Hallo und herzlich willkommen zu Das gewünschteste Wunschkind, der Podcast mit Daniel Graf und Katja Seide. Es gibt ja Kinder, die erstaunlich vernünftig wirken, also die schon sehr früh zu spüren scheinen, wann Mama traurig, erschöpft oder überfordert ist und die ganz leise werden, wenn die Stimmung kippt. Sie beschäftigen ihre Geschwister, schlichten Streit und versuchen alles möglichst einfach zu machen. Das sind so die Kinder, die mitdenken, helfen, Rücksicht nehmen und oft auch erstaunlich wenig fordern. Nach außen wirken sie ganz häufig außerordentlich reif und besonders unkompliziert und das scheint fast beneidenswert. Und vielleicht warst du ja auch mal selbst eins dieser Kinder. Und vielleicht merkst du dann heute als Erwachsener, dass du dich vielleicht immer noch um alle anderen kümmerst, aber kaum um dich selbst. Und dass du dich immer noch ganz schnell verantwortlich fühlst, dass du vielleicht schlecht Nein sagen kannst, dass du funktionierst, obwohl du eigentlich längst erschöpft bist. Und dass sich manchmal alles irgendwie falsch anfühlt, wenn man mal selbst etwas braucht. Woher das kommen kann und was es mit Kindern macht, wenn sie viel zu früh zu viel Verantwortung tragen, darüber sprechen wir heute mit der Diplom-Psychologin und Autorin Jana Hausschild. Sie hat über dieses Thema das Buch Das ewig hilfreiche Kind geschrieben. Jana wird uns erklären, warum es problematisch ist, wenn Kinder emotional viel zu früh erwachsen werden müssen und wie sehr uns solche Erfahrungen oft noch Jahrzehnte später prägen können. Herzlich willkommen, Jana. Ja, vielen Dank für die Einladung. Viele Menschen kennen zwar solche Familiendynamiken, aber den Begriff Parentifizierung haben viele vielleicht noch gar nicht gehört. Was genau bedeutet der denn eigentlich? Dahinter steckt ein Prozess, eine Dynamik in der Familie, der relativ häufig vorkommt. Darüber werden wir bestimmt nachher noch sprechen, wie oft. Und der besagt eigentlich auch, dass Eltern und Kinder ihre Rolle tauschen innerhalb der Familie, dass es da so eine Umkehr gibt. Das heißt, dass Kinder immer mehr Aufgaben und Verantwortung übernehmen, die eigentlich Eltern zu tragen hätten. Das kann ganz praktische Dinge sein wie Haushalt, dass sie Wäsche waschen, dass sie einkaufen gehen, dass sie den Haushalt generell wuppen, dass sie sich aber auch um Geschwister kümmern. Das kann aber auch bedeuten, dass sie der Kummerkasten für einen Elternteil oder vielleicht sogar für beide Elternteile werden, dass sie sich dafür zuständig fühlen, die emotionale Lage der Eltern stabil zu halten, also sie zu trösten oder sie positiv zu stimmen. Jetzt gibt es ja durchaus viele Kinder, die zu Hause mithelfen oder Verantwortung übernehmen. Das ist ja auch das, was wir uns eigentlich wünschen und woran sie auch wachsen. Also wo ist denn da die Grenze zwischen normaler Selbstständigkeit und eben dieser schädlichen Rollenumkehr? Genau dieses, also wenn man auf die Haushaltssachen guckt, würde man immer sagen, na klar muss ein Kind sich auch irgendwann mal die Stullen selber schmieren oder kann auch ruhig mal zum Bäcker gehen oder hier und da beim Einkaufen ein bisschen was unterstützen. Aber es kommt auf die Dauer und auch auf das Ausmaß an und auch auf das Alter der Kinder. Also ein Sechsjähriger, der kann sich abends die Stulle schmieren oder vielleicht auch mal, wenn Mama irgendwie krank ist und Papa auch, morgens für die Schule was zurecht schustern. Aber halt nicht auf Dauer und auch nicht vielleicht noch für die Geschwister mit oder für die Eltern mit. Ein Achtjähriger kann auch mal Brötchen vom Bäcker holen, aber immer zuständig sein zu müssen für den gesamten Einkauf, für eine Familie, das ist eigentlich zu viel. Auch eine Zehnjährige kann natürlich die Mutter mal trösten, wenn