WEBVTT

00:00:14.649 --> 00:00:18.449
Hallo und herzlich willkommen zu Das gewünschteste Wunschkind der Podcast mit

00:00:18.449 --> 00:00:20.829
Daniel Graf und Katja Seidem.

00:00:21.449 --> 00:00:26.809
Jugendliche stehen heute unter größerem Druck als je zuvor, was sich immer häufiger

00:00:26.809 --> 00:00:28.849
auf ihre psychische Gesundheit auswirkt.

00:00:29.029 --> 00:00:33.769
Wir wollen heute darüber sprechen, was Jugendliche wirklich brauchen und wie

00:00:33.769 --> 00:00:36.969
wir sie dabei unterstützen können, gesunde Erwachsene zu werden.

00:00:37.629 --> 00:00:41.569
Dazu haben wir die Psychologin Carolin Schulen und den Journalisten Goli Mabo

00:00:41.569 --> 00:00:45.369
eingeladen, die gemeinsam das Buch Jugend unter Druck geschrieben haben.

00:00:45.649 --> 00:00:48.909
Mit ihnen wollen wir über die psychischen Herausforderungen Jugendlicher,

00:00:49.149 --> 00:00:54.049
die Ursachen, die Folgen und vor allem über mögliche Lösungswege sprechen. Herzlich willkommen.

00:00:54.669 --> 00:00:57.029
Hallo, grüß Gott. Danke für die Einladung.

00:00:57.829 --> 00:01:01.969
Das Thema psychische Gesundheit bei Jugendlichen ist momentan gesellschaftlich

00:01:01.969 --> 00:01:03.869
ja relativ wenig beachtet.

00:01:04.209 --> 00:01:08.129
Warum sollten wir aber dringend darüber sprechen? Das ist immer eine Frage der

00:01:08.129 --> 00:01:11.729
Perspektive. Aus meiner Perspektive wird mehr darüber gesprochen als je zuvor.

00:01:11.969 --> 00:01:15.009
Vielleicht noch nicht genug, aber es wird mehr dazu gesprochen.

00:01:15.429 --> 00:01:19.789
Und über diese Aufmerksamkeit freue ich mich. Auch die Jugendphase ist prinzipiell

00:01:19.789 --> 00:01:25.089
eine sehr vulnerable, also eine sehr verletzliche Phase, wo die Jugendlichen

00:01:25.089 --> 00:01:28.609
in sehr vielen Veränderungsprozessen sich befinden.

00:01:29.309 --> 00:01:33.769
Und wir wissen, dass viele psychische Erkrankungen auch genau in dieser Zeit,

00:01:33.949 --> 00:01:38.669
in dieser Phase zwischen 15 und 25 Jahren erstmals auftreten.

00:01:39.389 --> 00:01:42.549
Das heißt, wir haben hier eine Phase, wo wir einerseits eingreifen können,

00:01:42.789 --> 00:01:48.009
auch präventiv agieren können und auch sehr viel, wie soll ich sagen,

00:01:48.769 --> 00:01:52.789
es ist eine gute Phase hier auch, um Aufmerksamkeit für dieses Thema zu schaffen.

00:01:54.089 --> 00:01:57.269
In den letzten Jahren und speziell seit der Corona-Krise haben wir,

00:01:58.211 --> 00:02:06.271
doch vermerkt gesehen, dass das Thema psychische Gesundheit mehr Aufmerksamkeit braucht.

00:02:06.611 --> 00:02:09.511
Was wir prinzipiell sehen, ist, dass junge Menschen angeben,

00:02:09.651 --> 00:02:18.211
dass sie massive Zukunftsängste haben, dass sie persönlich unter Ängsten leiden,

00:02:18.311 --> 00:02:21.211
dass es Phasen der depressiven Verstimmung gibt,

00:02:21.431 --> 00:02:27.471
dass es natürlich große Themen rund um Identität und Werteentwicklung gibt,

00:02:27.471 --> 00:02:29.851
dass sie aber auch unter Leistungsdruck stehen.

00:02:30.131 --> 00:02:34.791
Und wir verstehen das einerseits natürlich als zugehörig zu diesem Alter und

00:02:34.791 --> 00:02:37.371
zu dieser Entwicklung, zum Prozess des Erwachsenwerdens.

00:02:37.591 --> 00:02:43.731
Und andererseits liegt die Vermutung schon sehr nahe, dass aufgrund unserer

00:02:43.731 --> 00:02:46.531
globalisierten Welt der Zugang zu digitalen Medien.

00:02:47.431 --> 00:02:52.991
Zu dem Informationsflut, der wir alle ausgesetzt sind, sich noch einmal vermittelt.

00:02:53.395 --> 00:02:58.475
Das Stress erhöht. Und bei jungen Menschen, die auch noch viel weniger Erfahrungen

00:02:58.475 --> 00:03:02.095
gemacht haben im Punkt der Krisenbewältigung,

00:03:02.735 --> 00:03:08.075
haben auch noch weniger Erfolgserlebnisse vielleicht als Menschen im fortgeschrittenen

00:03:08.075 --> 00:03:14.075
Lebensalter vorweisen können, je viel empfänglicher sind für viele dieser Druck- und Stressfaktoren.

00:03:14.075 --> 00:03:20.335
Und selbstverständlich bemerken wir, dass psychische Themen in der Öffentlichkeit

00:03:20.335 --> 00:03:26.035
entgegen ihrer lustigerweise Prämisse mehr Beachtung finden als noch vor einigen Jahren.

00:03:26.075 --> 00:03:28.555
Und wenn Covid was Gutes hatte, dann glaube ich, ist es das,

00:03:28.775 --> 00:03:31.615
dass wir heute über die Psyche mehr sprechen als bis dahin.

00:03:32.495 --> 00:03:38.655
Ich persönlich bemerke auch, dass wir Fragen stellen nach mehr Schulpsychologie,

00:03:38.835 --> 00:03:42.695
mehr Schulsozialarbeit, mehr Psychotherapie auf Krankenschein und ähnlichen

00:03:42.695 --> 00:03:45.335
Maßnahmen. Und die sind auch wichtig und richtig.

00:03:45.535 --> 00:03:47.635
Und alles, was die Karoline Tschulen gerade beschrieben hat,

00:03:47.775 --> 00:03:51.775
stimmt natürlich, dass wir hier besonderen Drucksituationen ausgeliefert sind.

00:03:51.875 --> 00:03:55.075
Aber ich möchte gerade Erziehungsberechtigte ansprechen, Mütter,

00:03:55.175 --> 00:03:57.935
Väter, ob denn das genug ist.

00:03:58.175 --> 00:04:02.595
Denn da reden wir eigentlich dauernd nur von Sanierung. Mich persönlich interessiert

00:04:02.595 --> 00:04:05.495
ehrlich gesagt viel mehr, wie könnten wir an einer Gesellschaft arbeiten,

00:04:05.515 --> 00:04:07.195
in der weniger Menschen krank werden.

00:04:07.775 --> 00:04:12.995
Und mein Fokus bei der Untersuchung dieser Themen liegt daher vor allem darin,

00:04:13.355 --> 00:04:15.435
wie wir ein gesellschaftliches Klima schaffen,

00:04:16.055 --> 00:04:19.135
indem man das Anderssein nicht bewertet als gut oder schlecht,

00:04:19.475 --> 00:04:24.675
sondern das Anderssein einfach als etwas wahrnimmt, das einen Menschen beschreibt.

00:04:24.675 --> 00:04:29.655
Und gerade junge Menschen sollten Unterstützung bekommen von uns Eltern und

00:04:29.655 --> 00:04:33.175
Erziehungsberechtigten, dass sie so sein dürfen, wie sie gerade sein können.

00:04:33.495 --> 00:04:36.115
Und nicht so sein müssen, wer eine Norm das möchte.

00:04:37.380 --> 00:04:41.740
Okay, dann lassen Sie uns doch nochmal auf den Alltag der Jugendlichen schauen.

00:04:42.220 --> 00:04:46.740
Sie haben gerade gesagt, die Jugendlichen erleben sich mehr unter Druck heute.

00:04:47.580 --> 00:04:52.160
Welche Formen von Druck sind das denn? Welche wirken heute am stärksten und

00:04:52.160 --> 00:04:56.120
vielleicht auch, was wir Eltern da präventiv tun können?

00:04:56.120 --> 00:05:00.100
Unseren Studien zufolge und auch unseren Umfragen zufolge, die wir im Rahmen

00:05:00.100 --> 00:05:05.500
der Mental Health Days, einem Mental Health Literacy Projekt in österreichischen Schulen durchführen.

00:05:05.760 --> 00:05:08.120
Da waren wir in den letzten dreieinhalb Jahren, die es uns gibt,

00:05:08.220 --> 00:05:12.380
bei etwa 200.000 Lehrlingen und Schülerinnen im Alter von 10 bis 19 Jahren.

00:05:13.060 --> 00:05:17.580
Und dort kristallisiert sich ganz eindeutig heraus, dass die größte Belastung

00:05:17.580 --> 00:05:20.020
der sogenannte Leistungsdruck ist.

00:05:20.440 --> 00:05:23.940
Jetzt kann man die Wurzeln des Leistungsdrucks natürlich auf verschiedenen Ebenen

00:05:23.940 --> 00:05:27.680
des Alltags suchen. Und das beginnt klarerweise mal schon damit,

00:05:27.820 --> 00:05:29.560
dass man versucht durchzukommen in der Schule.

00:05:29.720 --> 00:05:30.680
In Deutschland gibt es ja dann

00:05:30.680 --> 00:05:33.800
bei den höheren Schulen auch noch die Herausforderung des Numerus Clausus.

00:05:34.220 --> 00:05:38.060
Und bei uns ist es halt die Matura.

00:05:39.140 --> 00:05:43.300
Und das Zweite, was man natürlich sagen kann, ist die Vergleichbarkeit im Netz.

00:05:43.980 --> 00:05:49.360
Selbstverständlich machen soziale Medien viel aus, was das Leistungsdruckverständnis

00:05:49.360 --> 00:05:51.360
der jungen Menschen betrifft.

00:05:52.040 --> 00:05:56.060
Und das Dritte sind dann aber wahrscheinlich auch die Projektionen der Eltern,

00:05:56.300 --> 00:05:59.720
dass sie in den Kindern Dinge verwirklicht gesehen haben wollen,

00:05:59.900 --> 00:06:04.300
die sie vielleicht für sich selbst sich gewünscht hätten oder von sich selbst erwartet hätten.

