Hallo und herzlich willkommen zu Das gewünschteste Wunschkind der Podcast mit Daniel Graf und Katja Seide. Kennst du das Gefühl, dass dir im Alltag manchmal alles zu viel wird, obwohl du eigentlich gar nichts Besonderes gemacht hast? Dass du Dinge vergisst, dich schnell überfordert fühlst oder ständig das Gefühl hast, nicht hinterher zu kommen? Viele Mütter denken dann erst einmal, ja, ich bin einfach gestresst oder vielleicht muss ich mich einfach besser organisieren. Aber manchmal steckt mehr dahinter. Viele Frauen merken nämlich erst durch die Mutterschaft, dass ihr Gehirn anders funktioniert. Dinge, die früher irgendwie geklappt haben, funktionieren plötzlich vielleicht nicht mehr. Der Alltag mit Kindern ist laut, unvorhersehbar und voller Unterbrechungen. Und genau das bringt viele dann an ihre Grenzen. Heute sprechen wir darüber, was Neurodivergenz eigentlich bedeutet und wie sie sich im Familienalltag bei uns selbst zeigen kann. Wir schauen gemeinsam darauf, warum sich so viele Mütter falsch fühlen, obwohl sie es nicht sind und was ihnen wirklich helfen kann. Und wir sprechen auch darüber, was das konkret für den Alltag mit Kindern bedeutet, also was besonders herausfordernd ist, aber auch welche Stärken darin liegen können und welche Wege wirklich entlasten. Dazu haben wir Natalia Lamotte eingeladen. Natalia ist spätdiagnostizierte ADHSlerin und Mutter und hat zu diesem Thema das Buch Chaos Kinder und Konfetti geschrieben. Darin beschäftigt sie sich intensiv mit neurodivergenter Elternschaft und verbindet persönliches Erleben mit fundiertem Wissen. Natalia, schön, dass du da bist. Danke für eure Einladung. Sag mal, wann hast du eigentlich selbst angefangen zu merken, dass dein Erleben im Alltag irgendwie anders ist als bei vielen anderen Müttern? Also, wenn ich ehrlich bin, dann habe ich das schon immer gemerkt, also auch bereits vor der Mutterschaft. Aber ... Ich habe das immer irgendwie als Persönlichkeit oder als Charakter irgendwie interpretiert und konnte auch vieles irgendwie ausgleichen mit der Zeit. Also ich habe dann irgendwie Strategien entwickelt, um mit den Dingen, die immer wieder mir passiert sind, besser klarzukommen oder auch teilweise wirklich dann manche Herausforderungen gar nicht mehr zu haben. Bis ich dann Mutter wurde und es sich plötzlich angefühlt hat, als hätte mir jemand all mein Wissen oder all mein Können, was bereits da war, wieder weggenommen. Aber warum ist denn ausgerechnet Mutterschaft jetzt für viele Frauen der Moment, in dem Neurodivergenz sichtbar wird? Und wie genau sieht das aus? Wie war das bei dir? Also das ist schon sehr individuell. Ich kann deswegen hauptsächlich natürlich von mir sprechen. Es gibt ein paar Überschneidungen, wo wenn man mit anderen neurodivergenten Müttern spricht, die sie auch fühlen. Aber es gibt auch teilweise Gegensätze. Aber jetzt mal zu mir. Bei mir war das so, dass mir... All das, was vorher vielleicht mal vorgekommen ist, wie Dinge verlegen, vergessen, verplanen, meine Tollpatschigkeit, meine Reizsensibilität, all das war plötzlich wie, als hätte man auf so einen Verstärker das nochmal stärker gedreht, intensiver. Und wenn man jetzt erstmal ein Kind bekommt, dann braucht es ja eh, dass man sich irgendwie orientiert. Also habe ich auch ein bisschen gebraucht, um das wirklich so wahrzunehmen, weil ich dachte immer, ich bin in einem Ausnahmezustand. Okay, jetzt bin ich schwanger. Okay, jetzt bin ich im Wochenbild. Okay, jetzt bin ich in diesem ersten Jahr oder in den ersten Monaten. Und ich habe eigentlich länger darauf gewartet, dass ich wieder in meinen Normalzustand zurückkomme, in Anführungszeichen. Ich habe sehr schnell auch das zweite Kind bekommen. Also war ich wieder im Ausnahmezustand und dann ja mit zwei Kleinen. Und so zog sich das. Und tatsächlich gibt es auch mittlerweile eine Studie, die das untersucht, dass bei sehr vielen Müttern erst so zwei bis fünf Jahre war der Zeitraum nach der Geburt eine Neurodivergenz. Beziehungsweise Neurodivergenz ist ja keine Diagnose, oder ein ADHS festgestellt wird. Und ja, also vermehrt in diesem Zeitraum. Und dann gibt es noch eine zweite Hälfte, die merken das erst bei der Diagnose ihres eigenen Kindes. Also diese zwei Möglichkeiten gibt es. Entweder deine Herausforderungen im Alltag nehmen so überhand und deine ganzen Strategien, die vorher funktioniert haben, funktionieren nicht mehr. Oder du wurschtelst dich irgendwie durch, bis du bei deinem Kind, und das ist meistens so, wenn die Kinder in die Schule kommen, bei deinem Kind mit dabei bist bei der Diagnostik und die Fragebögen, und du wirst ja auch befragt als Elternteil und dann denkst, okay, kommt mir bekannt vor, kommt mir bekannt vor. It's me. Jetzt hast du eben schon gesagt, dass du bestimmte Strategien entwickelt hattest, um mit deinen Besonderheiten umzugehen. Wie genau kann man sich das dann vorstellen, wenn die