Hallo und herzlich willkommen zu Das gewünschteste Wunschkind, der Podcast mit Daniel Graf und Katja Seide. Heute sprechen wir über ein Thema, das viele Eltern betrifft, aber das trotzdem noch viel zu selten offen besprochen wird. Psychische Erschöpfung, Daueranspannung funktionieren über die eigenen Grenzen hinaus. Viele Mütter und Väter kennen dieses Gefühl, immer stark sein zu müssen für die Kinder, für den Job, für die Partnerschaft. Der Alltag ist dicht getaktet, Verantwortung endet nicht nach Feierabend und selbst in ruhigen Momenten läuft innerlich oft noch eine To-Do-Liste weiter. Und nicht wenige bewegen sich über Jahre in einem Zustand chronischer Überlastung, ohne es selbst wirklich wahrzunehmen. Psychische Belastungen zeigen sich selten spektakulär, sie schleichen sich vielmehr nach und nach ein, möglicherweise als Schlafstörung oder als Gereiztheit. Manchmal spürt man körperliche Symptome wie Herzrasen, Schwindel oder Druck auf der Brust. Und manchmal kulminiert das alles in einem Moment, in dem der Körper plötzlich stoppt. Und genau so einen Moment hat Christian Bär erlebt. Vielleicht kennt ihr ihn ja aus den sozialen Medien, wo er gemeinsam als Papa und Papi mit seinem Mann Björn sehr offen über Familie, Adoption und das Leben als Väterpaar spricht. In seinem sehr persönlichen Buch, das morgen erscheint, es heißt Hör auf dein Herz, dein Kopf ist ein Arschloch, beschreibt er einen Zusammenbruch kurz vor einem Langstreckenflug, ausgelöst durch eine massive Panikattacke. Doch dieses Ereignis war nicht der Anfang der Geschichte, sondern eher der Punkt, an dem sich viele Jahre innerer Anspannungen, alter Verletzungen und hoher Selbstansprüche Bahn gebrochen haben. Wir wollen heute mit ihm darüber sprechen, wie es soweit kommen konnte und auch darüber, welche Rolle Kindheitserfahrung, Mobbing, Leistungsdruck und das eigene Bild von Stärke gespielt haben. Christian, wie schön, dass du da bist. Herzlich willkommen. Hallo liebe Daniel, hallo liebe Katja. Vielen Dank, dass ich bei euch zu Gast sein darf. Jetzt drückt mir schon fast die Tränen die Augen, wenn ich deinem Intro zuhöre, weil es immer für mich total berührend ist, wenn Menschen dann darüber sprechen und ich meine eigene Geschichte höre. Dankeschön. Ja, super emotionales Buch. Lass uns mal drüber sprechen. Nimm uns mal mit zu dem Moment an dem Flughafen, über den ich eben gesprochen habe. Du warst kurz vor einem Langstreckenflug und hattest Verantwortung für dein Team. Eigentlich war alles Routine, aber ganz urplötzlich ging dann gar nichts mehr. Was ist denn da konkret passiert? Also körperlich und innerlich? Also ganz kurz vorweg, ich bin Kabinenchef auf der Langstrecke, arbeite bei einer großen deutschen Airline und das seit 25 Jahren. Und eigentlich, wie du schon sagst, es ist Routine für mich gewesen. Und dieser Tag, das war der 29. Juni 2024, das war ein ganz besonderer Tag. Das war der Tag, da bin ich nachts, ich habe schon unfassbar schlecht geschlafen, ich war sehr nervös. Und dann ist das passiert, was ich noch nie erlebt habe. Ich bin morgens aufgestanden und muss mich relativ früh fertig machen, stand in der Dusche und fing plötzlich bitterlich an zu weinen. Wenn du mich heute fragst, warum, ich kann es nicht mehr beschreiben, warum und ich kann dir auch nicht nur sagen, was der Auslöser war. Ich bin auf jeden Fall runter dann zu meinem Mann an den Tisch, der saß da schon mit unserem Sohn und ich habe gezittert, ich habe geweint, ich habe totale Ängste gehabt und ich kann euch gar nicht sagen, warum. Und trotzdem war der innere Antrieb, weil ich natürlich mit starken Glaubenssätzen groß geworden bin in meiner Kindheit, nach dem Motto, wenn du nichts leistest, dann bist du nichts. Also Schwäche zeigen tut man eben nicht in der heutigen Zeit. Und dieser Treiber war so stark, dass ich mich ja so weiterhin angezogen habe. Ich habe die Uniform angezogen, ich bin zum Flughafen gefahren, ich bin zitternd tatsächlich dahin gefahren. Normalerweise höre ich immer lauten Musik oder rufe Menschen an und quatsche noch ganz kurz, bevor es losgeht. Und dieses Mal war es anders. Ich bin ganz ruhig dahin gefahren. Ich bin am Flughafen angekommen. Mein bester Freund hat auf mich gewartet. Der ist mit mir gemeinsam geflogen. Und ich war völlig neben mir. Ich hatte Schweißperlen auf der Stirn. Ich hatte ganz extremes Herzrasen. Und das Allerverrückteste, ich hatte unfassbare Schmerzen in meinem Fuß, in meinem Bein. Also es fühlte sich schon fast an wie eine Thrombose. Und trotz dieser ganzen Symptome bin ich weitergegangen. Ich habe meinen Kaffee getrunken. Ich habe mein Briefing gehalten. Ich habe die Crew eingestimmt und an Bord ist es dann am Ende des Tages passiert. Das heißt, ich bin tatsächlich, wo wir an Bord gekommen sind, unsere Vorbereitungen sind gelaufen und ich habe das getan, was ich eigentlich immer tue und bin durch die verschiedenen Klassen gegangen und habe meine Kollegen noch motiviert und ich habe aber innerlich gemerkt, ich bin total neben mir. Also vielleicht kennt man das Gefühl von, ich habe mich angefühlt wie Gummi, alles war so weich und so, es fühlte sich einfach schrecklich an. Und dann war der Moment, und das war das, was ich auf meinem Buch beschreibe. Ich stand vor einem großen Display und das sind Routineaufgaben. Ich wollte das Licht einstellen. Und er wollte einfach fürs Boarding und sagte zu meinem besten Kumpel, ich sage, Norman, so heißt er, es steht auch im Buch drin, Norman, ich weiß nicht mehr, wie man Licht einschaltet. Und dann sagt er noch zu mir so ganz lustig, spinnst du jetzt? Und dann sage ich, nee, ich spinne nicht. Ich kann das nicht mehr. Und