Hallo und herzlich willkommen zu Das gewünschteste Wunschkind, der Podcast mit Daniel Graf und Katja Seide. Schön, dass ihr auch heute wieder mit dabei seid, denn bei uns geht es heute um ein wirklich spannendes Thema, das in vielen Familien eine große Rolle spielt, aber ganz selten offen besprochen wird, Streit. Wenn Eltern streiten, betrifft das ja nicht nur sie selbst, sondern immer auch die Kinder. Unser heutiger Gast ist Dr. Christian Prülz-Geiger, Pädagoge, Psychologe, systemischer Therapeut und Autor des Buches Hört auf zu streiten. Darin zeigt er, warum Konflikte für Kinder so belastend sein können, wie Eltern aus festgefahrenen Mustern herausfinden und wie wir unsere Beziehung zu unseren Kindern schützen können, selbst wenn es zu Hause kracht. Schön, dass du da bist, Christian. Ja, hallo, ich freue mich über die Einladung. Christian, du erlebst in deiner Arbeit viele Familien in sehr angespannten Situationen. Was begegnet dir dort am häufigsten, wenn es um das Thema Streit geht? Im Grunde sind es ganz viele alltägliche Themen, die da immer wieder vorkommen. Beispielsweise die Schule, die Mithilfe im Haushalt, auch das Erziehungsverhalten. Also es ist ganz viel Alltag, der da ankommt. Oft findet man keine Lösung und oft ist auch die Frage, was liegt eigentlich noch hinter den Themen? Warum kriegen wir keine Lösung oder geht es vielleicht auch doch um was ganz anderes? Was macht Konflikte für Kinder, deiner Erfahrung nach denn so schwer auszuhalten? Also selbst wenn sie gar nicht direkt beteiligt sind, weil sich nur die Eltern streiten. Da gibt es auch einige Faktoren, die eine Rolle spielen. Ganz wichtig ist die Häufigkeit und die Heftigkeit. Also wie oft passiert es, wie heftig sind die Streitigkeiten dabei. Und auch eine Frage jetzt aus Blick des Kindes, kommen die in so ein Gefühl von Hilflosigkeit? Weil das ist es natürlich, was überhaupt kein Mensch mag und auch Kinder nicht mögen. Und Streit kann halt dazu führen, dass die Kinder zum Beispiel in Loyalitätskonflikte kommen. und ich wissen, soll ich jetzt zu Mama halten, soll ich zu Papa halten, wie gehe ich damit um. Bei so Dauerbrenner-Konflikten ist halt auch oft so eine Spannung da. Ich vergleiche das manchmal mit so einer Gewitterstimmung, dass man nie weiß, geht es jetzt dann bald wieder los mit dem Streit oder nicht. Das führt halt zu einer Daueranspannung bei den Kindern. Das sind so Faktoren. Jetzt hast du gerade gesagt, Hilflosigkeit ist etwas, das Menschen nicht empfinden wollen. Die haben stattdessen ein sehr, sehr hohes Bedürfnis nach Sicherheit. Und vor allen Dingen Kinder haben einen ganz, ganz ausgeprägten Wunsch danach, sich sicher zu fühlen. Woran erkennen Eltern, dass das Sicherheitsgefühl ihres Kindes durch vielleicht häufige Auseinandersetzungen im Elternhaus vielleicht ins Wanken geraten ist? Da gibt es ganz unterschiedliche Arten, wie Kinder damit umgehen, die so unterschiedlich Kinder natürlich auch sind. Oft unterscheidet man ja einerseits so, dieses Verhalten gehe ich nach innen, siehe ich mich zurück oder sind es eher Kinder, die nach außen gehen? Beispiele, denke ich, sind zum Beispiel, dass Kinder probieren Kontrolle zu übernehmen, zum Beispiel anfangen zu schlichten, zu trösten, einzuschreiten, Eltern abzulenken. So ein Verhalten nach innen wäre vielleicht einfach immer ruhiger zu werden, sich zu verstecken, sich zurückzuziehen, wenig zu sprechen. Und Jugendliche sind dann manchmal auch einfach wenig zu Hause, weil die schauen, dass sie diesen Stimmungen aus dem Weg gehen. Du arbeitest viel mit der Idee, kindliche Bedürfnisse wahrzunehmen und auch zu spiegeln. Wie kann man sich denn das praktisch vorstellen, wenn jetzt einem Kind zum Beispiel nach einem Streit sehr aufgewühlt