die auf Arbeit Stress hatte oder dem Vater, die Wut vom Vater mal anhören, wenn der irgendwie sich mit jemandem gestritten hat und sich über irgendwas ärgert, aber dauerhaft die Schulter zum Ausweinen zu sein oder das Ventil, das ist nicht die Aufgabe von Kindern und das überfordert sie natürlich. Und ich finde es auch echt tragisch, dass die im Familienalltag ja sehr, sehr selten auffallen. Die laufen dann völlig unterm Radar, obwohl eigentlich eine problematische Situation besteht. Genau, die meisten Kinder, die Parentifizierung erleben, sind sehr angepasst, sehr pflegeleicht. Sie sind halt sehr hilfsbereit und passen sich halt wahnsinnig gut an diese Situation an. Sie nehmen sich zurück, sie begehren nicht auf, sondern gucken halt, was die Eltern brauchen, wie sie am besten ihre Eltern unterstützen können. Vielleicht die Kinder, die noch im Haushalt sind, die Jüngeren, irgendwie ruhig stellen können oder beschäftigen können. Ja, also sie sind halt einfach sehr angenehme Zeitgenossen. Sie sind auch beliebte Freunde, also auch im Freundeskreis. Sie haben meistens einen relativ großen Freundeskreis, weil sie halt sehr beliebt sind. Sie sind halt auch überall sonst angepasst und hilfsbereit. Das klingt ja erstmal positiv. Klingt erstmal gut, ja. Ja. Kannst du sagen, was emotional in diesen Kindern passiert? Also wenn sie das Gefühl entwickeln, jetzt auch zum Beispiel für das Wohlbefinden ihrer Eltern verantwortlich zu sein? Genau, dahinter steckt natürlich eigentlich eine ganz dramatische Situation. Also Kinder wollen natürlich, dass es ihren Eltern gut geht. Sie lieben ja ihre Eltern in der Regel bedingungslos. Also nicht nur in der Regel, sie liegen ihre Eltern bedingungslos und wollen, dass es denen gut geht. Und das versuchen sie, indem sie halt die Stimmung aufhellen, die Eltern versuchen zu entlasten, wenn sie merken, dass die sehr überlastet sind. Und eigentlich ist das so ein Bewältigungsmechanismus. Also sie versuchen in einer Situation, die sie eigentlich wenig kontrollieren können, dann doch irgendwas in die Hand zu nehmen und den Laden am Laufen zu halten. Das ist irgendwie fast wie so ein Notfallmechanismus, der in Gang kommt. Also das sieht nach außen total nett aus und Mensch, das Kind ist ja so selbstständig und, kann ja schon so vieles und kümmert sich um so vieles, aber da steckt manchmal eine ganz große Not der Kinder auch dahinter, dass sie das Gefühl haben, sie müssen das alles tun, weil der Laden sonst völlig zusammenbricht. Du unterscheidest ja auch zwischen praktischer und emotionaler Verantwortung. Warum ist denn gerade die emotionale Belastung oft so schwerwiegend? Also man kann sich vorstellen, dass in so Haushaltsdinge, da kommt man irgendwie rein, da kann man sich so einarbeiten. Auch wenn Kinder noch vielleicht zu jung für manche Sachen scheinen, dass sie sich da irgendwie eine Routine entwickeln und irgendwie damit zurechtkennen. Wir wissen, Kinder sind sehr kreativ und können viele Herausforderungen, was so praktische Dinge angeht, doch irgendwie meistern. wenn sie müssen. Das Emotionale ist ja bei ihnen selber aber noch gar nicht ausgeprägt. Das heißt, sie können manchmal vielleicht mit den Gefühlen und den Dingen, die da um sie rum passieren bei den Eltern, noch gar nicht so viel anfangen. Und dann das Gefühl zu haben, sie müssen irgendwie die Eheprobleme der Eltern lösen, die Ängste der Mütter auffangen oder auch irgendwie den wütenden Vater besänftigen, das ist natürlich eine viel größere Bürde. Und manchmal haben sie dann halt das Gefühl, wenn sie nicht so oder so handeln, dass dann alles zusammenbricht und das ist natürlich viel überfordernder, als ja vielleicht so praktische Dinge im Haushalt übernehmen. Andererseits finde ich aber auch, also es ist in der Forschung so gesagt, dass