Verbrechen von nebenan. True Crime aus der Nachbarschaft. Hallo und herzlich willkommen zu Verbrechen von dem Mann und hallo Ralf. Hallo. Hallo. Hallo. Wir sprechen heute sehr tief. Das kann ich, aber ich glaube, das ist anstrengend für meine Stimme. Ich glaube, das können die nicht so lange durchhalten. Das ist eine ganz neue Seite an dir. Ja, wir haben die Tanina-Rottmann-Akademie für tiefe Stimmen besucht. Genau, ja, das stimmt. Die ist sehr teuer. Die ist sehr, sehr teuer. Wir haben heute ein gemeinsames Leiden, haben wir gerade festgestellt, weil wir beide heute Beine gemacht haben. Achso, ich weiß gar nicht so, was haben wir für ein Leiden? Ja stimmt, Paul, da war Bauch, Peine, Po dran und das habe ich gemerkt, weil Philipp wohnt in einem etwas höheren Stockwerk und hat keinen Aufzug. Ja, da könnt ihr mal sehen, wie bescheiden ich bin. Ich habe keinen Aufzug, der in meine Penthouse-Wohnung fährt. Unser Aufzug fährt auch nicht in unsere Penthouse-Wohnung.

Ja, jetzt hast du dich ein bisschen verraten. Naja, wir wollen heute natürlich nicht nur über unsere sehr ausgefallene und ausgiebige Fitnessroutine sprechen, sondern auch über einen Kriminalfall und der ist ziemlich außergewöhnlich aus zwei Gründen. Er ist sehr brutal und außerdem ist die Täterin eine Frau und diese Kombination ist ziemlich selten. Außerdem sprechen wir über die Frage, was kann man jemandem glauben, der gerade einen anderen Menschen getötet hat. Inhaltswarnung, in dieser Folge geht es ziemlich brutal zu. Es geht um die Zerstückung einer Leiche und es geht auch ganz kurz um die Tötung von Tieren. Und weil ich weiß, dass das für viele von euch schlimm ist, geht es wirklich nur ein paar Sekunden und ich warne euch vorher nochmal explizit. Und es geht auch ganz kurz um das Thema Selbstverletzung. Also wenn ihr es gerade nicht hören könnt, dann überspringt diese Folge lieber. Und Leute, ihr wisst doch Bescheid. Wenn ihr wollt, könnt ihr die Folgen von Verbrechen von nebenan bei RTL Plus immer schon zwei Wochen früher hören. Das heißt, ihr könnt jetzt schon dort die nächste Folge hören. Bist du bereit? Let's go.

Es ist kurz vor 11 Uhr an diesem Montagmorgen, als die Polizeioberkommissarin Sabine Mayer sich mit ihrem Streifenwagen in das Wohngebiet am Rande von Steinau an der Straße macht. Von der Polizeiwache in Schlüchtern sind es nur etwa 10 Minuten mit dem Streifenwagen in den Nachbarort. Und sie und ihr Kollege haben an diesem 11. Juni 2018 keine Eile. Steinau an der Straße liegt im Main-Kinzig-Kreis in Hessen, etwas mehr als eine Stunde von Frankfurt am Main entfernt. Die 10.000-Einwohner-Kommune liegt mitten in der Natur und nennt sich selbst auch die Brüder-Grimm-Stadt, da die beiden Märchenerzähler hier ihre Jugend verbracht haben. Doch von Märchenzauber ist an diesem Morgen nicht viel zu spüren. Sabine Meyer und ihr Kollege biegen gerade in die Niederzeller Straße ein. Vor ihnen liegt eine kleine Siedlung mit heruntergekommenen grau-gelben Mehrfamilienhäusern. Die Hausnummer 15 ist das letzte Haus auf der linken Seite, mit Blick auf die Wiesen und Felder am Stadtrand. Die Oberkommissarin parkt den Streifenwagen schräg auf dem Schotter vor den Garagen, dann steigen sie und ihr Kollege aus. Meier ist eine schlanke Frau, Ende 40, mit einer gefärbten Kurzhaarfrisur und strahlend blauen Augen. Es ist ein angenehm warmer Vormittag, leises Vogelzwitschern ist zu hören, irgendwo bellt ein Hund.

Ansonsten ist es hier ziemlich ruhig. Die meisten Menschen sind um kurz nach 11 Uhr vermutlich schon längst auf der Arbeit. Die beiden Polizisten gehen zur Haustür mit der Nummer 15. Fast ein Dutzend Namen stehen auf den Klingelschildern neben den Briefkästen. Doch sie brauchen nicht klingeln. Langsam dreht Meier den Schlüssel im Schloss um. Er passt genau und die braune Haustür mit dem Glaseinsatz lässt sich ganz einfach öffnen. Die erfahrene Polizistin überkommt ein ungutes Gefühl. Leicht muffige Luft schlägt ihnen entgegen. Ein unangenehmer Mix aus abgestandenem Essen, getragenen Schuhen und billigen Putzmittel. Die Wohnung, die Maya und ihr Kollege suchen, liegt im zweiten Stock. Vor der Haustür liegt eine Fußmatte, darauf steht Achtung Stubentiger. Sonst wirkt alles erstmal ganz normal. Maya zögert einen kurzen Moment, dann steckt sie den zweiten Schlüssel ins Schloss. Die Oberkommissarin tauscht noch einen kurzen Blick mit ihrem Kollegen, Dann stößt sie die Tür auf. Vor den beiden liegt eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad. In der Wohnung herrscht pures Chaos. Es riecht muffig und leicht säuerlich, aber nicht so schlimm, wie Meier und ihr Kollege erwartet hatten. Doch noch bevor sie überhaupt einen Schritt in die Wohnung gemacht haben.

Bleibt ihr Blick an etwas Ungewöhnlichem hängen. Schräg gegenüber der Wohnungstür ist eine weitere kleine Tür. Sie führt vermutlich ins Badezimmer der Wohnung. Die Tür ist von oben bis unten mit Panzertape und schwarzen Müllbeuteln zugeklebt. Vor dem Badezimmer und auf dem Weg ins Wohnzimmer entdecken die beiden Polizisten leichte Blutspuren. Sie sind eingetrocknet und wirken so, als wären sie schon ein paar Tage alt. An einigen Stellen sieht es auch so aus, als wäre jemand barfuß durch das Blut gelaufen.

Meier und ihrem Kollegen läuft ein Schauer über den Rücken. Als sie heute Morgen mit den Wohnungsschlüsseln hierher gefahren sind, hatten sie gehofft, dass sich da jemand einen schlechten Scherz erlaubt hat. Doch jetzt stehen sie hier in dieser kleinen Wohnung voller Blut und mit dieser seltsamen zugeklebten Badezimmertür. Die beiden Polizisten schließen die Haustür wieder und verlassen die Wohnung. Von außen wirft Meier dann noch einen Blick auf das kleine Badezimmerfenster im zweiten Stock des Mehrfamilienhauses. Sie hält Ausschau nach Fliegen und Ungeziefer. Das könnte ein Hinweis auf eine Leiche sein. Doch sie kann nichts entdecken. Das könnte ein langer Tag werden, sagt Meier noch zu ihrem Kollegen. Und sie wird Recht behalten.

Warum waren die da und warum hatten die einen Schlüssel für die Leiche? Das Haus und die Wohnung. Das hat mit einem Brief zu tun, den die Polizei im Nachbarort Schlüchtern an diesem Montagmorgen bekommen hat. Eine Mitarbeiterin in der Verwaltung entdeckt das Schreiben gegen halb zehn in der Dienstpost und öffnet es. Schon nach den ersten schockierenden Sätzen wird ihr klar, dass es nicht für ihre Augen bestimmt ist. Also bringt sie den Brief sofort zum Dienststellenleiter. Als der sich den Text durchliest, traut er seinen Augen kaum. Der Brief beginnt mit folgenden Worten. Guten Tag. Hiermit lege ich Tanja B. ein Geständnis ab, dass ich meinen Lebensgefährten Martin F. erstochen habe. Laut des Briefes ist die Tat eine Woche her. Tanja B. schreibt weiter, dass ihr Lebensgefährte sie angegriffen haben soll. Sie habe sich dann mit einem Messer gewehrt, bis er schließlich vor ihren Füßen tot zusammengebrochen sei.

Danach will sie seine Leiche im Badezimmer mit einer Kettensäge in sechs Teile zerteilt haben. Ich bin vorbestraft und auf Bewährung. Mir glaubt ja eh keiner, heißt es weiter in dem Brief. Und Tanja B. kündigt an, dass sie sich in zwei Wochen selbst stellen will. Vorher möchte sie aber noch ihre Kinder in Ostdeutschland besuchen. Sie hat noch eine Bitte an die Polizisten. Die sollen doch bitte ihre Katzen und Rennmäuse ins Tierheim bringen und dafür sorgen, dass ihr Lebensgefährte in Steinau begraben wird. Weil er Steinau sehr geliebt hat, schreibt Tanja B. noch. Sie legt ihrem Brief zwei Schlüssel bei und nennt der Polizei ihre Adresse. Und du kannst es dir wahrscheinlich denken, was es für eine Adresse ist. Niederzeller Straße 15 in Steinau an der Straße. Also das hat die Beamten dort hingeführt.

Ja, weiß ich nicht. Wenn du jetzt so einen Brief bekommen würdest, würdest du so einen Brief glauben? Also, ich weiß nicht, wie oft die Polizei Briefe solcher Art bekommt. Natürlich könnte das jetzt irgendwie ein schlechter Scherz sein, aber da liegen Schlüssel bei, sind klare Namen genannt. Das heißt, es wäre ja zumindest jemand befragbar. Also, damit ließe sich ja vielleicht herausfinden, wer sich diesen schlechten Scherz erlaubt hat. Also ich wäre dem jetzt schon nachgegangen. Ich hätte jetzt nicht geglaubt, das ist ein Scherz. Die Polizei schon? Ja, also die haben so ein bisschen ihre Zweifel am Anfang und zwar aus mehreren Gründen. Also dass eine Person sich nach einem Verbrechen selbst der Polizei stellt, ist vor allem bei Tötungsdelikten eher ungewöhnlich. Und in diesem Fall will ja eben auch noch eine Frau so ein brutales Verbrechen begangen haben. Und die Kriminalitätsstatistik zeigt ganz klar, Täter sind meistens männlich. Frauen machen nur so ein Viertel der Tatverdächtigen aus. Bei Straftaten gegen das Leben, also wozu sowas ja zählt, ist es sogar noch deutlich weniger. Vielleicht haben sich ein paar Kinder einen schlechten Spaß erlaubt oder jemand wollte einfach mal testen, wie die Polizei auf so einen Brief reagiert.

Das sind die ersten Gedanken, die den Polizisten durch den Kopf gehen. Aber der Brief ist nicht der einzige seltsame Hinweis an diesen Tag. Ein Busfahrer aus Steinaum meldet sich ebenfalls bei der Polizei. Er berichtet von einer seltsamen Sprachnachricht in der gemeinsamen WhatsApp-Gruppe mit den Arbeitskollegen. Die Nachricht wurde vom Handy eines Kollegen verschickt und darin ist dessen Freundin zu hören, die gesteht, dass sie ihren Freund getötet hat. Er liegt in der Badewanne, hört man sie im nüchternen Ton in der Nachricht sagen. Wir hatten unsere Zweifel, aber auch das Wissen, dass es durchaus möglich sein könnte, sagt Ermittler Franz Efinger über dieses ungewöhnliche Geständnis. Er wird die Ermittlungen in diesem Fall später leiten.