ist? Ja, also das Wichtigste wäre natürlich, erstmal den Streit zu unterbrechen, wenn man das gerade hinkriegt oder merkt, einem der Kinder geht es gerade nicht so gut. Und dann wäre der nächste Schritt natürlich, auf das Kind einzugehen, auf Augenhöhe zu gehen. Also so diese Klassiker, die man kennt, auch wenn das Kind sich abgrenzt oder so eine Wünsche nach Distanz äußert, dass man den einfach auch ernst nimmt und respektiert. Und dann ist die Frage, manche Kinder sind dann ja sehr laut und sagen, was soll das oder schimpfen einen dann und andere Kinder ziehen sich sehr zurück. Eine Möglichkeit, die so für beide Varianten passt, ist dann einfach auf die Körpersprache und das Verhalten einzugehen. Zum Beispiel, du redest gar nicht mit mir, wenn sich ein Kind gerade zurückzieht, du dreht mir nur den Rücken zu, du hast dich versteckt. Also dass man das zum Beispiel beschreibt oder wenn Kinder sehr laut werden, oh, du probierst jetzt zu streiten oder du schimpfst uns ja oder so, dass man erstmal auf so das Verhalten eingeht oder auch auf die Körpersprache. Und der nächste Schritt wäre vielleicht, dass man ein Angebot macht und, darauf eingeht, wie fühlst du dich denn? Dass man sagt, oh, jetzt bist du ganz ruhig, schaust mich nicht mehr an. Ich könnte mir vorstellen, dass dich jetzt der Streit gestresst hat oder dass dir das Angst gemacht hat. Was könnte es denn gewesen sein? Also dass man da so eine Annäherung wieder findet. Wichtig ist, dass man zu den Gefühlen des Kindes geht und nicht die eigenen Gefühle reinmischt, weil vielleicht ist man selber auch gerade noch aufgewühlt und damit beschäftigt, sich selber zu regulieren. Aber da ist es dann wichtig, dass man dem Kind nicht was unterschiebt, was man gerade selber fühlt, sondern wirklich probiert herauszufinden, wie geht es dir denn gerade, was ist da gerade los. Und weil man einfach ganz klar aus der Forschung auch weiß, wenn man Gefühle benennt, wenn die Kinder ihre eigenen Gefühle kennen, dann geht der Stress runter, dann kann man sich besser regulieren. Und wenn die Gefühle unten sind, dann kann man auch auf so eine andere Ebene gehen und nochmal überlegen, braucht das Kind jetzt vielleicht Orientierung? So ist das ein Bedürfnis, dass man sagt, um was ging es in dem Streit? Was war denn jetzt gerade los? War das für uns als Eltern schlimm oder wie hast du das wahrgenommen, sodass man das ein bisschen einordnet? Und das andere wäre natürlich auch, dass man vielleicht Lösungen sucht und sagt, wie gehen wir jetzt damit um? Wie können wir das noch in Ruhe weiter besprechen als Eltern? Oder was brauchst du jetzt, damit es dir wieder gut geht und dann hoffentlich da zu einem guten Ergebnis zusammenkommt und das gut auflösen kann? Ja, dazu bedarf es ja einer gewissen Feinfühligkeit. Und wir wissen ja heute alle, wie wichtig es ist, auf Kinder feinfühlig zu reagieren. Jetzt ist es natürlich naturgemäß so, dass es an Konflikten besonders schwer fällt. Kannst du für unsere HörerInnen mal erklären, warum das so ist? Ja, man spricht ja manchmal von so Spillover-Effekten, so habe ich es gelernt zumindest. Und da geht es so darum, dass so der Stress aus dem Streit einfach so in die Erziehung rüber schwappt. Mhm. Das kann zum Beispiel sein, dass man selber noch gestresst ist durch den Streit. Dann reagiert man beim Kind vielleicht mal heftiger, als man das will. Das ist vielleicht zum Überreagieren. Dann ist die Folge davon, dass man schlechtes Gewissen hat und Schuldgefühle und dass man es eigentlich wieder gut machen will. Dann versöhnt man vielleicht wieder. In einem anderen Moment reagiert man wieder über. Und das ist zum Beispiel so eine klassische Art, die das in die Erziehung reinschwappen kann. Und die Kinder bräuchten natürlich