Verbrechen von nebenan. True Crime aus der Nachbarschaft. Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Verbrechen von nebenan. Heute spreche ich mit euch über ein Thema, über das leider noch viel zu wenig berichtet wird, wie ich finde, obwohl Aufklärung so, so wichtig ist. Das sogenannte Cyber-Grooming in sozialen Netzwerken. Deshalb dieses Mal vorab schon die Inhaltswarnung. In dieser Folge sprechen wir über sexuellen Missbrauch an Kindern und über Traumata. Wenn ihr das gerade nicht hören könnt, dann überspringt diese Folge lieber und denkt daran, Verbrechen von nebenan hört ihr bei RTL Plus Podcast immer schon zwei Wochen früher.
Diese Folge ist heute ein bisschen anders als sonst, denn es gibt keinen Gast, weil ich die Hauptperson dieses Falls in den Mittelpunkt stellen will. So wie ihr das vielleicht schon von meinem anderen Podcast, dieser eine Moment, kennt. Es geht um den heute 18-jährigen Jonathan Drews aus Siegen, der als Zwölfjähriger von einem erwachsenen Mann sexuell missbraucht und vergewaltigt wurde. Nach jahrelanger Therapie kann er mittlerweile offen darüber sprechen und ich bin sehr, sehr dankbar, dass Jonathan mir und euch seine Geschichte anvertraut. Ihr werdet Jonathan immer wieder in dieser Folge hören, genau wie seine Mutter Sandra Rohde.
Gerade Jonathan spricht teilweise sehr explizit von seinen traumatischen Erlebnissen. Und ich weiß natürlich, dass das manchmal schwer zu ertragen ist. Aber wir müssen Opfern zuhören. Und ich glaube, das habe ich schon mal in einem anderen Podcast gesagt. Wenn diese Menschen, diese Überlebenden die Kraft finden, von ihren Erlebnissen zu berichten, dann müssen wir auch die Kraft finden, ihnen zuzuhören. Außerdem ist es ihm und mir unglaublich wichtig, sich möglichst viele Menschen über Cyber-Grooming aufzuklären. Also schickt diese Folge gerne an Leute weiter, die selbst Kinder haben oder beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Jonathan selbst drückt das so aus. Es ist komplett egal, in welchem Bereich man es hat, ob es jetzt bei der Polizei ist, innerhalb der Justiz, in der Schule, bei Lehrkräften. Wenn du alleine mit Bewusstsein reingehst und es bei vielen Menschen schwer ist, dann ändert sich auch irgendwann das System. Und damit sind wir auch schon mitten in der heutigen Folge.
Endlich ist es soweit. Der zwölfjährige Jonathan ist an diesem Samstag im Februar 2020 ziemlich aufgeregt, denn er will sich heute mit einem neuen Freund im Schwimmbad treffen. Jonathan kennt hier in der hessischen Stadt Herborn noch nicht so viele Menschen. Er ist mit seiner Mutter Sandra erst zum Jahreswechsel hierher gezogen. Vorher haben die beiden im etwa 80 Kilometer entfernten Helden bei Attendorn im Sauerland gelebt. Zwar hat der Zwölfjährige sich über den Umzug gefreut, aber die Umstellung fällt ihm nicht leicht. Neue Schule, neue Freunde, neuer Wohnort. In dem ganzen Chaos muss sich der zierliche blonde Junge mit der großen runden Brille erstmal einleben. Doch zum Glück hat er in seiner neuen Schule schnell Anschluss gefunden. Sogar seine Noten sind merklich besser geworden. In seiner Freizeit beschäftigt sich Jonathan viel mit Flugzeugen und Luftfahrt. Er träumt davon, Pilot zu werden. Aber wie wahrscheinlich fast jeder Junge in seinem Alter, sitzt auch Jonathan gerne stundenlang in seinem Zimmer vor dem Computer, um über die Online-Plattform Discord Computerspiele zu zocken. Auf der Plattform geht es nicht nur ums Gaming. Es gibt auch einzelne Kanäle und Communities, in denen man sich zu unterschiedlichsten Themen austauschen kann. Und weil Jonathan seit einiger Zeit das Gefühl hat, dass er Jungs vielleicht ein bisschen lieber mag als Mädchen, hat er sich dort angemeldet, um sich mit anderen aus der LGBTQ Plus Community auszutauschen.
So hat er den 16-jährigen Alex aus Stuttgart kennengelernt. Seit ein paar Wochen schreiben die beiden hin und her und telefonieren eigentlich täglich über FaceTime. Sobald Jonathan aus der Schule kommt, ruft er Alex an. Der hat eigentlich immer einen guten Rat für ihn und hat auf jede Frage die passende Antwort. Heute wollen sich die beiden zum ersten Mal im echten Leben treffen. Alex hatte die Idee mit dem Schwimmbad und Jonathan hat zugestimmt. Seiner Mutter Sandra erzählt er trotzdem lieber, dass er mit einer Freundin schwimmen geht und auch später bei ihr übernachtet. Von Alex soll sie erstmal nichts wissen. Sandra findet die Idee mit dem Schwimmgehen toll und wünscht Jonathan einen schönen Tag.
Also ich wusste ja, wo er hingeht. Ich wusste, mit wem er da hingeht. Ich habe mich super gefreut, dass er mit der Freundin das an diesem Freundeskreis hat. Das ist ja für Eltern auch immer so. Hoffentlich funktioniert das alles. Ich entscheide jetzt, wir ziehen um, aber für dich beginnt ja auch ein komplett neues Leben. Und in dem Moment sitze ich zu Hause und freue mich einfach. Es ist ein kalter Wintertag und Jonathan verlässt vormittags dick eingepackt das gemütliche Fachwerkhaus am Herbäuner Kornmarkt, in dem er mit seiner Mutter Sandra seit kurzem wohnt. Direkt gegenüber ist ein kleines Café, das Sandras Partner gehört und in dem die damals 37-jährige Zahnarzthelferin seit ihrem Umzug auch arbeitet. Viele kennen das Café und kommen gerne zum Kaffeetrinken vorbei. Dadurch hat die Familie in der 21.000 Einwohnerstadt Herborn schnell Anschluss gefunden.
Knapp fünf Minuten sind es von Jonathans neuem Zuhause zu Fuß über das Kopfsteinpflaster der historischen Altstadt zum Herborner Bahnhof. Von dem kleinen Bahnhofsgebäude aus fährt Jonathan normalerweise zur Schule. Heute trifft er sich hier mit Alex, der dafür extra aus dem drei Stunden entfernten Stuttgart angereist ist. Direkt vor dem Bahnhofsgebäude sieht Jonathan den schlanken und dunkelhaarigen Alex zum ersten Mal in echt und nicht hinter einem Handy- oder Computerbildschirm. Die beiden umarmen sich freundschaftlich. Und obwohl sie sich vorher schon stundenlang am Handy ausgetauscht und auch miteinander telefoniert haben, fühlt sich diese Umarmung im ersten Moment trotzdem irgendwie seltsam an für Jonathan.
Alex und er warten gemeinsam auf den Zug und machen ein bisschen Smalltalk. Normalerweise redet Jonathan gerne und viel, aber jetzt ist er ein bisschen schüchtern. Zum Glück müssen sie nur bis in den Nachbarort Dillenburg. Das ist eine Haltestelle mit dem Zug. Zu Fuß laufen sie danach noch ein kleines Stück zur Aqua Arena, dem Sport- und Familienbad in Dillenburg. Das Schwimmbad ist zwar ziemlich in die Jahre gekommen, aber trotzdem ein beliebtes Ausflugsziel für Jugendliche und Familien, vor allem am Wochenende. Am Eingang kaufen sich die beiden Tickets und Jonathan will danach nur schnell in der Umkleide verschwinden, um sich seine Badehose anzuziehen. Aber Alex hält ihn zurück und schlägt vor, eine Familienumkleide zu benutzen, weil da mehr Platz sei.