Und du hast es gerade schon angesprochen, diese Schlüssel machen das ja ein bisschen greifbarer und irgendwie konkreter. und auch wegen dieser Schlüssel beschließt er dann ziemlich schnell, dass eine Streife mal bei dem Haus vorbeifahren und nach dem Rechten sehen soll. Bis Effinger gegen kurz vor halb zwölf einen Anruf erhält, geht er noch davon aus, dass sich die Sache schnell erledigt hat. Er bereitet gerade eine Dienstbesprechung vor, doch dann berichten ihm die Kollegen von der Wohnung. Passende Namen auf den Klingelschildern, Blut auf dem Boden und eine zugeklebte Badezimmertür. Der erfahrene Kriminalhauptkommissar macht sich von seiner Dienststelle in Gehenhausen sofort auf den Weg. Ohne viel Verkehr braucht er etwa eine halbe Stunde bis nach Steinau an der Straße. Schon im Auto schaudert es ihn bei dem Gedanken, was sie im Badezimmer finden werden. Wenn der Brief wirklich echt ist, dann erwartet sie dort ein Blutbad. Kurze Zeit später steht Efinger mit seiner Kollegin Sabine Mayer vor der zugeklebten Badezimmertür.

An der Tür kleben der Führerschein und der Personalausweis eines Mannes. Martin F., 47 Jahre alt, wohnhaft in der Niederzeller Straße 15 in Steinau. Es ist der Name aus dem Brief. Also noch ein Hinweis darauf, dass an diesem Brief irgendwie was dran sein muss. Ifinger entscheidet sich dazu, die Tür erstmal nur einen Spalt breit zu öffnen, um zumindest einen Blick hineinwerfen zu können. Sobald sie das Panzertape und die Plastiktüten etwas lösen, kracht ihnen direkt süßlich fauliger Geruch entgegen. Auch wenn die Tür nur etwa 20 Zentimeter offen steht, erfassen die beiden Polizisten das Grauen in dem kleinen Raum auf einen Blick.

Das Badezimmer hat maximal fünf Quadratmeter und ist in einem altmodischen Beige-Ton gefließt. Auch das Waschbecken und die Badewanne haben dieselbe Farbe. Die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster hineinfallen, haben den kleinen Raum in den letzten Tagen ordentlich aufgeheizt. Alles in dem Bad ist mit Blut bespritzt. Vor der Badewanne liegen zwei blutige Kettensägen, außerdem ein blutverschmiertes Messer. In der Wanne sind mehrere schwarze Mülltüten, die offenbar prall gefüllt sind. Eine blutige Matratze ist zwischen Badewanne und Toilette gestopft. Vom Boden ist kaum etwas zu sehen. Ein schreckliches Bild. Das hat sich alles genau so dargestellt, wie Tanja B. das in ihrem Brief geschrieben hat. So beschreibt der zuständige Staatsanwalt Dominik Mies später die blutige Szene im Badezimmer.

Gemeinsam mit der Rechtsmedizin und der Spurensicherung trifft er schon kurze Zeit später in der Wohnung ein, um sich ein eigenes Bild zu machen. Ihm ist sofort klar, wie heikel der Fall ist. Umso wichtiger ist ihm deshalb die akribische Spurensicherung. Erst als alle Experten vor Ort sind, wird das Badezimmer komplett geöffnet und eine junge Rechtsmedizinerin beginnt damit, sich die schwarzen Mülltüten genauer anzuschauen. Aus dem Verdacht wird blutige Gewissheit. In den Tüten finden sich der Kopf, die Arme und die Beine eines Mannes, alle eher stümperhaft vom Körper abgetrennt. Der Torso des Toten liegt vor der Badewanne, hastig eingewickelt in eine Decke und Plastiktüten. Vielleicht war der Rumpf einfach zu schwer, um ihn über den Badewannen ranzuriefen. Wie die Rechtsmedizin bestätigt, handelt es sich bei dem Toten um Martin F., einen 47-jährigen Busfahrer aus Steinau, den Lebensgefährten der 34-jährigen Tanja B., die den Brief unterschrieben hat.

Zwei? Kennen Sie ihn? Mhm. Also den Briefstand Notwehr? Ja. Okay, ich kann das nicht so ganz in Einklang bringen. Aber da wird die Polizei dann jetzt ja wahrscheinlich sehr stark nach der Verfasserin des Briefes suchen. Gibt es denn da jetzt in der Wohnung irgendwelche Spuren? Sie gucken natürlich, das ist ja das Naheliegendste, aber in der Wohnung selbst findet die Polizei keine Spur von Tanja B. Dafür aber, wie sie ja im Brief angekündigt hat, mehrere Haustiere, unter anderem Rennmäuse und zwei Katzen. Die werden erstmal bei der Nachbarin abgegeben, um nicht noch mehr Spuren zu verwischen. Für die Spurensicherung ist diese Wohnung besonders herausfordernd. Die Glichschon einer Messi-Wohnung, beschreibt Staatsanwalt Mies den chaotischen Zustand vor Ort. Papiere, Müll, Kartons und Kleidung stapeln sich auf den Möbeln und dem Boden. In der Küche stehen verschimmelte Essensreste auf dem Herz. Neben der Spüle steht eine dreckige Kaffeetasse mit der Aufschrift bester Papa der Welt. Das Bett im Schlafzimmer ist abgezogen, auf der nackten Matratze stapelt sich weiterer Kleinkram.

An den Wänden hängen Poster mit gezeichneten Comicfiguren oder Charakteren der Serie Game of Thrones. Im Wohnzimmer geht das Chaos weiter. Auf dem Couchtisch stehen etliche Flaschen. Das Regal unter dem Fernseher hat jemand mit Grabkerzen und Porzellanfigürchen dekoriert. Keiner der Polizisten kann fassen, dass in diesem Chaos jemand gelebt hat. Und alle fragen sich, was ist in dieser Wohnung passiert und warum musste Martin F. sterben? Tanja B., du hast es gerade nochmal erwähnt, spricht ja in ihrem Brief von Notwehr. Und tatsächlich sieht es auf den ersten Blick auch so aus, als hätte in der Wohnung ein Kampf stattgefunden. Im Schlafzimmer sind die Blutspuren am schlimmsten. Genau hier soll Martin F. laut dem Brief seine Freundin angegriffen haben. Angst vor ihm will sie dann mit dem Messer zugestochen haben, so steht es in dem Bekennerbrief. Das Chaos in der Wohnung und die unsaubere Entsorgung der Leiche könnten Hinweise darauf sein, dass Tanja B. Wirklich ungeplant und in Notwehr gehandelt hat.

Kann jemand, der so lebt, wirklich einen eiskalten Mord planen und würde sich diese Person nicht mehr Mühe geben, ihre Spuren zu verwischen? Für die Ermittler stellt sich also die Frage, suchen sie jetzt hier nach einer Frau, die die sich gegen ihren gewalttätigen Freund zur Wehr gesetzt hat oder nach einer kaltblütigen Mörderin. Okay, also ich finde jetzt eine chaotische Wohnung ist jetzt nicht gleich ein Indiz, dass jemand nicht in der Lage ist, was vernünftig zu planen. Das hat man ja oft beruflich, ist man irgendwie super organisiert, privat dann eher nicht so. Also ich glaube, das schließt sich nicht aus. Ich finde das mit der Notwehr, also...

Man vermutet, es hat im Schlafzimmer stattgefunden. Also so schreibt sie es in dem Brief. Sie wurde im Schlafzimmer von ihrem Lebensgefährten angegriffen und musste sich dann mit dem Messer wehren. So, gut, jetzt kann es natürlich sein, dass er das Messer dabei hatte. Aber sonst würde ich mir natürlich die Frage stellen, wo hatte sie das her? Gut, es war sehr chaotisch. Vielleicht hat es da rumgelegen. Aber das würde für mich ja erstmal bedeuten, sie ist möglicherweise in die Küche gegangen, um das Messer zu holen, dann zurück. Dann kann es ja schon keine Notwehr mehr sein. Also das passt jetzt für mich erstmal irgendwie nicht so ganz zusammen. Aber was sagt denn die Rechtsmedizin?

Ja, bevor ich dazu komme, noch mal ganz kurz zu der Wohnung. Ich habe ein paar Bilder von der Polizei, also aus dieser Wohnung. Ich werde die auch noch mal bei Instagram posten. Also es ist wirklich mehr als unaufgeräumt. Es ist schon Messi-mäßig. Und was ich besonders krass fand, die ganze Deko, also diese selbst gemalten Bilder und diese Herr der Ringe und Game of Thrones-Kram, das sah für mich eher aus wie eine Wohnung von so einer 13- oder 14-Jährigen. Also man kann sich schwer vorstellen. Aber hatte er eine Tochter? Mit dieser bester Papa der Welt. Ja, aber die hat da nicht gelebt. Der hat nicht mehr gewohnt. Ja, genau. Also man kann sich nicht so richtig vorstellen, dass da erwachsene Menschen gelebt haben so. Aber dort ist ja nach der Rechtsmedizin gefragt. Die machen sie natürlich direkt an die Arbeit. Noch am selben Abend wird die Leiche von Martin F. im Rechtsmedizinischen Institut in Frankfurt untersucht. Bis mitten in der Nacht untersuchen die beiden Rechtsmedizinerinnen die Leichenteile bis ins kleinste Detail. Und das unter erschwerten Bedingungen. Denn mit offiziellem Dienstschluss geht auch die Klimaanlage in dem Gebäude aus. Also das ist natürlich sehr deutsch irgendwie so, energiesparmäßig. Und es ist halt... Vielleicht, jetzt seien Sie mal nicht so antideutsch.

Ja, aber es ist also die Vorstellung, dass da irgendwie in der Hitze zu arbeiten, weil es ist ja im Sommer und der ganze Obduktionssaal heizt sich natürlich auf. Die beiden Frauen fangen in ihren Schutzanzügen, uns mit den Plastikhandschuhen ziemlich anzuschwitzen. Dazu kommt der üble Geruch.

Gleichzeitig ist die Fahndung nach Tanja B. längst angelaufen. Niemand weiß, in welchem Zustand sich die 34-Jährige befindet und die Ermittler befürchten, dass sie vielleicht auch ihren Kindern etwas antun könnte. Die wollte sie ja noch vor ihrer Festnahme besuchen, wie sie in dem Brief geschrieben hat. Und das könnte man ja auch als Drohung verstehen. Die will ich jetzt auch noch besuchen.