00:06:05.280 --> 00:06:08.920
Und vielleicht erleben sie solche Sätze, wenn ein Kind mit einer,

00:06:09.080 --> 00:06:12.400
bei uns würde man sagen, mit einem Dreier oder einem Vierer nach Hause kommt,

00:06:12.460 --> 00:06:15.500
dass die Mutter und der Vater dann zum Kind sagt, wenn du noch ein bisschen

00:06:15.500 --> 00:06:17.520
gelernt hättest, hättest du dann Zweier haben können.

00:06:17.860 --> 00:06:21.960
Also eine bessere Note, statt dass man sagt, toll, dass du eine positive Note hast.

00:06:22.800 --> 00:06:26.240
Und Leistungsdruck drückt sich in vielen, vielen, vielen Alltagssituationen

00:06:26.240 --> 00:06:28.160
aus, die wir gar nicht mehr so richtig bemerken.

00:06:30.206 --> 00:06:33.806
Eines der größten Themen an Schulen ist ja vor allen Dingen Mobbing.

00:06:34.106 --> 00:06:36.666
Also allein darüber könnten wir wahrscheinlich eine ganze Folge machen.

00:06:36.846 --> 00:06:41.086
Ich würde gerne an dieser Stelle vor allem wissen, welche langfristigen Auswirkungen

00:06:41.086 --> 00:06:46.486
es denn auf Jugendliche haben kann und wie ich mein Kind als Elternteil unterstützen kann.

00:06:47.306 --> 00:06:50.706
Okay, langfristige Auswirkungen fange ich mal an.

00:06:51.646 --> 00:06:56.006
Wir wissen, dass soziale Ausschluss und das bedeutet Mobbing ja,

00:06:56.146 --> 00:07:00.686
aus einer sozialen Gruppe ausgeschlossen werden, für uns Menschen als durch

00:07:00.686 --> 00:07:04.946
und durch soziale Wesen eine der größten emotionalen Bedrohungen ist.

00:07:05.226 --> 00:07:12.426
Das heißt, das löst in uns allen Angst, Kummer, Schmerz bis hin zu tatsächlich

00:07:12.426 --> 00:07:17.606
körperlichen Schmerzen aus, also Kopfweh, Bauchweh,

00:07:18.626 --> 00:07:20.726
Manifeste, Erkrankungen.

00:07:21.646 --> 00:07:25.646
All das sind Reaktionsweisen, typische Reaktionsweisen auf Mobbing.

00:07:26.886 --> 00:07:28.166
Kinder und Jugendliche...

00:07:29.180 --> 00:07:33.580
Sind besonders anfällig für Mobbing, weil sie erstmals beginnen zu spüren,

00:07:33.640 --> 00:07:36.740
dass sie sich auch in einer sozialen Gruppe als mächtiger leben können.

00:07:37.740 --> 00:07:41.720
Da sind soziale Gruppen eine gute Spielweise, um das zu üben.

00:07:41.800 --> 00:07:46.460
Wie kann ich sozialen Druck ausüben? Wie kann ich mich selber mächtiger fühlen?

00:07:46.540 --> 00:07:50.660
Wie kann ich meine Rolle in einer sozialen Gruppe festigen? All das ist wichtig

00:07:50.660 --> 00:07:51.840
für menschliches Überleben.

00:07:52.340 --> 00:07:56.220
Genauso wichtig ist es, Sicherheit zu empfinden und zu wissen,

00:07:56.220 --> 00:07:58.480
Ich gehöre zu einer Gruppe dazu.

00:07:59.860 --> 00:08:05.840
Und das führt dazu, dass Mobbing, wenn das tatsächlich über längere Zeit geht,

00:08:06.020 --> 00:08:11.440
wenn es da keine Unterstützungsleistungen gibt, wenn das nicht unterbrochen wird,

00:08:12.020 --> 00:08:19.920
wir Auswirkungen sehen, die von Angststörungen über Depressionen bis hin zu

00:08:19.920 --> 00:08:24.340
suizidalen Gedanken oder tatsächlich auch Suiziden führen können.

00:08:25.280 --> 00:08:29.660
Und Menschen, die Mobbing-Erfahrungen gemacht haben, berichten noch lange Zeit

00:08:29.660 --> 00:08:34.600
danach auch von posttraumatischen Belastungsstörungssymptomen.

00:08:35.100 --> 00:08:39.880
Das heißt, das ist nichts, was zu bagatellisieren ist.

00:08:40.440 --> 00:08:44.700
Und Mobbing löst sich auch sehr selten von selbst auf.

00:08:45.360 --> 00:08:49.460
Da bitte ich Golly dann auch nochmal dazu zu sprechen, wie ihr das immer wieder

00:08:49.460 --> 00:08:54.000
erlebt. Aber mein Appell ist, Mobbing-Phänomene tatsächlich sehr ernst zu nehmen

00:08:54.000 --> 00:08:57.740
und gerade in Schulen hier vor allem präventiv zu machen.

00:08:58.284 --> 00:09:03.684
Und nicht erst zu warten, bis ein Mobbingfall aufkommt, weil Kinder und Jugendliche

00:09:03.684 --> 00:09:08.564
beschreiben sehr oft, dass das natürlich hinter dem Rücken der Erwachsenen,

00:09:08.724 --> 00:09:11.944
der Eltern, der Pädagoginnen und Lehrerinnen stattfindet.

00:09:12.024 --> 00:09:16.164
Und es ist nicht so leicht, als jemand, der nicht Teil einer Gruppe ist,

00:09:16.384 --> 00:09:19.364
zu bemerken, welche Dynamiken laufen innerhalb einer Gruppe ab.

00:09:19.364 --> 00:09:23.464
Wenn wir im Rahmen der Mental Health Tests die Kinder und die jungen Erwachsenen fragen,

00:09:23.924 --> 00:09:29.164
warum glaubt ihr, mobbt jemand wie einen anderen, dann kriegen wir von den Jugendlichen

00:09:29.164 --> 00:09:32.404
die Antwort, weil selbst mal gemobbt worden, weil zu Hause keine Ansprache,

00:09:32.484 --> 00:09:34.564
weil will sich wichtig machen, hat keine Freundinnen.

00:09:35.124 --> 00:09:38.744
Von außen betrachtet sieht man dann sehr schnell, dass Menschen,

00:09:38.824 --> 00:09:43.184
die mobben, sich von jenen, die gemobbt werden, von außen betrachtet nicht wirklich

00:09:43.184 --> 00:09:45.064
unterscheiden. Beide sind bedürftig.

00:09:45.324 --> 00:09:48.624
Und dann stellen wir den gleichen Kindern und jungen Erwachsenen die Frage,

00:09:48.904 --> 00:09:54.164
könnte es Mobbing geben ohne Wegschauer, Hinschauer oder Mitmacherinnen?

00:09:54.604 --> 00:09:58.244
Und dann sagen die, na ohne Publikum gibt es kein Mobbing. Spätestens dadurch

00:09:58.244 --> 00:10:00.864
wird klar, dass Mobbing ein System ist.

00:10:01.044 --> 00:10:05.104
Und es ist sehr wichtig zu verstehen für die Pädagoginnen und Pädagogen,

00:10:05.204 --> 00:10:09.064
für die Erziehungsberechtigten, dass man Mobbing daher nicht begegnen kann,

00:10:09.184 --> 00:10:15.444
indem man einen Mobber der Schule verweist oder eine gemobbte Person bittet, die Klasse zu wechseln.

00:10:15.444 --> 00:10:19.744
Nein, dann wird das wieder aufploppen. Das nützt gar nichts.

00:10:20.384 --> 00:10:24.984
Wirklich hilfreich ist lediglich, dass von außen, wer kommt,

00:10:25.264 --> 00:10:31.544
der versucht, dieser Gruppe eine Atmosphäre einzuhauchen, in der das Anderssein

00:10:31.544 --> 00:10:39.764
ausgehalten wird oder dass man sich sogar im Unterschiedlichsein mögen lernt.

00:10:39.764 --> 00:10:45.684
Und ganz wichtig ist in dem Zusammenhang, dass die Pädagoginnen und Pädagogen Teil des Systems sind,

00:10:46.164 --> 00:10:50.324
meistens indem sie wegschauen und daher können die das auch nicht sanieren,

00:10:50.564 --> 00:10:54.584
sondern es braucht externe Hilfe, die die Schule hier in Anspruch nehmen muss

00:10:54.584 --> 00:10:57.464
von NGOs, die bereit sind, da zu unterstützen.

00:10:59.518 --> 00:11:05.438
Okay, das ist gut zu wissen. Wie sieht es denn eigentlich beim Thema Sucht aus? Nimmt die zu?

00:11:05.658 --> 00:11:07.798
Also ich habe das Gefühl, die nimmt zu, aber ich weiß nicht,

00:11:07.978 --> 00:11:10.678
ob das statistisch gesehen so richtig ist.

00:11:11.098 --> 00:11:16.618
Und kann man das als Elternteil irgendwie begleiten? Also nimmt das zu oder nimmt das nicht zu?

00:11:17.758 --> 00:11:20.598
Die Zahlen sind nicht immer sehr verlässlich. Was wir bemerken,

00:11:20.838 --> 00:11:23.958
ist, dass die Mittel, die konsumiert werden, sich verändern.

00:11:24.578 --> 00:11:27.778
Vom klassischen Alkoholkonsum, der aber nach wie vor, würde ich sagen,

00:11:27.798 --> 00:11:31.798
im deutschsprachigen Raum Nummer eins der Suchtmittel ist und auch ein gefährliches

00:11:31.798 --> 00:11:35.238
Suchtmittel ist, ist die Jugendzeit natürlich auch eine Zeit,

00:11:35.338 --> 00:11:37.998
wo viele andere Rauschmittel konsumiert werden.

00:11:38.998 --> 00:11:44.618
Wir stellen fest, dass junge Menschen besser informiert sind zu Rauschmitteln,

00:11:44.778 --> 00:11:50.418
dass sie teilweise dennoch früher beginnen zu konsumieren.

00:11:51.318 --> 00:11:57.718
Die Manifeste Sucht zeigt sich dann sehr oft erst im jungen Erwachsenenalter.