Jonathan findet das erst ein bisschen unangenehm. Schließlich kennt er Alex bisher nur aus dem Internet, aber eigentlich ist ja auch nichts dabei. Mit seinen Klassenkameraden in der Schule zieht er sich ja beim Schwimmunterricht auch in einer Gemeinschaftsumkleide um. Also stimmt Jonathan zu. Der Boden ist leicht feucht und es riecht nach Chlor. Aus der Schwimmhalle ist schon das Platschen des Wassers und Kindergeschrei zu hören. Jonathan stellt seine Sporttasche in der Familienumkleide ab, ohne zu ahnen, dass Alex in diesem Moment ganz andere Absichten hat. Plötzlich zieht er Jonathan an sich heran, murmelt etwas von einem kleinen Dankeschön und dass Jonathan ihm ruhig etwas zurückgeben könne. Ehe ich mich versah und ich glaube, ich habe da nur ganz verschwommene Gedanken dran, hatte er seinen linken Arm um mich rum. Und mit seiner rechten Hand hatte er meine Hand genommen und bei sich selber masturbiert mit meiner Hand halt eben. Ich glaube, für mich so eine ganz komische Situation, wo es dann auch zum ersten Kuss kam. Man presst irgendwie seine Lippen so ganz seltsam aufeinander und dann wird dir erklärt, was du jetzt gerade zu machen hast. Ja.
Für mich war dann, okay, Orgasmus fertig, zum Glück, ab ins Schwimmer und dann denkst du nicht weiter darüber nach. Jonathan weiß damals noch nicht, dass er gerade missbraucht worden ist. Sex kennt er nur aus dem Sexualkundeunterricht in der Schule. Er ist zwölf und hat noch überhaupt gar kein Interesse an Sexualität, findet alles, was damit zu tun hat, eher eklig. Doch in diesem Moment ist sein Kopf komplett leer und er funktioniert einfach, hat er mir gesagt. Man weiß, du kommst nicht aus der Situation raus und ich hatte immer, und ich glaube die Art habe ich bis jetzt immer noch, dass ich viele Sachen einfach in rational umschalte und einfach weiß, okay, Keine Emotionen, jetzt ein bisschen runterfahren und dann, so dumm es wirklich klingt, eine Art Schockstarre, aber nur im Kopf. Und du denkst null nach, also du hast keinen einzigen Gedanken an dem Moment. Erst viel später wird Jonathan verstehen, was ihm in diesem Moment angetan wurde. Er hat keine Ahnung, dass der angeblich 16-jährige Alex aus Stuttgart in Wirklichkeit ein erwachsener Mann von 27 Jahren ist. Vielleicht schauen wir uns erstmal an, wie sich die beiden kennenlernen. Alles beginnt Anfang 2020 auf den ersten Blick harmlos.
Jonathan bekommt auf Discord eine Anfrage von Alex. Hey, wie geht's? Alex erzählt Jonathan, dass er 16 ist und in Stuttgart lebt. Er fragt den Zwölfjährigen nach seinen Hobbys, seinen Geschwistern und der Schule. Erst nach einiger Zeit werden die Fragen persönlicher und intimer und es geht auch um Jonathans sexuelle Vorlieben und seine Wünsche.
Meistens stellt Alex Fragen und Jonathan antwortet nur darauf. Und genau diese Masche nennt man Cyber-Grooming. Die Täter erschleichen sich dabei über das Internet das Vertrauen von Minderjährigen, um sie zu manipulieren und später sexuell zu missbrauchen. Dabei geben sie sich oft als gleichaltrige oder verständnisvolle Erwachsene aus. So ist es auch bei dem zwölfjährigen Jonathan. Der ist noch unsicher mit seiner Sexualität und hat viele Fragen, die ihm auf der katholischen Privatschule in seinem alten Heimatort nicht beantwortet wurden. Er ist dankbar dafür, dass Alex ihm bereitwillig alle Fragen beantwortet, die er hat. Dass sein Chatfreund viel älter ist, als er vorgibt, ahnt Jonathan damals noch nicht. Dieses 16-Jährige hat sich halt einfach sehr gut reingepasst, weil er, auch wenn er am Ende der 27 Jahre, noch zu Hause gewohnt hat. Das heißt, wenn man telefoniert oder ähnliches kam, Diese typische, meine Mutter hat gerade geklopft oder meine Mom ist gerade nach Hause gekommen. Die Storyline im Grunde, die war ja perfekt darauf angepasst. Die Person sah so unglaublich jung aus, dass da auch FaceTime beispielsweise stattgefunden hat, ohne dass man das irgendwie hinterfragt hat.
Und das sorgt dafür, dass Jonathan Alex schnell vertraut. Obwohl er eigentlich weiß, dass er seine Handynummer nicht so einfach rausgeben darf, schon gar nicht an Fremde aus dem Internet, gibt er Alex irgendwann seine Kontaktdaten, damit sie auch außerhalb von Discord chatten können. Alex wird für Jonathan zu einem guten Freund und er schleicht sich sogar online in den neuen Freundeskreis des Zwölfjährigen ein. In einer gemeinsamen WhatsApp-Gruppe schreibt Alex immer wieder mit Jonathans Freunden und schafft es schnell, sie für sich zu begeistern. Es geht zum Beispiel viel um Animes, also japanische Zeichentrickfilme, für die sich Jonathans Freunde sehr interessieren. Und auch Alex weiß viel darüber und kann so bei den Zwölfjährigen punkten. Als die beiden, also Jonathan und Alex, dann im Februar 2020 ihr Treffen planen, fragt Jonathan Alex, wie sie das mit der Entfernung machen sollen, wo sie beide doch keinen Führerschein haben.
Erst da kommt heraus, dass Alex ein eigenes Auto hat, weil er schon 27 ist. Doch zu diesem Zeitpunkt hat er Jonathan schon so weit manipuliert, dass der daran gar nichts Falsches erkennen kann. Für ihn ist Alex sein Freund, egal ob er jetzt 27 oder 16 ist. Außerdem ist damit ja auch das Problem mit der Entfernung gelöst. Und so kommt es an diesem Samstag im Februar 2020 zum ersten Treffen von Jonathan und Alex. Zu diesem Zeitpunkt kennen sich die beiden bereits einige Wochen. Nach dem Missbrauch in der Schwimmbadumkleide gehen die beiden ganz normal schwimmen. Alex redet dem unsicheren Zwölfjährigen ein, dass er stolz auf diese Erfahrung sein kann, die er gerade macht. Immer wieder, während wir schwimmen waren, generell kam er einfach diese Ankündigung von Hey, das ist doch super, du bist zwölf und hast diese Erfahrung jetzt schon gemacht. Das können ja die wenigsten von sich behaupten. Erster Kuss und hat das ziemlich als das Positives verkauft. Ich weiß noch genau, wir sind gerade aus dem Schwimmbad raus, über den Gehweg, wieder durch den Bahnhof und dann meinte er auch so, ist doch richtig schön, erster Kuss und ich habe mich in diesem Moment, tatsächlich darüber gefreut, weil in dieser Zeit, in diesen zwei, drei Stunden, wie wir da drin waren, wurde es zu so einer positiven Erfahrung für mich, was natürlich nicht bedeutet, dass sie jetzt gerade richtig war. Doch das kann Jonathan in diesem Moment gar nicht richtig einordnen.
Ja und das ist ein ganz wichtiger Punkt bei diesem Cyber-Grooming. Es wird ganz viel und oft mit Gaslighting gearbeitet. Also der Groomer, derjenige, der den Missbrauch plant und durchführt, gibt dem anderen das Gefühl, falsch zu sein. Macht ihn unsicher, drückt ihn runter. Und das passiert ja in dieser Situation auch. Also Alex deutet das Ganze um, den Missbrauch in der Umkleide und sagt, das ist was ganz Tolles. Und ein in dem Moment unsicherer und unerfahrener Mensch wie Jonathan glaubt das natürlich. Nach dem Schwimmbadbesuch fahren die beiden dann zurück in Jonathans Heimatstadt Herborn. Während der Zwölfjährige nach Hause geht, um seine Sachen für den angeblichen Übernachtungsbesuch bei seiner Freundin zu holen, checkt Alex nur etwa 100 Meter von Jonathans Wohnhaus entfernt in einer Pension ein. Ein altmodisches Gebäude mit Schieferplatten an der Fassade, Sprossenfenstern und einer alten Kneipe im Erdgeschoss. Jonathan soll später nachkommen, damit niemand die beiden zusammen sieht. Auch seiner Mutter soll er nichts von dem Treffen erzählen. Das hat Alex ihm eingeschärft. Jonathan erklärt er das so. Er hat immer das Beispiel gesetzt, Homosexualität war immer strafbar, mittlerweile wird es akzeptiert. Dieser Altersunterschied aktuell strafbar, irgendwann wird die Gesellschaft so weit sein und auch das akzeptieren. Sprich, nicht wir waren das Problem, sondern die böse, böse Gesellschaft, die das alles nicht respektiert. Deswegen darfst du halt einfach nichts sagen, weil dann kriegen wir beide große, große Probleme.