Schnell finden die Ermittler heraus, dass Tanja B. insgesamt sieben Kinder von drei verschiedenen Vätern hat. Sie alle leben in unterschiedlichen Pflegefamilien. Dort werden noch an diesem Abend Streifen der örtlichen Polizei vorbeigeschickt. Und schon gegen 18 Uhr können die Einsatzteams Entwarnung geben. Allen Kindern geht es gut und niemand hat in der letzten Zeit etwas von der leiblichen Mutter gehört. Noch während die Polizisten nach Tanja B. suchen, machen die beiden Rechtsmedizinerinnen einige interessante Entdeckungen. Martin F. ist nach einem Schnitt durch Kehlkopf und Halsschlagader gestorben, entweder durch Verbluten oder weil er an seinem eigenen Blut erstickt ist. Bei den Leichenteilen haben die Ermittler ein blutiges Küchenmesser mit einer 19,5 cm langen Klinge gefunden, vermutlich die Tatwaffe. Und jetzt wird es besonders interessant, neben den offensichtlichen Verletzungen durch die Kettensäge weist die Leiche insgesamt 31 Stichwunden auf. Allein 13 davon befinden sich im Nacken und am Hals des Opfers, viele auch am Oberkörper und am Rücken. Und das passt ja jetzt nicht so wirklich zu der Notwehrvariante aus dem Brief, denn warum sollte jemand so häufig auf einen anderen Menschen einstechen, wenn man sich ja nur wehren will? Also schon dieser...

Unter anderem eben im Nacken heißt ja, dass es von hinten zugestochen wurde, also auch von der Vorderseite, also von beiden Seiten, aber das passt nicht so ganz zusammen und nicht nur die Anzahl, sondern auch die Position der Stichverletzung macht die Ermittler stutzig. Stiche im Rücken sind mit der Notwehrsituation schwer in Einklang zu bringen, meint zum Beispiel damals Staatsanwalt Mies. Für ihn bestätigt sich damit das komische Gefühl, das er sowieso schon den ganzen Tag hatte.

Irgendetwas stimmt an dieser Geschichte nicht. Ja, I rest my case. Also ich will ganz ehrlich sein, vorne und hinten, ich würde mal vermuten, der hat im Bett gelegen. So, aber gut, wo ist die? Wo ist Tanja?

Ja, das wollen die Ermittler natürlich rausfinden. Ihnen ist aufgefallen, dass das Handy des Opfers verschwunden ist und sie vermuten, dass Tanja B. Das Telefon vielleicht auf ihrer Flucht mitgenommen hat. Also orten sie das Handy und tatsächlich mit dem Mobiltelefon von Martin F. Wurde nach der Tat noch ein Anruf entgegengenommen und eine Nachricht geschrieben. Das Signal kam aus Dortmund, 260 Kilometer vom Tatort entfernt. Hier ist Tanja B. Geboren worden, hier hat sie ihre Jugend verbracht und hier scheint sie sich jetzt zu verstecken. Nachdem die Ermittler erst Tanjas Bekannte und Familienmitglieder in Dortmund überprüfen, stoßen sie schnell auf eine andere Spur. Schon vor zwei Tagen hat Tanja B. in einem Hostel in der Nähe des Hauptbahnhofs eingecheckt, unter ihrem richtigen Namen. Das würde jetzt auch wieder dafür sprechen, dass sie jetzt nicht so die gute Planerin ist, weil ihr muss ja klar sein, dass sie irgendwann gesucht wird. Im Plan schon, aber vielleicht hat sie es nicht so ganz durchdacht. Ja, also. Also auch in die Heimat fahren ist ja ehrlich gesagt vielleicht nicht ganz so schlau. Wobei das tatsächlich was ist, was oft Täter machen. Also wir würden jetzt von unserem Verstand denken, ich fahre nicht dahin, wo ich gesucht werde. Aber je größer der Druck wird, desto eher ziehst du dich in Bereiche zurück, wo du dich irgendwie auskennst und so. Aber ja, sie hat den Brief geschrieben. Ihr müsst ja klar gewesen sein, dass nach ihr gesucht wird. Trotzdem hat sie halt mit ihrem richtigen Namen eingecheckt. Warte mal ganz kurz. Und du weißt ja, ich bin geografisch echt an Null. Wo ist das? Wo die Tat stattgefunden hat? In der Nähe von Frankfurt.

Also, und ihre Kinder behauptet, sie wären im Osten. Ja, ja, weil sie zwischendurch auch da mal gelebt hat. Ja, aber die sind auch wirklich im Osten. Die sind auch alle noch im Osten. Aber das klingt für mich ja erstmal einfach falsche Fährte legen und dann fährt sie nach Dortmund. Das wäre, stimmt, das wäre auch eine Möglichkeit, dass sie versucht hat, irgendwie die Polizei in Richtung Osten zu locken und in Wirklichkeit ist sie eben nach Dortmund gefahren. Und ja, die Polizei hat jetzt nicht so große Schwierigkeiten, sie da zu finden. Kurz vor Mitternacht stürmen Polizisten das kleine Zimmer in dem Hostel. Tanja B. liegt schon im Bett und lässt sich ohne Widerstand festnehmen. Sie wirkt ruhig und gefasst, fast schon teilnahmslos. Noch in derselben Nacht wird sie von Dortmund ins hessische Gelnhausen zur Polizeistation gebracht. Den Polizisten in Dortmund hat sie noch einmal genau die Geschichte erzählt, die auch in ihrem Brief stand. Auf der knapp dreistündigen Autofahrt schweigt sie dafür fast die ganze Zeit. Mit leerem Gesicht starrt Tanja B. Aus dem Autofenster auf die vorbeiziehenden Lichter in der Dunkelheit.

Scheint fast so, als hätte sie sich mit ihrer Situation abgefunden. Am nächsten Morgen, den 12. Juni 2018, beginnt Kriminalhauptkommissar Franz Efinger die Vernehmung von Tanja B. Vor ihm sitzt eine eher unscheinbare blonde Frau mit einigen Kilos zu viel. Sie wirkte sehr gefasst und wollte unbedingt ihre Version der Tat erzählen, auch wenn noch niemand danach gefragt hatte, erinnert sich Efinger später. Hier kommt jetzt also der Tatablauf, so wie Tanja B. Ihn schildert, also wie sie ihn im Brief angedeutet hat und dann später in der Aussage nochmal präzisiert hat. Am 5. Juni, dem Tag, an dem Martin F. Sterben muss, ist dieser nach der Arbeit ein angeblich potenzsteigerndes Kraut, weil er seit seiner Sterilisation mit Erektionsproblemen zu kämpfen hat. Tanja und er legen sich danach zusammen zu einem Mittagsschlaf hin. Doch als sie aufwachen, verhält sich ihr Freund auf einmal seltsam. Er beschimpft Tanja und behauptet, dass sie besessen und der Teufel sei. Dann rennt er in die Küche, um ein Messer zu holen. Also die Frage hattest du ja gerade gestellt, wo kommt das Messer her? Er soll das geholt haben.

Als er wiederkommt, will Tanja aus dem Zimmer flüchten. Doch Martin hält sie davon ab und wirkt sie. Um diesen Angriff zu belegen, zeigt Tanja B. Dem Ermittler Fotos von ihren Verletzungen am Hals, die sie nach der Tat gemacht hat. Also die Fotos hat sie nach der Tat gemacht. Die Rechtsmedizin wird später bestätigen, dass es sich nicht um Würgemale, sondern um blaue Flecken handelt, die eher harmlos sind und die von allem Möglichen stammen können. Also man kann aber eben auch nicht... Ausschließen, dass sie vom Würgen gekommen sein könnten.

Tanja B., so erzählt sie, hat Todesangst vor ihrem Partner. Sie schnappt sich das Messer und sticht zunächst auf Martins Hals ein, bis er sie endlich loslässt. Das passt zu den Ergebnissen der Obduktion, die bestätigt hat, dass die ersten beiden Stiche in den Hals gingen. Allein die hätten schon ausgereicht, um Martin F. Zu töten. Warum also sticht Tanja B. danach noch weitere 29 Mal auf ihren Freund ein? Das möchte auch Kommissar Efinger von der Verdächtigen wissen. Tanja B. Antwortet, dass sie wie im Rausch gewesen sei und erst aufhören konnte, als Martins Körper vor ihr auf dem Boden lag. Danach wollte sie die Leiche eigentlich verschwinden lassen, doch im Ganzen sei sie zu schwer gewesen, erklärt sie dem Ermittler sachlich und ruhig. Deshalb habe sie sie dann zerteilt. Sie erzählt auch, dass sie dafür extra nochmal in den Baumarkt gefahren ist, um eine neue Kettensäge zu kaufen, weil die Alte irgendwann den Geist aufgegeben hat.

Hier kauft sie sich auch noch einen Schutzanzug, außerdem Klebeband und Plastikfolie. Eefinger ist ziemlich geschockt, als er das hört, weil das für mich in ihrer Schilderung völlig berechnend überlegen und kaltblütig klang. Müsste eine Frau, die gerade ihren Freund in Notwehr getötet hat, nicht viel aufgewühlter und emotionaler sein? Und noch etwas macht den erfahrenen Ermittler misstrauisch. Tanja B. wiederholt ihre Aussage Wort für Wort aus ihrem Brief, so als hätte sie sie auswendig gelernt. Das ist ja auch so etwas, was in Glaubwürdigkeitsgutachten oft eine Rolle spielt, wenn in Geschehenes mehrfach erzählt wird, dass es so leichte Abweichungen gibt. Du würdest ja erstmal denken, so Abweichungen sprechen dafür, dass einer lügt, aber es ist im Gegenteil so, du erzählst das ja immer ein bisschen anders, vergiss mal Sachen oder dir fällt was ein und wenn es wirklich so vom Aufbau immer wieder komplett gleich klingt, ist das halt schon etwas verdächtig. Ich muss zugeben, ich kann nicht einschätzen ...

Ich verstehe, dass das wahrscheinlich auch Erfahrungswerte sind, dass das dann oft eher einstudiert ist. Ich gebe jetzt zu, wenn wir jetzt mal wirklich kurz davon ausgehen, sie sagt die Wahrheit und hatte jetzt natürlich dann ein bisschen mehr Zeit, ja auch darüber sich Gedanken zu machen, wie erkläre ich das jetzt? Ich gebe zu, ich würde auch dazu tendieren, das wahrscheinlich mir dann immer wieder, also das durchzuexerzieren und dann wüsste ich natürlich genau, was ich jetzt sagen muss. Ich möchte jetzt zugutehalten, dass das natürlich auch einfach ein Zufall sein kann. Ja, das ist nachvollziehbar, weil du willst ja alles richtig erzählen. Ich wäre so jemand, ich hätte es mir wahrscheinlich aufgeschrieben. Das hatten wir doch in einer Folge, als es um Zeugenaussagen ging. Genau, also deswegen wäre ich wahrscheinlich auch so jemand, ich schreibe das auf, damit ich bloß nichts vergesse und dann wirkt mich natürlich dann auf. Aber trotzdem haben die wahrscheinlich mehr Erfahrung damit.

Ja, es gibt noch ein paar mehr Sachen, die so ein bisschen komisch sind. Und Eiffinger kommen immer mehr Zweifel an der Geschichte. Vor allem jetzt, wo Tanja B. vor ihm sitzt. Die 34-Jährige ist mittelgroß und wirkt alles andere als fit. Und da stellt sich natürlich die Frage, hätte sie es wirklich geschafft, sich gegen den deutlich kräftigeren und größeren Martin zu Wehr zu setzen? In der Wohnung haben die Ermittler einige Sportgeräte gefunden. Die Martin F. offenbar benutzt hat, um sich fit zu halten. Also er ist größer, sportlicher und auch schwerer als sie und ist seiner Freundin damit körperlich also mehr als überlegen. Und so ein Mann, der müsste doch eigentlich verhindern können, dass seine Freundin ihm das Messer entreißt. Und da ist noch ein weiteres Detail, das irgendwie auch nicht zu der Geschichte mit der Notwehr gegen einen brutalen Angreifer passt. Auf dem Arm von Tanja B. ist eine frische Tätowierung zu sehen. Die hat sie sich noch in Dortmund auf einer Tattoo-Messe stechen lassen, erzählt sie. Mit schwarzer Farbe hat sie sich das Geburtsdatum und den Namen von Martin F. Unter die Haut stechen lassen. Außerdem den 5. Juni 2018, also den Tag, an dem sie Martin F. Erst erstochen und dann zerstückelt hat.