er sagt, was ist denn mit dir los? Und dann ist der Moment gekommen, da hat es mich komplett die Füße weggezogen. Ich habe angefangen zu weinen, bitterlichst. Ich habe gezittert. Ich habe das Gefühl gehabt, ich hatte einen Herzinfarkt. Mein Herz hat beschlagen. Ich hatte Schmerzen im Bein. Und ich sagte nur noch zu ihm, hol bitte den Rettungsdienst. Ich glaube, ich habe einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt. Und genau so war es. Und wenige Minuten später war der Rettungsdienst da. Und ich wurde von Bord abtransportiert. Und ich kann mich dann wieder bewusst daran erinnern, dass ich in der Notaufnahme lag, als ich dann so einigermaßen wieder zur Ruhe gekommen bin. Okay, das klingt ja total krass. es war dann aber keine Thrombose und kein Herzinfarkt? Nee. Das Verrückteste an der Geschichte war, als ich dann, ich glaube, ich war eine Stunde da gelegen und es war eine ganz nette Ärztin, die zu mir kam und die guckte mich an und sagte, Herr Bär, wie geht's Ihnen? Und dann guckte ich sie an und sagte, naja, wie soll es mit Ihnen gehen? Ich wäre gerade eigentlich elf Stunden geflogen und jetzt sitze ich hier und liege bei Ihnen und ich habe das Gefühl, mein Herz funktioniert nicht mehr. Und dann guckte sie mich an und sagte, soll ich Ihnen was verraten? Sie sind kerngesund. Dann habe ich zu ihr gesagt, das kann nicht sein, weil das, was ich gerade erlebt habe, es ist alles andere als gesund. Dann sagt sie, doch, Herr Bär, Sie sind total gesund. Ihre Werte sind perfekt. Ich kann Ihnen was sagen. Gucken Sie mal auf Ihre Psyche. Und das war der Moment, wo ich, das zweite Mal bitterlich angefangen habe zu weinen, weil ich gesagt habe, das kann nicht sein, ich habe nichts mit der Psyche. Naja, und so ging dieses ganze Rad, hat sich dann angefangen zu drehen, weil ich bin dann tatsächlich auch noch nach Hause gefahren, ich glaube, zwei Stunden später, und ich wusste erst mal gar nicht, was mache ich denn jetzt damit? Ich habe mich total beschissen, Entschuldigung für den Ausdruck gefühlt, ich wusste überhaupt nicht, wo unten ist, aber mein Körper war eigentlich gesund. Und ich wollte das nicht wahrhaben. Gab es denn in den Wochen, oder Monaten davor schon anzeichnen, dass dein Körper irgendwie an seine Grenzen kommt? Symptome, die du vielleicht einfach ignoriert hast oder wegerklärt hast oder vielleicht auch, weiß ich nicht, beim Arzt warst oder so? Also heute, wenn ich zurückblicke, war ich mehr beim Arzt, glaube ich, als manche Menschen zum Bäcker gehen, um das übertrieben zu sagen. Ich war ständig beim Arzt, weil ich hatte über Monate hinweg sehr starke Zahnschmerzen beispielsweise. Und ich war bestimmt wöchentlich beim Zahnarzt und jede Woche wurde mir das Gleiche gesagt. Ich kenne so einen Zahnarzt sehr gut, der sagte, Christian, da ist nichts, deine Zähne sind kerngesund, du hast nichts. Ich werde dir keinen Zahn behandeln, der nichts hat. So, ich habe immer Wochen hinweg Schmerzen im Bauch gehabt, mir war immer wieder übel. Ich hatte auch tatsächlich Schlafstörungen, aber ich habe die mehr oder weniger darauf zurückgeführt, weil ich war damals noch in der Doppelfunktion. Ich habe auch einen großen Teil am Boden gearbeitet, 50 Prozent war dort auch als Teamleiter tätig und habe dort 250 Mitarbeiter geführt und habe so eine Doppelbelastung gehabt. Plus eben Social Media, was natürlich ein Vollzeitjob war, plus damals noch ein Kind, plus Ehemann zu sein und all das war am Ende des Tages zu viel. Aber ich habe das nie wahrgenommen. Und ich habe Wochen, Monate davor eigentlich schon immer wieder diese Symptome gehabt, auch diese Nervosität, was am allerschlimmsten für mich war. Und das habe ich heute tatsächlich mehrfach reflektiert, dass mein Mann immer wieder zu mir gesagt hat, Christian, ich habe dir das doch schon erzählt. Und es gab ganz viele Situationen, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte. Oder dass ich teilweise, wir saßen am Esstisch und er hat mir was erzählt und ich konnte ihm gar nicht antworten, weil ich gar nicht verstanden habe, um was es ging. Und ich habe das damals als Überbelastung wahrgenommen, aber dass das schon extreme Vorboten, dieses Burnouts waren, das war mir nie bewusst. War dir denn klar, dass das schon mehr Stress als üblich ist oder bist du da so reingewachsen, dass das als Normalzustand erschien? Mir war das tatsächlich, also kognitiv war mir das klar. Ich habe das auch gespürt, aber bei mir war eben das Thema, und das ist etwas, was eben einen großen Teil auch in meinem Buch ausmacht. Ich bin mit sehr vielen Werten und Glaubenssätzen groß geworden, wie ich anfangs schon gesagt habe, das Thema, du musst Karriere machen, immer leben, sonst bist du nichts. Und Schwäche zeigen ist nur was für Feiglinge so ungefähr. Und ich bin mit diesen Glaubenssätzen, die waren so stark immer drin gewesen, dass ich immer gesagt habe, aber es geht noch und es geht noch und es geht natürlich noch ein Stück und mir passiert das nicht im Zusammenbruch, so ein Blödsinn, das passiert mir nicht, dafür bin ich stark genug. Also ich habe das sehr, sehr lange einfach wirklich runtergespielt und auch immer diese Tipps von außen, du musst mehr Sport machen, du musst was für deine Gesundheit tun, du musst dich gesünder ernähren, du musst weniger Stress haben, mach mal weniger Social Media. Das waren alles nette Tipps, aber die sind bei mir eigentlich überhaupt nicht angekommen. Die sind abgeprallt. Jetzt hast du gerade diesen inneren starken Glaubenssatz auch gesagt, du darfst keine Schwäche zeigen oder du musst stark sein. Woher kennst du dieses Muster? Das kommt wahrscheinlich aus deiner Kindheit, oder? Genau. Es sind