Archipel und Neufundland zirkulieren. Durch eine Wirtschaft, die historisch von Fischerei und Meer geprägt ist. Dann genährt durch den Austausch zwischen unseren beiden Küsten und auch durch die Sprache, das Französische. Was Saint-Pierre-Miquelon mit den frankophonen Gemeinden Kanadas verbindet und uns daran erinnert, wie sehr unsere Kulturen aufeinander reagieren. Der Besuch von Macron in Saint-Pierre ist eine klare Reaktion auf die Karte, die Trump einige Tage vorher bei True Social gepostet hatte. Aber dazu müssen wir natürlich auch sagen, auf einem solch großen Kartenausschnitt wäre es kaum möglich gewesen, explizit den winzigen französischen Außenposten nicht amerikanisch einzufärben. Wahrscheinlich hat der US-Präsident oder ein Mitarbeiter ganz einfach eine KI angewiesen, ganz Nordamerika in den US-Farben darzustellen. Und dann ist Saint-Pierre und Miquelon einfach mitgeschluckt worden. Aber ganz egal, ob technischer Fehler oder symbolischer Fauxpas, in der aktuellen Zeit reicht ein solcher True Social Post von Donald Trump eben schon vollkommen aus, um diplomatische Zuckungen auszulösen. Egal, ob Absicht oder Versehen, Macron versteht da absolut kein Spaß, wenn es um die Souveränität seines oder auch anderer Länder geht. Trump hat bei seiner gefärbten Karte weder für Grönland, Island noch vor Mexiko oder Kuba, geschweige denn vor Kanada oder eben auch der kleinen französischen Inselgruppe Halt gemacht. Dass die Inseln bei den US-Behörden überhaupt auf dem Radar sein dürften, hat übrigens einen ziemlich skurrilen Hintergrund. Im Sommer 2024 kam es zu einem Fischereistreit zwischen Frankreich und Kanada. Ein französisches Schiff wurde sein Fang im Millionenwert nicht wie üblicherweise in Kanada los, sondern in den USA. Ein amerikanischer Zollalgorithmus, vollautomatisiert, hat daraufhin Alarm geschlagen und ein massives Handelsungleichgewicht beanstandet und fälschlicherweise die Inseln bezichtigt, die USA mit Zöllen zu belegen. Daraufhin hat Trump mit den hohen Strafzöllen seinerseits gedroht. Ein völlig absurder Vorgang, der auf einem Missverständnis beruht hat. Das zeigt, wie schnell Kleinigkeiten zu diplomatischen Konflikten werden können. Macron hat übrigens nicht nur die französischen Inseln besucht, sondern den Schulterschluss demonstrativ gesucht mit Kanadas Premier Carney. Kanadas Regierungschef ist eine Art Anti-Trump, der sich stark Richtung Europäische Union orientiert und von Donald Trump permanent als möglicher US-Bundesstaat, also Kanada, ins Visier genommen wird. Ja, wir glauben gemeinsam, dass unsere Länder große unabhängige Nationen sind und dass sie es bleiben wollen. Wir beide glauben an Demokratie, an Rechtsstaatlichkeit, Respekt vor internationalem Recht, Respekt für freien und für fairen Handel. Wir glauben an die Wissenschaft, auf der unsere Entscheidungen basieren und wir glauben an die strategische Autonomie, die wir verteidigen. Und genau das verbindet Kanada und Frankreich sehr tief. Kanada und die Europäische Union. Deshalb unterstützen wir sie sehr in dem Vorhaben, assoziiertes Mitglied der Europäischen Union zu werden. Abseits dieser symbolischen Politik, das französische Überseegebiet ist mehr als nur eine winzige Inselgruppe im Atlantik. An Saint-Pierre und Michelin ist eine große AWZ gekoppelt, eine ausschließliche Wirtschaftszone. Das heißt, hier hat der Küstenstaat das Sagen. In diesem Fall hat Frankreich das alleinige Recht auf alle natürlichen Ressourcen im Wasser, auf dem Meeresboden und im Meeresuntergrund. Das betrifft also die Fischerei und natürlich auch Rohstoffe. Dadurch wird klar, wie groß die geopolitische Bedeutung von Saint-Pierre und Miquelon ist. Von den Inseln aus erstreckt sich die ausschließliche Wirtschaftszone nach Süden. Der Korridor ist schmal, nur etwa 20 Kilometer breit, aber lang, 200 Seemahlen, also 370 Kilometer. Im Norden ist Grönland vergleichsweise nah. Das heißt, St. Pierre und Miquelon ist Frankreichs Tor zur Arktis. Eine Art geopolitische Sprungbrett in die kalten, in die umkämpften nördlichen Breiten, in denen sich Russland, die USA, Kanada und China ein Wettrennen liefern. Und da wären wir wieder bei der Karte von Donald Trump. Sie mag auf den ersten Blick wie eine skurrile Randnotiz wirken oder wie ein Social-Media-Gag, eine Provokation auf Social Media. Aber in Wahrheit zeigt dieser Streit zwischen Trump und Macron, wie wichtig Souveränität, wie wichtig, wie begehrt jeder Quadratkilometer geostrategischer Raum in unseren Ozeanen ist. Das war Wieder was gelernt über Saint-Pierre und Miquelon. Wenn es Ihnen gefallen hat, diese Folge, dann lassen Sie gerne ein Abo da und Sie verpassen keine Folge mehr von Wieder was gelernt, dem NTV-Podcast. Ich bin Kevin Schulte, sage Tschüss, danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.