Also ich habe drei Sachen, aber fangen wir mal ganz kurz damit an. Also sie hat in Notwehr ihren Freund getötet, den sie dann versucht mit zwei Kettensägen zu zerteilen, wo ich mich frage, wo kommt die erste her? Die lag da vielleicht. Die lag einfach in der Wohnung. Da hat sich auch keiner gewundert, wie die Dame mit der Kettensäge in die Wohnung geht und man dann Kettensägengeräusche hört. Ja, das ist eine ganz andere Frage. Das stimmt. Ob man sich da nicht wundert, wenn man Kettensägegeräusche von nebenan hört. Aber es kann ja sein, dass man einfach denkt, es ist Renovierung. Es ist halt so ein sehr anonymer, großer Bau gewesen. Und ich meine, man hört oft Krach, ich würde jetzt auch nicht sofort davon ausgehen, im Moment, die zerstücke da gerade eine Leiche, aber dennoch muss ich mir gerade vorstellen, dass gerade wenn man sie sich jetzt dann auch vorstellt, wie sie dann halt mit so einer Kettensäge, also mal davon abgesehen, wie gesagt, dass die eine Kettensäge haben. Ich habe keine Kettensäge. Hast du eine Kettensäge? Die haben ja auch in einer Wohnung gelebt ohne Garten. Achso, ja. Also ich weiß gar nicht genau, ob die erste aus der Wohnung stammt. Nein, hast du eine Kettensäge? Achso, nein, ich habe keine Kettensäge. So, haben deine Eltern eine Kettensäge? Ja, mein Vater auch. Ja, wenn man Garten hat. Der zählt ja auch Bäume und sowas. Ja, du hast recht, in der Wohnung braucht man die nicht unbedingt. Also entweder in dieser Wohnung waren ganz viele Sachen, die man nicht braucht. Also das würde mich jetzt nicht überraschen, wenn da eine war. Und sonst kannst du die ja auch unauffällig erstmal irgendwo von sonst wo holen. So, aber jetzt kommen wir nochmal zurück. Sie hat ihren Freund mit einer Kettensäge zerteilt.

Sie schreibt einen Brief, in dem sie das alles gesteht. und dann fährt sie nach Dortmund und lässt sich tätowieren. Ja, ja. Das passt für mich jetzt schon mal gar nicht. Das finde ich etwas sehr seltsam. Aber dann kommt auch, auf deiner Tour in Essen habe ich mich mit dem Tobi unterhalten. Ich habe leider vergessen, wie der Podcast heißt. Copstories heißt er und Tatwort, der gleich mehrere Podcasts. Und ich weiß nicht, wie wir darauf gekommen sind, aber da hat er gesagt, wenn da jemand ist mit einem Messer, dann ist das etwas, was man nicht unterschätzen darf, weil man mit einem Messer innerhalb von Sekunden einen massiven Schaden anrichten kann.

Daher halte ich es für relativ unwahrscheinlich, dass wenn der so manisch von diesem komischen Potenzkraut war, dass die dem das Messer abnehmen konnte. Das stimmt, das ist mir auch komplett im Gedächtnis geblieben, was er da erzählt hat. Ich glaube, er hat mittlerweile auch ein YouTube-Video dazu gemacht. Das ist echt sehr spannend, dass du idealerweise zu jemandem, der ein Messer hat und dich damit bedroht, einen Abstand von sieben Metern haben solltest. Weil sieben Meter ist die Strecke, die ein Mensch irgendwie in anderthalb Sekunden zurücklegen kann. Und die Zeit brauchst du ja, um zu reagieren. Also aus Polizistensicht jetzt, um einen Taser zu ziehen zum Beispiel. Und das ist jetzt ja kein Polizist gewesen oder sie auch nicht. Und dementsprechend ist das, also das ist ja nur eine Bewegung mit einem scharfen Küchenmesser. Wir reden ja nicht mal mehr über ein Brotmesser oder sowas.

Also das finde ich passt halt auch schon nicht zusammen, oder ich kann es nicht beurteilen, aber ich halte es für sehr seltsam, dass sie sagt, sie hätte ihm dieses Messer abgenommen. So und dann muss ich generell sagen, da habe ich natürlich ein schlechtes Gefühl für. Ich habe noch nie jemanden in Notwehr getötet. glücklicherweise aber auch wenn sie vorbestraft ist und Angst hatte ihr glaubt keiner, ist das wirklich ein normales Verhalten dass man jemanden in Notwehr tötet und dann der Meinung ist oh den muss ich jetzt mit einer Kettensäge zerteilen und verschwinden lassen also ich verstehe dass da wahrscheinlich erstmal Angst und Panik oh Gott was habe ich gemacht aber dann muss doch eigentlich der Moment kommen wo man merkt hey Moment ich bin das Opfer, ich habe mich verteidigt und ich muss jetzt die Polizei anrufen oder ich kontaktiere einen Familienmitglied und das würde sagen, hey stopp, wir gehen jetzt zur Polizei.

Nein, stattdessen gesteht sie, was für mich auch schon nicht zusammenpasst, und rennt dann weg und ist dann aber so abgeklärt. Ja, und du hast gerade was ganz Wichtiges gesagt, nämlich, dass es zwei Kettensägen waren. Weißt du, das muss ja Stunden, wenn nicht sogar Tage gedauert haben. Eine Riesensauerei. Und sie hatte zwischendurch nochmal die Zeit sozusagen runterzukommen und nachzudenken, als sie zum Baumarkt gefahren ist und die zweite Kettensäge gekauft hat. Naja, und das wird sie ja auch nicht, also sie muss ja sich in irgendeiner Form gereinigt haben. Sie wird ja nicht blutüberströmend in den Baumarkt gefahren sein und gesagt, ich brauche mal eine zweite Kettensäge. Ach, und jetzt nehme ich doch bitte noch so einen Schutzanzug. Ja, also es ist nichts, was irgendwie innerhalb von 10 Minuten in einem völligen Rausch passiert, sondern da ist genug Zeit dazwischen, um mal wieder darüber nachzudenken, ob das alles irgendwie so richtig ist. Zum einen, das stimmt. Und was mir jetzt gerade an der Stelle noch einfällt, wenn wir nochmal über das Tattoo reden, dieses Motiv. Wenn du jetzt versucht hast, mich umzubringen, ja, weil du irgendwie brutaler Ist auch nachvollziehbar Weil du so ein brutaler Typ bist und ich muss mich dann wehren und töte dich dabei dann tätowiere ich mir doch nicht deinen Namen und deinen Geburts- und Todesdatum Wurde sie dazu befragt, warum sie das gemacht hat? Warum sie das Tattoo gemacht hat? Ja.

Aber es klingt ja, ich bin ja dann komplett schockiert und will das wahrscheinlich eher vergessen, als dass ich jeden Tag erinnert werde. Ich stelle mir gerade vor, also sie geht auf eine Tattoo-Messe. Das ist schon mal Punkt eins. Sie ist nicht in einen Tattoo-Schuling gegangen. Tattoo-Messe klingt für mich, sie hat Zeitvertreib betrieben. Ja, ja, ja. Die war ja schon ein paar Tage in Dortmund, ja. Also das heißt, die hat sich da entertaint. Ja. Und dann geht sie da hin und ich stelle mir das gerade einfach so skurril vor. Ich würde gerne hier den Namen von meinem Freund, das ist einmal sein Geburtsdatum und sein Todestag. Und der war dann vor drei Tagen. Ja. Kannst du ja sagen, er ist ganz unerwartet gestorben und ich denke jeden Tag an ihn. Aber das ist doch dann halt, also das passt für mich halt alles überhaupt. Also ich bin so, what the... Ja, ich glaube, da geht es dir ähnlich wie den Ermittlern damals. Staatsanwalt Dominik Mies kann Tanja B. allerdings zu diesem Zeitpunkt nur Totschlag vorwerfen. Für eine Mordanklage fehlen ihm die notwendigen Beweise. Er lässt die kleine Wohnung in Steinau noch einmal von Experten untersuchen, weil sie irgendwie hoffen, irgendwie forensische Indizien zu finden. Mit einem speziellen Licht können sie die Blutspuren in der Wohnung sichtbar machen, also selbst weggewischte Blutspuren und vielleicht dadurch neue Beweise finden. Aber das Ergebnis der Luminoluntersuchung ist enttäuschend. Tanja B. muss noch einige Tage nach der Tat in der Wohnung gelebt haben und dabei viel aufgeräumt und sauber gemacht haben. Viele Spuren sind verwischt und nicht mehr aussagekräftig.

Also du kannst dann zwar nachweisen, dass da Blut war, aber wenn du da einmal so drüber wischst, dann hast du ja dieses Spritzmuster zum Beispiel nicht mehr, wo man jetzt rausschließen konnte. Wie es gespritzt ist. Genau, wo es hergekommen ist und so weiter. Und das macht es natürlich wesentlich schwieriger. Also versucht die Polizei in den kommenden Wochen so viel wie möglich über Tanjas Leben und ihre Beziehung zu dem 47-jährigen Martin herauszufinden. Und was sie dabei ermitteln, ist ehrlich gesagt ziemlich tragisch. Tanja B. wird 1983 als jüngstes von fünf Kindern in Dortmund geboren, Weil ihre Geschwister sehr viel älter sind als sie, wächst sie quasi als Einzelkind bei ihrer Mutter auf, die schwer depressiv und alkoholkrank ist. Tanja selbst erzählt später, dass ihre Mutter einmal versucht haben soll, sie in der Badewanne zu ertränken, da war sie gerade sechs Jahre alt, also man muss natürlich ihre Aussagen immer ein bisschen mit Vorsicht genießen, aber die Vorstellung, dass eine Mutter ihr eigenes Kind tut, ist schon heftig und dann eben auf diese Art und Weise, das ist jetzt auch wieder so ein Schocker, aber das machen ja, also kenne ich noch von früher aus Erzählungen, dass Bauern das mit ihren Katzen gemacht haben, weißt du, ja.

In den Sack und dann so und sorry. War das nicht vorgeschlagen? War das jetzt das Haus am Tierding? Oder wird es noch schlimmer? Es wird noch schlimmer. Nein, sorry dafür. Aber ja, du weißt, was ich meine. Es ist auch so eine richtig brutale, schlimme Art. Und kurz darauf soll die Mutter dann die Wohnung in Brand gesetzt haben. Mit elf kommt Tanja in eine Pflegefamilie, in der sie wohl auch kein besonders angenehmes Leben hat. Sie darf keine Freundin mit nach Hause bringen und auch keine anderen Kinder besuchen. Tanja schafft nur mit Mühe überhaupt einen Schulabschluss, macht nie eine Ausbildung und hat auch keinen richtigen Job. In ihrem Leben dreht sich eigentlich alles um Männer. Sie heiratet mehrfach und bekommt insgesamt sieben Kinder. Der erste Ehemann betrügt sie, der zweite ist gewalttätig und schlägt sie immer wieder. Weil sie sich danach selbst verletzt, kommt sie für einige Zeit in die Psychiatrie. Wegen Betruges in mehreren Dutzend Fällen sitzt Tanja dann ab September 2015 in der JVA Chemnitz. Also bei Betrug denkt man ja direkt so White-Collar-Crime, was Schönes, Elegantes, Schlaues. Es ist halt eher so, Sachen im Internet bestellen und nicht bezahlen. Du bist so bei Catch-me-if-you-can. Ja, sowas. Ich finde, bei Betrug denke ich schon irgendwie immer an so. Nee, ich nicht. Ich denke eher an so Oma und Opa, die werden abgezogen von irgendwelchen. So Enkeltrick. Ja, also das ist für mich, also natürlich gibt es da noch dann das Anna Delvey hochwertige.