am besten eine Konstanz, so gut als halt möglich. Wir sind alle Menschen, dass da Schwankungen gibt, das ist normal. Aber eben für uns als Eltern ist es ja dann manchmal so, dass so Streit oder gerade häufige Streitigkeiten dann doch einen Stress auslösen, dass man viele Themen im Kopf hat, dass man vielleicht schlechter schläft. Und da muss man irgendwie gucken, wie kriege ich das so hin, wie kann ich da gut auf mich achten, dass das halt auf dem Besten nicht dauerhaft in die Erziehung reinrutscht. Also ich denke, was auch logisch ist, wenn wir selber aufgebracht sind, sind wir erstmal mit uns selber beschäftigt und dann kann man ja einfach gar nicht so im Außen sein und gucken, was braucht das Kind jetzt, weil ich erstmal selber damit beschäftigt bin, mich selber zu regulieren und zu gucken, wohin jetzt mit meinem Ärger, meinem Wut, meinem Stress, was auch immer da gerade in uns los ist. In deinen Beratungen spielen ja die Bindungsmuster der Eltern eine große Rolle. Wie beeinflussen diese Muster, wie wir aufeinander reagieren? Ja, diese Bindungsmuster von Eltern oder von uns Erwachsenen haben natürlich einen Einfluss. Eine gute Nachricht ist, dass ganz viele Erwachsene sicher gebunden sind. Gleichzeitig macht so unser Vertrauen in die Bindungen natürlich auch was, wie wir in Konflikte gehen. Wenn ich jetzt zum Beispiel jemand bin, der sehr große Verlustängste hat, dann macht es was, wie oft gehe ich in einen Konflikt rein, wann spreche ich Themen an, wie viel fresse ich vielleicht auch in mich rein. Manchmal hat es auch so eine Glaubenssätze, eine Verbindung, wie wir aufgewachsen sind. Streit macht Beziehungen kaputt, da muss ich Angst haben. Andere wachsen anders auf und merken, Streit kann auch Nähe schaffen. Das kann was Gutes sein, sich mal auseinanderzusetzen, in Konflikt zu gehen. Da spielen diese Erfahrungen einfach eine große Rolle. Okay, du sagst, die meisten sind sicher gebunden. Aber was passiert denn in unserem Streitalltag, wenn jetzt ganz unterschiedliche Bindungsstile aufeinandertreffen? Da gibt es auch eben ganz verschiedene Varianten, aber es kann zum Beispiel sein, dass ein Elternteil vielleicht ein bisschen mehr am Zweifeln ist, nicht so sicher in Bindungen ist, ein anderer Elternteil dafür vielleicht sehr überzeugt von sich ist und da vielleicht auch nicht so bindungsorientiert vorgeht, Dann kann es im Streitverhalten zu so einem Muster führen, dass der eine immer probiert zu schonen, zu beschwichtigen, sich kleiner zu machen oder auf den anderen sehr stark einzugehen. Und der sehr von sich überzeugt ist, vielleicht zu sagen, nee, was soll das? Oder das vielleicht eher als Bestätigung zu nehmen und das abzubügeln und dann entsteht so ein Ungleichgewicht und man kommt eigentlich gar nicht auf Augenhöhe. Oder wie vorher gesagt, dann wird vielleicht unter dem eigentlichen Streitthema noch was anderes verhandelt. Und zwar die Frage, wie sicher sind wir denn, ist unsere Beziehung stabil und da geht es nicht um das Erziehungsthema oder wie kriegen wir den Haushalt besser auf die Reihe, weil im Subtext immer noch verhandelt wird, wie stehen wir zueinander. Jetzt gibt es viele Eltern, die nach solchen Streits die Situation gerne wieder gerade ziehen wollen mit ihren Kindern. Was hilft Kindern denn in solchen Momenten wirklich weiter? Ja, das ist eine wichtige Frage. Ich denke, eins vorneweg ist gut zu sagen und zwar, dass man nichts versprechen soll, was man nicht halten kann, weil das auf Dauer uns ein schlechtes Gewissen macht und auch dazu führt, dass die Kinder dann nicht mehr so an uns glauben oder an unsere Aussagen glauben oder da Vertrauen verlieren. Ich denke, dass es gut ist, in so einem Gespräch, wenn man da probiert, etwas geradezuziehen, mit