00:11:57.958 --> 00:12:02.318
Und da merken wir, dass wenn tatsächlich Süchte bestehen, dass das nach wie

00:12:02.318 --> 00:12:07.618
vor meistens der Alkohol ist, auch wenn in der Jugendzeit mit anderen Mitteln experimentiert wurde.

00:12:08.838 --> 00:12:14.658
Was Eltern dazu tun können, und das ist eine wichtige Frage,

00:12:15.678 --> 00:12:18.418
im Grunde beginnt es schon ganz früh ab Geburt.

00:12:19.058 --> 00:12:27.698
Themen rund um Suchtprävention bedeuten vor allem gestärktes Selbstwertgefühl, Selbstakzeptanz,

00:12:28.638 --> 00:12:33.538
natürlich auch ein stabiles soziales Umfeld, ein guter Zugang zu den eigenen

00:12:33.538 --> 00:12:35.598
Gefühlen und Empfindungen.

00:12:36.078 --> 00:12:44.198
All das sind gute, oder sage ich wichtige Voraussetzungen, um später keine Sucht zu entwickeln. Und,

00:12:45.159 --> 00:12:50.099
Die Tendenz, Grenzerfahrungen zu machen, Rauschmittel auszuprobieren,

00:12:50.299 --> 00:12:53.819
das gehört immer wieder auch zum Jugendalter dazu.

00:12:54.219 --> 00:12:58.659
Die Tendenz, eine Sucht zu entwickeln, das nimmt dann eine ganz andere Abzweigung.

00:12:58.859 --> 00:13:03.179
Und da gibt es einfach diese Gefährdungsfaktoren, die vor allem eben instabile

00:13:03.179 --> 00:13:07.999
Selbstwertgefühl, gefährdetes soziales Umfeld, auch Vorbilder natürlich.

00:13:08.659 --> 00:13:14.999
Wie wird in der Familie und im Freundeskreis oder im sozialen Umfeld insgesamt,

00:13:15.519 --> 00:13:18.419
mit Drogen, mit Alkohol, mit Rauschmitteln umgegangen?

00:13:19.259 --> 00:13:23.659
Es gibt hier das Bild des sogenannten Wohlfühlklaviers. Wenn man in der Lage

00:13:23.659 --> 00:13:27.219
ist, auf jede Taste etwas zu schreiben, was man gern tut, kochen,

00:13:27.599 --> 00:13:32.299
tanzen, Sex, you name it, dann kann ich das Klavier nützen, um Melodien im Leben zu spielen.

00:13:32.379 --> 00:13:35.639
Wenn ich immer nur eine Taste habe, dann ist das immer der gleiche Ton.

00:13:35.639 --> 00:13:39.559
Und es ist an uns Erziehungsberechtigten und Eltern, dass wir die Kinder zu

00:13:39.559 --> 00:13:42.419
verschiedenen Lebenswelten führen und begleiten.

00:13:42.999 --> 00:13:47.199
Wenn ich mit meinen Enkelkindern Zeit verbringen darf, dann sind die übrigens

00:13:47.199 --> 00:13:51.839
auch sehr gern am Handy, sozusagen schon der potenziellen Sucht verfallen.

00:13:51.979 --> 00:13:56.859
Wenn ich ihnen aber anbiete, dann eine Partie UNO mit mir zu spielen, dann gewinnt immer UNO.

00:13:57.159 --> 00:14:02.579
Und es ist wichtig, dass die Eltern kreativ nachdenken, Fantasie entwickeln.

00:14:02.579 --> 00:14:05.199
Wie können wir die Kinder zum gemeinsamen Kochen animieren?

00:14:05.259 --> 00:14:08.959
Wie können wir sie zum gemeinsamen Tanzen animieren? Sport selbstverständlich.

00:14:09.099 --> 00:14:11.299
Und jede Taste beschriften wollen.

00:14:11.559 --> 00:14:15.859
Und um da gleich den Bogen zu schlagen zum Hauptthema vieler Erziehungsberechtigter,

00:14:15.939 --> 00:14:17.499
dass ja das Handy so schrecklich sei,

00:14:18.059 --> 00:14:21.559
kann ich nur sagen, bitte nicht dauernd aufs Handy ausreden,

00:14:21.659 --> 00:14:25.619
sondern mehr darüber nachdenken, wie bringe ich meinem Kind Lebenswelten nahe,

00:14:25.679 --> 00:14:27.779
die genauso interessant sind.

00:14:27.779 --> 00:14:32.399
Und wer sind wir, dass wir uns von sozialen Medien unterkriegen lassen als Erwachsene?

00:14:32.519 --> 00:14:36.499
Nein, wir haben nach Wegen zu suchen, wie wir die Kinder im guten Sinn des Wortes

00:14:36.499 --> 00:14:39.919
verführen und lassen sie uns nicht dauernd aufs Handy ausreden,

00:14:39.979 --> 00:14:44.979
sondern versuchen wir diesen UNO-Moment mit unseren Kindern so oft wie möglich

00:14:44.979 --> 00:14:48.559
als Antwort auf Abhängigkeiten und Sucht zu entwickeln.

00:14:49.184 --> 00:14:52.204
Ganz wichtiger Gedanke, wie ich finde. Jetzt haben Sie es eben schon gesagt,

00:14:52.344 --> 00:14:56.964
dass vor allem schulischer Leistungsdruck ein großes Thema im Leben Jugendlicher ist.

00:14:57.424 --> 00:15:01.024
Hat sich denn der Druck im Vergleich zu früher verändert? Also wenn ich jetzt

00:15:01.024 --> 00:15:05.344
so aus meiner Sicht spreche, habe ich den Eindruck, dass es eher weniger geworden

00:15:05.344 --> 00:15:09.644
ist, dass tatsächlich die Schule nicht mehr einen so großen Rahmen im Leben einnimmt.

00:15:09.684 --> 00:15:13.704
Aber Sie haben das ja ausführlicher untersucht. Nein, also ich fürchte,

00:15:13.924 --> 00:15:17.284
da kann ich Ihnen leider nicht zustimmen.

00:15:17.684 --> 00:15:22.124
Der Leistungsdruck in der Schule ist nicht zuletzt deshalb so viel größer geworden,

00:15:22.244 --> 00:15:24.664
weil die Orientierungssuche so viel schwieriger wurde.

00:15:25.484 --> 00:15:30.484
Und wenn man beispielsweise mit dem vorigen Jahrhundert vergleicht,

00:15:30.584 --> 00:15:34.204
wir haben hier einen Autor, der heißt Trojanow, vielleicht haben Sie schon einmal

00:15:34.204 --> 00:15:38.684
von ihm gehört, der hat bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele eine Rede gehalten.

00:15:38.864 --> 00:15:44.064
Und da hat er gesagt, wir leben in einer Zeit ohne Utopien und ohne Visionen

00:15:44.064 --> 00:15:45.444
und auch ohne Ideologien.

00:15:45.624 --> 00:15:50.124
Das mag auf den ersten Blick sympathisch wirken, auf den zweiten macht es dann

00:15:50.124 --> 00:15:54.804
aber die Orientierung im Leben und bei der Suche nach meinen eigenen Zielen viel schwieriger.

00:15:54.984 --> 00:15:58.964
Und damit wird der Moment so viel relevanter und damit wird die einzelne Prüfung

00:15:58.964 --> 00:16:06.304
so viel wichtiger und damit wird vieles nicht mehr so klar, wie wir es vielleicht

00:16:06.304 --> 00:16:08.824
früher gekannt haben, noch aus dem 20. Jahrhundert.

00:16:09.124 --> 00:16:13.264
Diese Fülle an Möglichkeiten, die macht das so schwierig und die erhöht daher

00:16:13.264 --> 00:16:18.604
die Beurteilung durch die letzte Instanz, die es gibt, nämlich das Bildungssystem, so viel wertiger.

00:16:19.431 --> 00:16:23.371
Und vielleicht kann ich noch, weil ich kann das alles genau so unterschreiben

00:16:23.371 --> 00:16:25.131
und möchte gerne noch hinzufügen,

00:16:25.271 --> 00:16:29.091
dass zwei Entwicklungen auch zu beobachten sind, dass Schule sich einerseits

00:16:29.091 --> 00:16:34.391
wirklich bemüht, die Individuen auch zu sehen und die Kinder individuell zu

00:16:34.391 --> 00:16:38.491
fördern und dass es sehr viele engagierte Pädagoginnen gibt,

00:16:38.651 --> 00:16:39.851
die die Kinder auch begleiten.

00:16:39.851 --> 00:16:43.271
Und andererseits sind aber auch Lehrerinnen sehr stark unter Druck.

00:16:43.451 --> 00:16:47.391
Es wird so viel mehr an Inhalten in der Schule unterrichtet.

00:16:48.331 --> 00:16:52.651
Auch die Lehrerinnen selbst haben so einen viel höheren Anspruch an sich,

00:16:52.711 --> 00:16:56.231
was sie alles leisten müssen, was sie an Inhalten vermitteln müssen,

00:16:56.251 --> 00:16:59.711
aber auch an sozialen Kompetenzen mitbringen sollten.

00:17:00.491 --> 00:17:07.251
Zusätzlich ist die Bürokratie und die Bildungspolitik auch noch ein ganz anderer

00:17:07.251 --> 00:17:11.811
Faktor als das vor 30, 40, 50 Jahren war.

00:17:12.171 --> 00:17:16.011
Und gleichzeitig, und das hat Gollimabo ja jetzt schon sehr ausführlich auch

00:17:16.011 --> 00:17:19.531
beschrieben, die Orientierung und die Möglichkeiten,

00:17:20.131 --> 00:17:23.931
die die jungen Menschen haben, die sind einerseits sehr hoch und andererseits

00:17:23.931 --> 00:17:29.071
wissen sie auch, ohne gute Abschlüsse, ohne hohe Abschlüsse,

00:17:29.251 --> 00:17:34.831
haben sie teilweise in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft viel geringere Chancen.

00:17:35.571 --> 00:17:40.171
Und auch das macht sowohl auf Eltern als auch auf Kinder und Jugendliche einen großen Druck.

00:17:41.659 --> 00:17:45.619
Ein Thema, das viele Eltern beschäftigt, sind digitale Medien.