Aber da habe ich jetzt tatsächlich nicht so dran gehabt. Ja, also es ist jetzt keine ausgeklügelte Betrugsmasche, sondern wie gesagt eher Sachen im Internet bestellen, die man gar nicht vorhat zu bezahlen. Und sie sitzt deshalb dann ab September 2015 in der JVA Chemnitz. Zu diesem Zeitpunkt liegt ihr Leben in Trümmern. Alle ihre sieben Kinder wurden ihr weggenommen und leben in Pflegefamilien. Tanja hat keinen Kontakt mehr zu ihnen und außerdem hat sie fast 20.000 Euro Schulden. Das ist der Moment, in dem Martin F. In ihr Leben kommt. Der Busfahrer hat aus einer früheren Beziehung eine erwachsene Tochter, Aber zu diesem Zeitpunkt ist er Single.

Flüchtig kennengelernt haben Tanja und Martin sich schon 2009 über ihren damaligen Ehemann. Als Tanja dann im Knast sitzt, schreibt Martin ihr dann ins Gefängnis und zwischen den beiden entsteht so eine Art Brieffreundschaft. Martin kommt sie später auch regelmäßig in Haft besuchen und wenn sie Freigang hat, treffen sich die beiden. Aus Freundschaft wird schließlich gegen Mai 2017 eine Beziehung. Wenige Monate später geht es dann darum, dass Tanja auf Bewährung entlassen werden soll. Und da spielt diese Beziehung wieder eine Rolle, denn sie braucht dafür einen festen Wohnsitz unter anderem. Und sie hat ja keine Wohnung, kann ja keine Wohnung leisten mit den ganzen Schulden. Und zu ihrem Ehemann kann sie auch nicht zurück, weil der im Verdacht steht, sie damals zu den Betrügereien gedrängt zu haben, für die sie verurteilt wurde. Also zieht Tanja zu Martin F. In die kleine Zweizimmerwohnung in Steinau, in der er seit zwei Jahren lebt. Gemeinsam wollen er und Tanja ein neues Leben beginnen. Man sieht sie händchenhaltend durch den Ort spazieren, sonntags gehen sie gemeinsam in die Kirche. Tanja B. berichtet später vor Gericht außerdem von gemeinsamen Radtouren und Flohmarktbesuchen. Regelmäßig begleitet sie ihren Lebensgefährten auf der Arbeit bei seinen Touren mit dem Bus. Ich saß dann immer vorne rechts, erzählt sie.

Martin F. gilt als zuverlässige und ruhige Person. Er war eine Seele von Mensch, erinnert sich ein Busfahrerkollege. Auch Nachbarn beschreiben den 47-Jährigen als hilfsbereiten und freundlichen Typen, der eigentlich immer gute Laune ausstrahlt. Keiner von ihnen hat den kräftigen, dunkelhaarigen Martin je aggressiv erlebt. Das behalten wir mal im Hinterkopf. Du kannst dir vorstellen, warum ich das jetzt hier nochmal so betont habe. Für Tanja muss Martin wie ein Zitat Sechser im Lotto gewesen sein. So wird es der Vorsitzende Richter im Prozess später feststellen. Der ruhige Busfahrer verdient Geld, steht mit beiden beiden fest im Leben und kümmert sich verlässlich um die arbeitslose Tanja. Ich war sehr glücklich und froh, endlich jemanden zu haben, der zu mir steht, berichtet sie stolz. Martin soll Tanja sogar einen Heiratsantrag gemacht haben. Auch ein gemeinsames Kind sollen die beiden geplant haben. Zu ihrer Bewährungshelferin sagt Tanja B. Anfang Juni 2018 über ihren neuen Freund. Er ist der Mann, mit dem ich alt werden will. Eine Woche später ist Martin F. tot.

Wie haben die denn Kinder geplant, wenn er sterilisiert ist? Das ist eine gute Frage. Ich weiß nicht, wie das funktioniert ist. Also ich meine, wenn er sterilisiert ist im Sinne von Samenleiter durchgetrennt, kann man die ja wieder... Das weiß ich, aber es klingt ja, also ich meine, sie hat ja anscheinend selbst gesagt, er hat dieses Kraut genommen, weil es nicht mehr so richtig lief durch die Sterilisation, was ja fast ein bisschen so klingt, als wäre das vielleicht nicht so ein alter Eingriff. Aber das klingt halt nicht nach Kinderplanung. Stimmt. Also, ich meine, die können auch von alleine wieder zusammenwachsen. Aber das finde ich schon etwas seltsam. Zum einen, ja, die hat natürlich jetzt auch nicht eine tolle Kindheit mitgemacht. Wobei, wie gesagt, ich mir auch nicht sicher bin, was davon man jetzt glauben kann. Weil, ich verstehe das richtig, das sind alles nur Aussagen von ihr. Also, man hat nichts davon. Doch, einiges davon lässt sich ja durch irgendwelche Krankenhausprotokolle. Und das hat ja einen Grund, warum sie in eine Pflegefamilie gekommen ist zum Beispiel. Also die ist ja der Mutter weggenommen worden. Aber ja, man kann eigentlich sagen, wirklich ein ganz trauriges und perspektivloses Leben. Also eine, die es nie irgendwie geschafft hat, Fuß zu fassen und die sich dann auch oft in so, ja, von Beziehung zu Beziehung und scheinbar war Mutter sein großes Ding für sie, weil sie hat ja so viele Kinder bekommen und wollte ja noch eins. Sie wollte ja noch ein achtes Kind haben mit Martin.

Also erstmal so jemand, mit dem man aufgrund des Lebens erstmal Mitleid haben kann, natürlich nicht aufgrund der Tat, sondern aufgrund des Vorlebens so. Ja, für mich stellt sich halt einfach die Frage, woran ist es dann immer gescheitert? Aber jetzt scheint sie mit Martin ja eigentlich sowas wie ein Happy End gefunden zu haben. Also was hat sich verändert? Ja, das ist die große Frage. Die harmonische Beziehung, die Tanja selbst geschildert hat und der ruhige Charakter von Martin, so wie ihn Zeugen beschreiben, das passt ja so gar nicht zu ihrer Geschichte mit dem plötzlichen Angriff.

Und so graben die Ermittler noch ein bisschen tiefer. Dabei finden sie heraus, dass Martin mit Tanja wohl doch nicht so glücklich war, wie es nach außen hin wirkte. Er soll sich darüber geärgert haben, dass die Arbeitslose Tanja auf seine Kosten lebt und so gar nichts zu ihrem gemeinsamen Leben beiträgt. Also das hat er wohl Zeugen erzählt. Im Gegenteil, Tanja lässt sich gehen und rührt auch zu Hause keinen Finger, sodass die Wohnung immer mehr in Dreck und in Unordnung versinkt. Und damit will ich natürlich nicht sagen, dass Frauen dafür zuständig sind, das in der Wohnung zu machen.

Aber wahrscheinlich hatte er die Erwartungshaltung, wenn ich den ganzen Tag arbeite und du nicht, dann kannst du ja wenigstens zu Hause ein bisschen. Ich möchte es mal so formulieren, alles eine Frage der Absprache. Genau das. Also auf irgendwas sollte man sich in einer Beziehung ja einigen, wie man sich solche Tätigkeiten aufteilt. Also wir haben es ja gerade schon gesagt, irgendwie Messi-mäßig die Wohnung. Also ihr könnt es euch mal bei Instagram anschauen. Und dieses Chaos zu Hause stört den ordentlichen Martin wohl ziemlich, genau wie die ganzen Pakete mit Kram, den Tanja haufenweise auf seine Kosten im Internet bestellt. Dann fängt sie wieder an wie vorher. Ja, im Prinzip verfällt sie so in alte Muster. Anfangs sagt Martin wohl noch zu seiner Freundin, wir schaffen das. Doch seine Schulden wachsen durch ihre Bestellungen immer mehr, weil so viel verdienst er jetzt als Busfahrer ja auch nicht unbedingt. Das Paar hat nur wenige soziale Kontakte. Meist hängen sie in der kleinen Wohnung gemeinsam vor dem Fernseher und gucken Horrorfilme, die mag Martin wohl besonders gern. Tanja erzählt, dass der Busfahrer Angst davor hatte, durch eine anstehende Fahrprüfung zu fallen und seinen Job zu verlieren. Also offenbar müssen die... Irgendwie immer wieder so Prüfer machen, weil er wird ja einen Führerschein gehabt haben, weil sonst könnte er kein Busfahrer sein. Also sie erzählt, ihm ging es deshalb schlecht, Martin habe an Depressionen gelitten und sie selbst sei außerdem abhängig von Schmerzmitteln gewesen.

Als Tanja B. später vor Gericht gefragt wird, ob Martin jemals gewalttätig zu ihr gewesen sei, berichtet sie von zwei Ohrfeigen, die er ihr angeblich verpasst hat, nachdem sie seine ausländerfeindlichen Äußerungen nicht akzeptieren wollte. Da ist er dann wütend geworden, sagt sie.

Im Frühjahr 2018 stellen dann auch die Arbeitskollegen von Martin eine Veränderung an dem sonst so ruhigen und ausgeglichenen Kollegen fest. Er wirkt plötzlich nicht mehr so fröhlich wie früher und auch die Nachbarn sehen das Paar nicht mehr Hand in Hand spazieren gehen. Einer Nachbarin soll Martin in dieser Zeit auch anvertraut haben, dass er unglücklich in der Beziehung ist. Und nochmal ein Zitat von ihm, dass das alles ein Ende haben wird. Wie grausam seine Beziehung wirklich enden wird, kann er da natürlich noch nicht ahnen. Am 7. Dezember 2018 startet am Landgericht Hanau der Prozess gegen Tanja B. Sie ist wegen Totschlags angeklagt, weil sie ohne ersichtlichen Grund 31 Mal auf ihren Lebensgefährten eingestochen hat, wie es der Staatsanwalt formuliert. Als vor Gericht die grausamen Details der Tat aufgezählt werden, starrt die Angeklagte ausdruckslos vor sich hin. Sie trägt an diesem ersten Prozesstag eine schwarze Jacke mit pinken Nähten und hat ihre blondierten Haare mit einer Spange zu einem Pferdespanz gebunden. Die Jacke behält sie an, so als würde sie hier nur einen kurzen Zwischenstopp machen und den Gerichtssaal gleich wieder verlassen. Es war Notwehr. Darauf beharrt sie im gesamten Prozess, trotz der vielen Messerstiche im Rücken und im Oberkörper des Opfers. Ich konnte das nicht mehr steuern. Das war wie ein Albtraum. Ich konnte nicht mehr aufhören. Als ihr Freund tot war, habe sie Angst gehabt, dass ihr niemand glauben würde, dass er sie angegriffen habe.