Das ist ganz klassisch für die Strategie solcher Täter. Sie versuchen, ihre Opfer von ihrem Umfeld abzuschirmen und zu isolieren, indem sie ihnen das Gefühl vermitteln, dass die ganze Welt gegen sie ist, sie nicht versteht und sie nur noch den Täter als Bezugsperson haben. In dieser kleinen Pension in der Altstadt verbringen Jonathan und Alex eine Nacht gemeinsam auf einem ausziehbaren Sofa. Auch hier kommt es wieder zu sexuellen Übergriffen, genau wie im Schwimmbad. Jonathans Mutter Sandra glaubt zu diesem Zeitpunkt, dass Jonathan bei einer Freundin übernachtet. Damit sie keinen Verdacht schöpft, hat Alex sogar noch Busverbindungen rausgesucht, die Jonathan seiner Mutter als Screenshot schickt. So ahnt Sandra zu Hause nichts. Der war einfach ganz normal aufgedreht, wie Kinder so sind nach dem Schwimmbadbesuch. Wahrscheinlich viel Zucker, viel Cola, viel Schwimmen und er wollte einfach nur bei seiner Freundin dann übernachten. Ich hatte sogar einen Standort, wie er hinterher bei seiner Freundin war. Den hat er irgendwann mal aufgenommen. Und das ist ja das, wo wir immer drüber sprechen, um dieses Manipulative, dieses Vorarbeiten für den Fall der Fälle. Dann gab es eine Sprachnachricht, der Jonathan und seine Freundin zusammen, was sie gerade machen, aber der Jonathan war ja gar nicht zu dem Zeitpunkt dort.
Von ihrem Fenster aus kann Sandra die altmodische Pension sogar zum Teil sehen. Nur ein großer Baum versperrt die Sicht. Wenn sie heute daran zurückdenkt, was nur 100 Meter von ihr entfernt an diesem Tag passiert ist, macht sie das fassungslos. Vor allem, weil damals niemand eingegriffen hat. Weder im Schwimmbad noch in der Pension. Keiner hat auf Jonathan geachtet. Also der sah ja wirklich nicht aus wie zwölf. Der sah ja tatsächlich aus teilweise wie neun oder acht. Und das finde ich so erschreckend, dass da keiner hinguckt. Man lässt einfach ein Kind da reinlaufen, was man noch nie gesehen hat eigentlich. Und die haben ihn einfach da reinlaufen lassen. Und das hat niemand mal nachgefragt. Das hat ihn ja auch keiner aufgehalten.
Alex erklärt Jonathan immer wieder, dass das Ganze ein Geheimnis zwischen den beiden bleiben müsse. Und daran hält sich Jonathan, denn er hat Angst, seinen Freund zu verlieren. Und er hat Angst um seine Familie. Denn Alex erklärt ihm auch, dass seine Mutter große Probleme mit dem Jugendamt oder der Polizei bekommt, wenn jemand das mit ihnen herausfindet. Und auch das ist ja so perfide. Also diese Täter schauen halt genau, wie sie ihre Opfer treffen können. Und Alex hat eben festgestellt, dass Jonathan ein enges Verhältnis zu seiner Familie hat. Und das benutzt er als Hebel, um Jonathan zu erpressen. Außerdem fühlt sich Jonathan Alex gegenüber so, als sei er ihm etwas schuldig. Drei Stunden extra gefahren, zahlt alles, das ist ja auch noch eine große Sache dahinter. Beantwortet ihr alle Sachen, gibt ihr emotionale Zugänglichkeit. Und dann hast du einfach so ein Machtverhältnis da irgendwo mit einer gewissen Ebene drin, dass du so einen Druck hast, das alles richtig zu machen. Ich glaube, den hast du generell, wenn du die Intimität mit deiner Person erlebst und das auch bewusst und entscheidest. Aber wenn du es nicht extra entscheidest, sondern weißt, du musst es machen, dann.
Hast du so einen Druck, das als richtig zu machen? Insgesamt sehen sich Alex und er noch zwei weitere Male. Mitte März treffen sie sich in Frankfurt. Die Stadt ist etwa anderthalb Stunden von Jonathans Wohnort entfernt. Wie beim ersten Mal machen sie erst etwas, was Jonathan gefällt. Auch das ist Teil der Manipulation. Sie bummeln durch die Stadt, gehen etwas essen. Bis hierher hat Jonathan eigentlich ein gutes Gefühl. Als er einen seiner Kopfhörer verliert, geht Alex sogar noch mit ihm in einem Laden und kauft ihm neue, worüber sich der gerade 13 Jahre alt geworden natürlich sehr freut. In der Umkleide bei H&M macht Alex dann auch noch ein Foto von Jonathan. Das schickt er als Beweis seiner Mutter Sandra, die ihm extra Geld mitgegeben hat, damit er sich in Frankfurt einen neuen Pulli kauft. Hier hat er erzählt, dass er mit mehreren Freunden und zu einer erwachsenen Begleitperson in Frankfurt unterwegs ist. Abends checken die beiden dann im Hostel an der Hanauer Landstraße ein. Ein grauer und schmuckloser Kastenbau an einer vielbefahrenen Hauptstraße im Frankfurter Ostend. Auch hier geht Alex zunächst ohne Jonathan hinein. Warte hier, ich schreibe dir dann die Zimmernummern, damit du nachkommen kannst, sagt er ihm noch. Als Jonathan kurze Zeit später in das Zimmer kommt, sind die Rollladen runtergezogen und Alex schließt die Tür hinter ihm zu. Seine Sachen hat er schon ausgepackt.
Erst gucken die beiden gemeinsam den zweiten Teil der Twilight-Reihe. Doch dann ändert sich die Stimmung und Alex spricht immer wieder über sexuelle Themen und verlangt von Jonathan Oralverkehr, was der ganz klar ablehnt. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen, irgendwie Oralverkehr oder ähnliches. Dazu kam es aber. Das war dieses typische Anfang im Sinne von Masturbation. Diese Situation, die man ja schon vom ersten Treffen kannte, bis es dann dazu kam. Aber leg doch mal den Kopf auf meinen Oberschenkel. Für mich unheimlich befremdlich so. Was soll das jetzt gerade bewirken? Aber du machst das mit, du willst ja alles richtig machen. Also war mein Kopf dann im Grunde auf dem Oberschenkel und dann.
Ging das so ganz, ganz schnell, dieses Decke über den Kopf, sprich so ungefähr bis Brusthöhe bei ihm und dann hat er meinen Kopf immer weiter ansenklich drangeführt und dann kam es dann einfach zum Oralverkehr. Alex bringt Jonathan auch noch dazu, mit ihm duschen zu gehen. Die Duschkabine in dem kleinen Hotelbadezimmer ist so eng, dass Abstand kaum möglich ist. Und auch hier verlangt Alex wieder sexuelle Handlungen von Jonathan und missbraucht ihn. Der fürchtet jetzt, dass Alex ihn auch noch zum Analverkehr zwingt, obwohl er das überhaupt nicht will. Dazu kommt es aber zum Glück nicht. Aber noch Jahre später wird ihn dieses Erlebnis sehr stark belasten. Doch in diesem Moment kann Jonathan gar nicht klar denken und lässt alles nur über sich ergehen. Denn der schmale blonde Junge ist ganz allein in einer unbekannten Stadt mit einem Mann, dem er bis dahin eigentlich vertraut hat. Als Alex sein Nein so klar ignoriert und ihn zu Sachen zwingt, die er furchtbar eklig findet, bekommt Jonathan Angst. Ich hatte glaube ich noch nie so einen großen Fluchtinstinkt in meinem Leben wie zu dem Zeitpunkt. Ich hatte sehr das Gefühl wegzuwollen, aber ich konnte es ja nicht. Weil du weißt unterbewusst, du kannst nichts machen, du bist körperlich so unterlegen, das ist ja nicht in Worte zu fassen dabei, du weißt nicht, wo du bist, du hast ja gar keine Orientierung. Und zu diesem, ich weiß nicht, wo ich bin, am nächsten Morgen geht das Holle hoch und da ist ein Hafen. Hätte mir jemand gesagt, Frankfurt hat einen Hafen, ich hätte ihn dumm angeschaut, vorher soll ich das denn bitte wissen?