00:17:46.499 --> 00:17:52.039
Sie haben ja vorhin schon gesagt, dass Social Media, diese ständige Erreichbarkeit

00:17:52.039 --> 00:17:56.319
und auch die Vergleichsdynamiken bei der Entstehung von psychischen Belastungen

00:17:56.319 --> 00:17:57.679
eine große Rolle spielen.

00:17:58.099 --> 00:18:03.219
Und gerade haben Sie gesagt, ja, Eltern sollen unbedingt so Uno-Momente einbauen,

00:18:03.379 --> 00:18:07.339
um die Kinder wegzulocken von den digitalen Medien.

00:18:07.339 --> 00:18:13.859
Das Problem ist ja bei Jugendlichen häufig, so erlebe ich das in meinem Freundeskreis,

00:18:13.979 --> 00:18:19.819
dass insbesondere Jungen oder Teenager-Jungen gar nicht mehr mit den Eltern

00:18:19.819 --> 00:18:21.419
irgendwie was unternehmen wollen.

00:18:21.659 --> 00:18:25.759
Also kein Uno spielen, keine Gesellschaftsspiele, sondern die wollen vor dem

00:18:25.759 --> 00:18:28.919
PC hocken oder die wollen vom Handy auf dem Bett liegen.

00:18:29.459 --> 00:18:36.359
Gibt es da trotzdem irgendwas, was Eltern präventiv machen können oder unterstützend?

00:18:37.339 --> 00:18:40.099
Also da gibt es erstens einmal die,

00:18:40.848 --> 00:18:46.828
Idee, dass man Regeln etabliert. Junge Erwachsene können mit Regeln nämlich sehr gut umgehen.

00:18:47.108 --> 00:18:52.288
Kein Bursch, auch nicht mit 14 oder 15, würde sagen, es wäre verboten,

00:18:52.368 --> 00:18:54.208
beim Fußball ein drittes Tor aufzustellen.

00:18:54.408 --> 00:18:56.868
Es macht einfach keinen Sinn, ein drittes Tor aufzustellen.

00:18:57.188 --> 00:19:01.468
Und wenn wir also als Erziehungsberechtigte mit den Kindern darüber reden,

00:19:01.548 --> 00:19:05.108
dass Schlafentzug eine Foltermethode im Krieg ist, dann werden wir doch hoffentlich

00:19:05.108 --> 00:19:08.368
zu unseren Kindern so ein gutes Verhältnis haben, dass die nachvollziehen können,

00:19:08.488 --> 00:19:10.408
dass man sich nicht foltern sollte in der Nacht.

00:19:10.848 --> 00:19:15.708
Und das Handy deshalb abdreht. Wichtig ist aber, dass die Erziehungsberechtigten das auch leben.

00:19:16.208 --> 00:19:20.848
Und es gibt eine tolle Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung, auf welchen sozialen

00:19:20.848 --> 00:19:24.128
Plattformen die meiste Hate-Speech und Fehlinformationen stattfinden.

00:19:24.288 --> 00:19:26.808
Und da gewinnt Telegram vor Facebook und dann kommt X.

00:19:27.448 --> 00:19:31.108
Kennen Sie irgendjemand unter 35, der auf einer dieser Plattformen wäre?

00:19:31.308 --> 00:19:34.808
Es ist einmal wichtig, dass die Eltern verstehen, dass sie die Hate-Speech ins

00:19:34.808 --> 00:19:36.488
Netz getragen haben und nicht die Kinder.

00:19:36.908 --> 00:19:39.608
Und deshalb haben die Eltern auch so viel Angst vor sozialen Medien,

00:19:39.608 --> 00:19:43.608
weil sie sich in einem Alltag in denen bewegen auf Facebook,

00:19:43.788 --> 00:19:49.288
wo nur eine Hetze nach der anderen und ein negativer Ratschlag nach dem anderen stattfindet.

00:19:49.388 --> 00:19:52.948
Die Kinder beschäftigen sich im Netz vor allem mit Spielen, mit Musik,

00:19:53.168 --> 00:19:55.628
mit Sport und mit Freude.

00:19:55.908 --> 00:20:02.208
Und das ist deren Hauptnutzungszweck. Und der ist mehrheitlich nicht so dramatisch.

00:20:02.679 --> 00:20:05.999
Wenn wir also in der Lage sind, zum Beispiel die Kinder zu fragen,

00:20:06.139 --> 00:20:08.399
hey, du folgst einem Influencer,

00:20:08.559 --> 00:20:12.799
der kocht die Cheeseburger mit einer anderen Technik, das Fleisch zu klopfen,

00:20:12.879 --> 00:20:17.679
lass uns doch das in der Küche ausprobieren, was du da dem Influencer abschauen willst,

00:20:17.959 --> 00:20:21.299
dann werden die Kinder selbstverständlich mit den Eltern Zeit verbringen.

00:20:22.219 --> 00:20:27.179
Und auch die Burschen, wenn man sich auf die Lebenswelten der Burschen einlässt.

00:20:28.299 --> 00:20:32.519
Abgesehen von der Pubertät, die halt einmal die schwierigste Herausforderung des Lebens darstellt.

00:20:33.379 --> 00:20:40.659
Und da würde ich gerne vielleicht noch jetzt auch als Mutter von vier Kindern etwas zufügen.

00:20:41.239 --> 00:20:44.539
In der Pubertät und in der Adoleszenz ist es natürlich auch wichtig,

00:20:44.699 --> 00:20:48.299
dass die jungen Menschen sich abkoppeln von den Eltern und mehr Zeit alleine

00:20:48.299 --> 00:20:50.859
verbringen oder mehr Zeit mit ihren Freunden verbringen.

00:20:51.119 --> 00:20:54.479
Und das bedeutet teilweise natürlich dann auch vom Bildschirm sitzen und das

00:20:54.479 --> 00:20:56.499
wirkt manchmal etwas isoliert.

00:20:57.772 --> 00:21:01.992
Und ich denke, es ist wirklich wichtig zu schauen, und das kann man über Regeln

00:21:01.992 --> 00:21:07.192
machen oder Traditionen einführen, dass es einfach gewisse Aktivitäten gibt,

00:21:07.272 --> 00:21:08.432
die man gemeinsam macht.

00:21:08.552 --> 00:21:14.212
Das kann jeden Abend oder dreimal in der Woche am Abend oder am Wochenende eine

00:21:14.212 --> 00:21:19.212
gemeinsame Mahlzeit sein. Das können einmal im Monat eine gemeinsame Spaziergang

00:21:19.212 --> 00:21:21.752
oder Freunde einladen oder Ähnliches sein.

00:21:21.892 --> 00:21:28.152
Das muss nicht jeden Tag permanent miteinander zusammenkleben bedeuten.

00:21:28.612 --> 00:21:32.232
Junge Menschen brauchen hier den Abstand und die Zeit und den Raum,

00:21:32.412 --> 00:21:33.852
sich freizuentwickeln.

00:21:34.192 --> 00:21:39.572
Wenn ich aber das Gefühl habe, mein Kind, meine Tochter, mein Sohn zieht sich

00:21:39.572 --> 00:21:42.792
zurück in digitale Welten, sperrt sich nur mein Zimmer ein,

00:21:43.832 --> 00:21:48.392
hat keine analogen Kontakte mehr und ich kann auch nicht mehr ins Gespräch kommen

00:21:48.392 --> 00:21:52.492
mit meinem Kind, dann ist es durchaus die Zeit gekommen, sich zu überlegen,

00:21:52.712 --> 00:21:55.752
wie kann ich da eingreifen oder braucht es vielleicht auch professionelle Unterstützung.

00:21:57.032 --> 00:22:00.992
Ich würde aber hier noch zwei Gedanken nachschieben wollen, in Ergänzung zu

00:22:00.992 --> 00:22:03.032
dem, was die Karoline Juhl gerade gesagt hat.

00:22:03.612 --> 00:22:09.232
Kinder und junge Erwachsene und gerade die Burschen kennen den Umgang mit Handy-freien Zonen.

00:22:09.232 --> 00:22:14.712
Beispielsweise werden sie in keiner einzigen Fantribüne eines Fußballstadions

00:22:14.712 --> 00:22:19.672
ein Handy sehen, weil sich die auf den Support des Teams konzentrieren und miteinander

00:22:19.672 --> 00:22:22.112
vereinbart haben, dass dort keine Handys erlaubt sind.

00:22:22.492 --> 00:22:26.752
Oder selbstverständlich ist das ein Gewinn, wenn die Schule,

00:22:26.792 --> 00:22:33.872
so wie in Österreich, bei der Sekundarstufe 1 und für Volksschulen keine Handys zulässt.

00:22:34.132 --> 00:22:37.452
Das macht Sinn. Klar, wir sollten nach handyfreien bzw.

00:22:37.892 --> 00:22:41.612
Eigentlich korrekter gesagt nach Social Media freien Räumen suchen.

00:22:42.112 --> 00:22:46.292
Und diese Social Media freien Räume, die soll man in der Familie vereinbaren.

00:22:46.672 --> 00:22:53.572
Es ist nur wichtig, dass man, wenn man diese Essen mit dem Kind zur Tradition macht und etabliert.

00:22:55.825 --> 00:22:59.725
Das Kind zurecht bittet hier jetzt nicht am Handy herum zu scrollen,

00:22:59.805 --> 00:23:02.205
aber dann darf man auch nicht erreichbar sein für die Schwester,

00:23:02.285 --> 00:23:05.105
die einen anruft und sagt, sie ist gerade an der Tankstelle,

00:23:05.165 --> 00:23:06.125
soll sie was mitbringen.

00:23:06.625 --> 00:23:10.145
Dann müssen die Eltern das Handy bitte auch auf lautlos schalten und weglegen

00:23:10.145 --> 00:23:13.405
und nicht aufs Handy schauen, wenn man das den Kindern nicht gestattet.

00:23:14.425 --> 00:23:18.805
Was ich persönlich auch beobachte, ist eine deutliche Zunahme von Ängsten.

00:23:19.065 --> 00:23:22.865
Nicht nur meine beiden Kinder sind da betroffen, sondern auch viele ihrer Freundinnen

00:23:22.865 --> 00:23:24.245
und Schulkameradinnen.

00:23:24.805 --> 00:23:31.645
Und was ist denn für uns Eltern da der erste Anlaufpunkt, um dieses Thema anzugehen?