Wenn man jetzt weiß, dass der Martin so als ruhiger Typ bekannt ist und wenn man davon ausgeht, dass das stimmt, was sie sagt, dass er nur hinter verschlossenen Türen ihr gegenüber gewalttätig war, kann ich es ansatzweise nachvollziehen, dass man denkt, okay, mir glaubt das keiner, der mich angegriffen hat. Auf den Monitoren im Gerichtssaal werden die Bilder vom Tatorten aus der Rechtsmedizin gezeigt. Bilder der brutal abgetrennten Gliedmaßen in schwarze Müllsäcke gestopft wie Abfall. Im Saal ist es ganz still und selbst der Richter muss ein paar Mal schlucken, bevor er die Angeklagte fragt, warum sie das getan hat. Ich dachte, wenn ich ihn nicht sehe und in Säcke packe, ist es nicht passiert und er kommt wieder nach Hause, erklärt Tanja B. mit dünner Stimme.

Das kann bei Menschen, die ein bisschen Intelligenz gemindert sind, ja durchaus auch sein, dass man sich das vormacht. Auch wenn man natürlich weiß, dass es Quatsch ist. Wie Kinder, die sich die Augen zuhalten und sagen, ich sehe, du siehst mich nicht. Ja, die Augen zuhalten und sagen, ich sehe dich nicht, das wäre für mich akzeptabel gewesen, wenn sie ihn niedergestochen hätte. Er hätte da gelegen, sie hätte die Tür zugemacht und gesagt, das war's. Ja, das stimmt. Und sagt, wo bleibt er denn? Das stimmt. Aber ihn zerteilen zwei Kettensägen. Kettensäge. Ja, ja. Nee. Und das Interessante ist, das hat sie alles gemacht. Das hat stundenlang gedauert. Und danach weiß sie halt nicht mehr weiter. Also was sie mit den Müllsäugen machen soll, darüber habe sie sich überhaupt gar keine Gedanken gemacht. Und das ist ja... Glaube ich nicht. Ja, das kann ich mir auch nicht vorstellen. Weil warum betreibst du dann den ganzen Aufwand und stehst dann da mit den Säcken und denkst so, ja, dann lasse ich sie jetzt hier liegen.

Im Saal des Hanauer Landgerichts sitzt auch der Anwalt von Martin F's erwachsener Tochter, die in diesem Fall die Nebenklickerin ist. Sie ist nach einer solchen Tat traumatisiert, antwortet der Jurist auf die Frage der Reporter, wie es seiner Mandantin geht. Zu diesem Zeitpunkt sieht es allerdings danach aus, als ob Tanja B. Wegen Totschlags verurteilt wird. Dafür drohen ihr wahrscheinlich zwischen 5 und 15 Jahre Haft. Für eine lebenslange Haftstrafe müsste das Gericht sie wegen Mordes verurteilen. Doch dafür fehlen eben die eindeutigen Mordmerkmale. Also könnte man sagen, wenn man böse wäre, sie kommt mit ihrer Geschichte, dass das alles ungeplant und spontan war, durch. Also, das ist gerade für mich so ein ganz schmaler Grat, weil ich versuche mir vorzustellen, da ist jetzt jemand, der lebt in häuslicher Gewalt und jetzt...

Also ich möchte damit nicht relativieren, dass zwei Ohrfeigen nicht schon zu viel sind, aber gehen wir mal kurz davon aus, da ist wirklich jemand, der lebt täglich in Angst und Terror vor einem gewalttätigen Partner. Genau. Und jetzt kommt es zu einem Vorfall, wo das Opfer sich wehrt und da will ich gerade nicht ausschließen, dass ich nachvollziehen könnte, dass dann diese ganze Angst und vielleicht auch Wut plötzlich aus einem rausbricht und es tatsächlich zu so einem ja auch manischen Massaker kommt, wie auch immer man das dann nennen mag. Deswegen finde ich das gerade so einen schmalen Grad, ob man das jetzt so ausschließen kann. Ich verstehe natürlich, dass vorne und hinten keinen Sinn macht, weil es schon fraglich ist, wie muss er denn dann, selbst wenn er gefallen wäre, es ist ja unrealistisch, dass sie an beide Seiten sticht.

Aber das jetzt mal so dahingestellt. Aber, und jetzt noch mal, eine Ohrfeige reicht, das ist schon zu viel. Also das sollte niemand mit sich machen lassen. Aber sie hat ja jetzt nicht in einer so gewalttätigen Beziehung gelebt, dass ich nachvollziehen könnte, dass es jetzt zu so einer Überreaktion kommt. Wie gesagt, ich habe keine Ahnung von sowas. Aber das finde ich halt gerade etwas... Das passt für mich halt nicht zusammen, dass dieser Ausbruch entsteht, wenn sie ja selber sagt, also wie gesagt, ich habe gerade echt Angst, ich relativere diese Ohrfeige, das möchte ich nicht. Nee, aber ich glaube, ich weiß genau, was du meinst. Aber sie sagt ja selbst eigentlich, dass die Beziehung eigentlich war alles ganz schön und dann, ja was, das hat irgendwann nicht mehr. Aber das würde für mich jetzt halt eben nicht diesen Ausbruch erklären. Ja, also dieses Übertöten kann ja eben auch für eine sehr emotionale Verbindung zwischen Täter und Opfer stehen. Also, dass da wirklich ganz viel Wut mit im Spiel war und das wäre natürlich eine Erklärung, da bin ich bei dir, aber es ist schwierig und dann passiert eben doch noch was, nämlich der Fall nimmt ganz kurz vor Prozessende noch eine spektakuläre Wendung. Anfang Januar 2019, gegen Ende der Beweisaufnahme, wird das Gutachten der Rechtsmedizin vorgestellt. Das kommt zu dem Schluss, dass die Tat nicht so abgelaufen sein kann, wie Tanja B. es in ihren Schilderungen darstellt.

In der engen und kleinen Wohnung wäre ein Angriff von Martin F., wie ihn die Angeklagte geschildert hat, sehr unwahrscheinlich. Also die ist wirklich total eng und zugestellt. Also wie soll das da funktionieren? Außerdem liegen alle Messerstiche sehr nah beieinander und sind ungefähr alle gleich tief und mit ziemlicher Wucht ausgeführt worden. Auch das deutet darauf hin, dass sich das Opfer nicht viel bewegt haben kann, als Tanja mit dem Küchenmesser auf ihn eingestochen hat. Das mysteriöse Kraut, das Martin F. angeblich so aggressiv gemacht hat, kann bei einer Untersuchung des Mageninhaltes nicht festgestellt werden. Auch ein Drogentest bleibt negativ. Dementsprechend präsentiert die Rechtsmedizinerin vor Gericht eine ganz andere Theorie, wie Martin F. Zu Tode gekommen ist. Ich denke, er wurde überrascht, sagt sie. Ihre Vermutung, der 47-Jährige hat einen Mittagsschlaf gemacht und auf der Seite gelegen, als Tanja B. Mit einem Messer auf ihn losgegangen ist. Also genau das, was du eben schon vermutet hast. Wahrscheinlich erst mal ein Messer am Hals angesetzt vorne, weil er so seitlich lag und dann eben weiter auf ihn eingestochen.

Und nach den ersten Stichen ist er dann vermutlich wach geworden, hat sich im Bett aufgerichtet und deshalb dann die weiteren Stiche am Oberkörper. Das Opfer hatte also keine Chance, sich zu wehren. Das ändert alles. In diesem Fall hätte Tanja B. heimtückisch gehandelt und damit wäre ein Mordmerkmal erfüllt und sie könnte halt wegen Mordes verurteilt werden. Und das rechtsmedizinische Gutachten ist nicht das einzige Indiz dafür, dass Tanja B. Nicht in Notwehr gehandelt haben kann. Bei der Kontrolle ihres Handys hat die Polizei verdächtige Suchverläufe im Internet gefunden. Schon im Frühjahr 2018 hat sie gegoogelt, wie man einen anderen Menschen tötet. Erst sucht sie nach giftigen Pflanzen wie der Tollkirsche und der Muskatnuss und dann nach Ersticken durch Plastiktüte und anderen Tötungsmethoden. Also schon mindestens drei Monate vor der Tat. Das ist ungefähr zu der Zeit, in der es laut Nachbarn und Freunden in der Beziehung angefangen hat zu kriseln. Und das spricht ja dafür, dass Tanja B. Die Tötung ihres Freundes schon länger geplant oder zumindest darüber nachgedacht hat. Kurz nach der Tat recherchiert sie dann nach Kühltruhen und Kettensägen und versucht herauszufinden, wie lange eine Leiche riecht. Außerdem schreibt Tanja in Martins Namen seiner Chefin eine Krankmeldung bei WhatsApp.

Diese wundert sich darüber, weil normalerweise alle ihre Angestellten wissen, dass sie sich telefonisch krank melden sollen. Also ruft sie an, um mit Martin persönlich zu sprechen. Doch unter Martins Nummer erreicht sie nur Tanja, die dann behauptet, ihr Lebensgefährte sei entführt worden.

Ja, also es ist nicht so richtig durchdacht und ich verstehe auch nicht ganz, warum die Chefin nicht da irgendwie weiter hinterher gegangen ist. Weil das ist ja sehr weird und ganz kurz danach schickt Tanja in die WhatsApp-Gruppe mit den Kollegen von Martin eine Sprachnachricht, in der sie Tat gesteht, das hatte ich ja ganz am Anfang schon kurz erwähnt und warum jetzt keiner der Kollegen sofort die Polizei ruft, das erschließt sich mir nicht wirklich. Doch, das kann ich mir vorstellen, weil die anscheinend ja für vollkommen verrückt gehalten wurde. Da hat man einfach gedacht, die hat sie nicht mehr alle. Ja, und dann ist es erst aufgefallen, als er da nicht zur Arbeit gekommen ist. Aber das ist halt, ja. Also das heißt nicht, dass es nicht trotzdem dann bei sowas, also man hätte vielleicht gerade, weil sie auffällig ist, überprüfen müssen, wo ist der jetzt gerade? Weil man möglicherweise wirklich hätte darauf schließen können, ist ihm was passiert?

Aber wenn ich mir halt vorstelle, da kommt jemand und meldet jemanden krank, um dann zu sagen, der wurde jetzt, der wurde entführt. und dann ist natürlich die Frage, welche Erfahrung, okay, nein, ich muss mich gerade etwas revidieren. Also spätestens bei, der wurde entführt. Sie erreicht ihn nicht, hätte sie eigentlich sagen müssen, ey, stopp, das finde ich jetzt ein bisschen seltsam. Die Chefin, ne? Ja, aber jetzt stelle ich mir halt die Frage, was für Szenarien hat es da in der Vergangenheit vielleicht schon gegeben? Das kann natürlich, ja, ich glaube, es wird wahrscheinlich was damit zu tun haben, dass sie es nicht ernst genommen haben. Und Rückschaufehler im Nachhinein kann man sagen, wie doof wart ihr. Aber jetzt ist schon alles irgendwie ein bisschen, ja, weird. So, einen Tag nach Martins Tod wird Tanja B., und das ist jetzt auch nochmal ganz wichtig, von einer Überwachungskamera dabei gefilmt, wie sie in einer Bankfiliale Geld von Martins Konto abhebt. Auf der Videoaufnahme ist Tanja eindeutig zu erkennen. Sie trägt ein dunkles Tanktop und ihr Hals liegt frei. Die angeblichen Würgemale, die sie in ihrer Aussage beschrieben und die Martins Angriffe auf sie belegen sollen, sind nicht zu sehen. Also diese blauen Flecken, die sie dann nachher gezeigt hat, die Bilder davon, das muss sie sich wahrscheinlich später anschauen. Selbst zugefügt haben. Ungefähr zur selben Zeit bucht Tanja B. Eine Reise in die Niederlande. Wahrscheinlich hat sie also nie vor, zu ihren Kindern zu fahren, sondern will stattdessen aus Deutschland fliehen. Also wie du schon vermutet hast, war das vielleicht einfach nur eine falsche Spur in Richtung Osten.