dann plötzlich nicht mehr im Alltag funktionieren? Also zum Beispiel, nehmen wir mal was ganz Simples, den Schlüssel. Ich habe oft meinen Schlüssel verlegt, nicht gefunden, meine andere Jacke. Und habe ich mir angewöhnt, meinen Schlüssel immer an einem festen Platz zu Hause hinzustellen. Und auch selbst im Urlaub mir dafür immer dann eine Schlüssel zu nehmen oder eine Tasse und die dann zu verwenden. Wobei im Hotel hat man eine Karte netterweise. Aber wenn es einen Schlüssel gab, habe ich mir einen festen Platz dafür ausgesucht. Und dann hatte ich ein Kind und plötzlich kam ich in die Wohnung und musste irgendwie schnell hinterher. Also meine Routine war nicht mehr da. Teilweise sah jedes Reingehen in die Wohnung anders aus. Und dann ist der Schlüssel draußen stecken geblieben, wieder in der Tür. Und die Nachbarn haben geklingelt, haben mich dann darauf aufmerksam gemacht zum Beispiel. Um, also sowas, dass sich dein Alltag so verändert, dass du deine. Ursprünglichen Abläufe, die du schon hattest, nicht erstmal nicht oder ja, nicht mehr lebst. Einfach nicht mehr leben kannst dann. Ja, weil du abgelenkt, weil du unterbrochen wirst. Du wirst so viel unterbrochen und das ist vor allem bei ADHS oft eine der schwierigsten Sachen. Du gehst, ziehst los mit einem Auftrag und dann kommt eine Unterbrechung und dann ist der Auftrag wie weg. Total. Wie würdest du denn, wenn jetzt Leute vor dem Podcast sitzen und nicht genau wissen, was Neurodivergenz überhaupt ist, wie würdest du das erklären? Also es ist eine angeborene, ich würde sagen Besonderheit der Informationsverarbeitung im Gehirn. Also wie das Gehirn Dinge wahrnimmt, Reize verarbeitet, weil es ist ein großer Begriff. Da fallen viele Sachen mit hinein, das ist ja ADHS, das ist Autismus, da kommt aber auch noch eine Legasthenie wäre noch, eine Dyslexie. Das heißt, das sind teilweise Diagnosen, aber auch Nicht-Diagnosen, Hochsensibilität. Es gibt sehr viel, was unter dem Begriff Neurodivergenz fällt, weil es, da können wir gleich vielleicht mal, weil ich jetzt schon Neurodiversität gesagt habe, Also es ist so, die Art und Weise, wie ein Gehirn Reize verarbeitet, wie das Gedächtnis funktioniert, wie es auf die Umweltwahrnehmung reagiert, die ist individuell. Es gibt kein Gehirn, das irgendwie exakt gleich arbeitet. Es gibt dieses Bild der Schneeflocke von Gehirnen. Also klar, von außen, von Weitem sehen die sehr ähnlich aus, so wie Schneeflocken. Und wenn wir näher hingehen würden, dann würden wir sehen, dass die alle ganz individuell verkabelt sind. Und es gibt eine Art dieser Verarbeitung, dieser Wahrnehmung, die wir in der Gesellschaft als normal oder normtypisch definiert haben. Alles, was davon abweicht, ist eine Neurodivergenz. Das heißt, neurotypische Gehirne und neurodivergente Gehirne ergeben zusammen, das sind einfach alle. Das heißt, neurodivergent heißt Abweichung von dem, was als normal, als Standard definiert ist oder betrachtet wird. Und da fällt eben ADHS und Autismus und Dyslexie und all das darunter. Okay, und was sind so die typischen Belastungen, die vor allem neurodivergente Mütter im Familienalltag erleben? Also wenn wir jetzt von ADHS zum Beispiel sprechen, dann wäre das einmal eine Unter- und Überforderung. Also abhängig davon jetzt auch wie alt das Kind ist, natürlich kann sich das unterscheiden. Aber es wird vor allem von Müttern in ihrer Rolle erwartet, dass sie den Alltag strukturieren, organisieren, im Griff haben für sich und auch für das Kind. Und für ADHSlerin ist Struktur wichtig, aber manchmal auch sehr langweilig. Und vor allen Dingen kostet es verdammt viel Energie, das aufrechtzuerhalten. Und wenn du dann auch so fremdbestimmt bist und nicht nur von dir abhängig bist, sondern eben noch von diesen einen oder mehreren kleinen Menschen. Dann kann das aus dieser Herausforderung wirklich auch eine Belastung werden. Und dann kommt hinzu, dass man vor allem bei kleinen Kindern ja super viel Körperkontakt hat. Das ist ja eine sehr körperliche Elternschaft. Das wird ja dann später anders, wenn die Kinder älter werden. Aber auch das kann diese ständigen Reize, taktilen Reize jetzt in dem Fall, auch das kann zur Belastung werden oder überfordern. Außerdem natürlich, was bei allen irgendwie dazukommt, ist der Schlafmangel zu beginnen, dass man nicht mehr Pausen hat. Vor allem als Mutter, dass man ja ständig 24-7 in, also... Alarmbereitschaft ist? Ja, Alarmbereitschaft. Ständig on. Ständig aufpassen. Keine Pausen. Und diese Pausen sind so wichtig, weil selbst wenn man mit ADHS sich bis dahin, bis zur Mutterschaft eben gut durchgewurschtelt hat, dann liegt es mit, also kann da mal an diesen Strategien liegen, die man da gefunden hat, wie man funktioniert, sein Modus operandi, den man sich rausgearbeitet hat, aber auch daran, dass man Pausen hat. Dass man wieder kompensieren kann die Anstrengungen, die einen diese Strategien manchmal