Kindheitsmuster, die sind mir selber so vorgelegt worden. Mit den Sätzen bin ich auch konfrontiert worden immer wieder in meinem familiären Umfeld. Sie waren schon sehr stark. Also ein weiterer Glaubenssatz. Ich bin ja mit sehr viel Mobbing und Gewalt groß geworden in meiner Kindheit. Also nicht von meiner Familie, sondern in der Schule. Ich habe einen sehr schweren Unfall gehabt mit sechs Jahren und hatte die Schneidezähne verloren, die Originalen schon. Und das führte zu vielen, vielen Jahren Mobbing, Ausgrenzung, wie gesagt, Gewalt. Auch darüber schreibe ich in diesem Buch sehr intensiv. Und diese Glaubenssätze beispielsweise, ich muss mich anpassen, um beliebt zu werden, der ist heute noch in mir drin. Ich habe den zwar mittlerweile wahnsinnig gut unter Kontrolle, aber das ist etwas, das hat mich bis jetzt, ich bin jetzt 44 Jahre alt, der hat mich tatsächlich, bis ich 41, 42 war, sehr extremst gelenkt in meinem Leben. Und das war am Ende des Tages auch etwas, wo ich festgestellt habe, in der Kindheit selber sind so viele Dinge passiert und die sind sicherlich auch gar nicht absichtlich bösartig passiert, aber sie sind eben passiert und sie haben sich so manifestiert in mir, dass sie mich so weit gebracht haben, dass ich meine eigenen Grenzen im Grunde genommen mein Leben lang überschritten habe und auch im Grunde genommen alle Dinge, die ich gerne mache, für das ich eigentlich stehe als Christian, was meine persönlichen Werte sind, was das ist, was ich gerne tue, auch mit meinen Kindern. Mittlerweile haben wir ja zwei. Das habe ich ganz oft übergangen, weil ich gar nicht auf mich hören wollte, weil immer diese Glaubenssätze da waren, du darfst es nicht, du kannst es nicht, du musst aber, du musst funktionieren. Eine Begleiterscheinung von so einer Kindheit ist ja auch, dass man lernt, sich anzupassen und auch ganz sensibel ist so für Stimmungen. Also die von anderen zu lesen, um Konflikte schon zu erspüren. War das bei dir auch so? Ja, das war tatsächlich auch so. Also ich habe schon als Kind natürlich mit sehr vielen Konflikten zu tun gehabt in meinem Leben. Also sowohl mit meinem eigenen, wie ich es gerade schon gesagt habe, mit dem ganzen Mobbing-Thema und dem Gewalt-Thema der Mitschüler, aber auch im familien Umfeld habe ich mit sehr vielen Konflikten zu tun gehabt. Gerade in meiner eigenen Familie gab es auch immer wieder Konflikte, egal ob das jetzt mit Eltern, ob das jetzt mit Großeltern, Tanten, wie auch immer, Freunden. Ich bin mit Konflikten groß geworden ein Stück weit. Und das hat sicherlich auch was zur Prägung beigeführt, ganz sicher. Jetzt hast du gerade schon erzählt, dass du diesen schweren Fahrradunfall hattest, dann die Zähne verloren hast und danach über Jahre massiv gemobbt wurdest in der Schule. Wenn man als Kind so dauerhaft Zielscheibe ist und da auch niemand eingreift, dann macht es ja was mit einem Selbstbild und auch mit dem Gefühl von Sicherheit. Willst du da mal was von erzählen? Ja, das hat viel gemacht. Das habe ich tatsächlich gelernt in den letzten zwei Jahren, in denen ich mich natürlich intensiv therapeutisch habe begleiten lassen. Ich war ja auch in der therapeutischen Einrichtung. Ich habe Familienaufstellungen gemacht. Ich habe mit dem inneren Kind gearbeitet. Und da kam sehr viel dazu raus. denn ich hatte eine Situation, da springe ich jetzt mal kurz, aber das passt sehr gut dazu. Ich habe mich immer gefragt, warum ich totale Angst habe, immer noch, auch heute noch, oder mittlerweile nenne ich es Respekt, davor in der Dunkelheit alleine irgendwo zu laufen. Und durch das, dass ich damals, also das Mobbing und die Gewalt hat sehr oft unter einer sehr dunklen Brücke stattgefunden. Und für mich ist es heute ein totaler Kraus, tatsächlich immer noch in Bereichen zu sein. Ich kann euch ein Beispiel erzählen. Ich war vor drei Jahren auf dem München Oktoberfest. Und es war spät abends, 23 Uhr. Und ich habe das Zelt verlassen. Und ich bin später nach Hause als mein Mann. Und kürzlich waren lauter betrunkene Menschen um mich herum. Und auch das Thema Alkohol ist ein Riesenthema in meinem Leben. Also nicht bei mir selber, sondern in meinem Umfeld, was ich auch im Buch beschreibe. Ich habe ein sehr großes Thema mit Alkohol. Also ich bin kein großer Fan von Alkohol. Und eben die Kombination aus alkoholisierten Menschen und Dunkelheit von Menschen, die sich nicht mehr selber ihren Herr waren, die sind um mich herumgesprungen. Und ich habe eine totale Panik bekommen. Heute weiß ich, das war schon die erste Panikattacke, die ich hatte. Aber ich bin total geirrt über dieses Oktoberfest, weil ich Angst hatte, weil ich nicht mehr daraus gefunden habe. Ich habe keinen Ausgang gefunden. Und das sind Dinge, die sich aus meiner Kindheit sehr lange mitgezogen haben, die ich lange ignoriert habe und am Ende des Tages auch von außen nur bekommen habe. Jetzt stelle ich nicht so an und es ist doch nicht so tragisch. Heute weiß ich aber, dass es eben eine große Prägung von damals war, wo ich groß geworden bin. Und das ist schon etwas, was mich begleitet. Aber ich heute gut zu sagen anders drauf schauen kann, weil ich es eben bearbeitet habe, das Thema. Ja krass, aber gab es wirklich damals niemanden, der das gesehen hat, der dich geschützt hat? Du warst wirklich weitestgehend allein, ja? Die Frage bekomme ich lustigerweise oft gestellt. Und ja, ich war alleine, weil damals, und es ist gar kein Vorwurf niemandem gegenüber, aber damals, also meine Eltern waren berufstätig, die waren selbstständig, da war natürlich das Geschäft sehr wichtig, da hat es niemand wirklich ernst genommen, egal ob Lehrer oder auch Freunde oder, ich habe das