einer Grundhaltung reinzugehen von, ich will auf mein Kind eingehen, ich will ihm eine gute Atmosphäre bieten, ich will jetzt unsere Beziehung pflegen oder auch die Familienbeziehungen wieder pflegen und die gerade wieder gerade ziehen, wie du gesagt hast, oder die wieder verbessern. Was Kinder dazu häufig brauchen, ist eben, wie vorhin schon gesagt, Orientierung und Kontext. Worum ging es denn jetzt überhaupt? Und das gerade altersgerecht, weil kleine Kinder beziehen es sehr stark auf sich. Gerade wenn es jetzt ein Streit, was weiß ich, um Erziehung oder Schule war, dann fällt oft der Name, dann denken die Kinder manchmal, sie sind schuld. Und da ist es dann gut, sie zu entlasten und zu sagen, pass auf, das ist nicht deine Schuld für die Art und Weise, wie wir streiten und wie wir probieren, Dinge miteinander zu klären. Das ist unsere Elternverantwortung, damit hast du überhaupt nichts zu tun. Und dann probieren wir mit dem Kind vielleicht aufzubauen, wenn man geklärt hat, worum ging es, wie können wir jetzt weitermachen, was brauchen wir, dass wir uns alle wieder wohlfühlen. Und manchmal gibt es in Familien ja auch Versöhnungsrituale. Das ist ja auch was Wichtiges als Gegengewicht zum Streit. Die Frage, wie schaffen wir es, dass es wieder gut ist. Was ich mich immer frage ist, wie viel sollten, dürften, müssten Kinder von Konflikten ihrer Eltern dann überhaupt mitbekommen? Also wo ist die Grenze? Was ist zu viel? Also zu wenig ist mir klar. Kinder sollten auch sehen, dass ihre Eltern streiten, weil sonst lernen sie ja nicht so richtig, wie es funktioniert. Aber kannst du uns helfen, das einzuordnen, ab wann es zu viel wird? Ich kann es versuchen, weil ich finde es auch wirklich eine schwierige Frage. Das ist schwierig, ne? Genau, das ist ja immer so eine Gratwanderung. Ich glaube, das hängt auch sehr davon ab, wie die Kinder sind. Manche sind ja sehr feinfühlig und reagieren auf die kleinste Geschichte schon. Andere sind sehr robust. Manchmal hat man Geschwister, die ganz unterschiedlich sind. Da geht es schon mal los. Ich glaube, eine wichtige Frage dabei ist, wie man streitet und nicht worüber man streitet. Also die Frage ist, in welcher Atmosphäre findet es statt? Bleibt man respektvoll miteinander? Weil alles sowas wie Herabwürdigungen und so weiter, das sollte man natürlich am besten vermeiden. Und auch fliegende Gegenstände oder so. Das ist natürlich etwas, was für Kinder noch mal immer mehr bedrohlich wirkt. Das sollte man natürlich auch vermeiden. Ansonsten, glaube ich, kann man ein bisschen drauf gucken, sind wir noch respektvoll miteinander, kennen die Kinder vielleicht das auch, kennen die auch Versöhnungsrituale und ein paar Themen sollte man natürlich auch außen vor lassen, wenn es zum Beispiel mal ein Fremdgehen gab oder so Themen einfach sind, die die Kinder in diesem Alter noch nichts angehen. Jetzt kann ich mir vorstellen, dass Kinder so, wenn sie häufiger Streit mitbekommen, dann auch Stresssignale aussenden. Gibt es welche, die wir Eltern unbedingt kennen sollten, die irgendwie auch häufig übersehen werden? Ich glaube, die größte Gefahr beim Übersehen ist wahrscheinlich, wenn Kinder zu angepasst sind oder die so ganz cool wirken. Das kennt man ja auch aus der Bindungsforschung in der fremden Situation. Da gibt es ja auch Kinder, die so überhaupt nicht reagieren, wenn die Eltern rausgehen. Dann wurden mal Stresshormone im Blut getestet. Die waren die Kinder, die am meisten gestresst waren. Also dass Kinder da erstmal keine Zeichen zeigen, heißt nicht, dass nicht innen irgendwas los ist. Da glaube ich, darf man sich nicht täuschen lassen. Es gibt ja auch viele Geschichten, wo die Eltern denken, die Kinder haben geschlafen und dann hatten die große Ohren