Auch seine Mutter Sandra kann Jonathan in diesem Moment nicht anrufen, denn dann würde seine Lüge auffliegen und er sicher großen Ärger bekommen, befürchtet er. Wie geplant fährt Alex Jonathan dann am nächsten Tag in seinem silbernen Porsche 911er zurück nach Herborn. Die beiden machen in dem Carrier noch ein Selfie, beide lächeln in die Kamera und formen mit ihren Händen das Peace-Zeichen. Nichts deutet darauf hin, dass hier ein Sexualstraftäter mit seinem Opfer im Auto sitzt. Und wenn euch das Foto interessiert, könnt ihr euch das übrigens auf der Instagram-Seite von Verbrechen von nebenan angucken, um so einen Eindruck zu bekommen. Danach setzt Alex Jonathan dann an der Bushaltestelle ab. Von hier aus läuft Jonathan nach Hause, so wie er es seiner Mutter vorher geschrieben hat.
Nach außen spielt Jonathan die Rolle, die Alex von ihm verlangt. Doch in ihm drin sieht es ganz anders aus. Er ist verunsichert und macht sich große Vorwürfe. Ich glaube, das war das erste Mal, dass er das Gefühl hatte, ich habe die Kontrolle verloren, ich kann nichts mehr tun. Aber dann steht da ein Täter und sagt dir ganz klar, dass es gerade falsch ist, dass du so fühlst und dass es einfach deine Pflicht ist. Und dann ist nicht das Problem, dass du so fühlst, sondern es ist das Problem, dass du überhaupt den Gedanken hast, dass es gerade falsch war, du hast nämlich am Ende deine Pflicht nicht erfüllt.
Das zeigt ja auch schon wieder die Manipulation des Täters, der Jonathan das Gefühl eingepflanzt hat, er müsse ihm gegenüber eine Pflicht, und ich hoffe, ihr hört die Anführungsstriche, eine Pflicht erfüllen. Dieses Treffen in Frankfurt wird Jonathan später als die schlimmste Erfahrung beschreiben, die er mit dem Täter gemacht hat. Hier bekommt der damals 13-Jährige zum ersten Mal das starke Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Aber Alex schafft es, Jonathan weiter zu manipulieren, sodass er sich wieder auf ihn einlässt. Und das macht er sehr geschickt. Er weiß, dass Jonathan Flugzeuge und Luftfahrt spannend findet. Das hat er ihm auch schon erzählt. Also fährt er mit Jonathan zum Frankfurter Flughafen, um ihm eine Freude zu machen, wie er sagt. Abends im Hotel geht es dann mit dem Missbrauch weiter, gegen den sich Jonathan nicht wehren kann. Auch wenn er sich unwohl und komisch anfühlt. Ich wusste ja nicht, ob es sich richtig anfühlt oder nicht. Ich glaube, wenn man mich jetzt auf irgendein Date setzen würde, ich kann von meinem Bauchgefühl aus sagen, ob ich mich gerade wohl fühle oder nicht, aber ich hatte ja keinerlei Referenzwert. Ich kann ja nicht sagen, ob das jetzt gerade normal ist oder nicht. Und die einzige Person, die mir das antworten könnte, sitzt ja gerade neben mir, beziehungsweise liegt hier neben mir. Deswegen, also ich hatte ja...
Keine Möglichkeit, mein Gefühl richtig einzuordnen. Und dann habe ich diesem Menschen einfach vertraut und gesagt, ja, wird doch schon so richtig sein. Uns Alex hat zu diesem Zeitpunkt mit Jonathan schon ein viertes Treffen vereinbart. Doch dazu kommt es nicht mehr. Im April 2020 nimmt die Corona-Pandemie in Deutschland gerade richtig Fahrt auf. Lockdowns und Kontaktbeschränkungen werden verhängt. Das macht Treffen an öffentlichen Orten oder in Hotels fast unmöglich. Also schlägt Alex Jonathan vor, dass dieser seiner Mutter von ihm erzählt, damit die beiden sich auch bei Jonathan zu Hause treffen können. Also sozusagen ganz offiziell. Und das müsst ihr euch mal vorstellen. Der Täter fühlt sich so sicher, dass er sich von seinem Opfer, bei dessen Eltern sogar als neuer Partner vorstellen lassen will. Das ist eine ganz andere Form von Kaltblütigkeit, die ich so in sieben Jahren Podcasts echt noch nie erlebt habe.
Jonathan ist an diesem Sonntagabend gerade bei seinem Papa zu Hause. Seine Eltern leben getrennt. Es sind Ferien und Sandra sitzt zu dieser Zeit noch im Hauseingang auf der Terrasse, um eine zu rauchen. Sie hat den ganzen Tag im Café gearbeitet, ist müde und will einfach nur ins Bett. Dann bekommt sie plötzlich eine Nachricht von Jonathan. Mama, ich habe jemanden kennengelernt, schreibt er ihr. Und sie ist erstmal positiv überrascht. Ich habe mich wirklich gefreut in dem Moment. Er war ja zu dem Zeitpunkt schon in Anführungsstrichen 13. Aber ich habe gedacht, oh wie schön. Jetzt wohnt er erst so ein paar Monate hier. der hat sich geoutet, der ist sich so ein bisschen sicher und lässt es jetzt einfach mal zu, dass da wirklich auch jemand ist in seinem Alter, der ihn auch gut findet. Ja, aber...
Und dann ging das los. Der ist aber ein bisschen älter. Und dann dachte ich, ja wie, ein bisschen älter. Der ist 27. Bei Sandra gehen sofort alle Alarmglocken an. Sie weiß, dass hier etwas nicht stimmen kann und die schlimmsten Bilder gehen ihr durch den Kopf. Ich weiß, ich habe meine Zigarette auf den Boden geschmissen, bin rein und musste mich übergeben. Das war für mich der Zeitpunkt, wo ich dachte, jetzt geht es hier richtig los. Ich bin gerade wirklich im falschen Film. Warum? Wie? Wie kann das passieren? Da habe ich tausend Gedanken gehabt. Wie, wann, wer? Wie ist das passiert? Kenne ich die Person?
Ich habe mich dann irgendwann wieder gesammelt, habe dann eben auch zurückgeschrieben, dass ich mich total freue für ihn. Und auch wenn das erstmal total widersprüchlich klingt, reagiert Sandra genau richtig, nämlich ganz anders, als der Täter es vermutlich erwartet hätte. Und das hat vor allem einen Grund. Ich wollte an Informationen rankommen. Und da ich ja schon Erfahrung als Mama habe und ich weiß, dass wenn du mit Druck dagegen arbeitest, wird es sowieso nicht funktionieren. Also habe ich mich tierisch gefreut und habe ihn gefragt, wie er ihn kennengelernt hat, wer das denn ist und wie er denn aussieht. und er hat mir dann alles geschickt. Und ich habe uns so ein bisschen nachgefragt, habt ihr euch getroffen? Nein, haben wir nicht. Wir haben nur miteinander geschrieben. So schlecht es mir ging, ich habe da gesessen, mir war so kalt, Aber ich konnte auch nicht reingehen. Ich war wie gelähmt. Ich habe in diesem Hauseingang gesessen und habe nur mein Handy, ich habe nur geschrieben. Wahrscheinlich würden die meisten von uns verständlicherweise ganz anders reagieren, wenn wir so etwas erfahren würden. Aber Sandra versucht Jonathan ein gutes Gefühl zu geben und nebenbei auch möglichst viel über den Täter zu erfahren. Jonathan schickt seiner Mutter sogar das Social Media Profil von Alex und verrät ihr, dass er in Stuttgart wohnt. Immer wieder sagt er, dass Alex ihm gesagt hat, dass er seiner Mama von den beiden erzählen soll und dass er sie gerne kennenlernen würde. Jede Nachricht von Jonathan an Sandra wird zu diesem Zeitpunkt von dem Täter kontrolliert und abgenommen.