auch nie so groß erzählt, weil ich natürlich einen ganz großen Charme hatte. Also ich spreche eigentlich das allererste Mal wirklich richtig darüber in diesem Buch. Weil es gibt Situationen, als Beispiel, mein Mann hat das Manuskript gelesen, meine beste Freundin hat es gelesen, die beiden durften es lesen. Und beide guckten mich an und sagen, jetzt der eine kennt, mit meinem Mann bin ich 15 Jahre zusammen, meine beste Freundin kenne ich 25. Und die guckten mich an und sagen, Wahnsinn, wir wussten das gar nicht von dir. Und ich habe bis jetzt, bis ins hohe Alter, habe ich lange Scham darüber gehabt, wirklich darüber zu erzählen, weil es ja auch eine Schwäche ist, zuzugeben, dass man eben Außenseiter war, dass man verprügelt worden ist. Und ich habe früher natürlich das versucht zu erzählen in Familienumfeld, aber... Naja, ich habe dann Sätze gehört wie, dann hau halt einfach mal zurück und dann ist Ruhe. Und ich bin eben ein absoluter Gegner von Gewalt. Also ich würde auch meinen eigenen Kindern niemals sagen, hau zurück, weil ich finde Gewalt etwas ganz Schreckliches. Und das hat immer meinen persönlichen Werten widerstrebt. Aber ich bin halt mit diesen Sätzen groß geworden und ich habe nie zurückgehauen. Schon deswegen habe ich mich eben verprügeln lassen. Die Vera haben es auch am Ende des Tages, sie haben es mehr oder weniger sich angehört. dann wurde mal kurz geschimpft. Aber alles, was halt außerhalb des Schulgeländnens passiert ist, da haben die Leute die Augen zugemacht. Und nachdem es immer an einem Ort kassiert ist, wo eben wenig Menschen waren, wo es dunkel war, wo es, wie gesagt, war unter einer Brücke, die sehr geschützt war, da haben das halt auch wenige Menschen mitbekommen. Und es war halt auch immer dieses Thema, wenn du was sagst, dann wird es noch schlimmer. Und demnach bin ich eben, naja, acht Jahre lang mit diesen Ängsten habe ich gelebt. Also ich habe auch unfassbare Strategien entwickelt als Kind. Und um diesem Thema drumherum zu kommen beispielsweise, ich bin immer fünf Minuten früher zur Schule gegangen, als ich musste oder zehn Minuten. Ich bin ganz oft mit Fahrrad einen Umweg von vier Kilometern gefahren. Also ich habe ganz viele Strategien entwickelt. Ich habe ganz oft Symptome entwickelt, das für mich abholt von der Schule, einfach um dem zu entkommen. Also total toll, dass du als Kind da so Strategien entwickelt hast. Also schlimm, dass du es musstest, aber wie toll, dass du das konntest. Du beschreibst in deinem Buch auch, dass du als Kind besonders viel Zuwendung bekommen hast, wenn du krank warst. Da hat dann wahrscheinlich dein Körper früh gelernt, dass Krankheit Nähe bringt, oder? Mhm. Das ist tatsächlich noch etwas, wo heute mein Mann auch noch damit kämpft. Ich merke das immer wieder, wenn es mir nicht gut geht, habe ich ein ganz besonderes Aufmerksamkeitsbedürfnis. Und das ist etwas, das war als Kind wirklich so. Ich kann mich erinnern, dass nur dann, wenn es mir schlecht ging, mir ging es, ich sage das jetzt heute mal so bewusst, leider sehr wenig sehr schlecht. Ich war immer ein sehr gesundes Kind. Aber wo das damals mit den Zähnen war, da habe ich natürlich extreme Aufmerksamkeit bekommen. Und da habe ich eben immer gelernt, okay, wenn ich ein Stück weit auch etwas vorspiele, also wenn ich eine Schauspieler- oder Schildfähigkeit hervorbringe und sage, mir geht es schlecht, dann bekomme ich in dem Moment Zuneigung und Aufmerksamkeit. Und das ist etwas, wenn ich heute darüber nachdenke, jetzt selber aus der Papa-Brille heraus, finde ich das ganz, ganz, ganz furchtbar, was ich auch da, was für eine Strategie ich als Kind entwickelt habe, um eine gewisse Aufmerksamkeit zu bekommen. Und die Aufmerksamkeit auch von anderen Menschen, also ich meine jetzt gar nicht nur meine Familie, sondern die Aufmerksamkeit auch von Freunden, weil ich hatte nicht wirklich viele Freunde, aber wenn es mir schlecht ging, dann waren die Leute neugierig und sie sind zu mir gekommen und gesagt, was hast du denn? Und das war für mich schon Aufmerksamkeit genug als Kind. Okay, du schreibst ja auch, dass du später dann tatsächlich starke Angst vor Erkrankungen hattest und auch mit körperlichen Symptomen doch auf ungewöhnliche Art und Weise umgegangen bist. Das hat wahrscheinlich damit auch was zu tun, oder? Auf jeden Fall, auch heute noch. Also man kann sagen, dass es schon eine Art von Hypochondrie ist, was das Thema Krankheiten angeht. Das ist jetzt besser geworden als das letzte Jahr, aber ich bin schon jemand gewesen, der sehr fleißig und sehr regelmäßig zu Ärzten gegangen ist, zur Vorsorge. Ich habe jeden kleinen Knubbel an meinem Körper untersuchen lassen. Wenn es irgendwo zieht, dann zwickt es sofort zum Arzt. Also das war so, dass es mir schon selbst auf den Keks gegangen ist. Ich habe das auch gespürt. Das waren, man kann es schon fast beschreiben, diese Zwänge. Also Zwänge zu gucken, es muss alles gut sein. Und auch gerade im Umfeld, ich habe natürlich mit vielen Mitarbeitern gearbeitet. Ich hatte Tage, wo mir Mitarbeiter erzählt haben, sie haben die und die Erkrankung oder die Mutter ist daran gestorben, der Vater hat das bekommen. Ich bin da super sensibel und empfindlich für solche Themen. Ich tue mir heute noch schwer, auch beispielsweise solche Arzt-Sendungen oder sowas anzuschauen. Ich habe damit ein Thema. Ich kann das heute gut steuern und ich bin jetzt, Ich sage mal, die letzten zwölf Monate sind noch nie so wenig bei Ärzten gewesen wie die letzten Jahre davor. Aber es ist schon etwas, was mich sehr begleitet in meinem Leben, weil ich einfach auch tatsächlich ein Stück weit von zu Hause so geprägt worden bin mit dem Thema