kosten. Und diese Pause, diese Regeneration fällt weg in der Elternschaft sehr oft, in der Mutterschaft vor allem. Ja, das heißt, ich höre jetzt raus, dass so Reizüberflutung im Alltag mit Kindern eine besonders große Rolle spielt. Ja, und auch das Emotionale. Also darf man auch nicht vergessen, du bist ja als Elternteil der Co-Regulator oder bist zuständig dafür, die Emotionen deines Kindes zu co-regulieren. Und Mutterschaft intensiviert ja auch die Gefühle, egal welche, ob es jetzt Wut, Freude, Angst auch teilweise ist und diese emotionale Überforderung. Also es fällt uns ja schon schwer, irgendwie unsere Gefühle zu regulieren und dann noch für jemand anderen noch zuständig zu sein und sein Nervensystem beruhigen zu können, um das kleine Nervensystem dann mitzuregulieren. Das ist auch eine Herausforderung, mit der ich immer wieder konfrontiert werde in der Elternschaft. Im Zusammenhang mit Neurodivergenz hört man ja ganz häufig auch den Begriff Masking. Kannst du das mal erklären und auch, warum das so erschöpfend ist im Alltag? Ja, also unter anderem diese Strategien, die man entwickelt, das könnte man vielleicht, könnte auch schon ein Teil von Masking sein. Masking ist einfach das Anpassen, sich anpassen von außen und von innen, sodass man von außen eben gar nicht auf die Idee kommt vielleicht, dass die Person, die einem gegenübersteht, neurodivergent ist. Weil man gelernt hat, besonders weiblich sozialisierte Menschen gelernt haben, sich anzupassen an die Umgebung, um nicht aufzufallen, um nicht ständig sich irgendwie strange zu fühlen. Obwohl, ganz ehrlich, man es trotzdem tut, aber das Feedback, also innerlich, ich auf jeden Fall, aber das Feedback, das mir so gespiegelt wird, ist immer, du bist immer so ruhig, du bist so entspannt, dich bringt nichts aus der Ruhe, egal wie viel Stress du hast, wie schaffst du das alles. Und ich denke mir, wow, wie schaffe ich das? Also gefühlt bin ich nur an Feuerlöschen von einem Feuerherd zum nächsten. Aber anscheinend ist es von außen nicht so ersichtlich. Und das ist, weil ich das gut maskieren kann. Weil ich das gelernt habe, das zu verstecken und mich anzupassen und so zu tun, wie meine Umgebung, also die Erwartungen der Umgebung zu erfüllen. Und ist dieses Masking auch der Grund, warum gerade Frauen mit ADHS oder auch mit Autismus so lange unerkannt bleiben? Ja, das ist auf jeden Fall ein großer Teil von diesen Spätdiagnosen, ist aufgrund dieses Maskings, weil das nicht erkannt wird, weil es nicht so auffällt oder erst eben viel später, wenn dieses Masking nicht mehr funktioniert, weil entweder keine Kraft mehr da ist oder die Strategien für das Masking eben wegfallen durch einen neuen Alltag, durch neue Herausforderungen. Aber dieses systematische Übersehen von neurodivergenten Mädchen liegt einmal daran, dass sie das so gut maskieren und einmal auch daran, weil ihre Merkmale oder Symptome nicht diesem typischen weißen Jungen entsprechen. Weil eigentlich sind die Diagnosekriterien bei Kindern noch immer sehr stark, orientieren sich sehr stark an weißen Jungs. Und man weiß, dass bei Mädchen es sich teilweise anders zeigen kann. Bei weiblich sozialisierten Kindern es weniger dieses Auffällige, dieses Hibbelige ist, sondern sich eher in einem sehr ruhigen, unauffälligen Tag träumen oder Gefühlsstärke, also dass es sich so zeigt eher. Und dass sie eben schon sehr früh lernen, sich brav und unauffällig zu verhalten. Und da fällt mir gleich noch eine Sache ein, weshalb das auch später diagnostiziert werden kann, das kann auch hormonelle Ursachen haben. Also immer dann, wenn wir eine Lebensphase haben, wo es zu starken hormonellen Schwankungen kommt, wie der Pubertät zum Beispiel oder auch der Muttertät, also wenn man Mutter wird und auch in den Wechseljahren ist auch ein Lebensabschnitt, in dem Mordredivergenz oft erst diagnostiziert wird. Oder auffällt, in diesen Phasen von starken Hormonschwankungen werden viele Merkmale verstärkt. Und es fällt schwerer, sie zu maskieren. Das ist spannend. Jetzt hast du gerade gesagt, dass die meisten Eltern erst später feststellen, dass sie neurodivergent sind. Was ich gerne wissen würde, ist, ob sich der Blick auf die Kindheit und die Wahrnehmung der Kindheit dadurch auch ändert. Also ich kann da vor allem für mich sprechen und auf jeden Fall. Es macht so vieles plötzlich Sinn. Also als ich meine Diagnose bekommen habe oder auch schon als ich es nur vermutet habe und dann eine, also selbst wenn man spät diagnostiziert wird, müssen die Herausforderungen und die Auffälligkeiten bereits in der Kindheit vorhanden gewesen sein. Das heißt, es wird häufig das Grundschulzeugnis hinzugezogen bei der Diagnose zum Beispiel. Oder Eltern interviewt, also Eltern von der erwachsenen Person, weil es eben etwas ist, das nicht erst im späten Alter auftaucht, sondern eben von Anfang an da ist, diese Besonderheit. Und dann geht man