In dieser Nacht schläft Sandra kaum noch. Sie versucht so viel wie möglich über den Mann herauszufinden, der sich hinter ihrem Rücken an ihren Sohn rangemacht und ihn manipuliert hat. Das ist vielleicht der richtige Zeitpunkt, um euch ein bisschen mehr über diesen Mann zu erzählen, der natürlich nicht wirklich Alex heißt. Das ist der Name, unter dem er im Internet unterwegs war. Alex wird 1992 geboren und zieht mit acht Jahren mit seiner Familie nach Stuttgart.
Hier geht er aus Gymnasium und macht dann 2010 auch erfolgreich sein Abitur, obwohl die Schulzeit für ihn alles andere als einfach ist. Er hat immer wieder mit Mobbing und Ausgrenzung zu kämpfen und auch zu Hause gibt es Schwierigkeiten mit seinen Eltern. Ihre Erziehung sei hart und lieblos gewesen, so beschreibt er das später selbst. Gegen Ende der Pubertät bemerkt Alex dann, dass er sich nicht für Mädchen interessiert, wie viele seiner Klassenkameraden, sondern für Jungs. Meistens fühlt er sich zu denen hingezogen, die jünger sind als er, also zwischen 13 und 15 Jahren. Ob jemand in seinem Umfeld etwas von dieser Vorliebe wusste, können wir nicht sicher wissen. Es ist aber relativ wahrscheinlich, dass er vor allem seinen Eltern aufgrund ihrer strengen Erziehung nie davon erzählt hat. Nach dem Abi studiert Alex erst zwei Jahre Wirtschaftsingenieurwesen und wechselt dann zu Wirtschaftswissenschaften, worin er später seinen Bachelor macht. Er ist ziemlich ehrgeizig und schafft es zum Beispiel während des Studiums, einen der begehrten Jobs als Werkstudent bei Porsche zu ergattern. Er macht sich mit seinem eigenen Online-Shop für Animes selbstständig. Also das sind diese japanischen Zeichentrickfilme und Serien, die sich eben auch Jonathans Freunde so gerne ansehen. Das habe ich euch ja eben schon erzählt. Mit seinem Shop ist Alex auch bei Messen und Events unterwegs. Nach außen hin wirkt er erfolgreich und vertrauenswürdig.
Dunkle Haare, freundliches Lächeln dazu, ein schmales Gesicht, das ihn deutlich jünger wirken lässt, als er ist.
Passend dazu engagiert er sich ehrenamtlich als Mitglied im Jugendgemeinderat der Stadt Stuttgart und auch als Gründungsmitglied einer Hochschulgruppe an seiner Uni. Vor allem im Jugendgemeinderat hat er viel mit Jugendlichen zu tun und setzt sich für Projekte für Kinder in der Stadt ein. Er ist der hilfsbereite Kumpel von nebenan. Doch er hat doch eine andere Seite, von der damals niemand etwas ahnt. Auch Jonathan natürlich nicht. Als der seiner Mutter endlich von seinem neuen Freund erzählt hat, ist er ziemlich erleichtert, dass die so cool reagiert. Heute vermuten die beiden, dass Alex darauf gehofft hat, dass Sandra ausflippt. So hätte er einen weiteren Beweis für seine Alle-sind-gegen-uns-Manipulation gehabt. Als Jonathan am nächsten Tag nach Hause kommt, folgt Sandra ihm wortlos in sein Zimmer und lässt sich von ihm sein Handy und sein Laptop geben. Und Jonathan reagiert darauf seltsam entspannt. Für ihn ist es eine große Erleichterung, dass seine Mama jetzt von ihm und Alex weiß. Diese sieht zum ersten Mal alle Nachrichten, die sich Jonathan und Alex seit Monaten hin und her geschrieben haben. Insgesamt 600 FaceTime-Anrufe sind in Jonathans Anrufliste.
Durch die Fotos, die die beiden miteinander geteilt haben, erfährt Sandra aber auch von den Treffen. Was dabei passiert ist, weiß sie nicht genau. Aber sie ahnt das Schlimmste. Denn zwischen den beiden, also zwischen Jonathan und Alex, werden auch immer wieder intime Bilder verschickt. Und Sandra macht sich in diesem Moment große Vorwürfe, vor allem wegen einer Sache.
Dass ich es nicht gesehen habe oder nicht gespürt habe. Was habe ich für Fehler gemacht? War mein Fokus auf was ganz anderem? Hat er es vielleicht doch mal gesagt? Hat er vielleicht doch mal irgendwie Andeutungen gemacht? Aber wenn wir unsere Chatverläufe nachgucken, unsere Gespräche, da war nie ein Punkt, wo ich gesagt hätte, da war es gewesen. Da hat er doch was gesagt. Er hat es vielleicht doch versucht. Das gab es nicht. Trotz ihrer Selbstzweifel informiert Sandra Jonathans Vater und gemeinsam beschließen, die beiden zur Polizei zu gehen. Zwei Tage später soll Jonathan eine Aussage machen. Der mittlerweile 13-Jährige ist zwar verwirrt und verunsichert, will aber mitkommen. In seinen Tagebuch schreibt er damals, ich fühle mich nicht bereit auszusagen. Er ist eine tolle Person, die wegen nichts bestraft wird. Ich finde es nicht gerecht. Als Jonathan am nächsten Tag mit dem Polizisten in einem kleinen Vernehmungszimmer auf der Polizeibache redet, ist seine Aussage voller Lügen und schwammiger Erklärung. Sexuelle Handlung hat es nicht gegeben, schwört Jonathan, obwohl er eigentlich weiß, dass das nicht stimmt. Aber Alex hat ihn auch auf diese Situation vorbereitet. Die erste Aussage war für mich, wie ich hatte das vorbereitete Drehbuch, ich weiß jetzt, was ich sage, ich hatte mein Skript im Kopf und muss das nur runterrattern. Egal, was jetzt gerade für ein Stress kommt, egal, wer vor dir sitzt, egal, welche Nachfragen.
Du hörst mit diesem Menschen erarbeitet, was du sagst und halt dich einfach dran. Es sind gerade schon genug Probleme, du musst jetzt nicht noch mehr Probleme kreieren, weil du kriegst ja auch selber dann Probleme. Jetzt gerade ist zu Hause ja noch alles entspannt. Einfach das sagen.
Währenddessen sitzt Jonathans Mutter Sandra draußen und kann nicht mehr aufhören zu weinen. Sie ahnt noch nicht, wie hart die nächsten Monate für sie und ihre ganze Familie wirklich werden. In den ersten Tagen nach der Aussage scheint alles ganz normal weiterzulaufen, weiterzulaufen, auch wenn der Alltag sich jetzt nur noch in den eigenen vier Wänden der Familie abspielt. Durch die Corona-Pandemie gibt es sowieso viele Einschränkungen. Dazu kommt aber auch, dass Jonathan kein Handy und keinen Computer mehr hat. Das hat Sandra ihm ja beides weggenommen. Er hat also gar keinen Kontakt zu seinen Freunden und darf auch nicht ohne Begleitung raus aus Angst. Denn der Täter weiß durch die Treffen ganz genau, wo Jonathan wohnt. Und deshalb sitzen Sandra, ihr Partner und Jonathan oft abends zusammen und spielen Gesellschaftsspiele. Aber Jonathan zieht sich immer mehr zurück und verbringt immer mehr Zeit allein in seinem Zimmer. Er redet kaum und ist viel allein mit sich und seinen Gedanken. Und er entwickelt Verhaltensweisen, die auf Sandra erstmal seltsam wirken. Er ist dann nicht mehr duschen gegangen. Dann hat er nur noch spezielle Anziehsachen angezogen. Die anderen überhaupt nicht mehr. Er hatte dann Sachen unter das Bett getan, in Kisten geräumt, immer nur mit offener Zimmertür, Tag wie Nacht. Die tagsüber war es eigentlich in Ordnung mit ihm, aber sobald die Nächte losgingen, er konnte nicht schlafen, dann ist er nicht duschen gegangen, erstmal dann doch gewachsen.
Nach dem Lockdown wollte ich einkaufen gehen mit ihm und dann sagte er auf einmal, hier gehe ich nicht rein.