Krankheiten. Das ist doch immer alles schlimm und schrecklich. Entschuldigung. Du hast vorhin ganz kurz erwähnt, dass du dann in eine therapeutische Einrichtung gekommen bist. Aber lass uns noch mal ganz kurz zu diesem Punkt zurückkehren. Als du diese erste Panikattacke an dem Flughafen hattest und du dann ins Krankenhaus gekommen bist und da wird dir gesagt, körperlich ist alles in Ordnung, also es ist vermutlich psychisch. Was hat denn dieser Satz in dir ausgelöst? Probe Angst, weil tatsächlich ich erst mal gar nicht gewusst habe, okay, habe ich ein gebrochenes Bein, gehe ich zum Chirurgen oder gehe ich zum Orthopäden, lasse mich reparieren, platt gesagt, gehe ins Krankenhaus, wird operiert und dann wird es hoffentlich wieder gut. Habe ich Zahnschmerzen, wird der Zahn behandelt, ist wieder gut. Aber wie mache ich denn die Psyche wieder gesund? Und das war meine größte Angst. Ich habe erst mal totale Angst davor gehabt, dass ich jetzt einen Stempel habe. Also nur, dass alle Menschen denken, ich bin total verrückt und mit dem kannst du nichts mehr anfangen, der hat einen Knall. Das war für mich ganz furchtbar. Ich habe mir diesen Stempel auch selber erst mal natürlich gegeben. Und ich wusste erst mal überhaupt nicht, okay, und wo fange ich an? Also was ist der erste Schritt? Also in der heutigen Zeit in Deutschland einen Therapeuten zu finden, und ich war damals privat versichert, wohlgemerkt. Selbst das war eine größte Herausforderung, jetzt als akut jemanden zu bekommen. Und ich habe einfach erst mal gar nicht gewusst, was mache ich jetzt? Und habe dann irgendwie, Gott sei Dank, durch meinen Mann und durch meine Freunde, angefangen, so Schritt für Schritt nach vorne. Ich habe versucht, Therapeutentermine zu bekommen und habe erst mal angefangen mit einer Familienaufstellung, also Kleinigkeiten. Ich habe angefangen, Meditationsmusik zu hören, um einfach so ein bisschen mich wieder zu regulieren. Aber ich habe bestimmt, Drei, vier Monate, keine Ahnung gehabt, wie gehe ich an dieses Thema ran. Vor allen Dingen, ich wusste ja zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, aber was ist es denn bei der Psyche? Was ist der Grund, warum es mir die Schuhe ausgezogen hat? Das kann ich heute sagen, nach zwei Jahren langer Arbeit. Aber ich konnte das überhaupt nicht greifen. Aber warum hat man solche Angst davor? Also ich kann das total nachfühlen, mir würde das absolut genauso gehen. Das ist mit Scham behaftet, aber wovor konkret hat man denn eigentlich solche Angst? Naja, es gibt so zwei Herzen meiner Brust. Das eine ist natürlich in meinem Job, ich habe eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Ich bin Führungskraft, ich hatte plötzlich Angst, dass Menschen irgendwie mich abstempeln würden oder mich nicht mehr ernst nehmen würden. Und das andere war natürlich die Präsenz auf Social Media. Wir sind in Deutschland tatsächlich die erfolgreichste und größte Regenbogenfamilie und wir stehen dort für Motivation, für gute Laune, für Träume leben. Und plötzlich stehe ich da und muss den Menschen sagen, hey, ich verschwinde gerade mal von der Bildfläche, weil mir geht es nicht gut. Und das war für mich unfassbar schwer zuzugeben. Ja, der Christian, der ist nicht mehr der Lustige, der seinen Morgentanz gerade macht. Der Christian ist gerade nicht mehr der, der sagt, hey Leute, versucht jeden Tag das Beste aus euch rauszuholen. Sondern es ist plötzlich der Christian, der sagt, ja, ich muss gerade mal kapitulieren. Ich muss gerade mal das Stoppschild auf euch aufzeigen. Ich bin jetzt erst mal raus. Und das war für mich unfassbar schwer, mir selber einzugestehen. Und auch wiederum immer zurückzuführen auf meine Glaubenssätze. Jetzt ist der Moment, wo ich Schwäche zeigen muss. Und das ist mir unfassbar schwer gefallen. Du hast dich dann aber ja trotzdem relativ schnell dazu entschieden, therapeutische Hilfe zu suchen. War das jetzt ein rationaler Entschluss oder ein Akt der Verzweiflung oder was stand dahinter? Also als allererstes war tatsächlich die Angst, da war es wirklich eine Angst, meinem Sohn damals nicht mehr gerecht werden zu können. Also im Grunde genommen bin ich meinem Sohn sehr dankbar, weil der hat mir den Antrieb gegeben. Das ist natürlich nicht bewusst, aber mein innerer Antrieb. Ich wusste genau, mein größter Traum in meinem ganzen Leben war immer Kinder zu haben. Mein größter Traum war immer zu heiraten und mein größter Traum war immer Papa zu sein. Und ich wusste, wenn ich diesem Gefühl nachgebe und mich jetzt fallen lasse, dann leidet nur ich, sondern dann leidet mein ganzes Familiensystem darunter. Und da wiederum war der Glaubenssatz ganz gut mit dem Thema, du musst stark sein, weil ich wusste, ich muss jetzt was tun. Jetzt habe ich das Glück, dass ich im beruflichen Kontext viel, also wirklich viel gelernt habe. Ich habe viele Führungsseminare in meinem Leben besucht. Ich habe psychologische Seminare besucht. Ich habe viele Menschen auch begleitet aus der Führungsebene heraus. Daher wusste ich, es gibt keinen anderen Weg, als dass du jetzt dir Hilfe holen musst. Und das habe ich dann gemacht. Auch mit gutem Zuspruch meines Mannes und meiner Freunde. Aber mir war klar, du kommst alleine da nicht mehr raus. Und dieses Gefühl, diese Panikattacke, das war so in mir drin. Also ich hatte dieses, das hat mein Hirn so abgespeichert. Und da kam jetzt auch wieder diese Angst, die Angst vor der Angst. Also die nächste Panikattacke könnte ja kommen. Und ich wollte dieses Gefühl nicht mehr erleben und wusste, wenn ich jetzt nichts tue, dann kommt es wieder. Und das war der Antrieb zu sagen, okay, und jetzt? Jetzt muss ich auch in eine