Im Prozess kommt außerdem eine Mitgefangene zu Wort, die mit Tanja B. Kontakt hatte, als sie in den letzten Wochen in Haft saß. Gemeinsam haben die beiden Frauen in der JVA Pakete gepackt. Dabei hat sie Tanja B. Auch viele Fragen zu ihrer Tat gestellt und diese habe ganz locker und ungezwungen geantwortet.

Sie hat gesagt, dass sie auch Notwehr macht, das habe ihr Anwalt gesagt und dass sie an Weihnachten wieder draußen ist, berichtet die Mitgefangene. Wenn ihr jetzt meinen Podcast schon ein bisschen länger hört, dann wisst ihr ja, dass man solche Aussagen immer ein bisschen mit Vorsicht genießen muss, weil Gefangene häufig einfach irgendwas auspacken, um Hafterleichterungen zu bekommen. Deshalb fragen die Richter nochmal ganz explizit nach, warum die Frau Tanja verrät. Und die antwortet, wie ich finde, ziemlich nachvollziehbar. Ich habe mir gedacht, wenn die tatsächlich in einem halben Jahr rauskommt und so wie angekündigt zu ihrem Ex-Mann zurückkehrt, dauert es keine sechs Monate und sie hat den nächsten Namen auf dem Arm stehen. Kam das wirklich alles so kurz vor Schluss raus? Was haben die denn dann da ermittelt? Ja, das ist eine gute Frage. Das stimmt. Weil das ist dann ja jetzt so, das klingt jetzt für mich nämlich gerade eher so nach einer dramaturgischen Handlung. Weil das, ja okay.

Also besonders schlau war sie nicht. Ein Stück weit, das kann ich jetzt nicht zu Last legen, dass sie vielleicht jetzt nicht ein Superbrain ist, aber ich habe immer noch nicht verstanden, warum. Wahrscheinlich wollte er sich trennen. Ja, also sie selber bleibt ja die ganze Zeit bei ihrer Version der Geschichte und auch ihr Anwalt sieht die angebliche Notwehr von Tanja B. Immer noch nicht als widerlegt. Ihr ist es bei Martin F. zum ersten Mal im Leben gut gegangen, sie hatte also keinen Grund für eine geplante Tötung, erklärt der Verteidiger. Er fordert für seine Mandantin dementsprechend einen Freispruch wegen Notwehr. Und dass man nicht verurteilt werden kann, wenn man in Notwehr gehandelt hat, das habe ich ja in Folge 165 schon erklärt. Allerdings finde ich, das, was der Anwalt gesagt hat, ist eigentlich eher ein Argument gegen seine Mandantin. Weil wenn man sagt, es ging ihr dort zum ersten Mal gut und Martin wollte sich trennen, was wir von Zeugen wissen, dann wäre das ja schon ein Grund, um ihn zu töten.

Wenn man nicht will, dass dieses Gute irgendwie aufhört in irgendeiner Form. Also auf eine komplett irre Logik hin. Aber das ist ja eigentlich jetzt kein Argument. Und man muss sagen, dass der Verteidiger so eine Art Doppelstrategie fährt, weil er versucht gleichzeitig, dass bei seiner Mandantin eine verminderte Schuldfähigkeit anerkauft. Ja genau, also er begründet das damit, dass Tanja B. An einer Essstörung und einer Borderline-Erkrankung leidet und sich in einem emotionalen Ausnahmezustand befunden habe. Sie ist allein lebensuntauglich und von Kindern, Arbeit und Haushalt überfordert, erklärt ihr Verteidiger. Und jetzt interessiert uns natürlich, wie der psychologische Gutachter das einschätzt. Laut Gutachten leidet Tanja B. Nicht nur an einer Borderline-Erkrankung, sondern auch an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung. Obwohl die Angeklagte sich für eine gute Mutter halte, sei sie in der Erziehung und im Haushalt unfähig. Also das sagen die Gutachter, ähnlich wie der Anwalt das schon ausgeführt hat. Außerdem sei Tanja B. Nicht fähig zur Selbstkritik. Der Gutachter hält es für gut möglich, dass Tanja B. in extremen Drucksituationen schnell ihre Selbstkontrolle verliert. Auch Zeugen berichten von ihrer Impulsität und ihrer Neigung zu Streitereien.

Ihr Ex-Mann sagt vor Gericht aus, dass er früher fast täglich von Tanja körperlich und verbal attackiert wurde, manchmal auch mit Pfefferspray. Er beschreibt sie als aggressiv und psychisch krank. Während des Prozesses kommt auch heraus, also das ist jetzt die Tierschutzstelle, liebe Tierfreunde, ganz kurz weghören. Tanja B. Hat die Katzen ihres Ex-Mannes getötet, um ihn zu quälen. Als ihr Ex-Mann gefragt wird, warum er denn trotzdem mit ihr zusammengeblieben ist, antwortet dieser, er habe zu seiner Frau stehen wollen. Auch jetzt hofft er auf eine milde Strafe für sie und wünscht sich, dass sie eine Therapie machen kann. Doch sein Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen. Für das Gericht steht fest, Tanja B. hat Martin F. heimtückisch und grausam ermordet. Am 31. Januar 2019 wird sie deshalb zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Man hat sich seines Partners planmäßig entledigt, stellt der Vorsitzende Richter fest. In seiner Urteilsbegründung zählt er nochmal all die Lügen auf, die Tanja B. Dem Gericht im Laufe des Prozesses aufgetischt hat.

Eine Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die Hauptverhandlung. Was kann man ihnen glauben? So gut wie nichts, stellt der Richter fest. Diese ständige Lügen kann ein Symptom der Borderline-Erkrankung der Angeklagten sein. Wobei es mir jetzt nochmal ganz wichtig ist zu betonen, dass eben nicht alle Menschen, die an Borderline leiden, dauernd lügen. Trotz ihrer psychischen Probleme und ihres IQ von 80 halten die Gutachter Tanja B. Für voll schuldfähig. Sie habe ihre Tat sorgfältig geplant und genau gewusst, was sie tut. Dieser Einschätzung folgt das Gericht. Während der etwa einstündigen Urteilsbegründung sitzt Tanja B. Eigentlich die ganze Zeit nur regungslos auf dem Platz und fixiert den Vorsitzenden. Manchmal schüttelt sie leicht mit dem Kopf. Dem Zuschauerraum hat sie den Rücken zugewandt. Als ihr Anwalt nach dem Urteil gefragt wird, wie seine Mandantin auf die lebenslange Haftstrafe reagiert hat, antwortet er, sie ist natürlich entsetzt und hat gefragt, was lebenslang bedeutet. Also es ist schon ein sehr strenges Urteil für sie und natürlich ist sie da erschüttert. Ist auch ehrlich gesagt so eine Sache, die ich nicht so ganz glauben kann, weil da werden die ja wahrscheinlich im Vorfeld schon mal drüber gesprochen haben, was das heißt, wenn sie lebenslang verurteilt wird. Der Verteidiger legt Revision ein, doch der BGH bestätigt das Urteil aus Hanau. Tanja B. selbst hat den Mord bis heute nicht zugegeben. Damit bleibt das wahre Motiv dieser brutalen Tat weiterhin unklar.

Ermittler Franz Efinger vermutet, dass die drohende Trennung der Auslöser war. Wenn Martin sich von Tanja getrennt hätte, hätte die arbeitslose Frau mit Schulden und ohne ein Dach über dem Kopf dagestanden und gegen ihre Bewährungsauflagen verstoßen. Vielleicht hat aber auch Eifersucht eine Rolle gespielt oder Martin wollte Tanjas Kinderwunsch doch nicht erfüllen. Die Frage, warum Tanja so brutal gehandelt hat, treibt den damaligen Ermittler, Hauptkommissar Franz Efinger, noch Jahre später um. Das gibt mir heute noch Rätsel auf. Ich kann nicht verstehen, dass die Beschuldigte in der Lage war, das zu tun, sagt er. Und auch die Freunde und Familie von Martin F. Fragen sich immer noch, warum der hilfsbereite und freundliche Busfahrer sterben musste. Das Opfer wurde der tragische Hauptdarsteller seines eigenen Horrorfilms. So fasst der Staatsanwalt Dominic Mies den blutigen Fall zusammen. Durch ihre Tat hat Tanja B. dem Vater einer Tochter nicht nur das Leben, sondern auch die Totenruhe genommen. Den Namen und das Todesdatum ihres Opfers wird Tanja B. Wohl bis an ihr Lebensende auf ihrer Haut tragen.

Heftig. Also mir fällt halt gar kein Grund ein, warum sie das gemacht hat. Also vor allem, da es geplant war, ich sage das jedes Mal, wenn ich solche Ausführungen mache, ich meine natürlich nicht, dass irgendein Mord gerechtfertigt ist, aber sie hat da ja gar nichts von gehabt. Also ich hätte, ich kann nicht nachvollziehen, aber ich hätte verstanden, dass es vielleicht zu einem Kurzschluss, er hat gesagt, ich trenne mich jetzt von dir, ich lege mich jetzt schlafen, wenn ich aufwache, bist du weg.

Dass das dann möglicherweise zu so einem Affekt führen könnte bei jemandem, der nicht ganz stabil ist, möglich. Aber weit im Voraus hat sie ja schon Recherchen dazu angestellt, wie sie ihn los wird. Aber ich verstehe nicht, und das klingt jetzt böse, aber mit welchem Vorteil für sie? Sie hätte dann die Wohnung nicht behalten können, sie hätte dadurch kein Geld bekommen, sie hätte nichts davon gehabt, außer dass er dann tot ist. Also das will mir gerade gar nicht in den Kopf, was sie sich davon versprochen hat. Vielleicht hat sie in ihrem verquerenen Kopf gedacht, dass sie ihn umbringen und das irgendwie so verschleiern kann, dass er da irgendwie weiter in der Wohnung liegt und sie in der Wohnung wohnen kann. Und sie verkleidet sich dann als Busfahrer und fährt dann für ihn oder was? Ja, sie wollte ihn doch bei der Arbeit abmelden, weil er es ja entführt worden ist. Stimmt, Lösegeld von wem denn? Ja, ich glaube, das ergibt hinten und vorne keinen Sinn. Aber die Planung der Tat ist eben auch das, was mich so stutzig sein lässt. Weil, wie du schon sagtest, sie hat ja eigentlich keinen Vorteil davon so wirklich. Also es löst ihre Probleme nicht. Also es sei denn, sie hat ja irgendwie wirklich gedacht, ich bringe den jetzt um und verschleiere die Tat und keinem fällt es auf so. Es sei denn, er war doch wirklich total gewalttätig. Ja, aber dann hätte sie es ja erzählen können.