00:23:31.745 --> 00:23:35.265
Also ich weiß immer nur, dass alle Psychotherapeuten, zumindest hier in Deutschland,

00:23:35.405 --> 00:23:40.605
hoffnungslos überlaufen sind, dass es unfassbar schwer ist, einen Therapieplatz zu finden.

00:23:40.845 --> 00:23:44.665
Aber wie kann ich denn da als Elternteil, wenn ich feststelle,

00:23:44.765 --> 00:23:47.645
mein Kind leidet unter Ängsten, die über das Normale hinausgehen,

00:23:48.345 --> 00:23:53.705
konkret tun, um die Situation zumindest ein bisschen erträglicher zu machen für mein Kind?

00:23:54.225 --> 00:23:58.105
Also wenn ich als Elternteil bemerke, dass mein Kind Ängste hat,

00:23:58.965 --> 00:24:01.705
große oder kleine, da würde ich jetzt gar nicht mal so einen Unterschied machen

00:24:01.705 --> 00:24:05.385
im ersten Schritt, ist das schon der wichtigste Schritt getan.

00:24:05.965 --> 00:24:11.185
Und daran für ein Gespräch bereit sein oder proaktiv auch ansprechen.

00:24:11.705 --> 00:24:15.025
Ängste gehören ja zum Leben dazu. Wir alle haben Ängste.

00:24:15.465 --> 00:24:21.445
Die Frage ist, schränken Sie uns ein, halten Sie uns ab von wichtigen Funktionen

00:24:21.445 --> 00:24:23.245
Funktionen wie Schlafen,

00:24:23.365 --> 00:24:29.445
Essen oder auch soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten oder Leistungen jetzt

00:24:29.445 --> 00:24:30.805
auch im positiven Sinne zu erbringen,

00:24:31.165 --> 00:24:33.065
nämlich irgendwie Dinge zu tun, die mir Freude machen.

00:24:34.295 --> 00:24:37.455
Und mit Kindern darüber zu sprechen und einfach mal zuzuhören.

00:24:37.915 --> 00:24:41.755
Eltern müssen oft gar nicht so viel tun, sondern einfach mal zuhören und sagen,

00:24:41.915 --> 00:24:47.055
erzähl mal und wie geht es dir damit und wann spürst du was und welche Gedanken

00:24:47.055 --> 00:24:50.255
sind damit verbunden und was macht dein Körper dabei.

00:24:50.615 --> 00:24:56.295
Und hast du das Gefühl, es hilft dir, wenn du mit mir darüber sprichst oder mit jemand anderem.

00:24:56.995 --> 00:25:01.455
Es gibt natürlich auch professionelle Hilfe und da könnten wir uns darum kümmern

00:25:01.455 --> 00:25:04.535
in einem nächsten Schritt. Aber da ist schon mal sehr viel gewonnen.

00:25:05.115 --> 00:25:09.555
Wenn Kinder wissen, ich bin hier gut aufgehoben in Sicherheit und mir wird auch

00:25:09.555 --> 00:25:15.035
nicht gleich etwas erklärt oder gleich irgendwie die Ängste weggeredet.

00:25:17.095 --> 00:25:20.635
Bagatellisiert, rationalisiert, verglichen und vieles mehr. Sondern sie einfach

00:25:20.635 --> 00:25:22.355
mal stehen gelassen und einmal zugehört.

00:25:23.355 --> 00:25:27.175
Manchmal lösen sich Ängste auch recht gut und recht schnell wieder auf.

00:25:27.595 --> 00:25:31.515
Und natürlich ist die Sorge, dass sie sich auch vergrößern und generalisieren

00:25:31.515 --> 00:25:34.215
und chronifizieren. Und das ist etwas, was wir verhindern möchten.

00:25:35.285 --> 00:25:36.365
Da braucht es dann manchmal auch

00:25:36.365 --> 00:25:39.285
professionelle Hilfe. Aber natürlich eben nicht immer, so wie Sie sagen.

00:25:39.405 --> 00:25:44.005
Sehr oft ist schon das familiäre Umfeld ein guter erster Auffangbecken.

00:25:44.285 --> 00:25:47.405
Und ich möchte eins dransetzen noch.

00:25:48.505 --> 00:25:53.845
Ich glaube nicht, dass Erziehungsberechtigte, die keine Chirurginen sind,

00:25:54.405 --> 00:25:56.905
wenn das Kind einen geblähten Bauch hat und sie das Gefühl hätten,

00:25:56.985 --> 00:26:00.585
es könnte eine Blinddarmentzündung sein, selbst zum Skalpell greifen werden,

00:26:00.705 --> 00:26:04.125
den Bauch aufschneiden, den Blinddarm rausholen und nachher den Bauch wieder zunähen werden.

00:26:04.785 --> 00:26:10.525
Nein, da holt man Hilfe im Krankenhaus, damit der Blinddarm wieder in Ordnung kommt.

00:26:10.685 --> 00:26:15.525
Und so sollten Eltern auch ihre Grenzen kennen und ihre Aufgaben richtig definieren.

00:26:15.625 --> 00:26:18.465
Es ist überhaupt kein Zeichen von Schwäche, wenn ich als Mutter,

00:26:18.605 --> 00:26:23.725
als Vater, als Erziehungsberechtigte nicht auf alles eine Lösung geben kann und eine Antwort.

00:26:23.825 --> 00:26:28.985
Und ich bin überhaupt nicht dazu da, eine schwere Angststörung selber lösen zu müssen.

00:26:29.345 --> 00:26:32.645
Nein, im Gegenteil. Ich bin dann ein guter Erziehungsberechtigter,

00:26:32.645 --> 00:26:37.085
wenn ich eben versuche, Unterstützung von Profis zu holen.

00:26:37.605 --> 00:26:42.385
Und Angststörungen können in den seltensten Fällen von den Eltern alleine gelöst

00:26:42.385 --> 00:26:45.945
werden, zumindest dann nicht, wenn sie wirklich schwieriger Art sind.

00:26:46.628 --> 00:26:51.068
Genau. Und gleichzeitig finde ich ganz wichtig als Eltern, egal ob professionelle

00:26:51.068 --> 00:26:55.888
Hilfe nötig ist in schweren Fällen oder die Ängste einfach zur Entwicklungsphase

00:26:55.888 --> 00:27:00.888
dazugehören, die Fahne hochzuhalten und zu sagen, das ist in den Griff zu bekommen.

00:27:00.888 --> 00:27:03.128
Mit Ängsten kann man gut umgehen lernen.

00:27:04.448 --> 00:27:10.228
Da bitte nicht verzweifeln, weil massive Ängste können dann auch in Depressionen umschlagen.

00:27:10.368 --> 00:27:13.608
Aber solange wir da Hoffnung haben und den Kindern auch Zuversicht vermitteln

00:27:13.608 --> 00:27:16.768
und auch gelassen damit umgehen und denen in den Arm nehmen und sagen,

00:27:16.928 --> 00:27:20.828
das gehört einfach dazu, das bedeutet auch, dass dein Hirn arbeitet und dir

00:27:20.828 --> 00:27:25.888
Gedanken machst und du natürlich empfindsam bist und so viele Einflüsse um dich

00:27:25.888 --> 00:27:28.728
herum auf dich einprasteln,

00:27:29.348 --> 00:27:32.768
dann denke ich mir, ist das etwas, das Eltern immer tun sollten,

00:27:32.948 --> 00:27:35.248
egal ob daneben Psychotherapie läuft oder nicht.

00:27:35.608 --> 00:27:40.888
Und manchmal wissen wir auch, die Wartezeit auf Therapieplätze ist natürlich auch nochmal ein Thema.

00:27:41.728 --> 00:27:44.868
Und ein Punkt, entschuldigen Sie, wenn ich noch einen Gedanken habe.

00:27:45.748 --> 00:27:49.328
Hätten unsere Vorfahren keine Angst gehabt, wären wir nicht auf der Welt.

00:27:49.608 --> 00:27:52.468
Und dementsprechend sollte man auch immer wieder klar machen,

00:27:52.468 --> 00:27:59.828
dass Angst zu empfinden auch eine wichtige und den Menschen auszeichnende Qualität ist.

00:27:59.968 --> 00:28:03.668
Dass ich Risiko einschätzen kann, dass ich nicht in jede Schlucht springe und

00:28:03.668 --> 00:28:06.968
hoffe, da unten ist Wasser, sondern dass ich mich vorher vergewissere,

00:28:07.008 --> 00:28:09.368
ob da wirklich ein Wasser ist, in das ich reinhupfen kann.

00:28:09.688 --> 00:28:17.088
Und dass man eben nicht den Kampf mit jedem wilden Tier aufnimmt, das ist auch gescheit.

00:28:17.088 --> 00:28:21.688
Und Angst ist daher nicht nur negativ zu beurteilen und wahrzunehmen,

00:28:21.828 --> 00:28:25.368
sondern auch ein Zeichen von Intelligenz und von Menschlichkeit.

00:28:25.828 --> 00:28:30.228
Gibt es denn so Warnsignale, die Eltern und Lehrpersonen kennen sollten,

00:28:30.808 --> 00:28:35.988
dass sich so ein junger Mensch gerade in einer psychischen Krise befindet oder da gerade reinrutscht?

00:28:36.411 --> 00:28:41.811
Naja, da gibt es ganz die klassischen Warnzeichen, das ist sozialer Rückzug.

00:28:43.051 --> 00:28:48.371
Wenig soziale Kontakte, aber auch wenig Gespräche mit vertrauten Personen,

00:28:48.971 --> 00:28:52.991
Lustlosigkeit, also wenn auch Dinge, die üblicherweise Spaß und Freude gemacht

00:28:52.991 --> 00:28:59.671
haben, uninteressant werden, wenn Schlafen und Essen eine Herausforderung ist.

00:28:59.671 --> 00:29:02.731
Das heißt, es wird entweder zu viel geschlafen, zu viel gegessen oder zu wenig

00:29:02.731 --> 00:29:07.871
geschlafen, zu wenig gegessen, wenn der eigene Körper vernachlässigt wird.

00:29:08.071 --> 00:29:14.311
Also zum Beispiel Waschen, Zähneputzen ausgelassen wird und vieles mehr.

00:29:14.791 --> 00:29:19.831
Ich denke mal, alle Verhaltensveränderungen, die vom üblichen Verhalten abweichen,

00:29:19.911 --> 00:29:24.311
wenn man sagt, so habe ich mein Kind gar nicht gekannt, sind Warnzeichen.