Einrichtung. Und das habe ich tatsächlich selber veranlasst. Ich habe selber gesagt, das ist der Einzige. Einmal die Woche zum Therapeuten für 50 Minuten, da wusste ich, das wird mir nicht helfen. Und genau so war es. Weil damit habe ich tatsächlich erst begonnen. Und ich merkte, ich bin da raus und bin ins Auto und wusste, und jetzt? Und dann war der Moment, vier Monate später, bin ich dann in diese Einrichtung und habe gesagt, so... Hier gibt es einen Platz. Und ja, dann habe ich relativ schnell einen Platz bekommen. Sehr gut. Ja, und da muss man sehr, sehr intensiv an sich arbeiten. Gab es denn so schmerzhafte Erkenntnisse, die du über dich sammeln musstest? Oh, ganz viele. Leider sehr viele, ja. Also einmal, ich schreibe in meinem Buch beispielsweise, es gab einen Moment, der war sehr prägend. Und dann muss ich zurückkommen auf diese Zahngeschichte. es gab verschiedene therapeutische Ansätze und eines davon war Kunsttherapie. Ich mochte das sehr, sehr gerne. Man hat über Bilder malen sozusagen verschiedene Themen bearbeitet. Und einer der schlimmsten Momente war, und das habe ich tatsächlich verdrängt, ich glaube, das hat einfach mein Gehirn verdrängt, das war der Moment, an dem mir die Zähne in der Notaufnahme von einem Arzt ohne Betäubung wieder eingesetzt worden sind. Genau. Und das war der Moment, Da drückte mir auch schon fast die Tränen in die Augen. Ich war sechs Jahre alt und ihr müsst euch vorstellen, diese Bilder sind innerhalb dieser therapeutischen Zeit hochgekommen. Da habe ich auch lange dran gearbeitet. Warum ich es beispielsweise nicht mag, dass mich Menschen festhalten. Weil man mich damals, ich weiß nicht mehr, ob es vier oder fünf Menschen waren, auf diesem Stuhl und plötzlich hatte ich Bilder im Kopf, wie mir dieses helle Licht ins Gesicht geschienen hat, wie mich die Menschen festgehalten haben. Und mir drückt jemand diese Zähne wieder ins Zahnfleisch rein. Und es waren solche Schmerzen, dass ich bewusstlos geworden bin. Oh mein Gott. Und ich habe das komplett verdrängt und das kam innerhalb der Therapie wieder raus. Und da musste ich tatsächlich sehr schlucken, weil diese Ängste und auch diese Angst vor Krankheiten, vor Ärzten, vor Schmerzen, die sind sehr viel auf dieses Thema zurückzuführen. Was mich so auch gelenkt hat die ganzen Jahre. Ich habe eine wahnsinnige Angst beispielsweise vor Zahnärzten. Ich habe lange nicht gewusst eigentlich warum. Aber das Paradoxe bei mir ist, ich habe wahnsinnige Angst. Aber ich renne ungefähr alle drei Wochen zum Zahnarzt. Also so war es damals. Einfach um immer dieser Angst zu entkommen, da könnte ja irgendwas sein. Und mein Gehirn hat es so stark verinnerlicht und so gelernt, dass eben auch eine der psychosomatischen Auswirkungen, dann heißt er Psycho und dann somatisch ist ja der Körper, dass also der Körper Signale sendet, wenn es dir zu viel ist. Und bei mir war es eben, und ich weiß noch, die Therapeutin hat gesagt, jeder Mensch hat eine Sollbruchstelle in seinem Leben und bei ihnen sind es die Zähne. Und das war die schlimmste Erkenntnis, dass eigentlich ganz vieles auf diesen einen Vorfall zurückzuführen war, der sich dann in meinem späteren Leben eben gezeigt hat. Und den hat damals tatsächlich gar keiner so wirklich ernst genommen. Und es ist auch gar kein Vorwurf gegen niemanden, weil Ich meine, meine Eltern wussten es nicht besser, da waren Ärzte, sie haben sich darauf verlassen. Aber der einzige Vorwurf, den ich habe heute noch, ist, warum hat man mich damals nicht in die Narkose gesetzt? Warum musste ich da durch? Und das ist etwas, die Frage kann mir wahrscheinlich keiner mehr beantworten. Wahrscheinlich war das damals einfach so, das musste schnell gehen oder so. Ja, also total krass eigentlich. Gab es auch heilsame Erkenntnisse, die du da in der Einrichtung hattest über dich? Ja, es gab ganz viele, auch das passiert im Sinne von, dass viele Dinge, die ich mache, gut sind, dass ich ganz viele Stärken habe. Erkenntnisse wie beispielsweise, dass so ein Glaubenssatz wie, ich muss Karriere machen, dass ich jemand bin, der was leistet, dass ich nach außen gut dastehe. Ich habe festgestellt, dass dieser Glaubenssatz gar nicht zu mir passt und dass ich jemand bin, der eigentlich, und das hört sich jetzt total platt an, aber für mich ist meine Karriere, dass ich jeden Morgen aufstehen darf, so wie aktuell, weil ich gerade in Elternzeit bin. Ich habe eine fünf Monate alte Tochter und einen acht Jahre alten Sohn. Ich darf die Brotdosen machen, ich darf meiner Tochter die Windeln wechseln, ich darf mich um meine Kinder kümmern, um meinen Mann, um meinen Haushalt. Ich darf einfach Papa sein. Ich muss keine E-Mails mehr beantworten. Ich darf Social Media machen, so wie mir das gefällt. Ich habe einfach gelernt, wer bin ich eigentlich wirklich in dieser Zeit? Was will ich und wo sind meine Stärken? Und ich bin so dankbar, also heute rückblickend, wenn ich sage, ich bin dem 29. Juni so dankbar, weil ich heute tatsächlich, und das kann ich vielleicht schon mal vorweg sagen, das Leben lehme, was ich mir mein Leben lang gewünscht habe. Ich wollte nie Menschen maßregeln, ich wollte nie Menschen verurteilen, ich wollte nie unschöne Personalgespräche führen, weil ich eigentlich jemand bin, der sehr harmonisch ist, weil er gerne mit seinem Menschen gut umgehen möchte. Und ich habe viele, viele Jahre gegen meine eigenen Werte gearbeitet. Jetzt hast du gesagt, Glaubenssätze sind so ein ganz, ganz großes Thema bei dir. Also du hast es schon erwähnt, ich muss stark sein oder ich muss mich anpassen, um geliebt zu werden. Wann war denn der Punkt, wo du auch verstanden hast, welchen Einfluss diese Sätze