natürlich seine Kindheit nochmal durch, überlegt, an welcher Stelle und welche Stellen, welche Fragen, die man jetzt zurückblickt hat. Warum fühlte man sich so oder warum ist mir das immer wieder passiert? Und das ergibt jetzt schon total, also viel mehr Sinn und war für mich auch irgendwo eine Entlastung auf der einen Seite, weil ich mir immer dachte, ich habe mich nicht genug angestrengt, ich habe mir nicht genug Mühe gegeben oder ich hätte noch mehr machen können. Wenn ich hätte noch das machen können. Und es war schon entlastend zu erfahren, warum es mir so schwer fiel. Nicht, weil ich mich nicht angestrengt habe, sondern weil einfach mein Gehirn anders arbeitet. Und es mir deswegen schwer gefallen ist. Oder weil das nicht meine Umgebung war, in der meine Stärken gut zum Ausdruck kommen konnten. Sondern wo ich einfach super viel kompensieren musste. Weil das nicht zu der Art, wie mein Gehirn arbeitet, gepasst hat. Aber, und gleichzeitig würde ich lieber sagen, vielleicht als aber. Gleichzeitig war da auch eine Trauer und Wut, weil ich mir dachte, diese vielen Momente, in denen ich mich. Ja, man kann schon sagen, dass es sich irgendwie Versagen angefühlt hat. Ich mich so allein gefühlt habe und eben so selbstverantwortlich dafür und ich mir jetzt rückblickend denke, das weiß man ja immer nie, wenn man da das schon gewusst hätte. Dann wäre es vielleicht nicht so schwer gewesen oder ich hätte das nicht so internalisiert, ich hätte das nicht so auf meine Persönlichkeit bezogen. So bin ich halt, ich bin halt so tollpatschig, ich bin halt so, ich verliere halt immer alles, mir sind die Sachen nichts wert. Und all diese negative Talk, die man da so im Kopf hat oder diese innere Stimme, die man sich irgendwie durch diese viele Kritik, die dann so zur eigenen inneren Kritikerin geworden ist. Da habe ich mir gedacht, vielleicht wäre das nicht so, wenn ich das früher gewusst hätte. Vielleicht hätte ich mehr Selbstbewusstsein. Ja, total. Es gibt irgendwie so einen Satz, dass ADHS-Kinder, ich glaube, 20.000 mehr negative, in der Grundschulzeit 20.000 mal mehr negative Rückmeldungen erhalten als neurotypische Kinder. Aber warum wird denn Neurodivergenz so oft mit persönlichem Versagen irgendwie verwechselt? Also könnte man nicht dann beim Aufwachsen schon sagen, ja, liegt nicht an mir, aber weiß jetzt noch nicht warum? Oder also, verstehst du, was ich meine? Also ich kann das ein bisschen nachvollziehen, wenn man diese Information nicht hat, wenn einem das Wissen fehlt, dann kann es schon so wirken von außen, mein Gott, ich habe es jetzt hundertmal gesagt, wieso bleibt es, es gibt nicht einfach am Tisch sitzen, wieso steht es wieder auf, wieso hört es nicht zu? Kann es sich denn nicht einmal konzentrieren? Kann es nicht einmal zuhören? Und dann sieht man es bei irgendetwas, was dem Kind Spaß macht oder was einfach sein Thema oder ihr Thema ist und auf einmal konzentriert sich schon. Und dann sagt man, hä, aber wie kannst du denn so lange puzzeln? Oder wie kannst du bei diesem Videospiel so viel Zeit verbringen? Da checkt es ja auch alles und schweift nicht dauernd ab. Das sind so Momente, die wenn man nicht weiß, woran das liegt, wenn einem das Wissen fehlt, Es aussieht wie Faulheit, selektive Konzentration. Also das sind auch leider die Worte, zum Beispiel aus meinen Grundschulzeugnissen. Hört nur zu, wenn es sie interessiert. Stört den Unterricht durch Schwätzen und Spielen. Kriegt ihre Unterlagen nicht geordnet. Vergisst ständig Hefte mitzubringen oder Hausaufgaben. Und dann immer wieder dieses, sie schafft es immer noch nicht. Also wirklich, das sind ja die Grundschulzeugnisse, das heißt, da ist noch recht viel Text. Und da steht immer wieder dieses, sie schafft es immer noch nicht, zuzuhören, wenn es sie nicht interessiert. Oder nur wenn, also eher so noch ein bisschen negativer formuliert, nur wenn sie will, hört sie zu und so. Als wäre das mein freier Wille. Und das war auch so, was mich sehr verletzt hat, diese Texte im Nachhinein zu lesen. Als Kind habe ich das gar nicht so wahrgenommen oder nicht wirklich verstanden, was da drin stand. Aber jetzt als Erwachsener dachte ich mir, wow, jedes Jahr so eine Kritik. Total krass. Und auch was für ein schlimmer Blick auch auf Kinder. Also wenn jetzt jedes Jahr dieses Kind immer die gleichen Fehler macht, dann im fünften Jahr dem Kind dann immer noch zu unterstellen, dass es das mit Absicht macht, finde ich irgendwie als Lehrerin jetzt selber total krass. Also es geht doch nicht. Da muss man doch mal als Pädagogin irgendwie vielleicht auch nochmal anders denken und sagen, okay, vielleicht kann es das ja wirklich nicht. Aber okay, es war eine andere Zeit einfach. Auch, aber es gibt es leider auch heute noch. Und dann, wenn man zum Beispiel, wenn man sich dann mal mehr informiert zu diesem Thema und dann zum Beispiel herausfindet, dass dieses Rumwurschteln und