diese emotionale Ebene eher überfordert, aber ich finde halt auch, Wenn ich als Kind in die ganze Grundschule über nie eine Stulle für die Schule oder eine Brotbox für die Schule bekommen habe von meinen Eltern, dann ist das auch eigentlich ziemlich traurig. Also ich hatte auch Interviewpartnerinnen, die haben gesagt, dass sie irgendwie als erwachsene Frau dann mal bei ihrem Freund mit zu Hause waren beim Frühstück und der irgendwie jeden Morgen, wenn der aufgestanden ist, hat die Mutter da. Stullen hingestellt, damit der was zum Frühstück einfach vor dem Studium hat. Und dass sie das total erschüttert und auch traurig gemacht hat, weil sie festgestellt hat, das hatte sie nie. Und diese kleinen Gesten sind ja auch ein großes, großes Zeichen für Fürsorge. Und die fehlt ja dann auch. Das hat ja auch so eine emotionale Komponente. Deswegen diese praktischen Sachen, wenn man Kindern das komplett aufbürdet, sich um sich selber zu kümmern, da geht ja auch ganz viel Fürsorge verloren. Und ich glaube, das ist auch eine emotionale Last. Das auf jeden Fall. Jetzt kann ich mir vorstellen, dass viele Eltern denken, ja gut, mein Kind hilft eben gern. Woran genau können denn Erwachsene erkennen, dass ein Kind vielleicht schon längst überfordert ist? Also Kinder sagen das natürlich nicht zu ihren Eltern. Das ist mir jetzt zu viel. Die Stullen kannst du mir jetzt mal schmielen. Das sagen sie ja nicht. Und in der Regel sind ja Kinder generell sehr anpassungsfähig. Also das weiß man aus der Forschung, dass die meisten auch in sehr, sehr schwierigen Lebenslagen es irgendwie schaffen, sich anzupassen. Und beim vielen, das war jetzt auch die Kernerkenntnis aus der Recherche für dieses Buch und die Gespräche, die ich da geführt habe, dass es bei vielen erst im Erwachsenen oder im späten Jugendalter rausgebrochen ist, dass es zu viel ist. Also wenn mein Kind sehr, sehr angepasst, sehr hilfreich und vielleicht schon fast erwachsen wirkt, muss ich da vielleicht schon mal einen Blick drauf werfen, ob das einfach nur sein Wesen ist oder ob vielleicht auch die Familiensituation da was zutut. Und ansonsten, man kann das natürlich versuchen anzusprechen, aber Kinder werden uns das ja wahrscheinlich nicht sagen, vor allem nicht, wenn das wirklich der Fall sein sollte, dass sie das Gefühl haben, sie müssen ganz viel Verantwortung übernehmen, werden sie dem Elternteil dann wahrscheinlich schwer erzählen, dass sie diese Ängste haben, dass es zu viel ist. Genau, das würden sie ja dann nicht zugeben. Ansonsten, naja, man weiß ja bei Kindern, dass die bei Überforderung schon auch viel körperlich reagieren, vor allem die Jüngeren. Also, dass sie mit Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafprobleme. Vielleicht aber auch so emotionale Ausbrüche, die da mal geschehen können. Aber auch die zeigen die ja vielleicht in der Regel nicht vor den Eltern, um sie halt nicht zu belasten. Also manche haben ja auch beschrieben, dass die eine hat gesagt, sie hat immer auf dem Schulweg geweint und hat das bloß niemandem zeigen wollen, weder den Eltern noch Freunden, und hatte eigentlich immer, wenn sie aus dem Schulbus ausgestiegen ist, hat sie erstmal eine Runde herzlich geweint und ist dann nach Hause und dann ging es da weiter. Was passiert denn mit den Kindern langfristig gesehen, wenn die jetzt wirklich so früh schon die Erwachsenenrollen übernehmen mussten? Die meisten entwickeln sich auch als Erwachsene zu sehr hilfreichen, engagierten Menschen. Das sind ja sehr beliebte Menschen und es ist auch toll, dass es so eine Menschen gibt. Aber Menschen, die Parentifizierung erlebt haben, neigen dann dazu, jede Aufgabe anzunehmen, Jeden Posten ausfüllen zu wollen, für alles Verantwortung zu übernehmen, sowohl im Beruf als auch in der Familie, im