Und da habe ich mir gedacht, mein Gott, aber warum denn? Auch da wieder die normale Reaktion wäre gewesen, du gehst doch immer nach H&M, jetzt stell dich mal nicht so ein, wir waren doch schon immer hier. Aber in dem Moment wusste ich ja, es gab Fotos aus dieser Umkleidekabine mit der H&M-Tüte in der Hand. Also wusste ich, okay, irgendwas muss da vorgefallen sein, auch wenn ich es nicht weiß. Also musste ich mich da auch wieder zurücknehmen, habe einfach gesagt, okay, dann gehen wir woanders hin. Zu diesem Zeitpunkt ahnt weder Sandra noch irgendwer sonst, was Jonathan wirklich angetan wurde. Er hat weder seiner Mutter noch sonst jemanden von den sexuellen Übergriffen erzählt.
Monatelang sitzt Sandra an Jonathans Bett, weil er nicht einschlafen kann. Weil er aber auch keine Nähe erträgt, sitzt sie einfach nur da, ohne zu reden und ohne ihn in den Arm nehmen zu können. Etwas, das ihr besonders schwerfällt. Aber Sandra nimmt sich selbst zurück, damit Jonathan sich nicht unter Druck gesetzt fühlt, obwohl sie eigentlich so viel wissen will. Was mich innerlich total aufgefressen hat, weil ich so viele Fragen hatte, aber ich konnte ihm nicht diese Fragen stellen. Ich habe immer nur gesagt, ich bin da und habe immer nur zugehört und immer nur mir kleine Puzzleteile wie so ein riesen, wie so ein großer zerbrochener Spiegel. Aber ich hatte keine Antworten, ich musste mir das selber irgendwie zusammenfügen irgendwie. Nur mit seinem Familienbegleiter spricht Jonathan in dieser Zeit. Den hat das Jugendamt der Familie schon einige Tage nach der Anzeige zur Seite gestellt. Aber auch diesem erzählt der 13-Jährige nicht, was wirklich passiert ist.
Sandra versucht, Jonathan so gut es geht zu unterstützen, während sie sich gleichzeitig noch um Jonathans vierjährigen Bruder und ihren Job im Café kümmern muss. Mit ihren Sorgen und Gedanken ist Sandra ziemlich allein. Für mich war das Gefühl, wenn ich das jetzt jemandem erzähle.
Dann gebe ich dem so einen dicken Stein mit irgendwie auf die Seele. Weil mir das schon so wehtut, dann kann ich nicht noch andere Menschen damit belasten. Heute sehe ich das anders. Verteil deine gleichen Steine. Die müssen das alle für dich mittragen. Die müssen nicht jeden Tag bei dir anrufen, aber du hast es erzählt. Das würde ich heute anders machen. Also wirklich, wenn ihr das jetzt gerade hört und es euch warum auch immer schlecht geht, redet mit jemandem. Dinge auszusprechen ist so, so befreiend und das kann ich wirklich aus eigener Erfahrung sagen. Aber zurück zu Jonathans Geschichte. Die Ermittlungen laufen damals eher schleppend. Das liegt auch daran, dass Jonathans Aussage jetzt nicht besonders ausführlich war. Aber was Jonathan damals noch nicht weiß, gegen den Täter wird auch in anderen Städten ermittelt. Im Frühjahr und im Sommer 2016 soll sich Alex in Saarbrücken und Stuttgart mit zwei Jungen zwischen 12 und 13 Jahren getroffen haben. Auch dabei kommt es zu sexuellen Übergriffen. Er zwingt sie zum Teil zum Oral- und auch zum Analverkehr. Außerdem zeigt er den Jungen pornografische Anime-Filme. Dafür wird er später auch vom Landgericht Saarbrücken verurteilt.
2019 schreibt der Täter dann einen 13-Jährigen aus Karlsruhe im Internet an und schickt auch ihm pornografisches Material. Der Junge bricht zum Glück den Kontakt ab und erzählt das Ganze einem Freund. Dieser informiert schließlich die Polizei. Im Oktober 2020, also mehrere Monate nach seiner ersten Aussage, überrascht Jonathan seine Mutter dann damit, dass er nochmal zur Polizei will. In den Monaten allein in seinem Zimmer und abgeschnitten von der Manipulation des Täters ist ihm ganz langsam klar geworden, dass das, was Alex mit ihm gemacht hat, nicht richtig war. Als er zum zweiten Mal in dem kleinen Vernehmungszimmer sitzt, erzählt er den Polizisten alles.
Und nachdem die Wahrheit endlich raus ist, fühlt sich Jonathan viel besser. Wie beim ersten Mal sitzt seine Mutter Sandra währenddessen draußen vor dem Raum und malt sich im Kopf die schlimmsten Situationen aus. Sie geht zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass ihr Sohn schon beim ersten Mal alles erzählt hat und kann nicht wirklich verstehen, warum Jonathan nochmal zur Polizei wollte. Sandra hat große Angst, dass gleich ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt werden, wenn Jonathan und der Polizist wieder aus dem Zimmer kommen. Doch Jonathan fühlt sich noch nicht bereit, seiner Mutter die ganze Wahrheit zu erzählen. Deswegen übernimmt das der Polizist. Monate nach den Taten erfährt Sandra also von dem Ermittler, was der Täter mit ihrem Sohn gemacht hat.
Und auch wenn es schlimm für sie ist, all diese Details zu hören, ist sie auch erleichtert, weil sie jetzt endlich weiß, was Jonathan nachts so wachgehalten hat. Für sie ist es so, als hätte sich das Puzzle endlich zusammengefügt, sagt sie. Doch Sandra hat auch Angst, dass die Aussage jetzt wieder alles hochholt und dass die schlimmen Nächte voller Schweigen und Sorgen wieder losgehen, in denen sie an Jonathans Bett sitzt. Sandra versucht für ihren Sohn stark zu sein. Doch sie muss ihre Gedanken und Sorgen mit jemandem teilen, also macht sie sich auf den Weg in das Café, in dem sie arbeitet und das ihrem Partner gehört. Ich weiß, dass ich ins Geschäft reingegangen bin, bin in Tränen ausgebrochen, bin meinem Partner um den Hals gefallen, habe gesagt, der Jonathan wurde vergewaltigt. Er sagte nur zu mir, ja, aber das ist ja jetzt auch schon lange her und im Endeffekt hat er das ja auch freiwillig gemacht, jetzt müssen wir auch mal hier weitermachen.
Sandras Partner ist nicht der einzige in der Familie, der das Thema lieber totschweigen will oder herunterspielt. Zu einigen Familienmitgliedern haben Sandra und Jonathan deshalb auch heute keinen Kontakt mehr. Sandra ist deshalb in dieser Zeit viel allein mit sich und mit ihren Gedanken. Wenn mich die mal gefragt hat, wie geht's dir? Ich habe sofort angefangen zu weinen. Aber ich habe es nicht erzählt. Ich habe mich umgedreht und bin gegangen. Und bin wieder in meine Haustür rein und habe dann erstmal für mich wieder geweint. Und dann wieder weiter funktioniert. Also auch das ist jetzt wieder so ein Punkt, den ich wahnsinnig schlimm finde.
Und ich erlebe das im Kleinen auch oft in Social-Media-Kommentarspalten, zum Beispiel auch auf der Verbrechenvernehmen-Mann-Instagram-Seite, wo es darum geht, was Menschenschreckliches passiert ist. Und dann maßen sich Fremde im Internet anzuschreiben, ja, aber wenn man das so und so gemacht hätte, dann wäre ja nichts passiert. Oder wie können die Eltern das und das machen? Bevor ihr sowas schreibt, denkt darüber nach, dass die Menschen, die das wirklich betrifft, die das erlebt haben, dass die eure Kommentare lesen können und denkt bitte darüber nach, dass am Ende immer nur der Täter schuld ist und nicht der Täter. Das Opfer. Aber es geht an dieser Stelle noch schrecklich weiter, denn auch Jonathans Freunde, die Alex ja damals online, also in dieser WhatsApp-Gruppe kennengelernt haben, distanzieren sich von dem 13-Jährigen. Und das ist natürlich für einen jungen Menschen in dem Alter total schlimm, wenn auch die Freunde auf Abstand gehen, vor allem weil Jonathan ja nichts getan hat.