Aufstehen und dieses Hibbelige, das ist eigentlich, das ist nicht, weil die nicht zuhören wollen oder sich nicht, sondern es ist im Gegenteil, es ist eine Strategie, um wach zu bleiben. Das Gehirn fängt an, einzuschlafen, weil es langweilig wird, was es hört oder auf welche Art und Weise dieses Thema ihm beigebracht wird. Und dann fängt man an, sich zu bewegen und zu wurschteln, um wach zu bleiben, um da zu bleiben, um nicht einzuschlafen. Ja, um Dopamin auch zu entwickeln im Gehirn. Dopamin ist oft Mangel und Bewegung erzeugt Dopamin und Dopamin braucht man, um eine Sache durchzuhalten oder sich konzentrieren zu können. Und das ist halt ein Versuch vom Gehirn, mehr Dopamin zu kriegen, diese Bewegung. Ja, volle Pulle. Hier würde ich kurz korrigieren, weil man mittlerweile weiß, dass es festgestellt hat, dass es kein Dopaminmangel ist, sondern eine Störung des Dopaminstoffwechsels. Also es ist auf jeden Fall kein Mangel und komplexer. Und es sind auch noch andere Neurotransmitter wie Noradrenalin zum Beispiel sind noch mit beteiligt. Ja stimmt, da hast du recht. Da war meine Erklärung jetzt ein bisschen zu kurz gefasst. Vielen Dank dafür. Ja, das Gehirn funktioniert einfach anders und deswegen funktionieren ja diese ganzen klassischen Tipps und Tricks zur Organisation und Selbstdisziplin oft nicht. Ich verzweifle da ehrlich gesagt ein bisschen mit zwei ADHS-Kindern zu Hause. Also für mich ist es relativ schwierig nachzuvollziehen, warum man nicht, wie du schon sagtest, den Schlüssel einfach immer an die gleiche Stelle legt. Das kommt vielleicht im etwas fortgeschritteneren Jugendalter, aber bei Kindern ist es echt schwierig. Warum funktioniert das nicht, was man, ich sag mal, neurotypischen Menschen sagen würde? Ja, wüsste ich auch gerne. Also es gibt da verschiedene Metaphern. Eine benutze ich jetzt im Buch, was das Gedächtnis zum Beispiel angeht, das Arbeitsgedächtnis, das Kurzzeitgedächtnis. Man kann sich das vorstellen bei Neurotypischem, dass es so funktioniert, da kommt jetzt eine Botschaft rein, wie auf so einem Schreibtisch und dann wird es abgelegt, A-Schlüssel liegt hier, dann kommt es hier in diese Box, Schlüssel liegt. Liegt beim Schlüsselkasten. Keine Ahnung. Und bei neurodivergenten Gehirnen ist auf diesem Schreibtisch ein Laufband. Da kommt hier eine Info und man hat ja teilweise keinen Konzentrationsmangel, sondern eher einen Konzentrationsüberfluss. Man konzentriert sich auf so viele Dinge, man bemerkt so viele verschiedene Dinge. Das heißt, neben dem Schlüssel, wo dieser Schlüssel hingelegt wurde, kommen auch noch, ah, da ist ein Kratzer an der Wand, ah, hier sind die Schuhe und dann kommen lauter Infos und die laufen dann, bevor das richtig abgelegt wird, laufen diesem Laufband durch und fallen runter. Und dann hat man diese Info nicht mehr. Also das ist jetzt wirklich nur eine Metapher, ich bin keine Neurowissenschaftlerin, aber. So ungefähr kann man sich das vorstellen und ich muss ganz ehrlich sein, auch wenn ich, also das Wissen hilft mir auf jeden Fall, aber selbst ich wahrscheinlich auch durch, da ich es jetzt so spät, das erfahren habe und da schon einige Glaubenssätze verinnerlicht habe, selbst mir fällt es immer noch schwer, da nachsichtig mit mir und auch mit meinen Kindern. Zu sein, wenn ich sowas beobachte. Besonders, wenn meine Kinder die Dinge machen, für die ich schon immer Ärger bekommen habe, die ich selber nicht an mir mag, also wie Sachen kaputt zu machen, nicht nachzudenken, einfach, also, Ein blödes Beispiel, Kartons aufzumachen, sodass man sie dann nicht mehr für ihre Toure verwenden kann. Oder ich kaufe mir den Jeans, die ist zu lang, ich denke mir, die schneide ich ab. Aber anstatt das nochmal zu messen und das irgendwie zu markieren, schneide ich einfach aus dem Kopf. Dann ziehe ich sie an, das ist zu kurz. Da denke ich mir, wie konntest du diese Impulsivität? Das kann doch nicht sein. Und ich bin erwachsen und dann sehe ich das bei meinem Kind und denke mir, wie kannst du nur? Das muss man immer vorher. Ja, ich weiß schon. Wir sind schneller in der Tat als im Kopf. Jetzt gibt es bestimmt auch Stärken von neurodivergenten Eltern, die im Alltag vielleicht oft untergehen, obwohl sie eigentlich so präsent sind. Kannst du mehr über Stärken sprechen? Auf jeden Fall. Also ich denke, dass zu meinen Stärken unter anderem ein ganz, ganz starker Gerechtigkeitssinn gehört. Und das ist strange, aber das deckt sich mit vielen neurodivergenten Personen, dass wir so impulsiv und so einsetzen, so kämpfen für Gerechtigkeit und dann manchmal eben durch die Impulsivität da auch sehr schnell vorpreschen. Da habe ich auch ein paar Geschichten in meinem Buch drin, wie mich das schon manchmal in so ein bisschen peinliche Situationen gebracht hat. Dann durch diese andere Wahrnehmung finde ich, dass wir eine sehr starke Feinfühligkeit haben und Empathie. Ich spüre sofort die Vibes