und probieren mitzubekommen, was da so los ist. Manchmal merkt man es ja am Schlafverhalten oder so. Ich merke auch ein bisschen, tue ich mir schwer, da was zu sagen, weil eigentlich kennen Eltern ihre Kinder am besten und wissen so, werden die dann eher nervös, ziehen die sich eher zurück und darauf zu achten. Und ein zweiter wichtiger Punkt, finde ich, ist, man kann ja das mit Kindern auch gut besprechen. Auch zu der vorhergehenden Frage, da kann man ja auch hingehen und sagen, mei, ihr habt mitbekommen, wir haben gestritten, jetzt fragen wir uns, wie war das für euch? Was war blöd? Was war gut? Was sollten wir beim nächsten Mal anders machen? Dass man da die Kinder vielleicht auch eben eine Möglichkeit gibt, mitzuwirken, ihre Meinung zu sagen. Natürlich jetzt vielleicht nicht bestimmen zu lassen, aber dass sie das Gefühl haben, ich werde gehört. Meine Eltern nehmen mich ernst und probieren das auch umzusetzen, dass es in unserer Familie weitestgehend eine schöne Atmosphäre ist. Und man den Kindern aber auch erklärt, Streit gehört dazu, weil wenn sich da was aufbaut, das ist auch nicht schön. und wichtig ist, dass wir alle zusammen im Kontakt drüber sind und schauen, dass es jedem dabei gut geht. Nachvollziehbar. Du arbeitest ja, das finde ich persönlich ganz spannend, oft mit inneren Anteilen oder dem inneren Team. Das ist so ein Konzept, das habe ich relativ spät erst in meiner Elternschaft kennengelernt und wir haben da schon eine ganz tolle Podcast-Folge drüber gemacht. Die verlinken wir für euch in den Shownotes. Aber an dieser Stelle finde ich es besonders spannend, das nochmal ins Gespräch zu bringen. Kannst du erklären, wie dieses Modell Eltern helfen kann, sich in Konflikten besser zu verstehen? Ich kann es versuchen, weil das ist ja ein großes Feld, so das innere Team. Absolut, ja. Und wie gesagt, man kann da locker eine Podcast-Folge drüber füllen. Aber ich finde es manchmal ganz hilfreich, dass man mal so schaut. Also im inneren Team geht es ja darum, welche inneren Anteile habe ich, wer ist denn jetzt gerade beteiligt. Zum Beispiel, was weiß ich, mein innerer Elternanteil, mein Mama, mein Papa-Anteil, der Partneranteil. Geht es vielleicht auch um einen verbindlichen Teil, der im Job, dem es wichtig ist, pünktlich zu sein? Oder da gerade durch eine stressige Phase muss, also dass man mal guckt. Welche Stimmen habe ich denn da gerade so in mir, die jetzt gerade dazu führen, dass ich streite, weil manchmal hilft einem allein schon, sich selber darüber klar zu werden, um was es geht, dass man gar nicht mehr so viel streiten muss oder dass, wenn man in so ein Gespräch geht, sich auch klarer ist, worum geht es mir denn eigentlich? Und vielleicht auch innere Konflikte zu benennen und zu sagen, weißt du, einerseits geht es mir darum, ich will da gut auf unsere Kinder schauen, Und andererseits habe ich gerade so einen Stress in den Job und ich weiß nicht, wie ich es gerade hinkriege. Und wenn du dich da noch so verhältst, dann wird es nochmal schwieriger. Also dann kann man manchmal vielleicht Dinge besser benennen und hat eine größere innere Klarheit und vielleicht auch eine Haltung. Wie gehe ich da rein? Was will ich benennen? Das finde ich ganz spannend. Einfach auch, um sich selber kennenzulernen. Dann lass uns mal über Eskalationsmuster sprechen. Wie erkennst du denn, dass ein Paar in so einem Muster festhängt und gibt es da irgendwie einen ersten Schritt, den man machen kann, um da rauszukommen? Ja, also vielleicht erst mal so, was sind Konfliktmuster? Welche gibt es denn da? Es gibt so verschiedene Sachen, wo man drauf gucken kann. Zum Beispiel, wie eskaliert ein Streit? Da gibt es so zwei Möglichkeiten. Das eine, das ist vielleicht so das Klassische, was man