Freundeskreis. Die sind also überall und sehr, sehr aktiv und engagiert. Und das geht natürlich auch auf ihre Kosten. Also das in meinen Gesprächen hatten fast alle Psychotherapie-Erfahrungen, unter anderem wegen der Kindheit und Jugend. Das hat mich selber überrascht, weil ich aus sehr unterschiedlichen Bereichen Leute kennengelernt habe und angesprochen habe, wo ich gar nicht wusste, dass sie Therapie gemacht haben. Und das kam dann aber immer raus und dann war ich jedes Mal überrascht und dachte so, wow, das hat doch mehr in ihnen ausgelöst, als ich das anfangs vermutet habe. Burnout war auch öfter ein Thema. Also das sind Menschen, die sich wirklich reinknien und dann halt nicht Nein sagen können und das Gefühl haben, sie können alles oder sie müssen alles alleine stemmen, weil das haben sie ja als Kinder gelernt. Sie mussten die Familie alleine stemmen. So ist dieses Gefühl, das sie hatten und das machen sie im Erwachsenenleben auch noch in allen möglichen Bereichen. Das heißt, wenn ich es jetzt richtig zusammenfasse, sind die langfristigen Folgen, Selbstwert, also ein geringes Selbstwertgefühl und auch Identität. Ich habe jetzt auch rausgehört, dass viele Betroffene Schwierigkeiten haben, die eigenen Bedürfnisse überhaupt dann wahrzunehmen. Also Grenzen zu setzen und Nein zu sagen, aber auch eben zu spüren, was ist mein eigenes Bedürfnis. Bei welchen Anzeichen sollten wir denn hellhörig werden? Also wenn jetzt jemand, vor dem Podcast sitzt und sagt, könnte ich sein, gibt es da so Anzeichen, die irgendwie hellhörig werden lassen sollten? Also Bedürfnis ist ein großes Thema. Das ist ja so, Katja, du hattest gerade auch den Selbstwert angesprochen. Also natürlich ist es eine Riesenaufwertung als Kind, so handlungsfähig zu sein und so selbstständig zu sein. Und daraus ziehen die Kinder ganz viel Energie und gleichzeitig haben sie aber das Gefühl, nur wertvoll zu sein, wenn sie helfen, wenn sie was tun für andere. Und das führt natürlich auch dazu, dass, die eigenen Bedürfnisse gar keine Rolle spielen, sondern eigentlich spielt immer eine Rolle, was brauchen die anderen, welche Bedürfnisse haben die und daran orientieren sich die Kinder und Jugendlichen und das machen die Personen auch oft als Erwachsene noch. Und also wenn ich mich wahnsinnig überlastet fühle und trotzdem Schwierigkeiten habe zu sagen, an der Stelle möchte ich jetzt gerade die Aufgabe nicht übernehmen, oder Schwierigkeiten habe auch Aufgaben zu delegieren. Obwohl ich merke, ich müsste eigentlich mal was abgeben, dann kann das schon auch ein gutes Warnzeichen sein, dass da was in Schieflage ist. Es muss nicht immer heißen, dass man parentifiziert wurde. Es gibt ja noch viele andere Gründe, warum man seine eigenen Bedürfnisse hinten anstellt. Aber es ist eine typische Verhaltensweise, die Menschen zeigen, die parentifiziert wurden. Oder dass ihnen Entscheidungen auch schwer fallen. Ein Interviewpartner hat zu mir gesagt, als er jugendlich war, fand er es wahnsinnig schwer, bei Fernsehabenden, wenn es dann hieß, wir bestellen jetzt Pizza, sich für eine Pizza zu entscheiden. Und er hat dann immer das bestellt, was die anderen bestellt haben. Allein diese Frage, was esse ich gerne, hat ihn wahnsinnig überfordert, weil diese Frage stand einfach in der Kindheit und Jugend bei ihm zu Hause nie zur Debatte. Und das ist ja nur so eine klitzekleine, fast banale Entscheidung und das kann sich aber auch in anderen Bereichen natürlich dann. Seinen Weg ziehen. Also Entscheidungen zu fällen, sich für sich auch mal zu entscheiden. Immer mit anderen mitzuschwimmen und halt schnell oder nicht schnell, sondern irgendwann auch zu merken, eigentlich ist es zu viel, was ich gerade hier mache und wuppe und trotzdem nicht gut abgeben zu können. Ich stelle mir auch gerade vor, dass