in einem Raum. Ich merke sofort, wenn sich die Stimmung verändert. Ich habe sofort ein Störgefühl, wenn jemand schauspielert oder maskiert. Also das erkenne ich, würde ich sagen, da habe ich so einen Alarm, der schon viel früher losgeht. Und ich glaube, diese Empathie und diese Feinfühligkeit kommt am Ende dann auch in meiner Elternschaft oder Mutterschaft zugute, weil ich mich sehr gut in meine Kinder hineinversetzen kann. Vielleicht nicht immer in der Sekunde. Aber dann schon, wenn die ersten Emotionen so verbraust sind, wieder runtergefahren sind, dann denke ich mir, okay, du musst dich so gefühlt haben. Und ich fühle mich selber oft noch wie ein Kind, was ich auch glaube, was mit der ADHS zusammenhängt. Einfach dieses impulsive, neugierige, kreative, ja, machen wir, klar, haben wir noch nie gemacht, warum nicht? Also das ist jetzt bei mir, da kenne ich auch neurodivergente Mütter, die da eher etwas risikoaversiver sind und unängstlicher. Aber bei mir ist es, ich habe eine krasse Energie. Ich kann so viele Dinge machen, wenn ich Bock drauf habe, wenn ich motiviert bin. Und ich kann für die Kinder die tollsten Geschichten erfinden oder sie motivieren zum Zähneputzen, weil ich in verschiedene Rollen schlüpfen kann. Also ich glaube, dass sie schon Spaß mit mir haben, oft auch. Und manchmal auch Stress. Ja, klingt total cool. Aber ich fürchte, dass jetzt ganz viele vor Podcasts sitzen und denken, ja, es ist auch total schön, aber tatsächlich im Alltag belasten mich doch die Nachteile irgendwie besonders. Hast du denn so ein paar alltagstaugliche Strategien, die helfen können, den Familienalltag so ein bisschen zu entlasten? Also gerade bei diesen Themen wie Vergesslichkeit oder Chaos oder dass man ständig abgelenkt ist? Also auf jeden Fall alles, alles, Notizen schreiben und Erinnerungen. Ich weiß von mir, egal wie sehr ich mir denke, das merke ich mir ganz sicher, nein, das habe ich jetzt gelernt, ich erstelle mir für alles eine Erinnerung, weil ich mich da nicht darauf verlassen kann, dass ich mir das wirklich merke. Egal wie wichtig mir das ist und das ist so schwer, weil mein Mann manchmal sich denkt, ja, aber es hat nichts mit dir zu tun, sage ich ihm. Es hat nichts damit zu tun, dass mir das nicht wichtig ist. Es ist einfach vergessen, entfallen. Und dann, wenn man eben in einer Partnerschaft arbeitet. Lebt, dann ist es für mich auch eine Art der Strategie, dass ich ein paar Dinge mir echt von meinem Mann da, dass er das übernimmt, dass wir uns das aufteilen, dass die Dinge, wo ich immer wieder Schwierigkeiten habe, da von ihm Support bekomme. Zum Beispiel mit der Zeit. Ich habe so eine ich würde sagen eine Zeitlegaszenie. Ich glaube, das gibt es nicht. Es gibt im neurodivergenten Kontext oft wird von Zeitblindheit gesprochen. Aber ich sehe die Zeit, ich kann sie auch lesen, aber ich kann das irgendwie nicht verstehen. Was sind 20 Minuten? Manchmal sind 20 Minuten lang, manchmal kurz. Ich überschätze maßlos, was ich schaffe in manch einer Zeit. Manchmal bin ich zwei Stunden am Sofa gefesselt und mache nix, komme zu nix und dann nehme ich mir in 20 Minuten vor, ah, ich schaffe jetzt noch Haare waschen, das und das und das und das und mein Mann schaut mich an. Niemals. Keine Chance. Also von ihm mich da unterstützt zu lassen, und von ihm der Feedback zu haben, das hat auch lange gedauert, sich einfach zu trauen und zu sagen, pass auf, das ist eine Herausforderung für mich. Kannst du mir da helfen? Anstatt es immer zu verstecken und doch selbst zu versuchen. Und es gibt auch so leichte, würde ich jetzt mal sagen, leichte Tricks. Aber du bist beim Zahnarzt, bei der Vorsorge mit den Kindern und du machst direkt dort schon den nächsten Termin. Weil wenn ich mir denke, okay, wir gehen jetzt erstmal heim und dann rufe ich dann nochmal an und mache für das nächste Halbjahr den nächsten Termin, wird es wahrscheinlich nicht mehr passieren oder nicht rechtzeitig. Also Regel Nummer eins, immer bei Arztterminen direkt schon den nächsten dort vor Ort ausmachen und einspeichern natürlich ins Handy. Solche Sachen, Listen. Liste für Urlaub im Sommer, Urlaub im Winter, Urlaub Bauernhof und am besten diese Liste direkt nach dem Urlaub aktualisieren, weil dann weißt du am besten, was du vergessen hast oder was. Oder eben, was zu viel war, dann hat man es noch frisch im Kopf. Nächstes Jahr erinnere ich mich nicht mehr, dass ich die Gummistiefel zum Bauernhof vergessen habe für die Kinder. Solche Sachen, Zettel, Listen, Post-its. Früher habe ich mich auch ein bisschen geschämt, mir alles, oder manchmal vor anderen Leuten, mir die Sachen einzuspeichern, weil ich mir denke, die denken sich jetzt, wieso kann sie sich das nicht merken? Das ist jetzt mit der Diagnose, da habe ich mir gesagt, nee, ich schäme mich da jetzt nicht mehr dafür. Ich versuch's zumindest. Mir da helfen zu lassen und einfach ganz viel auch