00:29:24.311 --> 00:29:28.951
Denn gleichzeitig, das wissen wir auch, werden junge Menschen in der Pubertät

00:29:28.951 --> 00:29:31.751
etwas seltsam, zumindest für uns als Eltern.

00:29:32.351 --> 00:29:34.751
Und manchmal ist es gar nicht so leicht, das auseinanderzuhalten.

00:29:35.651 --> 00:29:40.771
Mein Tipp ist immer, das eigene Kind darauf anzusprechen.

00:29:41.011 --> 00:29:43.051
Und zwar immer zuerst die Beobachtung.

00:29:43.191 --> 00:29:48.511
Ich beobachte, du wäschst dir schon wochenlang die Haare nicht mehr.

00:29:48.671 --> 00:29:51.371
Oder ich beobachte, du schläfst viel mehr. Oder ich beobachte,

00:29:51.451 --> 00:29:55.291
du schläfst gar nicht mehr. oder ich beobachte, du triffst deine Freundin nicht

00:29:55.291 --> 00:29:58.671
mehr und bist hauptsächlich allein in deinem Zimmer.

00:29:59.811 --> 00:30:03.631
Willst du dazu oder was kannst du mir dazu sagen? Also auch möglichst offen

00:30:03.631 --> 00:30:07.591
damit umgehen, nicht sagen, ich glaube das, sondern die Beobachtung ansprechen

00:30:07.591 --> 00:30:09.271
und sagen, was sagst du denn dazu?

00:30:10.080 --> 00:30:16.980
Sich so voranhandeln und ich glaube, dass die Einschätzung dann besser gelingt.

00:30:17.760 --> 00:30:25.740
Ist das jetzt eine kurze Phase Rebellion oder eine Reaktion auf eine bevorstehende

00:30:25.740 --> 00:30:29.160
Prüfung, wo man unterstützen kann oder ist da mehr dahinter,

00:30:29.220 --> 00:30:30.260
die fällt dann leichter.

00:30:30.640 --> 00:30:33.220
Und natürlich kann man auch als Eltern dann mit anderen Eltern,

00:30:33.400 --> 00:30:36.740
mit Freunden, Freundinnen, mit Expertinnen,

00:30:37.100 --> 00:30:42.140
auch mit Pädagoginnen, Lehrerinnen sprechen und sagen, wie ist denn eure Wahrnehmung,

00:30:42.240 --> 00:30:45.680
wie ist eure Einschätzung, kennt ihr so etwas, sollte ich da agieren.

00:30:46.260 --> 00:30:50.800
Jetzt nutzen Jugendliche ja verschiedene Strategien, um mit dem Druck umzugehen.

00:30:51.280 --> 00:30:55.600
Welche funktionieren denn da besonders gut und welche sind eher schädlich?

00:30:56.280 --> 00:30:57.880
Drüber reden ist immer gut.

00:30:58.580 --> 00:31:04.980
Nie mit seinen Sorgen alleine bleiben. Und wenn wir den Kindern und jungen Erwachsenen

00:31:04.980 --> 00:31:09.080
von Kindergartenalter an spüren lassen,

00:31:09.580 --> 00:31:16.420
dass man sich vertrauensvoll an Angehörige wenden kann, an Freundinnen wenden

00:31:16.420 --> 00:31:21.900
kann und wenn man lernt, für Gefühle Worte zu entwickeln als kleines Kind,

00:31:22.580 --> 00:31:27.080
dann wird man als Jugendlicher auch Strategien haben, um damit besser umgehen zu können.

00:31:27.080 --> 00:31:31.840
Eines der Hauptkriterien liegt ganz eindeutig in den Worten,

00:31:31.960 --> 00:31:36.140
die man Kindern und jungen Erwachsenen und ganz besonders Burschen und Buben

00:31:36.140 --> 00:31:43.500
mitgeben sollte, um die Emotionen auch darstellen zu können für andere.

00:31:44.999 --> 00:31:49.099
So wie Golly Mabo schon gesagt hat, dass wir jungen Menschen und eigentlich

00:31:49.099 --> 00:31:54.799
Kindern von ganz klein an zeigen, wie kann ich meine Gefühle und meine Gedanken

00:31:54.799 --> 00:31:58.859
auch in Sprache umwandeln und sie auch mitteilen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

00:32:00.619 --> 00:32:04.459
Was wir sehen, und das finde ich schon noch einmal einen wichtigen Punkt im

00:32:04.459 --> 00:32:11.979
Gegensatz zu früher, dass junge Menschen sehr oft im Druck, im Stress Strategien

00:32:11.979 --> 00:32:14.479
anwenden, die sie gegen sich selbst richten.

00:32:14.999 --> 00:32:18.899
Also dieses Agieren nach außen, dieses Aggressivwerden, das sich Prügelndes,

00:32:19.179 --> 00:32:25.559
Randalieren, quasi auch Gegenstände und andere Menschen schaden.

00:32:26.119 --> 00:32:28.299
Das hat im Vergleich zu früher abgenommen.

00:32:28.619 --> 00:32:33.319
Und das Thema rund um Selbstverletzung hat zugenommen.

00:32:33.459 --> 00:32:37.299
Das heißt, der Druck wird gegen sich gerichtet, nach innen gerichtet.

00:32:37.479 --> 00:32:41.839
Und es wird an sich selber der Druck abgelassen.

00:32:41.839 --> 00:32:46.279
Selbstverletzung ist ja sehr oft auch, also dieses klassische Sich-Ritzen oder

00:32:46.279 --> 00:32:51.979
andere selbstverletzende Maßnahmen, Haare ausreißen und Ähnliches,

00:32:52.139 --> 00:32:54.979
sind Mittel, um Druck und Spannung abzubauen.

00:32:55.179 --> 00:32:59.179
Und das entwickelt dann und hat dann auch einen gewissen Suchtfaktor.

00:32:59.179 --> 00:33:02.859
Weil man merkt, okay, damit lasse ich Spannung ab, ich spüre etwas,

00:33:02.919 --> 00:33:07.639
es gibt keine Leere mehr in mir und ich tue aber niemandem anderen weh.

00:33:08.059 --> 00:33:11.519
Und ich verstoße quasi auch gegen keine Regel,

00:33:11.839 --> 00:33:17.739
ich bin sozial angepasst und es wird sehr oft, und das finde ich schon auch

00:33:17.739 --> 00:33:21.999
eine enorme Veränderung in den nächsten Generationen,

00:33:22.239 --> 00:33:26.239
dass die Vergehen gegen sich selbst nicht mehr so wahrgenommen werden,

00:33:26.239 --> 00:33:31.679
sondern quasi als rücksichtsvoll erlebt werden, wenn ich nur mir selbst etwas antue.

00:33:32.059 --> 00:33:35.899
Und dass aber trotzdem der eigene Körper weniger geschützt wird,

00:33:35.979 --> 00:33:40.759
aber als Aggressions- und Spannungsabbau auch genützt wird.

00:33:40.879 --> 00:33:43.939
Also das finde ich auf jeden Fall eine hinderliche Strategie.

00:33:45.279 --> 00:33:45.919
Andererseits,

00:33:46.728 --> 00:33:51.308
gibt es schon einen ganz großen Konsens. Andere Prügeln schlagen,

00:33:51.548 --> 00:33:54.628
also so Prügeleien am Schulhof, sage ich jetzt einmal,

00:33:55.468 --> 00:34:01.328
die vor gar nicht allzu langer Zeit noch an der Tagesordnung waren und dazugehört

00:34:01.328 --> 00:34:05.128
haben, dass sowas gibt es in der Form nicht.

00:34:05.228 --> 00:34:11.348
Das wird sofort bestraft. Da gibt es negative Konsequenzen, Schulausschluss

00:34:11.348 --> 00:34:16.388
und vieles mehr. Ja, also da hat sich etwas gewandelt.

00:34:16.508 --> 00:34:22.268
Das eine würde ich sagen, sehr positiv, dass wir nicht mehr so rücksichtslos

00:34:22.268 --> 00:34:25.388
um die Grenzen der anderen gehen und das andere, dass die eigenen Grenzen,

00:34:25.508 --> 00:34:30.228
der eigene Körper und die eigene Unversehrtheit da gelitten hat.

00:34:30.821 --> 00:34:33.941
Habe ich das richtig verstanden, dass diese Prügeleien, die zum Beispiel zu

00:34:33.941 --> 00:34:37.141
meiner Schulzeit noch komplett üblich waren unter Jugendlichen,

00:34:37.801 --> 00:34:43.881
dass die eigentlich eine gute Sache waren, weil sie da ihre Aggressionen gegeneinander sozusagen...

00:34:43.881 --> 00:34:46.801
Ah, naja, da wird mir jetzt das Wort im Munde umgekriegt.

00:34:46.921 --> 00:34:52.901
Nee, das ist wirklich eine ernsthafte Nachfrage, weil ja, das auf jeden Fall, das hat abgenommen.

00:34:53.121 --> 00:34:56.661
Und früher wurde es als normal angesehen, dass ich... Genau.

00:34:57.041 --> 00:35:00.641
Also prinzipiell war das ja eine gute Entwicklung, dass das nicht hingenommen

00:35:00.641 --> 00:35:04.401
wird, dass andere einfach verprügelt werden und dass die Stärkeren,

00:35:04.541 --> 00:35:09.921
die Jüngeren in den Schwitzkasten nehmen, treten oder ein blaues Auge schlagen und einschüchtern.

00:35:10.741 --> 00:35:14.601
Das ist prinzipiell eine gute Entwicklung, würde ich mal sagen.

00:35:15.021 --> 00:35:19.341
Was aber fehlt, weil Sie gesagt haben, nach positiven Strategien ist dieses

00:35:19.341 --> 00:35:24.321
Spannungen und Druck ablassen über Körperlichkeit.

00:35:25.021 --> 00:35:30.181
Ja, das kann dann natürlich über den Sport geschehen, passiert auch bei vielen,

00:35:30.841 --> 00:35:35.121
aber nicht alle wählen den Weg über Sport und Bewegung.

00:35:35.941 --> 00:35:39.961
Und prinzipiell ist es schon eine gute Sache, das wissen wir ja,

00:35:40.021 --> 00:35:43.301
bei jedem Luftballon zu viel Druck innen führt irgendwann mal zum Platzen,

00:35:43.401 --> 00:35:46.281
also es ist schon gut, wenn wir Druck und Spannung ablassen. Okay.