es wahnsinnig schwierig für Partnerschaften ist, oder? Wenn man da so übermäßig angepasst ist und nicht schafft, die eigenen Bedürfnisse zu äußern, da rutscht man doch dann wahrscheinlich relativ schnell in schwierige Muster. Also ich habe nicht in der Tiefe mit meinen Gesprächspartnern über ihre Beziehungen gesprochen, aber genau in der Forschungsliteratur findet man dazu ein bisschen was. Es kann natürlich sein, dass jemand im Partner diesen sicheren Hafen sucht, den man bei den Eltern nicht hatte, also dann da versucht, was zu kompensieren, was in der Kindheit nicht da war. Das ist eigentlich, wenn man dann jemanden findet, der auch Lust hat, einen zu bemuttern, dann ist das cool, dann funktioniert das gut und kann auch ein bisschen was heilen. Aber da schwingt natürlich auch immer eine ganz schöne Erwartungshaltung an den Partner mit. Es kann aber auch sein, dass die Personen dazu neigen, in Partnerschaften immer alles alleine regeln zu wollen, auch Probleme. Und eigentlich lebt ja eine Partnerschaft davon, dass man miteinander Probleme zusammen bewältigt oder zumindest dem Partner erzählen kann, wenn es einem nicht gut geht und dass man irgendwie Schwächen hat. Und genau das, hier kann es dann auch eine Schieflage geben. Und was auch oft in Studien beschrieben wurde, ist, dass Menschen. Naja, sehr schnell in missbräuchlichen Beziehungen landen können. Also in Beziehungen, wo der Partner halt ganz viel einfordert, so wie die Eltern früher und die Personen super schnell wieder in so einer helfenden und nur gebenden Rolle sind und gar nichts zurückbekommen in den Beziehungen. Also ja klar, das kann sich total auf Partnerschaften auswirken. Ein Punkt, den ich besonders wichtig finde, ist, dass Parentifizierung ja nicht aus böser Absicht entsteht. Welche familiären Situationen begünstigen diese Dynamik denn besonders? Ich nehme an, dass da auch psychische Erkrankungen oder Trennungen oder auch chronische Überlastung bei Eltern Einfluss haben. Genau, also in der Regel ist es keine böse Willkür der Eltern, sondern in der Regel sind die Eltern einfach selber wahnsinnig überfordert. Und das kann in sehr, sehr unterschiedlichen Situationen zustande kommen. Also man kann sich vorstellen, eine Trennungssituation, Scheidung, das ist ja für Vater und Mutter eine wahnsinnig belastende Situation. Es gibt ganz viel Umbruch, vielleicht auch ganz viel Verletzung und Streit. Das überfordert einen erstmal selber und trotzdem hat man halt dieses Kind, was man umsorgen will. Psychische Erkrankungen sind auch eine relativ häufige Situation, wo das diese Dynamik einsetzt, dass Kinder dann anfangen auch die depressive Mutti trösten zu wollen oder ganz viel um die emotionale Lage der Eltern herumtapsen und versuchen die zu entlasten. Es kann aber auch sein, dass das Geschwisterkind krank ist und das gesunde Kind versucht, die Eltern zu entlasten und selber dann nicht auch noch eine Belastung zu sein. Das können aber auch Situationen wie Migration oder Armut sein. Also wirklich immer Situationen, wo Eltern so in Überforderungsmomente kommen oder in dauerhaft überfordernde Situationen, wo sie vielleicht dann auch einfach, schon von sich aus nicht mehr so viel fürs Kind an Energie überhaben. Und wenn das dann auf ein Kind trifft, das sehr empfänglich dafür ist, das vielleicht sehr sensible Antennen hat, Dann entsteht da wahnsinnig schnelle Parentifizierung. Was ich auch ganz spannend fand, war, dass das manchmal gar nicht so offensichtlich ist, dass es auch sogenannte stille Aufträge innerhalb von Familien gibt. Also dass Kinder quasi Erwartungen erfüllen sollen oder emotional vielleicht was reparieren müssen. Das sind natürlich auch Erwartungen, die extrem belastend sind. Ja, das ist irgendwie so fast eine versteckte Art von Parentifizierung. Wenn