beobachten. Beobachten, was funktioniert bei mir gut. Weil das ist bei jedem ein bisschen anders. Welche Herausforderungen wiederholen sich immer und wann schaffe ich es besser. Aber auch ganz realistisch zu bleiben, selbst wenn ich gute Strategien habe, die werden nicht immer funktionieren. Und manchmal sagt man ja, aber ist das nicht nur Stress? Ich habe das ja auch oft, wenn ich Leute meine Herausforderungen beschreibe, sagen dir, das passiert mir auch. Ja, das passiert dir auch. Und ja, ich habe bestimmt Stress. Aber wenn ich wirklich Stress habe, dann gerät das Ganze nochmal in solche Dimensionen. Die kann man sich nicht vorstellen. Dann passiert mir an einem Tag so viele Missgeschicke und Dinge wie anderen Leuten in vier Monaten. Also dann kann ich in der Früh in den Kalender gucken und sehe, dass ich da einen Termin habe. Und ich vergesse ihn zwei Stunden später trotzdem, wenn da keine Erinnerung kommt. Also unter Stress wird das Ganze noch mal intensiviert. Und hast du da jetzt auch Strategien, wie man zum Beispiel mit emotionaler Überforderung oder auch mit so schnellen Gefühlswechseln im Alltag besser umgehen kann? Also mir hat geholfen im Nachhinein, also so fing es an, erst mal im Nachhinein nicht so streng und gemein zu mir zu sein. Denn ich habe gemerkt, das war so der Anfang meiner Mutterschaft, dass ich gemerkt habe, okay, ich verhalte mich so, wie ich mich nie verhalten wollte. Ich werde laut, ich werde gemein. Das hatte ich nie vor. Und danach hatte ich mega die Schuldgefühle und habe mich selber fertig gemacht. Was bist du für eine Mutter? Wieso kriegst du das nicht hin? Kannst du nicht einen Tag, ohne laut zu werden, hinter dich bringen. Und je strenger und je böser ich zu mir wurde, umso schlimmer waren meine Reaktionen. Umso angespannter war ich. Dann habe ich Verschiedenes ausprobiert. Irgendwie, wenn ich gemerkt habe, dass die Wut in mir aufsteigt, mir erst mal Vornamen nach dem Alphabet aufzusagen. Es gab so verschiedene Tricks. Aber was letztendlich bei mir geholfen hat, ist im Nachhinein mir das zu verzeihen, anstatt gemein zu mir zu sein, mir zu überlegen, was hätte ich gebraucht, wann hätte ich merken können. Dass es bei mir langsam das Nervenkostüm dünner wird. Weil es ist ja selten diese emotionale Entladung oder die Situation, die dazu führt. Es ist ja schon viel vorher irgendwie schief gelaufen. Ich habe ja schon viel vorher aufgehört, auf meine Bedürfnisse zu achten oder auf meine Signale nicht wahrgenommen. Und das war für mich eine große Herausforderung und da übe ich immer noch, das frühzeitig zu merken. Also Körpersignale überhaupt wahrzunehmen, das ist auch etwas, was mit meiner ADHS zu tun hat. Ich gehe nicht einfach regelmäßig auf Toilette, sondern ich warte, bis es so wehtut. Und so, weil es langweilt mich, Wasser zu lassen. Das ist langweilig. Es ist eine Tätigkeit, die mir nie passt in meinen Alltag. Und dann verschiebe ich es, verschiebe ich es, bis es so wehtut, dass ich mir denke, ach Mist, ich muss auf Toilette. Dasselbe passiert mir mit Essen. Und da drauf zu achten. Wann merkst du, dass du Hunger hast? Und du weißt, du isst, bevor du die Kinder abholst. Weil sonst wird es schwierig. Da ist da schon der Schritt. Also sehr viel Selbstreflexion. Das hat mir geholfen bei den Emotionen. Selbstreflexion und zwar in netter Form. Weil je öfter ich das durchspiele, wie ich hätte reagieren können, umso mehr speichert sich das dann auch irgendwie in meinem Kopf. Und dann funktioniert das öfters. Nicht jedes Mal leider, aber ich merke von zehnmal kann ich dann wenigstens zwei oder dreimal vermeiden und so reagieren, wie ich es gerne hätte. Weil es meinen Kopf in der Theorie schon so oft durchgespielt hat. Jetzt kann ich mir vorstellen, dass ja möglicherweise Eltern diese Folge hören und sich denken, Mensch, das was Natalia da erzählt, das kommt mir irgendwie bekannt vor. Könnte es vielleicht sein, dass ich selbst auch Neurodivergent bin. Was wären denn so die ersten Schritte, die man dann sinnvollerweise angehen würde? Also bei mir war der erste Schritt, auf die offizielle ADHS-Webseite zu gehen. Ich überlege jetzt gerade, wie die konkret heißt. Da gibt es so einen Vorab-Test zur Einordnung, wo man schon mal schauen kann. Das ist natürlich keine Diagnose, es ist nur eine Orientierung. Bist du hier richtig, solltest du hier vielleicht weiter forschen oder eher nicht. Vorab vielleicht schon mal so zur Orientierung und dann, wenn man sich für eine Diagnostik interessiert, dann muss man einen langen Atem mitnehmen und kann direkt eigentlich schon mal anfangen, wenn man noch unsicher ist, weil in der Regel wartet man der Monate, bis man einen Termin bekommt zur Diagnose. Also ich denke, der erste Schritt ist Information und dann eben sehen, was sind so die typischen Merkmale, wie zeigt sich das, eben über die Kindheit nachdenken, weil es muss eben schon immer ein Thema