auf dein Leben hatten? Einmal, als ich es für die Familienaufstellung gemacht habe, da habe ich schon gemerkt, das stimmt was überhaupt nicht bei mir. Und das Zweite war dann tatsächlich in der therapeutischen Einrichtung, wo ich gemerkt habe, ich habe viele Dinge in meinem Leben fremdbestimmt gemacht. Und der größte Schritt, den ich gemacht habe, als es passiert ist im Juni, habe ich mich Ende Juni entschieden, die Zusatzfunktionen aufzugeben und nur noch in Teilzeit fliegen zu gehen. Und das war immer meine größte Angst, weil es natürlich auch eine Schwäche war, etwas abzugeben, was man sich über Jahre hinweg gearbeitet hat. Da hing natürlich auch Ansehen dran, da hing viel Geld daran, da hingen ganz viele Faktoren daran. Und als ich das abgegeben habe, und der erste Monat, das war dann der August, wo ich gewusst habe, okay, du hast in der Form nicht mehr Personalverantwortung. Daran hat es schon eine März ab. Komisch, ich traue gar nicht, sondern ich kann atmen. Ich atme und habe Luft. Und das war für mich der Moment, wo ich gewusst habe, okay, das ist der Weg, den du gehen musst. Weil das erste Mal das Gefühl zu haben, niemandem beweisen zu müssen, dass ich nur wichtig bin, wenn ich etwas darstelle oder wenn ich einen Titel habe. Sondern ich bin wichtig als Christian, als Mensch, als Papa. Ich bin wichtig, wenn ich meinem Sohn sage, hey, wir gehen heute auf den Spielplatz und wir machen einen coolen Tag. Dann ist es für mich Erfolg und dann ist es für mich wichtig. Für mich ist nicht mehr wichtig zu sagen, ich habe 250 Mitarbeiter geführt und ich war wahnsinnig busy und ich wurde gebraucht und ich war im Personalmanagement unter anderem auch mittätig. Das ist für mich heute nicht mehr wichtig. Also ich habe erkannt, wo meine Stärken sind. Das heißt, dein Blick auf Erfolg und Leistung und Verantwortung hat sich durch dieses Ereignis komplett verändert? Komplett, absolut. Mein Erfolg. Und deshalb reagiere ich auch immer so ein bisschen allergisch, gerade bei Social Media, wenn Menschen mir schreiben, ja Christian, jetzt bist du nur noch zu Hause gerade und ist dir das nicht langweilig und du warst sehr erfolgreich. Also diese Nachrichten gibt es sehr wohl. Da kann ich wirklich drüber schmunzeln, weil mein größter Erfolg ist jeden Tag. Das sind meine beiden Kinder und mein Mann. Mein größter Erfolg ist, dass ich für meine Kinder da sein darf. Ich habe in der Zeit, als ich damals, als ein Sohn zu uns kam, 2019, da war ich noch voll berufstätig. Und ich habe viele Situationen in meinem Leben erlebt. Und vielleicht können das Menschen auch nachvollziehen, die jetzt gerade zuhören, die selber Kinder haben, die im Beruf sehr eingespannt sind. Ich kam nach Hause und ich habe also 18, 19 Uhr, kurz bevor eine Person ins Bett gegangen ist. Und er hat mich voll im Strahle angeschaut und hat gesagt, hey Papi, schön, dass du da bist. Komm, wir spielen noch eine Runde Lego. Und was habe ich damals gemacht? Ich habe gesagt, nee, tut mir leid, ich muss noch eine E-Mail beantworten. Und heute mache ich mir wahnsinnige Vorwürfe, weil ich nicht auf mein Kind gehört habe. Und heute eben die größte Erkenntnis, dass für mich nichts wichtiger ist, als meinem Kind oder meinen Kindern, gut, die Kleine kann ja nicht reden, aber meinen Kindern zuzuhören, für sie da zu sein, ihnen Aufmerksamkeit zu geben, weil auch ich selber aus meiner Kindheit heraus, eben weiß, wie es ist, wenn man sich viel mit sich selber beschäftigen muss. Und das ist eine ganz große Erkenntnis, die ich für mich getroffen habe. Ich möchte da sein. Ich möchte für eine Sache zu 100% da sein und nicht mehr auf drei Baustellen gleichzeitig und eigentlich nichts mehr gerecht zu werden. Weil das am Ende des Tages hat auch dazu geführt, dass es mir die Schuhe ausgezogen hat. Jetzt bist du ja sehr offen mit deiner Krise umgegangen, auch öffentlich, also sei es auf Social Media oder jetzt eben auch mit dem Buch. Warum war dir denn diese Transparenz so wichtig und hattest du auch Angst davor, wie die Menschen vielleicht reagieren können? Und wie war denn die Resonanz? War die überwiegend unterstützend oder gab es da auch kritische Stimmen? Also, bei Social Media habe ich ja nur so ein bisschen was preisgegeben. Ich habe mal zwei, drei Posts abgesetzt, dass es mir nicht gut geht, dass die Leute sich nicht wundern sollen, warum ich weg bin. Ich habe nie die ganze Wahrheit erzählt. Ich habe auch nie Dinge erzählt, was mich wirklich beschäftigt hat, weil es gab Dinge, die konnte ich damals noch gar nicht erzählen. Ich habe aber gemerkt, aufgrund dessen, was ich etwas geteilt habe, dieses bisschen, was ich geteilt habe, dass ich ganz viel Resonanz bekommen habe von Menschen, die beschrieben haben, mir geht es ähnlich. Wie kommst du aus dieser Situation raus? Was hast du getan? Also ich habe immer mehr gemerkt, wie viel Anklang dieses Thema gefunden hat. Wie viele Eltern bei uns folgen, 97 Prozent Eltern, die dann einfach gesagt haben, hey Christian, mir geht es eh nicht. Wie machst du das? Und irgendwann kam der Moment, und ich habe angefangen, auch in der Therapie, habe ich gelernt, ich bin wichtig und ich muss mich für nichts schämen. Und dann habe ich eben genau das entwickelt, wo ich gesagt habe, alle Menschen sprechen darüber, wenn sie sich verletzen. wenn sie, ah, ich muss zum Arzt, weil ich habe mir ein Zeh gebrochen. Oder ich muss zum Arzt, weil ich kriege eine Neuerfüllung im Zahn. Aber wenn jemand was in der Psyche hat, es wird immer totgeschrieben. Und. Irgendwann hatte ich so viel Selbstbewusstsein in den letzten Monaten entwickelt, dass ich gesagt habe, ich möchte darüber sprechen, weil ich weiß, das sollte