Aber, das muss man ganz klar sagen, Jonathan will sich von dieser Tat nicht seinen Alltag nehmen lassen und er sucht sich Hilfe. Um das Erlebte zu verarbeiten, möchte er eine Traumatherapie beginnen. Bis das möglich wird, vergehen allerdings nochmal Monate, denn dafür braucht er, und das wusste ich vorher auch nicht, die Erlaubnis der Staatsanwaltschaften. Jetzt fragt man sich, was hat die Staatsanwaltschaft irgendwie mit einer Therapie zu tun? Diese Therapie ist für den Prozess relevant, weil sie ja die Aussagen theoretisch beeinflussen kann von Opfern von Verbrechen. Und dieser Prozess, bis der startet, das dauert natürlich wahnsinnig lange, insgesamt vier Jahre. In dieser ganzen Zeit weiß Jonathan nicht, ob der Täter noch frei herumläuft, ob der vielleicht sogar in seiner Nähe ist. Die Angst, dass Alex ihn vielleicht aus Rache auflauern könnte, begleitet ihn und seine Familie die ganze Zeit. Jonathan darf dann seine Therapie glücklicherweise schon vor Prozessstart beginnen, weil seine beiden Aussagen auf Video aufgezeichnet wurden. Also da geht es so ein bisschen darum, dass man die Aussagen in Anführungsstrichen nicht verfälschen möchte durch eine Therapie und deswegen war das in diesem Fall möglich. Schnell wird bei ihm eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Außerdem hat er ein großes Problem mit seinem eigenen Selbstwertgefühl und Depression.
Auch seine Mutter Sandra kommt regelmäßig mit zur Therapie und beiden hilft es, das Schweigen endlich zu brechen. Ich hatte schon immer das Problem, unheimlich viel nachzudenken. Nicht über mich, sondern über alles andere. Da kommt dann Gericht, Schule, da kommt dann Umfeld, da kommt Mama, da kommt Papa. Und diese Gedanken konnte ich dann irgendwann weglegen und sagen so, hey, ist das in Ordnung? Ich kann mich jetzt auch auf mich konzentrieren. Und du lernst Umgang damit. Du lernst dich so daran zu erinnern, dass es dich nicht mehr belastet. Und du weißt, wenn es dich doch belastet, wie du dann umgehst. Jonathan beginnt langsam zu verstehen, dass er die ganze Zeit manipuliert wurde. In den Sitzungen mit der Therapeutin spricht er nochmal ganz offen über das, was ihm der Täter angetan hat. Doch obwohl das sehr viel Kraft kostet, schafft es Jonathan sich wieder in seinen Alltag zurückzukämpfen. Auch dank seines Klassenlehrers, dem sich Jonathan in der 9. Klasse anvertrauen kann und der dafür sorgt, dass Jonathan zum Beispiel auch mal eine Klassenarbeit nachschreiben kann, wenn er in dieser Zeit häufiger fehlt. Immer wieder gibt es Tage, an denen Jonathan es nicht schafft, morgens aus dem Bett aufzustehen, weil ihn alles wieder einholt.
Erst vier Jahre nach den Taten beginnt im Frühjahr 2024 dann der Prozess gegen den Täter vor dem Landgericht Limburg an der Lahn. Auch Jonathan und seine Mutter sitzen als Nebenkläger im Gerichtssaal. Das ist dem mittlerweile 17-Jährigen wichtig, um endlich einen Schlussstrich ziehen zu können. Obwohl Jonathan auch großen Respekt vor dem Prozess und dem Wiedersehen mit dem Täter hat. Er entscheidet sich dazu, auch vor Gericht noch einmal seine Geschichte zu erzählen, während der Täter der Mann, der ihn missbraucht hat, nur ein paar Meter von ihm entfernt sitzt. Geduldig beantwortet Jonathan zwei Stunden lang die Fragen der Richter. Mir hat er erzählt, wie er sich dabei gefühlt hat. Am Ende wusste ich, er kann noch nichts mehr anhaben, vor allem auch emotional war das große Thema und körperlich sowieso nicht. Ich hatte eher Ehrfurcht vor der Justiz an sich, sprich Richterschaft, Anwalt, Staatsanwaltschaft und das ganze Thema. Da hatte ich sehr, sehr große Angst vor, habe mich am Anfang aber auch nicht getraut, beispielsweise linksüber zu gucken, während ich meine Aussage gemacht habe. Es ist natürlich nicht schön, das alles nochmal zu erzählen, war für mich das erste Mal, da ich es jetzt gerade irgendwie groß erzähle.
Aber die Kammer, also sprich alle Richter und Chefen dabei, die waren so entspannt in Anführungszeichen, haben es echt einfach angenehm verhandelt. Und das finde ich eigentlich ganz schön, das mal zu hören, wie sich so jemand fühlt im Prozess. Und ja, auch wenn es viel zu lange gedauert hat, bis es zu diesem Prozess gekommen ist, ist es ja schön zu hören, dass Jonathan sich gut aufgehoben gefühlt hat. Auch seine Mutter Sandra muss vor Gericht aussagen, obwohl sie eigentlich mehr Fragen als Antworten hat. Danach werden noch einmal die beiden Videoaussagen abgespielt, die Jonathan damals mit 13 Jahren kurz nach den Taten bei der Polizei gemacht hat. Sandra hört da zum ersten Mal aus dem Mund ihres Sohnes all die schlimmen Dinge, die der Täter ihm angetan hat. Die Dinge, die Jonathan damals monatelang wachgehalten haben und die er ihr nicht erzählen konnte. Für Sandra ist das einer der schlimmsten Momente im ganzen Prozess. Und dann habe ich gedacht, das ist mein Kind, wie er da redet, mit dieser wirklich ganz jungen kindlichen Stimme. Und dann habe ich es ja wirklich im Detail gehört und gucke ein bisschen nach rechts und jetzt sitzt da dieser junge Mann.
Der hier gerade alles preisgibt, das war das alles Schlimmste für mich und ich weiß, dass ich den Täter die ganze Zeit angeguckt habe. Aber nicht, um noch mehr irgendwie traurig zu sein, sondern um ihm einfach zu zeigen, du hast hier gar keine Macht. Der Täter hingegen traut sich während des Prozesses kaum zu Jonathan und Sandra zu schauen. Alex wirkt unsicher und nervös, blättert immer wieder in den Papieren vor sich auf dem Tisch oder bespricht sich mit seinem Anwalt. Und Alex schreibt Jonathan während des Prozesses einen Entschuldigungsbrief. Der ist voller leerer Phrasen und er kann sich nicht mal an Jonathans Namen erinnern. Jonathan selbst lässt das kalt. Für ihn ist das nur ein trauriger Versuch des Täters, seine Strafe etwas abzumildern.
Denn in dem Prozess geht es auch um die weiteren Opfer von Alex. Er soll sich zum Teil in einem Lagerraum eingesperrt, gefesselt und dort vergewaltigt haben. Dazu kam es aber meist erst nach mehreren Treffen, bei denen er die Kinder manipuliert hat. Sandra und Jonathan denken deshalb noch heute oft darüber nach, dass das alles für Jonathan auch ganz anders hätte ausgehen können. Es war so gut, dass damals dieser Lockdown war, weil es wäre ja noch zu einem vierten Treffen gekommen. Das hatte er schon geplant. Und der Jonathan hat nur zu mir hinterher gesagt, es sollte an irgendeinem See stattfinden, aber bei uns in der Nähe irgendwo. Und Gott sei Dank ist es zu dem Treffen nicht gekommen, weil ich jetzt aus Sicht heute, was ich gehört habe, was er gemacht hat mit anderen Kindern. Und da denke ich, heute kann man einfach unheimlich dankbar dafür sein, dass es soweit nicht gekommen ist. Es war alles sehr, sehr schlimm, aber nichtsdestotrotz war es einfach genau so, dass nicht noch schlimmere Sachen passiert sind und dass er jetzt einfach auch hinter Gittern sitzt. Auch dank Jonathans Aussage kann Alex am Ende zu neun Jahren Haft verurteilt werden. Jonathan und seine Mutter sind sich allerdings sicher, dass es noch mehr Fälle gab, die aber bei den Ermittlungen nicht berücksichtigt wurden. Immer mal wieder bekommen sie Nachrichten von Menschen, die auch Kontakt mit dem Täter hatten. Trotzdem ist das Urteil am Ende für die beiden eine Erleichterung. Und Jonathan schafft es zum ersten Mal wirklich anzunehmen, was ihm passiert ist.