gewesen sein, vielleicht in abgewandelter Form, das kann schon sein. Und oft verstärkt bei lebensverändernden Ereignissen. Also ich habe ganz stark gemerkt, so... Grundschule anfangen, dann weiterführende Schule anfangen, Studium anfangen. Immer diese Übergänge, da habe ich echt erstmal gefühlt richtig gestruggelt und es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich reingekommen bin ins System. Dann habe ich mich irgendwie okay ausgekannt, kam zurecht, hatte meine Strategien, dann kam Wechsel und ich war wieder, ich dachte mir, ich kann ja gar nichts. Wirklich nur schlechte Noten und hat wieder gebraucht, um mich zu akklimatisieren. Und so ging es mir mit vielen Lebensübergängen. Also da vielleicht drüber nachdenken, wie waren die so? Weil es geht gar nicht so sehr darum, was man, ich habe bei meiner Diagnose, das waren ja mehrere Anläufe, ich habe zuerst gehört, nee, das kann nicht sein, dass sie das haben. Sie haben studiert, sie haben einen Job, sie haben, damals hatte ich noch drei Kinder, jetzt habe ich vier Kinder. Sie haben drei Kinder und haben irgendwie einen Alltag und kümmern sich um die. Das kann eigentlich kein ADHS sein. Das ist aber seltsam. Und das gibt noch tatsächlich einige Fachpersonen, die diesen Klischees so auflauern, dass man mit ADHS eben keinen Schulabschluss hinbekommt oder was es da so für Stigma da gibt. Und da würde ich auch den Personen, die sich da drüber Gedanken machen und unklar sind, würde ich sagen, überleg weniger, was du alles erreicht hast oder geschafft hast. Immer diese Zielorientierung, sondern denk drüber nach, wie war der Weg für dich? Wie viel hat es dich gekostet, da hinzukommen? Weil das ist oft nochmal eine ganz andere Perspektive. Wir sind so drauf gepolt, immer auf die Ergebnisse zu gucken. Aber wie schwer war das für dich, dieses Ergebnis zu erreichen? Auch im Vergleich zu anderen. Wie viele Anläufe hast du vielleicht gebraucht? Das ist ja oft dann nicht so eine gerade Linie, sondern so zickzack. Ja, das finde ich total wertvoll, dass du das sagst. Ich würde jetzt zum Schluss des Podcasts gerne nochmal die letzte Frage stellen, ob es gesellschaftlich irgendwas gibt, was du dir wünschst, damit neurodivergente Familien irgendwie besser unterstützt werden? Auf alle Fälle. Generell für Familien wünsche ich mir sehr viel Unterstützung. Und für neurodivergente Familien, allen Dingen offen sein. Also es gibt so viele verschiedene Menschen und wir sind oder sehr viel ist einfach orientiert und gemacht für und von Durchschnittsmenschen, die man so nicht überall findet und dass jede Abweichung wird dann irgendwie als ein Defizit betrachtet. Das wäre es vielleicht Genau, dass wir nicht diese Defizitbetrachtung haben, der kann das nicht, die kann das nicht, sondern was kann diese Person? Und da würde ich noch einen Schritt weiter gehen. Es muss auch nicht immer irgendwas sein, dass wir es mit irgendeinem Können auf der anderen Seite kompensieren. Ich verstehe diesen Wunsch, dass man Schwächen mit irgendwelchen Stärken immer so ein bisschen ausbalancieren will. Aber auch das ist wieder so ein bisschen Leistungsgesellschaft. Einfach akzeptieren, dass wir unterschiedlich sind und dass das nicht schlecht ist, sondern... Was wäre das schön? Ein wunderbares Schlusswort. Liebe Natalia, vielen lieben Dank für dieses Gespräch und für all die Einblicke in dein Leben. Danke euch für die guten Fragen. Sehr gern. Und ich glaube, dass sich viele Eltern in einigen Punkten wiedererkennen konnten, vielleicht auch in allen. Ja, also gefühlte Gedanken, Momente hat man mit Sicherheit wiedererkannt. Und das ist ja schon mal immer ein erster Schritt, dass man Dinge richtig einordnen kann. Um vielleicht auch ein Stück besser zu verstehen und wie du schon sagst, auch etwas milder zu sich selbst zu sein. Wenn du jetzt beim Zuhören gemerkt hast, dass dich das Thema beschäftigt, dann nimm dir gerne die Zeit, dich damit weiter auseinanderzusetzen. Nicht um dich irgendwie in Schubble anzupacken, sondern um herauszufinden, was dir im Alltag vielleicht wirklich helfen kann. Und dabei kann natürlich auch Natalias Buch Chaos, Kinder und Konfetti helfen. Das kannst du aktuell auch auf Instagram gewinnen. Schau gerne mal vorbei. Und wenn du Lust hast, mehr über Neurodivergenz bei uns im Podcast zu hören, dann schau auch gerne in die Shownotes und in den Blog. Dort findest du alle Folgen, die sich mit Autismus, ADHS und anderen Formen der Neurodivergenz befassen. Das sind mittlerweile schon so einige, deswegen zähle ich die heute gar nicht mal einzeln auf, sondern verweise nur auf die Shownotes. Und wenn dir die Folge gefallen hat, dann freuen wir uns, wenn du unseren Podcast abonnierst, eine Bewertung dalässt oder ihn mit anderen Eltern teilst, für die das Thema vielleicht relevant sein könnte. Wir hören uns, wenn ihr mögt, in der nächsten Folge wieder. Bis dahin sagen wir Tschüss.