so kennt, dass man symmetrisch eskaliert. Das heißt, einer wird lauter, der andere wird lauter und dann geht es immer so weiter nach oben oder auch andersrum. Einer spricht weniger Konflikte, der nächste wird auch noch ruhiger und dann spricht man immer weniger. Und da gibt es noch so ein zweites Muster, das heißt Komplementär. Das heißt zum Beispiel, wenn einer immer lauter wird, wird der andere immer leiser oder beschwichtigt immer mehr. Dann geht man so in unterschiedliche Richtungen. Und daraus kann man ja so ein bisschen was lernen, wenn man Konflikte verhindern will. Wie ist das bei uns? Streiten wir eher symmetrisch oder eher komplementär? Weil wenn man symmetrisch streitet, kann man sagen, was weiß ich, dann machen wir ein Timeout-Zeichen oder irgendwas aus, dass wir uns gegenseitig nicht so hoch schießen zum Beispiel. Und beim Komplementären, dass man vielleicht sagt, jetzt bemüht sich der eine vielleicht mal ein bisschen ruhiger zu bleiben und der andere dafür ein bisschen mehr aus sich rauszugehen und auch was zu sagen, damit man da im besten Fall näher an eine Lösung kommt oder halt in so einem konstruktiven Bereich bleibt. So ein anderes Muster, auf das man gucken kann, ist so heiß versus kalt beim Konflikt. Heißer Konflikt heißt, es geht heiß her, wie es schon heißt. Kalter Konflikt heißt, man spricht nicht mehr miteinander. Und wichtig ist oft, weil man vielleicht denkt, ist das kalte Konflikt besser für die Kinder? Das ist auch nicht besser, weil die Kinder merken ja, da ist die Atmosphäre abgekühlt oder da passt was nicht so gut. Und bei den heißen Konflikten, also da kannst du ja, sagst du gerade, wirklich hoch hergehen. also die Stimmung am Kochen sein. Gibt es denn so Strategien, die uns helfen, da möglichst schnell Druck aus der Situation zu nehmen? Ja, die Strategie ist dann immer so ein bisschen unbefriedigend, weil die meistens heißt, besprecht mal eure Konflikte, wenn ihr gerade keinen habt. Das macht man natürlich oft nicht. Ja, einerseits. Andererseits ist man natürlich froh, wenn es gut läuft und der Familienalltag voll genug, dass man immer was hat, über das man sprechen könnte oder sollte oder müsste oder was man planen sollte. Aber gleichzeitig ist es, wenn man einen kühlen Kopf hat, doch besser darüber zu sprechen, was macht man denn das nächste Mal. Und ich kenne da schon Eltern, die aber auch zum Teil sogar mit ihren Kindern sowas erarbeitet haben, so aus dem Sport angelehnt. Wir zeigen Time-Ort-Zeichen, wenn wir merken, wir kommen in Stress. Das dürfen dann die Kinder manchmal auch machen. Und dann geht man erstmal jeder in ein Zimmer oder in den Garten oder was man so zur Verfügung hat als Rückzugsort und probiert erstmal wieder runterzukommen. Wenn man so ein Agreement gefunden hat, wir wollen, dass es nicht so hoch hergeht und wir wollen alle zusammen arbeiten, dass es halt nicht so eskaliert zum Beispiel. Das ist so eine Möglichkeit zum Beispiel. Was sind denn aus deiner Sicht so typische Teufelskreise, sage ich mal, in Familien, die solchen Streit immer wieder anheizen? Da gibt es auch ganz unterschiedliche. Was ich oft in Familien erlebe, ist, wenn es ein bisschen enger wird, die Ressourcen begrenzt sind, wenn jetzt gerade zum Beispiel ein zweites Kind auf die Welt kommt, der Schlaf weniger wird und der Stress steigt, dass man dann so ein Gefühl hat, halt so, ich kann nicht mehr, mach du doch mal. Der andere sich aber auch vielleicht am Rande der Kraft fühlt und sagt, aber du hättest doch vielleicht doch noch ein paar Energien mehr. Und dann wird das wie so ein Wettstreit oder so eine, ja, mach du doch, mach du doch. Wer hat noch mehr Energie? Und anstatt das mal vielleicht so probiert, einen Schritt zurückzunehmen und zu sagen, wir