Ganz seltsamerweise war dieses Wort Vergewaltigung nie ein Wort, was ich irgendwie in meinem Gedanken hatte. Mittlerweile sage ich das, weil ich es halt einfach wichtig finde, dass man keine Einwilligung geben kann in so einem Fall. So im Sinne von, wenn du in einer Beziehung sagst, du möchtest gar keinen Sex, sondern du hast zu Sex, dann ist das das Gleiche. So eine Vergewaltigung muss nicht sein, du wirst im Busch gezerrt. Aber damals war auch das Wort Missbrauch für mich gar nicht das, was passiert ist. Und erst jahrelang danach und in der Therapie ging es dann weiter.
Und noch etwas passiert nach dem Prozess. Jonathan will nicht länger schweigen. Gemeinsam mit seiner Mutter gründet er deshalb den Verein End the Silence. Auf Instagram und YouTube erzählen sie ihre Geschichte und geben auch anderen Betroffenen von sexuellem Missbrauch eine Stimme. Sie wollen über Täterstrategien aufklären, in der Hoffnung, dass mehr Menschen ein Bewusstsein für das Thema bekommen. Aber ihnen ist auch wichtig, Betroffenen zu zeigen, ihr seid nicht allein. Nein, diese Botschaft ist für Sandra eine Herzensangelegenheit geworden. Also ich denke weder an den Täter noch denke ich an die eigentliche Tat, weil ich bin dann schon mehr diese Dankbarer für Menschen, die in der Zeit für einen da waren und für all das Erlernte, was man heute einfach weitergeben kann. Dass ich das heute nicht mehr nur mit mir selber ausmachen würde, dass sich die Menschen einfach bewusster damit machen und sich hier ein bisschen zurücknehmen, sondern mehr hinschauen und mehr fühlen und dann zu handeln.
Sandra und Jonathan haben mittlerweile wieder eine sehr enge Verbindung zueinander, die man direkt spüren kann. Sie reden offen über alles, auch über das Thema Sex. Sandra hatte lange Angst, dass diese ersten sexuellen Erfahrungen, die Jonathan machen musste, ihn ein Leben lang verfolgen. Aber der 18-Jährige ist mittlerweile seit einem Jahr in einer Beziehung, hat seinen Realschlaubschluss gemacht und die Erlebnisse, wie er selbst sagt, gut verarbeitet. Man hat mich gefragt, ob ich jetzt Sex haben kann. Ich denke mir so, wie? Also es war gar nicht in meinem Kopf, dass das irgendwie Auswirkungen auf mein Leben haben kann danach. Aber hey, ich habe das Glück, dass ich Intimität haben kann, emotional sowie sexuell. Habe das aufgearbeitet, kenne meinen Umgang damit und kann, auch wenn rational distanziert und teilweise aus einer anderen Perspektive, trotzdem sehr offen darüber reden. Mit seinem Traum vom Fliegen hat es leider nicht geklappt, weil Jonathan eine Sehschwäche hat. Stattdessen konzentriert er sich aktuell auf Social Media und die Arbeit für seinen Verein End the Silence und spricht auf Veranstaltungen über seine Erfahrungen.
Auch wenn er wohl das meiste verarbeitet hat und heute sehr sachlich über seinen Missbrauch sprechen kann, gibt es einen Punkt, der in Jonathan immer noch Schuldgefühle auslöst. Ich will nicht sagen, ich hasse mein Zwölfjährigesicht dafür. Das ist vielleicht ein bisschen zu tief gegriffen, aber ich mag diesen Umstand nicht, dass ich mich darauf einlassen habe. Ich sage ganz ehrlich, ab dieser Manipulation, da kann kein Kind was für, auch wenn da irgendwie zu sexuellen Handlungen kommt, absolut nicht. Das ist auch nicht die Verantwortung eines Kindes. Und ich würde auch niemals zum Zweifel jetzt die Schulter in die Schuhe schieben, aber mir selber mache ich das. Also da bin ich, glaube ich, ein bisschen zu selbstkritisch und gebe mir da so ein bisschen die Schuld dann doch hinter, da ich ein bisschen leidensinnig war. Und ich muss sagen, dass mich das wahnsinnig.
Traurig macht, das zu hören. Ich weiß nicht, wie es euch geht. Man muss aber sagen, dass es Jonathan da so geht wie vielen anderen Opfern von sexuellem Missbrauch. Und so Reaktionen aus dem Umfeld wie, er hat das ja auch freiwillig gemacht, helfen dann natürlich nicht wirklich. Ich habe das ja gerade schon gesagt, das erlebe ich halt immer wieder, gerade bei Social Media, die Eltern hätten besser aufpassen müssen und warum ist die denn da alleine hergelaufen?
Es ist einfach bescheuert, sowas zu sagen, weil ich habe es gerade schon mal gesagt, Schuld an einem Verbrechen ist immer nur der Täter und nicht das Opfer. Aber für mich sind Jonathan und Sandra unglaublich mutig und stark. Und ich kann nur noch mal Danke sagen, dass sie uns ihre Geschichte erzählt haben. Denn Cyber-Grooming passiert überall und jeden Tag. Und ich kann mir vorstellen, dass diese Folge für viele von euch nicht einfach zu hören war. Aber es ist so, so wichtig, darüber aufzuklären, weil, glaube ich, viele Eltern gar nicht genau wissen, was ihre Kinder im Internet machen. Und das ist eben nicht immer nur harmlos, sondern da kann auch so etwas passieren, wie die Geschichte, die wir jetzt gerade gehört haben. Wenn ihr Jonathan und Sandra und ihre wichtige Arbeit unterstützen wollt, dann packe ich euch auch nochmal den Spendenlink für den Verein End the Silence in die Shownotes und poste das natürlich auch auf Social Media. Also wenn ihr könnt, ich mache das normalerweise nicht, solche Aufrufe, dann spendet gerne ein paar Euros. Es ist wirklich wichtig, über dieses Thema aufzuklären und das Schweigen endlich zu brechen. Denn das Schweigen der Opfer hilft nur den Tätern.
Wenn es euch übrigens gefällt, so Geschichten direkt von den Betroffenen zu hören, empfehle ich euch meinen zweiten Podcast, Dieser eine Moment. Den kennt ihr bestimmt, gibt es überall, wo es Podcasts gibt, kostenlos. Und da geht es auch immer wieder um Verbrechen. Ich habe zum Beispiel neulich mit Ibrahim gesprochen, der Teile seiner Familie beim rassistischen Anschlag in Mölln verloren hat, nämlich seine Schwester, seine Cousine und seine Großmutter. Und das, was danach der Familie angetan wurde, also nach dem Anschlag, ist auch unglaublich furchtbar. Und auch das ist eine Geschichte, von der ich weiß, dass sie viel mehr Menschen erfahren müssen. Außerdem kann ich euch auch die Folge dieser einen Moment mit Claudia ans Herz legen. Bei der steht eines Tages die Polizei vor der Tür, um ihren Ehemann zu verhaften wegen Kindesmissbrauchs. Und für Claudia bricht damals natürlich eine Welt zusammen. Was da passiert ist, hört ihr kostenlos überall bei dieser einen Moment.
Und damit sind wir auch am Ende dieser Folge. Ich bin wahnsinnig dankbar dafür, dass Jonathan und Sandra mir ihre Geschichte erzählt haben und euch damit diese Geschichte erzählt haben. Und ich bin auch sehr dankbar dafür, dass ich in diesem Podcast in jeder Folge über andere Themen sprechen kann. Und dass auch nicht jede Folge gleich ist. Dass eben nicht in jeder Folge ein bestimmter Gast da ist. Dass es eben kein festes Podcast-Duo gibt, sondern wechselnde Gäste und dass es manchmal eben auch Folgen gibt, so wie diese hier, ganz ohne Gäste, weil ich glaube, dass es wichtig ist, diese Geschichten zu erzählen. Danke, dass ihr das alles möglich macht. Wir hören uns wieder in der nächsten Folge von Verbrechen von nebenan in zwei Wochen oder jetzt schon, wenn ihr wollt, bei dieser einen Moment. Tschüss. Verbrechen von nebenan. True Crime aus der Nachbarschaft.