00:35:46.921 --> 00:35:50.701
Und da kommt dann meine zweite Frage im Anschluss.

00:35:51.421 --> 00:35:54.881
Sie haben jetzt von selbstverletzenden Verhalten gesprochen und vielleicht gibt

00:35:54.881 --> 00:35:58.001
es da HörerInnen draußen, deren Kinder das tun.

00:35:58.501 --> 00:36:02.221
Gibt es da für Eltern, also wie sollten Eltern denn darauf reagieren,

00:36:02.301 --> 00:36:05.381
wenn sie das merken? Gibt es da irgendwelche konkreten Schritte.

00:36:06.961 --> 00:36:08.521
Die wichtig sind für Eltern?

00:36:08.701 --> 00:36:13.181
Also sollten sie es unterbinden oder mit den Kindern sprechen oder es geschehen

00:36:13.181 --> 00:36:16.581
lassen, weil der Druckabbau ist? Gibt es da irgendwas, was Eltern tun können?

00:36:17.012 --> 00:36:20.752
Man muss das unbedingt zu unterbinden versuchen, weil es kann leider auch zu

00:36:20.752 --> 00:36:25.532
unbeabsichtigten Todesfällen führen, wenn man sich beispielsweise zu tief im

00:36:25.532 --> 00:36:26.572
Oberschenkel schneidet.

00:36:27.632 --> 00:36:32.312
Und sich zu schneiden bedeutet ja nicht, dass man süchtig ist,

00:36:32.452 --> 00:36:36.352
sich selber wehzutun, sondern da will man einen anderen Schmerz übertönen.

00:36:36.532 --> 00:36:40.752
Und Psychologinnen und Psychologen, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten

00:36:40.752 --> 00:36:45.312
sind in der Lage, in wirklich relativ wenigen Sitzungen mit den jungen Erwachsenen

00:36:45.312 --> 00:36:48.892
andere Skills zu entwickeln, um diesen Schmerz, den man hat, zu übertönen.

00:36:49.232 --> 00:36:52.052
Das kann bei der einen Person heißen, dass ich an Ammonia kriege,

00:36:52.172 --> 00:36:57.412
wer anderer beißt in Chili-Schoten, wer dritter hat Gummiringern am Arm und schnalzt mit denen.

00:36:58.152 --> 00:37:03.812
Wichtig ist, dass man die Kinder vom Ritzen wegführt, Ritzen sagt man so umgangssprachlich

00:37:03.812 --> 00:37:08.612
ja dazu, hin zu anderen Skills, die diesen Schmerzübertönen helfen.

00:37:09.012 --> 00:37:12.452
Und warum sollten das unbedingt Psychologinnen und Psychotherapeutinnen machen

00:37:12.452 --> 00:37:16.252
und nicht Eltern oder Erziehungsberechtigte? weil irgendwann muss man ja auf

00:37:16.252 --> 00:37:20.552
die Suche gehen, wo kommt dieser Schmerz her und wo ist das eigentliche Thema,

00:37:20.852 --> 00:37:23.312
das sich dann da so ausdrückt.

00:37:24.052 --> 00:37:29.352
Ja, und manchmal ist es immer ein Kummer und ein Leid dahinter,

00:37:29.432 --> 00:37:32.452
aber manchmal ist dieser Schmerz eben auch gar nicht spürbar.

00:37:32.892 --> 00:37:37.052
Und die jungen Menschen sagen, ich spüre eben nichts. Und deshalb greife ich

00:37:37.052 --> 00:37:40.892
auch zu so massiven Mitteln und deshalb auch eben Ammoniak oder Chili-Schoten

00:37:40.892 --> 00:37:43.652
oder so, um Körperempfindungen zu haben.

00:37:45.192 --> 00:37:49.612
Und dieser Schmerz dahinter, der ist dann oft nochmal so stark,

00:37:49.712 --> 00:37:52.972
dass das eigentlich irgendwie dazu führt, dass gar nichts mehr gespürt wird.

00:37:53.652 --> 00:38:00.392
Und hier wieder die Körperempfindungen auch zu aktivieren, ist ganz wichtig.

00:38:00.932 --> 00:38:04.672
Wichtig für Eltern, finde ich schon, Kindern und Jugendlichen den Wert zu geben.

00:38:04.952 --> 00:38:08.632
Die anderen Körper sind wertvoll, die wollen wir nicht verletzen und der eigene Körper auch.

00:38:08.712 --> 00:38:11.472
Wir haben auch eine Verantwortung unserem eigenen Körper gegenüber.

00:38:11.472 --> 00:38:17.412
Unser Körper ist unser Vehikel in dieser Welt und da auf eine Unversehrtheit

00:38:17.412 --> 00:38:20.392
zu achten, ist ein ganz wichtiges Element.

00:38:21.351 --> 00:38:25.171
Und wenn wir jetzt noch auf die Schulen schauen, was sollte sich dann Ihrer

00:38:25.171 --> 00:38:30.711
Meinung nach dort ändern, damit die psychische Gesundheit der Schülerin weniger

00:38:30.711 --> 00:38:33.451
stark beeinträchtigt wird und auch ernster genommen werden?

00:38:34.131 --> 00:38:38.831
In Österreich ist es so, dass das Schulsystem auf Grundlagen aufgebaut,

00:38:38.931 --> 00:38:42.651
die Maria Theresia in unsere Gesellschaft getragen hat.

00:38:42.831 --> 00:38:47.411
Und unser Bildungsverständnis ist immer noch auf Wissenstransfer angelegt.

00:38:47.811 --> 00:38:54.411
Und dabei leben wir in einer Zeit, in der die Schule längst auch zur wichtigen

00:38:54.411 --> 00:38:56.151
sozialen Einrichtung geworden ist.

00:38:56.151 --> 00:39:02.591
Eine soziale Einrichtung dahingehend, dass man dort über Dinge nachdenken sollte,

00:39:03.031 --> 00:39:07.231
die da gemeinhin als 21st-Century-Skills beschrieben werden.

00:39:07.491 --> 00:39:11.171
Also wie schaut es mit meiner Sozialkompetenz aus?

00:39:11.691 --> 00:39:13.811
Bin ich innovationsfreudig?

00:39:14.401 --> 00:39:18.161
Kann ich Kreativität als Qualität erkennen?

00:39:18.561 --> 00:39:23.141
Ist die Suche, Fragen zu entwickeln, genauso wertvoll wie das Reproduzieren

00:39:23.141 --> 00:39:25.161
von Antworten, die andere formuliert haben?

00:39:25.801 --> 00:39:30.981
Unser Schulsystem steckt irgendwie noch in den vorigen Jahrhunderten und ist

00:39:30.981 --> 00:39:33.101
wirklich nicht in der Gegenwart angekommen.

00:39:33.481 --> 00:39:38.661
Und man müsste eigentlich das Ganze neu aufzubauen versuchen,

00:39:39.401 --> 00:39:43.241
indem man Projekte statt einzelne Fächer in die Schulen trägt.

00:39:43.241 --> 00:39:50.281
Indem er interdisziplinär Dinge beleuchtet und damit auch anschaulich für die Kinder werden lässt.

00:39:51.261 --> 00:39:55.161
Selbstverständlich müssen Pädagoginnen und Pädagogen verstehen, wo ihre Grenzen sind.

00:39:55.281 --> 00:39:59.061
Sie müssen nicht auf alles eine Antwort geben. Sie dürfen auch mit den Schülerinnen

00:39:59.061 --> 00:40:01.821
selber nach nächsten Fragen suchen.

00:40:02.881 --> 00:40:09.161
Wir brauchen ein Schulsystem, das sich um den Menschen kümmert und um die Einzelne

00:40:09.161 --> 00:40:11.641
und nicht allen die gleichen Aufgaben gibt.

00:40:12.381 --> 00:40:16.301
Der Mensch ist unterschiedlich, Gott sei Dank. Die Aufgaben sind für alle gleich.

00:40:16.541 --> 00:40:20.441
Was für ein Irrwitz. Das ist totalitär. Das wollen Populistinnen.

00:40:20.681 --> 00:40:23.681
Das wollen Menschen, die alle nach einer Norm kreieren wollen.

00:40:23.921 --> 00:40:29.181
Die liberale Demokratie erlaubt, dass jede und jeder von uns so sein darf, wie er oder sie kann.

00:40:29.541 --> 00:40:31.801
Unser Schulsystem will alle wieder gleich machen.

00:40:32.321 --> 00:40:37.201
Es ist ein Jammertal. Es ist traurig und es gehört einfach neu gemacht.

00:40:38.201 --> 00:40:43.981
Gut, und ich sage noch zu allem Ja und noch dazu, denke ich mir,

00:40:44.041 --> 00:40:45.241
was wir prinzipiell brauchen.

00:40:45.561 --> 00:40:50.601
Im Umgang mit Kindern und Jugendlichen sowieso immer, aber auch in den Bildungseinrichtungen

00:40:50.601 --> 00:40:57.281
ist Zuversicht vermitteln und den jungen Menschen sagen, wir glauben an euch.

00:40:57.281 --> 00:41:03.341
Und ja, es gibt viele Anforderungen und es gibt viel Stress oder Druck,

00:41:03.581 --> 00:41:12.061
aber ihr seid schlau genug, ihr seid gut genug, ihr seid talentiert genug, ihr bekommt das hin.

00:41:12.943 --> 00:41:15.963
Und das ist etwas, das ich manchmal bemängle an unseren Bildungseinrichtungen,

00:41:16.123 --> 00:41:24.343
dass sie viel zu sehr mit Angst und mit Drohungen und mit düsteren Zukunftsszenarien arbeiten.

00:41:24.523 --> 00:41:27.023
Also das, was man vielleicht früher auch schwarze Pädagoge genannt hat.

00:41:27.263 --> 00:41:31.223
Ich denke mir, wir wissen alle, dass wir viel motivierter sind,

00:41:31.263 --> 00:41:34.383
wenn wir das Gefühl haben, da kann was Gutes dabei herauskommen.

00:41:34.623 --> 00:41:42.723
Und dass man so auch ganze Schulklassen, ganze Schulen zu guten Erfolgen führen kann.