sind beide eigentlich am Ende, wie kriegen wir es noch hin? Aber das ist so eine Spirale, die sich oft dreht. Und so eine andere Spirale, die es immer wieder gibt, wenn Themen nicht ganz gelöst werden, ist, dass es so eine Phase von einem Spannungsaufbau gibt, wo man merkt, da braut sich was zusammen, dann kracht es mal ordentlich. Und danach ist man ganz nett zueinander, bemüht sich das zu beschwichtigen, wieder gut zu sein, zu kitten, aber hat vielleicht das Thema nicht wirklich gelöst, um das es geht oder so die Muster, die da drunter liegen, nicht gelöst. Und dann ist es nach so einer, es wird dann oft Honeymoon-Phase genannt, dann kommt es wieder zum neuen Spannungsaufbau und kracht wieder. Okay. Und da ist dann natürlich die Frage, wie kommt man so an die grundlegenden Themen, die da sind und wie kann man die gut auflösen miteinander oder auch akzeptieren, dass man unterschiedlich ist und dass es für manche Lösungen keine klare Lösung gibt. Also wie sagt man da so, we agree to disagree und da so einen Waffenstillstand findet oder so. Jetzt hast du gesagt vorhin, man kann schlecht abgrenzen, wie häufiger Streit schwierig ist. Ich würde gerne mal wissen, in Bezug auf die Intensität, was wird denn da schwierig? Also irgendwann wird es ja gewaltvoll. Wie definierst du denn Gewalt in Familien und woran merken Eltern, dass möglicherweise die Grenze dahin überschritten wurde? Ja, Gewalt hat ja verschiedene Formen und Gesichter. Und ich glaube, am klarsten ist oft die körperliche Gewalt erkennbar. Wenn jemand sich entscheidet, zuzuschlagen oder man schubst oder irgendwie so, dann ist das eine klare Form von Gewalt. Es gibt aber auch so eine psychische oder eine seelische Form von Gewalt, die fängt dann oft schon an oder klar an, wenn es Herabwürdigungen gibt, wenn es persönlich wird, wenn andere klein gemacht werden, wenn es Beleidigungen gibt. Das ist eigentlich schon alles eine Form von psychischer Gewalt, wo man sich überlegen sollte, was ist gerade bei uns los, das Fortschritt. Man vielleicht auch in so eine Not kommt und sich nicht mehr anders helfen zu weiß, als jetzt so zu reagieren. Es gibt aber auch so nochmal ganz andere Formen von Gewalt, die nochmal anders benannt werden. Es ist soziale Gewalt, wenn jemand probiert oder man das Gefühl hat, der andere unterminiert zu meinen Beziehungen, zu Eltern, Freunden, Netzwerken. Oder auch auf einer finanziellen Ebene, wenn einer sehr stark die Kontrolle über anderes hat und immer mehr Abhängigkeiten geschaffen werden. Auch in solchen Fällen spricht man ganz von Gewalt. Okay, und wahrscheinlich sollte man sich in der Situation dann, also wenn man jetzt merkt, okay, dass bei uns eskaliert der Streit so, dass das jetzt als Gewalt definiert werden könnte, dann sollten wir uns wahrscheinlich Hilfe holen. Aber dieser Schritt, Hilfe zu holen, ist ganz stark mit Scham besetzt. Kennst du irgendwelche niedrigschwelligen Möglichkeiten für Eltern, wo sie sich Unterstützung holen können? Da gibt es einige, würde ich sagen. Also ich glaube, am bekanntesten ist so die Nummer gegen Kummer mit dem Elterntelefon, wo man einfach mal anrufen kann, auch anonym sozusagen mal mit jemandem besprechen kann oder sich ein Feedback von außen holen kann. Wie schätzt das da jemand ein, der geschult ist? Aber ich finde jetzt auch zum Beispiel Erziehungsberatungsstellen oder Ehefamilien-Lebensberatungsstellen sind ein niedrigschwelliges Angebot, das eigentlich in Deutschland in jeder Kommune gibt, wo man mal so sich so eine Beratung holen kann. Und mir ist auch klar, das ist oft schambesetzt oder man fühlt sich dann so ein bisschen wie am Scheitern, aus der Erfahrung würde ich aber sagen lieber geht man zu früh irgendwo hin und holt sich eine Moderation