Kinder so Wünsche von Eltern erfüllen sollen. Also nur auf der Welt zu sein, um später mal die Firma zu übernehmen. Das klingt jetzt irgendwie erstmal nach so einem schlechten US-Film, aber dahinter steckt ja, ich bin nicht auf der Welt, weil ich ein gewünschtes Kind bin, sondern weil ich eine Aufgabe hier habe und nicht als Mensch gewünscht bin, sondern als die Person, die da was übernehmen soll und eine Firma weiterführen soll. Und das heißt, ich bin nur was wert, wenn ich diese Erwartungen erfülle und das schwingt da ja auch mit, und den Kindern gibt es jetzt vielleicht so im Alltag erstmal ganz gut, aber diese Erwartung, die da an sie herangetragen wird, ist natürlich auch eine Riesenbelastung und ja, da geht es ja dann nicht darum, dass Eltern ihr Kind lieben, sondern dass Eltern ihr Kind brauchen und dann entsteht natürlich auch diese Umkehr. Jetzt haben Betroffene oft große Schuldgefühle, sobald sie Grenzen setzen oder sich auch abgrenzen von den Eltern. Woher kommt das? Kannst du das erklären? Kann ich jetzt nur spekulieren. Es ist ja so, dass Personen, die Parentifizierung erlebt haben, als Kinder den anderen immer Gutes tun wollen. Und wenn sie dann irgendwann sagen sollen, ich möchte an der Stelle nicht weiter, dann haben sie natürlich Angst, den anderen zu enttäuschen. Haben vielleicht auch Angst vor Zurückweisung. Denn in der Kindheit haben sie ja mitunter erlebt, dass wenn sie mal gegen den Strom schwimmen, das zu Wut führt oder vielleicht sogar zu Liebesentzug oder die Mutter und Vater völlig, in Tränen ausbrechen oder noch mehr überfordert sind, als sie das eh schon wirken. Also es hat immer eine negative Konsequenz gehabt, seine eigenen Bedürfnisse mal zu äußern. Und dann fällt es natürlich den Personen als Erwachsene besonders schwer und kann sicherlich auch zu Schuldgefühlen führen. Und was brauchen diese ewig hilfreichen Kinder, wenn sie jetzt beginnen wollen, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen? Also oft entsteht das ja erst im jungen Erwachsenenalter, dass die Personen feststellen, in der Kindheit und Jugend ist irgendwas völlig schief gelaufen, und ich hatte gar keine Kindheit und. Dieses Verhältnis zu meinen Eltern ist schief. Das zu erkennen ist ja schon mal total hilfreich, weil man dann auch vielleicht am ehesten diese Muster an Verhalten und Denken erkennt, die die Personen dann aufgebaut haben. Also dieses immer helfen wollen, immer Verantwortung übernehmen, immer für andere da sein und selber gar nicht eine Rolle zu spielen in seinem eigenen Leben. Tja, wie geht man damit am besten um? Ich glaube, das ist sehr davon abhängig, wie das Verhältnis funktioniert. Zu den Eltern auch ist und wie sehr man selber diese Muster auslebt und sich davon distanzieren kann oder halt nicht. Also manche haben mir berichtet, dass sie schon auch mit den Eltern darüber sprechen und sagen, denen erzählen, wie sie das als Kind empfunden haben und wie das für sie war. Da ist aber dann halt anscheinend eine Ebene da, auf der man dann auch sprechen kann. Nicht alle können das. Also ich würde das immer empfehlen, wenn man das Gefühl hat, mit seinen Eltern darüber sprechen zu können, dann versuchen, so ein ganz vorwurfsfreies Gespräch zu initiieren, wo man einfach sagt, also damals ist das und das passiert und mir ging es damit so. Und ich weiß nicht, ob du das mal damals mitbekommen hast, aber ich habe es so erlebt. Und genau, vielleicht kann das schon ein bisschen was bewirken. Aber ich hatte ja auch Gesprächspartnerinnen und Partner, die gesagt haben, sie haben gar keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern, weil sie das einfach nicht mehr schaffen und weil es sie zu sehr aufwühlt. Dann ist natürlich ein ganz großes Thema, erst mal zu erkunden, was sind eigentlich