kein Tabuthema mehr sein. Auch als Eltern sollte es kein Tabuthema mehr sein, sondern es sollte auch darüber gesprochen werden, weil man kann damit auch präventiv Menschen vielleicht ein Stück weit davor bewahren, weil sie vielleicht mehr hinschauen, wenn sie andere Geschichten hören, weil sie sich in gewissen Teilen wiederfinden. Und so war das mit meinem Buch. Ich habe, als die Idee entstanden ist, letztes Jahr, 2025 im März, ein Verlag auf mich zugekommen ist und gesagt hat, wir würden gerne mit dir darüber schreiben, habe ich gesagt, auf keinen Fall. Und dann habe ich kurz nochmal darüber nachgedacht. Aber ich habe erst mal gesagt, auf keinen Fall, weil ich mich geschämt habe, weil ich gedacht habe, boah, da muss ich ja viel Preis geben. Und dann kam der Moment, wo ich gesagt habe, nee, und genau das muss raus und ich brauche das auch für mich nochmal. Und dann habe ich losgeschrieben und dann habe ich festgestellt, ja, in diesem Buch lasse ich sehr die Hosen runter. Ich gebe da sehr viel tiefe Einblicke, aber ich weiß, dass ich ganz viele Menschen, und es ist völlig egal, ob das betroffene Menschen sind, ob das Angehörige sind, ob das Eltern sind, ob das Alleinstehende sind, weil jeder wird sich in irgendeiner Geschichte darin wiederfinden, dass ich diesen Menschen vielleicht ein bisschen Mut machen kann, vielleicht auch ein bisschen früher hinzuschauen, wie ich das getan habe. Ja, also dein Buch ist total hilfreich, ich habe das ja auch gelesen. Wenn jetzt heute jemand zuhört, der gerade selbst an diesem Punkt ist, also Herzrasen, Panik, Kontrollverlust oder vielleicht so ein bisschen noch davor sogar, Was würdest du denn dieser Person jetzt aus deiner Erfahrung heraus sagen? Ich weiß, dass es leicht gesagt ist mit der ganzen Erfahrung, die ich gemacht habe. Aber ich kann immer nur wieder sagen, versucht es nicht zu ignorieren. Schaut hin und nehmt diese Signale eures Körpers ernst. Denn ich glaube, wir Menschen sind wahnsinnig gut darin, die Dinge zu verdrängen und zu sagen, ja, machen wir später oder hat jetzt gerade keinen Raum und keine Zeit. Ich kann nur immer wieder sagen, die Themen suchen sich so lange ihren Weg, bis du ihnen genügend Raum gibst. Sie werden immer wieder kommen und sie zeigen sich in ganz vielen verschiedenen Facetten. Ich habe das selber erlebt, je gesagt. Ich habe unterschiedliche Facetten die letzten Jahre davor erlebt, wie sich das gezeigt hat und ich war ein Meister in Verdrängen und ich kann immer nur wieder sagen, hört dahin und auch das Nächste ist, sucht euch Ärzte, die euch ernst nehmen. Es gibt nämlich sicherlich, es gibt Ärzte, das habe ich selber erlebt, die haben mich nicht ernst genommen. Und es gab Ärzte, die haben gesagt, das ist zwar nichts Körperliches, also im Sinne von, das Herz schlägt richtig, aber es gibt eine andere Ursache für dieses Thema. Und ich kann nur sagen, wenn es vielleicht auch zwei, drei Ehrenrunden sind, sich den passenden Arzt zu suchen. Aber das ist so wichtig, dass Menschen einem zuhören und dass Menschen einen ernst nehmen. Und wie gesagt, nicht weggucken, sondern hinfühlen. Und das ist verdammt schwer. Das ist wirklich schwer. Gerade im Alltag. Und wirklich, man muss das nicht alleine schaffen. Es gibt wirklich Spezialisten, man muss die eben nur finden. Absolut, absolut. Christian, ich danke dir total für deine Offenheit und den Mut, wirklich so persönliche Einblicke zu teilen. Das war super interessant und für mich auch sehr bewegend. Viele Gänsehaut-Momente. Dankeschön. Danke, dass ich darüber reden darf. Und vor allen Dingen für jeden, der dieses Buch liest, der wird sicherlich die ein oder andere Geschichte in sich wiederfinden. Und ja, ich bin sehr dankbar über diesen Weg. Und ich habe es ja vorhin schon mal gesagt, heute rückblickend, ich gehöre, glaube ich, mittlerweile zu den glücklichsten und zufriedensten Menschen auf diesem Planeten. Sehr gut, sehr gut. Ja, aber das ist eine total wichtige Botschaft. Also da konnten wir quasi mit dieser Folge zeigen, dass ein Zusammenbruch eben nicht das Ende bedeuten muss, sondern ganz häufig auch der Beginn einer viel ehrlicheren Beziehung zu sich selbst sein kann. Absolut. Und wenn ihr noch mehr zu diesem Thema lesen wollt, dann schaut natürlich unbedingt gerne in Christians Buch Hör auf dein Herz, dein Kopf ist ein Arschloch, das erscheint morgen nach dem Erscheinen unseres Podcasts und wir verlinken das natürlich auch in den Shownotes und im Blog und ihr könnt auch wieder ein Exemplar gewinnen, schaut gerne bei Instagram vorbei oder alternativ mit einer E-Mail an wunschkindblog.gmail.com einfach in den Betreff Christian schreiben und dann seid ihr auch im Lostopf. Wenn ihr jetzt vielleicht noch mehr zum Thema elterliche Erschöpfung hören wollt, weil das ist ja eigentlich auch ein zentrales Thema, dann findet ihr in unserem Archiv weitere, auch interessante Folgen darüber. In Folge 89 ging es beispielsweise darum, was erschöpften Eltern hilft. Und in Folge 134 sprachen wir mit Julia Knörnschild über ihren Burnout und wie der in der Tagesklinik behandelt wurde. Und in Folge 145 erzählte uns Sebastian Tigges, wie er Hilfe bei seinen Depressionen fand. Und auch diese Folgen verlinken wir natürlich auch für euch. Und wenn euch diese Folge gefallen hat, dann folgt gern unserem Podcast, lasst eine Bewertung da und empfehlt uns weiter. Und wenn ihr mögt, teilt die Folge natürlich auch mit Menschen, für die sie vielleicht wichtig sein könnte. Vielen Dank, dass ihr zugehört habt. Wir freuen uns, wenn ihr auch nächste Woche wieder mit dabei seid. Bis dahin sagen wir Tschüss. Das war der Podcast vom gewünschtesten Wunschkind. Ja, ja, ja.