oder eine Beratung weil je festgefahrener ein Konflikt ist und je beleidigender man geworden ist oder je mehr Porzellan zerschlagen ist desto schwieriger wird es auch wieder rauszukommen also deswegen ist mein großes Plädoyer immer lieber mal zu früh und sich dann rauszugehen mit so einem Gefühl Ach, bei uns ist es gar nicht so schlimm, als dass man es zu lange da hinschleppt, weil dann wird es irgendwie immer schwieriger, auch so Kränkungen und Verletzungen und was da alles so passiert, auch wieder zu kitten oder sich wieder auch zu versöhnen im besten Fall. Ich würde gerne zum Abschluss unserer heutigen Folge noch wissen, wenn jetzt vielleicht jemand zuhört, der sagt, ja, irgendwie streiten wir uns im Moment ganz schön viel. Was ist denn so für dich der wichtigste Gedanke, den du jetzt mitgeben könntest? Wie in der Frage vorher gesagt, vielleicht ist es dann doch mal wert, in eine Beratung zu gehen. Und ansonsten kann man sich vielleicht noch mal überlegen, wie schaffen wir es denn, das gut hinzubekommen oder vielleicht aus der Familie rauszuhalten, indem man zum Beispiel sagt, Streikgespräche führen wir nur im Café oder im öffentlichen Raum, weil man sich da meistens doch anders benimmt als zu Hause. Im besten Fall, ja. Oder manche sich auch leichter tun in Bewegung, wenn man zum Beispiel spazieren geht und so nicht dieses Auge in Auge hat, sondern so eher nebeneinander geht. Das ist ein Setting, das für viele fast angenehmer ist, als jetzt so am Tisch zu sitzen und das so zu machen. Das stimmt. Dann ist nochmal, was vorher auch schon gesagt wurde, vielleicht mal zu gucken, gibt es doch Streitpausen, wo man Sachen besprechen könnte? Und vielleicht auch nochmal den Schritt zurück zu machen, um was geht es mir denn eigentlich? Und sich zu überlegen, was ist mir wichtig? weil ein Kollege sagt oft so, unser Alltag als Eltern ist die Kindheit unserer Kinder. Also das prägt es. Und wie soll das sein? Wo will ich eigentlich mit meinen Kindern hin? Und wie... Was ist da im Hier und Jetzt und Heute wichtig, damit ich meine Langzeitziele so für meine Kinder erreiche? Das ist immer ein bisschen so moralisch aufgeladen vielleicht, wenn man das so sagt. Aber ich kenne auch viele Eltern, denen das hilft, dass man so sagt, jetzt zu dieser Schritt zurück und zu überlegen, wo will ich denn hin, das hilft mir schon nochmal, weil jetzt gerade bin ich irgendwie so im Tunnel. Das ist auch so ein Phänomen, das Konflikte auslösen, dass dann irgendwie die Schollklappen immer ein bisschen enger werden. Und die Frage eigentlich ist, wie kriege ich wieder ein bisschen einen weiteren Blick und vielleicht auch eine gewisse Leichtigkeit oder vielleicht auch wieder ein bisschen Humor in die Sache reingestreut. Das hilft dann doch, auch wenn es sehr schwierig ist. Ja, halt immer wirklich mal die Zeit nehmen, einen Schritt zurücktreten. Reflektieren und durchatmen. Genau. Herr Christian, ganz, ganz lieben Dank für dieses Gespräch. Wir nehmen mit, Konflikte gehören zu Familien dazu. Aber wie wir damit umgehen, das entscheidet darüber, ob unsere Kinder daran wachsen oder darunter leiden. Vielen Dank für die Einladung. Wenn ihr euch heute wiedererkannt habt oder merkt, dass ihr etwas verändern wollt, dann findet ihr in Christians Buch Hört auf zu streiten. Viele alltagstaugliche Impulse und Übungen, die euch dabei unterstützen. Wir verlinken das Buch natürlich auch wieder in den Shownotes und schaut auch gern mal bei Insta vorbei. Dort verlosen wir nämlich parallel zum Erscheinen des Podcasts ein Exemplar. Vielen Dank an euch fürs Zuhören. Wir freuen uns, wenn ihr beim nächsten Mal wieder mit dabei seid. Für heute sagen wir Tschüss. Tschüss. Tschüss. Das war der Podcast vom gewünschtesten Wunschkind.