meine eigenen Interessen? Was ist mir wichtig? Was brauche ich, um mich zu entspannen, um mich gut zu fühlen? Und das ist für manche schon eine riesen Herausforderung. Ein Psychotherapeut hat mir erzählt, der sich auch ganz viel mit Menschen, mit Parentifizierungserfahrungen beschäftigt. Der hat mir berichtet, dass er immer so die Patienten auch fragt, was möchte ich, was möchte ich nicht? Und er sagt, dieses was möchte ich überfordert die Person eigentlich am meisten. Also viele können schon sagen, ich möchte dies und das nicht. Aber die wenigsten können sagen, ich möchte gerne mehr schwimmen gehen oder mir macht Malen total Spaß. Also viele haben dieses Gefühl für eigene Interessen gar nicht entwickeln können in der Kindheit, weil da gar kein Raum für war, mal selber was auszuprobieren, so eigene Felder für sich zu finden, Sportarten für sich zu finden. Genau, also dieses sich selber zu erkunden, ist sicherlich auch ein erster wichtiger Schritt. Genau, eine wichtige Sache, da hat auch eine Psychotherapeutin zu mir gesagt, dass man sich selber immer mal beobachtet, vielleicht zum Beispiel im beruflichen Kontext. Wenn da die Frage ist, hier, wer kann mir mit XY helfen und jemand gleich hier schreit, dann sich selber zu hinterfragen, schlüpfe ich jetzt gerade wieder in diese Helferrolle und mache ich das nur, weil ich da so eine Pflicht empfinde? Oder ist das tatsächlich eine Aufgabe, bei der ich wirklich gerne helfen möchte, weil mir das Spaß macht, weil ich das gut kann oder weil ich da wirklich eine eigene Motivation zu habe? Oder ist das diese Helferrolle? Also dieses sich selbst so im Alltag immer mal zu beobachten, will ich das wirklich, was ich da jetzt gerade anbiete, an Hilfe oder Unterstützung oder welche Aufgabe ich übernehme oder ist das, so eine Art Pflichtgefühl, dem ich da jetzt gerade folge oder möchte ich da, dass andere mir wohlgesonnen sind und übernehme ich deswegen diese Aufgabe? Ja, genau. Und dann halt Grenzen setzen lernen. Das klingt wahnsinnig einfach und ist so, so schwer. Ich glaube, das kennen alle, dass es gar nicht so einfach ist. Aber gerade diesen Menschen mit Parentifizierungserfahrung fällt das besonders schwer und das ist, glaube ich, die größte Aufgabe und nicht allen gelingt das von alleine. Aber das ab und zu mal auszuprobieren, manchmal vielleicht auch im klitzekleinen Rahmen, genau, ist natürlich auch ein sehr, sehr wichtiger Schritt nach vorn. Hast du noch ein paar Ideen für Verantwortung, wenn ich jetzt vielleicht merke, dass ich davon geneigt bin, viel zu viel zu übernehmen? Wie schaffe ich es denn, die so Schritt für Schritt wieder dahin zurückzugeben, wo die eigentlich hingehört? Also an die Eltern quasi. Ja, vor allen Dingen ja. Also es ist ja zum Glück durch die normale Entwicklung von Kindern zu Jugendlichen zu Erwachsenen so, dass eh ein bisschen Distanz zu den Eltern entsteht. Und die kann man natürlich ausbauen, wenn man das Gefühl hat, man ist da immer noch zu sehr, vielleicht auch emotional verstrickt. Also hat vielleicht auch regelmäßig Gespräche mit der Mutter, die sich dann über den Vater schaffiert oder von ihren eigenen emotionalen Turbulenzen zu viel berichtet. Und von dem Kind ganz viel, vielleicht auch Trösten, aber vielleicht auch irgendwelche, Hilfen erwartet, die man gar nicht als Kind geben möchte. Und da kann man natürlich auch mehr Distanz herstellen. Also das Simpelste ist, dass man dann halt vielleicht nur einmal im Monat telefoniert und. Und vielleicht von Telefonieren auch mal auf irgendeinen Chat umsteigt oder auf eine E-Mail, um einfach auch dann selber festlegen zu können, wann man antwortet auf eine Anfrage von den Eltern und genau das auch mal zur Seite legen zu können. Im Gespräch kann man das ja nicht, wenn man am Telefon ist, dann ist man ja