00:41:43.343 --> 00:41:46.823
Und ich sehe das auch in der Arbeitswelt. Es ist einfach wirklich wichtig,

00:41:47.483 --> 00:41:52.763
den jungen Menschen Zuversicht zu sagen und ihnen zu sagen, wir sind da,

00:41:52.963 --> 00:41:55.483
um euch bestmöglich zu begleiten und zu unterstützen.

00:41:55.803 --> 00:41:59.703
Das ist nicht so, dass wir genau wissen, was das Richtige ist und das Beste ist.

00:41:59.803 --> 00:42:04.903
Aber wir sind da und gehen den Weg mit euch gemeinsam. Und dann werdet ihr weitergehen.

00:42:05.943 --> 00:42:09.483
Und wir haben Vertrauen in euch.

00:42:09.623 --> 00:42:14.343
Und das gibt wirklich Kraft. Und ich finde, das ist etwas, das wir als Haltung

00:42:14.343 --> 00:42:17.903
in den unterschiedlichsten Bildungseinrichtungen und in Deutschland ist das

00:42:17.903 --> 00:42:23.743
wahrscheinlich gar nicht so anders, als in Österreich noch mehr Umsetzung etablieren sollten.

00:42:24.003 --> 00:42:27.623
Und noch ein Gedanke, wir wissen, Lernen geht über Beziehung.

00:42:28.303 --> 00:42:31.923
Das heißt, die Kinder und Jugendlichen, die sagen, diese Lehrerin,

00:42:32.043 --> 00:42:38.503
die ein Lehrer, die mag ich, da ist automatisch die Motivation viel höher.

00:42:39.583 --> 00:42:46.683
Also Beziehungen und gute Beziehungen als Kanal für Lernen und Leistung auch

00:42:46.683 --> 00:42:52.643
wahrzunehmen und zu nützen, glaube ich, ist ganz wichtig. Das hört sich gut an.

00:42:53.263 --> 00:42:55.803
Und wenn wir jetzt den Blick noch ein bisschen erweitern und auf die Gesellschaft

00:42:55.803 --> 00:43:00.263
schauen, welche Veränderungen wären da nötig, damit Jugendliche langfristig

00:43:00.263 --> 00:43:07.243
weniger Druck erleben? Ich glaube, es braucht ein stärkeres Willkommenheißen.

00:43:07.443 --> 00:43:08.863
Also ich...

00:43:09.622 --> 00:43:12.822
Ich finde manchmal, oder eigentlich immer, wenn ich auf der Straße bin,

00:43:13.182 --> 00:43:15.942
junge Menschen auf der Straße kommen sehr selten vor.

00:43:17.582 --> 00:43:22.762
Im Stadtbild, aber auch am Land. Es gibt so wenig Orte, wo junge Menschen außerhalb

00:43:22.762 --> 00:43:25.262
von ihrem eigenen Zimmer oder

00:43:25.262 --> 00:43:29.042
ihrem eigenen Zuhause und in Bildungseinrichtungen sich bewegen können.

00:43:29.162 --> 00:43:33.122
Und wenn sie dann mal irgendwo in Gruppen sitzen oder auftreten,

00:43:33.322 --> 00:43:34.982
hat die Gesellschaft Angst vor ihnen.

00:43:34.982 --> 00:43:41.062
Wenn wir auf der Straße, also jetzt nicht mir persönlich, aber eine Gruppe von

00:43:41.062 --> 00:43:44.402
fünf halbwüchsigen Burschen macht dann schon allen Angst.

00:43:46.742 --> 00:43:50.922
Oder Kinder, jüngere Kinder auf der Straße, für die gibt es ja auch kaum mehr Orte.

00:43:51.102 --> 00:43:56.942
Also ich denke mir, da bildet sich ab, dass junge Menschen, obwohl die Jugendphase sich ausdehnt,

00:43:57.622 --> 00:44:01.562
im Grunde dann im gesellschaftlichen Leben zu wenig Raum hat.

00:44:02.382 --> 00:44:07.822
Zu wenig auch, man spricht von konsumfreiem Raum, aber auch von zu wenig einfach

00:44:07.822 --> 00:44:10.342
öffentlichem, freinutzbarem Raum.

00:44:11.362 --> 00:44:14.702
Das ist etwas, das mir fehlt und das würde einen Riesenunterschied machen,

00:44:14.882 --> 00:44:19.962
wenn junge Menschen stärker sichtbar wären, stärker willkommen geheißen würden.

00:44:20.202 --> 00:44:25.142
Ich erinnere jetzt einfach auch nur an Restaurants oder andere Lokale,

00:44:25.142 --> 00:44:31.062
wo dann Kinder mit einem Tablet oder mit einem mobilen Gerät ruhig gestellt

00:44:31.062 --> 00:44:32.782
werden, damit sie ja nicht herumlaufen,

00:44:32.902 --> 00:44:36.822
keine Geräusche machen, nicht zu laut sind und die Erwachsenen nicht stören.

00:44:37.462 --> 00:44:43.922
Das, finde ich, ist Gift für gesundes Aufwachsen, als Störfaktor erlebt zu werden.

00:44:44.222 --> 00:44:49.982
Ja, und ich glaube, wir sollten als Erziehungsberechtigte, aber auch als sogenannte

00:44:49.982 --> 00:44:54.402
Erwachsene überprüfen, ob diese Haltungen und Wertebegriffe,

00:44:54.522 --> 00:45:00.122
die wir im Alltag als selbstverständlich akzeptieren, nicht hinterfragt werden müssten.

00:45:00.402 --> 00:45:05.782
Ein Stichwort ist Perfektionismus. Es ist sicher nichts schlechter für die Psyche

00:45:05.782 --> 00:45:09.942
und die Seele eines Menschen als Perfektionismus, weil dann komme ich nie an,

00:45:10.002 --> 00:45:13.342
ich darf mich nie freuen und ich fühle mich immer unzulänglich.

00:45:13.662 --> 00:45:17.822
Wenn wir aber dann stundenlange Sportübertragungen haben, wo wir nur jene loben,

00:45:17.822 --> 00:45:21.362
die die Ersten sind, meistens dann auch noch mit Doping erwirtschaftet,

00:45:21.362 --> 00:45:24.202
aber solange sie nicht erwischt werden, sind sie unsere Helden,

00:45:24.762 --> 00:45:28.882
dann veröffentlichen wir auch dauernd Heldenbilder, denen es nachzueifern überhaupt

00:45:28.882 --> 00:45:34.622
nicht erstrebenswert erscheint, wenn man es ein bisschen differenzierter betrachten würde.

00:45:34.742 --> 00:45:38.462
Das heißt also, kommerzialisierter Leistungssport ist Gift für unsere Gesellschaft.

00:45:38.962 --> 00:45:41.062
Normierung ist Gift für unsere Gesellschaft.

00:45:42.062 --> 00:45:46.942
Dieses kollektivistische Erleben von Nationalismus ist natürlich das Übelste,

00:45:46.942 --> 00:45:50.242
was es überhaupt nur gibt. Wir müssen auf die...

00:45:50.420 --> 00:45:53.360
Die Einzigartigkeit des Menschen, auf die Würde des Menschen,

00:45:53.480 --> 00:45:58.260
auf diese Idee des christlich-sozialen, und das meine ich natürlich nicht parteipolitisch,

00:45:58.660 --> 00:46:03.240
sondern dass man eben die Würde, die Unterschiedlichkeit des Menschen als Qualität

00:46:03.240 --> 00:46:06.820
versteht und nicht die Gleichmacherei hinarbeiten.

00:46:06.820 --> 00:46:10.680
Und jede von uns hat die Erlaubnis, Dinge weiterzuentwickeln,

00:46:10.760 --> 00:46:13.380
wenn wir glauben, wir könnten einen kleinen Beitrag dazu leisten.

00:46:13.600 --> 00:46:18.000
Wir müssen nicht warten, bis uns irgendein Politiker, irgendeine Kirche,

00:46:18.480 --> 00:46:23.320
irgendeine Partei etwas anbietet, dem wir uns dann anschließen können.

00:46:23.340 --> 00:46:28.420
Wir dürfen selber aktiv werden. Wir haben dieses Privileg, in so einer großartigen

00:46:28.420 --> 00:46:32.660
Gesellschaft leben zu dürfen und in so einer Welt, wo wir selber anpacken dürfen

00:46:32.660 --> 00:46:34.140
und Initiativen starten dürfen.

00:46:34.280 --> 00:46:38.340
Und das sollte jede und jeder von uns versuchen, um die Welt weiterzuentwickeln.

00:46:38.680 --> 00:46:42.980
Ja, was für ein wunderbares Schlusswort. Ich danke Ihnen ganz,

00:46:43.060 --> 00:46:47.560
ganz herzlich für dieses offene und wirklich wertvolle Gespräch. Danke sehr.

00:46:48.260 --> 00:46:51.080
Und danke auch an euch, dass ihr heute wieder eingeschaltet habt.

00:46:51.300 --> 00:46:55.300
Wenn ihr mehr über das Buch erfahren wollt, dann schaut doch gerne in die Shownotes

00:46:55.300 --> 00:46:56.500
oder bei Instagram vorbei.

00:46:57.060 --> 00:47:01.420
Dort verlosen wir nämlich aktuell ein Exemplar. Wir hoffen, diese Folge hat

00:47:01.420 --> 00:47:04.540
euch gefallen und ihr konntet ein paar interessante Gedanken mitnehmen.

00:47:04.700 --> 00:47:08.600
Und wenn ihr mehr von uns hören möchtet, dann abonniert gern unseren Podcast,

00:47:08.860 --> 00:47:10.800
dann verpasst ihr zukünftig nämlich nichts.

00:47:11.240 --> 00:47:16.180
Und wenn dir gefällt, was wir hier machen, freuen wir uns über eine kurze Bewertung

00:47:16.180 --> 00:47:19.120
oder wenn du die Folge an andere Eltern weiterempfiehlst.

00:47:19.280 --> 00:47:23.960
Vielen Dank fürs Zuhören. Wir freuen uns schon, wenn du beim nächsten Mal wieder mit dabei bist.

00:47:24.400 --> 00:47:28.940
Für heute wünschen wir dir eine wunderbare Zeit und sagen gemeinsam Tschüss.

00:47:31.020 --> 00:47:35.240
Das war der Podcast vom gewünschtesten Wunschkind.