Dann hätte es ja jeder verstanden. Weißt du, wenn sie jetzt gesagt hätte, der hat mich jeden Tag verprügelt und ich hatte Angst um mein Leben, dann wäre es ja nachvollziehbar gewesen. Das hätte sie ja von Anfang an sagen können, aber hat sie nicht. Nicht nachvollziehbar, aber es wäre zumindest plausibler gewesen. Genau. Nee, ich könnte mir schon vorstellen, dass sich bei ihr eine wahnsinnige Wut angestaut hat, was vielleicht gar nicht mal unbedingt was mit dem späteren Opfer zu tun hat, sondern mit all dem, was ihr schon passiert ist und was ihr auch von anderen Männern schon angetan wurde, einiges wissen mehr durch den Prozess. Und dass das die ganze Zeit in ihre gebrodelt hat und sie schon mit dem Gedanken gespielt hat, irgendwann bringe ich den um, also so unlogisch das auch erscheint, weil, wie du schon sagst, eigentlich hat sie nichts davon, im Gegenteil, und dass das dann irgendwann, zur Tat geführt hat, weißt du, also er wollte sich von ihr trennen, er wollte sie wieder einen Mann verlassen, es ist wieder nichts geworden mit ihrem Traum von der Ehe und noch einem weiteren Kind und ihre Stabilität, all das stand ja auf der Kippe und dass sich das dann so entladen hat, also das kann man glaube ich mit.

Rationalen Gesichtspunkten nicht so wirklich nachvollziehen. Wahrscheinlich nicht und ich vermute jetzt sogar möglicherweise hat er sie halt einfach getriggert mit Dingen, die sie in früheren Beziehungen wahrscheinlich auch irgendwann vorgeworfen bekommen hat. Wahrscheinlich, dass irgendwas mit ihr nicht stimmt und dann kam vielleicht irgendwann der Entschluss, so jetzt zeige ich euch mal, was mit mir nicht stimmt. Für einen ganz kurzen Moment habe ich gedacht, ist sicher, dass sie das alleine gemacht hat? Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass dann auch irgendwer anders dran beteiligt war. Weil dann werden ja irgendwelche anderen Spuren doch noch, die haben die Wohnung so gründlich untersucht. Ich finde einfach, also ein Punkt, an dem ich ganz stark hänge, weshalb mir dieser Gedanke gekommen ist, ist diese Kettensäge. Ja. Weil ich jetzt ungeachtet, ich kenne ihre Statur nicht, aber da steckt ja richtig Wumms hinter. Und ich hätte jetzt eher vermutet, das ist aber gerade mit Zweien, dass da ja auch dieses Selbstverletzungsrisiko eigentlich wahnsinnig hoch ist. Und dann ja auch im, also ich will mir gar nicht vorstellen, wie sie das überhaupt gemacht hat, ohne dass sie dieses ganze Badezimmer dabei zertrümmert. Das finde ich halt seltsam. Ich hätte es verstanden mit irgendeiner Säge. Ich hätte es plausibler gefunden, wenn sie es mit einer Säge oder was irgendwie was, aber wirklich eine Kettensäge.

Das finde ich... Ja, und das ist auch etwas, was ja... Eh schon für Aufsehen sorgt, sage ich mal, wenn ein Fall so brutal ist und vor allem das Nachtatverhalten so wahnsinnig brutal ist. Das ist ja schon sehr ungewöhnlich und mir fällt jetzt spontan auch kein vergleichbarer Fall ein, wo eine Frau so gehandelt hat. Also das macht es eben so ungewöhnlich, weil es ja schon statistisch gesehen so ist, dass Frauen generell seltener töten und dann auch wegen körperlicher Unterschiede, wenn sie einen Mann töten, auch eher zu anderen Waffen greifen. Es gibt einen neuen Song von Icky Mail, der heißt Giftmord. Stimmt. Ja, da sind sie genau davon. Icky Mail Beste. Ja, finde ich auch.

Was ich ein bisschen glaube ist, also das ist jetzt nicht festgestellt, dass sie Intelligenz gemeldet ist, oder? Naja, IQ von 80 ist nicht Intelligenz gemeldet. Es ist unterer Durchschnitt, es ist jetzt nicht so ganz super gut, aber auch nicht ganz schlimm. Was ich ein bisschen glaube, ist, wenn sie selbst ja ausgesagt hat, dass sie viele Horrorfilme geguckt haben.

Vermute ich mal, dass wahrscheinlich so eine Grenze zwischen was da so passiert und was dann als realistisch eingeschätzt wird. Also auch zum Beispiel mit dem lebenslangen, das ist ja eine Fallin, die ich auch immer gerne tappe, wenn man mir sagt, lebenslangen sind ja 24 Jahre, ja in Amerika. Also auch, dass sie dann schockiert ist, was für ein Zeitraum das eigentlich in Wirklichkeit ist, dass ich vielleicht mir vorstellen könnte, dass viele Informationen oder viele Inspirationen, die sie da möglicherweise zu angetrieben haben, halt aus solchen Filmen stammen könnten. Ich könnte mir vorstellen, dass der Staatsanwalt mit seinem Statement, so er war, der Hauptdarsteller in seinem eigenen Horrorfilm, dass er darauf so ein bisschen angespielt hat, ja, also ist natürlich nicht so, haben wir ja schon in vielen Folgen gehabt, nur weil ich jetzt zweimal hier über einen Horrorfilm gucke. Nee, das meine ich damit jetzt auch nicht. Ja, du hast recht, das kann natürlich eine Rolle gespielt haben, kann ich mir auch gut vorstellen. Naja, und vor allem jetzt kommt halt dazu, sie war beeinträchtigt und dann ist... Auch da, ganz vorsichtig, das heißt jetzt nicht, dass jemand mit Borderline oder mit, aber dieses Zusammenspiel mit dieser Firma, also wir wissen es ja nicht. Aber es ist schon, es passt halt irgendwie so überhaupt nicht zusammen, was sie dazu jetzt motiviert hat und wie sie da vorgegangen ist. Weil das muss man halt auch sagen, die Kettensäge ist für mich halt so das lauteste, brutalste. Ja, also wie komme ich denn auf so eine Idee?

Und das ist, glaube ich, in diesem Fall besonders schlimm. Also die Tötung eines geliebten Menschen, wenn wir jetzt von den Angehörigen ausgehen, ist sowieso schon schlimm. Aber sich dann vorzustellen, dass nach dessen Tod noch sowas mit dem angestellt wurde zum einen, das ist ja auch ganz grauselig. und dann eben nie so richtig zu erfahren, warum musste Papa, Bruder, Onkel sterben. Weil, wie du schon sagst, es passt ja alles nicht zusammen. Der hat ja irgendwie nichts gemacht und das, was die Tanja erzählt, mit dem Potenz Teufelskraut kann ja nicht gestimmt haben. Also das macht es ja noch schlimmer für die Angehörigen. Sie hätte sich einfach trennen. Also nein, sie wollte sich ja wahrscheinlich nicht trennen, auch wenn ich nicht verstehe, warum. Weil so glücklich kann sie dann ja auch nicht gewesen sein. aber ich, ach mir tut es einfach leid. Ja, ja ist traurig einfach.

So am Ende. Ja, und so sinnlos und am Ende ist es wie immer, sie selbst kann einem wahrscheinlich auch nur leid tun, weil sie wahrscheinlich einfach auch gar nicht genau versteht, was sie da überhaupt gemacht hat. Nein, das ist jetzt ein bisschen übertrieben. Das glaube ich schon, dass sie genau weiß, was sie da gemacht hat. Sie hat es ja geplant. Aber nochmal, ich kann Beweggründe wie Gier, Lebensversicherung oder da steht irgendwas hinter. Da hätte ich dann irgendwie das Gefühl, ja okay. Man kann es nachvollziehen. Ich kann mir vorstellen, warum sie dachte. Aber da ist für mich einfach so, hä?

Es ist irgendwie traurig auf vielen Ebenen so. Und weil wir jetzt gerade häufiger über häusliche Gewalt gesprochen haben. Ich habe vor kurzem eine Folge dieser einen Moment gemacht mit Batal und Batal hat mir erzählt, wie es für ihn war aufzuwachsen mit einem gewalttätigen Vater, der halt 20 Jahre lang ihn wirklich auf das Übelste verprügelt hat, der auch die Mutter immer verprügelt hat und vergewaltigt hat, während er als Kind dabei war. Also ganz, ganz schlimm. Das war glaube ich eines der schlimmsten Interviews, die ich jemals geführt habe. Und das ist vielleicht als als Hörtipp zum Thema häusliche Gewalt. Es ist ganz wichtig, dass wir alle da, und da sind wir wieder bei der lauten Kettensäge in der Nachbarschaft, dass wir alle da mehr drauf gucken. Also jetzt losgelöst von diesem Fall. Also wenn die Nachbarin das blaue Auge hat, ansprechen. Ja, ich finde, das ist halt immer so das Schwierige, wie man da am besten rangeht. Weil ich halt einfach glaube, dass diese Angst...

Die jemand in einer funktionierenden oder in einer harmonischen Beziehung, glaube ich, einfach gar nicht nachvollziehen kann. Also ich glaube, dieses Ansprechen ist so, da wird ja niemals jemand zugeben, also ich weiß ehrlich gesagt nicht, was sind wirklich die richtig guten Tipps, wie man damit, sollte man im besten Vergleich zu einer externen Stelle gehen? Also, was ich ganz spannend fand, was Batal mir gesagt hat, er und seine Mutter hatten die ganze Zeit das Gefühl, sie sind völlig alleine auf der Welt, weil der Vater sie auch von allen anderen Leuten isoliert hat. Und er hat gesagt, wenn das jemand von den Nachbarn, und die haben das gehört, die haben die Schläge gehört, die haben die Schreie der Mutter gehört, die haben nichts gemacht. Wenn einer von den Nachbarn irgendwann mal im Flur gesagt hätte, wir hören, was da los ist, können wir euch helfen, das hätte denen einfach schon wahnsinnig, hätte wahnsinnig was geändert. Wahrscheinlich werden die nicht sofort ausgebrochen und weggelaufen, aber das Wissen, jemand anderes ist da und der kriegt mit, was ich mache und der sieht das und deswegen. Ja, dazu muss ich auch Zuflucht bieten. Genau, genau, genau. Und deswegen, falls ihr sowas mitbekommt, vielleicht jetzt am Ende der Folge nochmal als Aufruf, dann bietet eure Hilfe an, ohne euch selbst in Gefahr zu begeben, logischerweise, aber zeigt, dass ihr da seid. Und dann haben wir damit vielleicht noch irgendwie ein gutes Ende, kann man nicht sagen, aber ein Aufruf an diesen traurigen Fall. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders formulieren soll.

Lasst uns doch eine bessere Gesellschaft werden und damit können wir es vielleicht schaffen. So, Dankeschön. Da sind wir uns einig. Vielen Dank, Ralf, dass du heute wieder da warst und wir über einen sehr blutigen und irgendwie sehr traurigen Fall gesprochen haben. Bis bald. Bis bald. Tschüss.

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