in diesem Gespräch drin und dann fällt es natürlich noch schwerer zu sagen, ich möchte jetzt darüber nicht sprechen, ist mir zu viel, das überfordert die meisten. Und dann ist manchmal so ein schriftlicher Kommunikationsverkehr eigentlich ein kleiner Segen. Okay. Jetzt zum Abschluss würde ich gerne noch wissen, wenn jetzt Eltern sich wiedererkannt haben beim Zuhören, also nicht nur in sich selbst, sondern auch die jetzt Sorge haben, dass sie ihrem Kind zu viel zugemutet haben, was würdest du denen denn gerne mitgeben? Ja. Auf jeden Fall darüber mit dem Kind zu sprechen und zu sagen, hier, mir ist aufgefallen, du hast in letzter Zeit, oder vielleicht auch im letzten Jahr, man muss das ja an, je nachdem wie die Lage ist, aber du hast vielleicht in letzter Zeit ganz schön viel dich um deine Geschwister kümmern müssen und musstest jetzt vielleicht manchmal Fußballtraining ausfallen lassen oder sowas, dass man erstmal sagt, ich sehe das und ich sehe, dass du da ganz viel geleistet hast. Und dann auch Dankbarkeit signalisieren. In der Regel sind die Eltern ja sehr dankbar, sonst würde das nicht von ihnen so angenommen werden. Ich habe festgestellt, er hatte mir so eine Aussage auch von Kindern mit Migrationshintergrund, angeguckt und die haben ganz viel darüber berichtet, dass wenn sie nach Deutschland gekommen sind, sie relativ schnell in diese Übersetzhaarrolle kamen und damit, bei Ärzten dann mit waren oder an der Schule die Anmeldung selber vorgenommen haben, für sich oder für Geschwister auch. Dass sie also eine sehr erwachsene Rolle eingenommen haben in der Familie und, total unentbehrlich waren in so Behördensachen. Und die meisten haben das aber sehr stolz berichtet und haben auch immer gesagt, dass ihre Familie ihnen auch wahnsinnig dankbar dafür war. Also dass es da einfach eine offene Kommunikation zu gab. Dass Eltern gesehen haben, dass die Kinder da was leisten, was eigentlich gar nicht ihre Aufgabe wäre. Also das dem Kind transparent zu spiegeln, ich sehe dich und ich sehe, dass das was ganz Besonderes und vielleicht auch was Schweres ist, was du da übernommen hast. Und dann ist natürlich der nächste Schritt, das Kind aus dieser Rolle auch wieder zu entlassen. Und ihm zu sagen, hier, mir geht es jetzt besser oder wir suchen uns eine andere Unterstützung, eine externe. Die Oma kommt öfter vorbei, meine Freundin hilft jetzt öfter mal, die Nachbarin packt mit an, weiß auch was auch immer. Also sich Hilfe suchen, und damit das Kind aus dieser Rolle weitestgehend zu entlassen. Genau, das wären meine Empfehlungen. Und dann auch wirklich keine Scheu haben, sich Hilfe zu suchen. Also oft sind es ja, wenn man so überfordert ist, sind es ja manchmal auch so Haushaltsdinge oder dass man halt nicht alle drei Kinder gleich beherzen kann. Und genau dann sich einfach Unterstützung zu suchen, weitere Schultern, die die Verantwortung tragen können, aber halt nicht bei den Kindern das abladen. Ja, vielen lieben Dank Jana für dieses wirklich aufschlussreiche Gespräch. Ich glaube, da haben ganz, ganz viele sich wiedererkannt und betrachten vielleicht die eigene Kindheit nochmal mit ganz anderen Augen. Sehr gern. Wenn ihr euch jetzt vielleicht wiedererkannt habt und mehr darüber lesen wollt, dann könnt ihr das in Janas Buch Das ewig hilfreiche Kind tun. Der BELZ Verlag hat uns freundlicherweise ein Exemplar für eine Verlosung zur Verfügung gestellt. Schaut doch gerne mal bei Insta vorbei oder schreibt uns eine Mail an wunschkindblog.gmail.com. Wenn euch die Folge gefallen hat, dann abonniert doch gern unseren Podcast, bewertet ihn oder empfehlt ihn weiter. Damit helft ihr uns und anderen Eltern. Wir hören uns, wenn ihr mögt, beim nächsten Mal wieder. Für heute sagen wir Tschüss. Das war der Podcast vom gewünschtesten Wunschkind.