Verbrechen von nebenan. True Crime aus der Nachbarschaft. Hallo und herzlich willkommen bei einer neuen Folge von Verbrechen von nebenan. Und hallo Max Kruse. Einen wunderschönen guten Tag.
Ich habe ein bisschen überlegt, vor dieser heutigen Folge, wir sprechen nämlich über Pokern und über so ein ganz großes Ding, wie ein Zeuge sagt, das war wie Hollywood. Und bei Hollywood habe ich natürlich überlegt, wer in meiner Telefonliste passt dazu. Kann eigentlich nur Max sein. Da bist du an der absolut richtigen Adresse und ich bin sehr, sehr gespannt, was da heute auf mich zukommt. Ja, falls ihr Max nicht kennt, vielleicht als Fußballer, aber unter anderem warst du Nationalspieler, aber du spielst auch schon seit Jahren Poker, lebst in Berlin und hast einen Podcast namens Flatterball. Habe ich noch irgendwas vergessen von deinen zahlreichen Betätigungsfeldern? Nee, absolut. Die wichtigsten hast du rausgepickt. Ja, Flatterball, ich bin jetzt auch seit letztem Jahr unter die Podcaster gegangen und ich muss sagen, es macht Spaß. Das ist nicht ganz, was mit Verbrechen zu tun hat, aber natürlich geht es da größtenteils um Fußball. Kann aber auch manchmal ein Verbrechen sein.
Absolut, also auch das ist möglich, aber wahrscheinlich nicht so spannende Verbrechen wie bei dir. Ja, und es geht heute, ein bisschen haben wir schon rausgehauen, es geht um Poker, darüber sprechen wir jetzt gleich. Inhaltswarnung brauchen wir dieses Mal eigentlich nicht. Wir können direkt reingehen, wenn du magst. Bist du bereit, Max? Ich hoffe, ich bin bereit für die große Story von heute. Okay. Die Luft ist dünn an diesem Samstag im Ballsaal des Grand Hyatt Hotel am Potsdamer Platz in Berlin. Noch vor zwei Wochen haben in dem Fünf-Sterne-Hotel die Pressekonferenzen der Berlinale mit Filmstars aus aller Welt stattgefunden. Heute trifft sich hier die Elite der Pokerszene bei der European Pokertour, Europas größtem Pokerturnier.
Fast 1000 Teilnehmer aus knapp 50 Ländern versuchen hier ihr Glück am Pokertisch. Darunter Amateure, Profis oder auch Prominente wie Tennislegende Boris Becker oder die Autorin und Moderatorin Charlotte Roach.
Das Event wird live im Internet übertragen und die ganze Pokerwelt schaut zu. In diesem Jahr ist das Interesse besonders groß, denn bis vergangenes Jahr hat das Pokerturnier noch in Dortmund stattgefunden. Der Umzug in die glitzernde Hauptstadt soll dem Ganzen noch mehr Glamour verleihen und der Veranstalter rechnet damit mit Rekordteilnehmerzahlen. Seit etwa 12 Uhr sitzen an diesem 6. März 2010 die Pokerprofis an den Tischen zusammen. Es ist der vorletzte Tag des Turniers und der Druck ist groß. Immerhin geht es um ein Preisgeld von einer Million Euro. Beim heutigen Highroller-Turnier sind die Einsätze besonders hoch. Jeder Spieler hat am Morgen knapp 10.000 Euro als Buy-In bezahlt, das Startgeld, um dabei sein zu können. Dadurch ist im Laufe des Morgens eine Summe von fast 700.000 Euro zusammengekommen, die in einem Tresor im Vorraum des Veranstaltungssaals lagert. Die Anspannung im Saal lässt sich fast schon mit den Händen greifen. Einige Spieler tragen verdunkelte Sonnenbrillen, damit ihre Mitspieler ihnen bloß keinen Zug von den Augen ablesen können. Andere haben Kopfhörer auf den Ohren, um sich möglichst gut von ihrer Außenwelt abzuschirmen. Nichts darf sie ablenken, wenn sie den nächsten Zug planen.
Vielleicht als kurze Zwischenfrage, Max, du hast ja selbst schon auf solchen High-Roller-Turnieren gespielt. Wie würdest du jetzt mir, der, glaube ich, zweimal in seinem Leben Poker gespielt hat, die Atmosphäre beschreiben?
Ja, ich glaube, das ist natürlich schon ein Kribbeln, was da ist. Du siehst natürlich als Spieler, es gibt viele Zuschauer, gerade bei den High-Roller-Turnieren, das sind natürlich die Turniere, wo dann auch entweder nur Poker-Profis am Start sind oder halt Leute, die einfach sehr, sehr viel Geld haben und den Adrenalinkick brauchen. Und ja, ist natürlich eine andere Anspannung, als wenn du irgendwie um 200 Euro spielst, weil du einfach, das Interesse ist einfach viel, viel größer und die Zuschauerzahlen sind größer und du weißt... Du kannst ja einfach, ob das jetzt eine Million ist oder nicht, je nachdem wie viele Teilnehmer auch dabei sind, du kannst ja richtig viel Geld gewinnen und dadurch lässt das natürlich dein Adrenalinspiegel auch nochmal nach oben schnellen. Ja, und es ist eigentlich ja eher so eine konzentrierte Atmosphäre. Jeder guckt so ein bisschen auf sein Blatt und guckt, was der andere macht und man versucht sich nicht ablenken zu lassen, theoretisch. Man versucht sich natürlich komplett auf sein Spiel zu fokussieren, so ein bisschen den Rest auszublenden. In der Pokerwelt ist es halt so, du musst dein bestes Spiel spielen, weil so ein Turnier gewinnst du halt nicht an einem Tag. Du kriegst auch nicht immer gute Karten, sondern du musst auch deinen Gegner spielen. Und deswegen versuchst du, dich so gut wie möglich vorzubereiten, deine Gegner zu analysieren und irgendwie den Fokus nicht zu verlieren. Ich glaube, das ist das Wichtigste bei solchen Turnieren.
Ja, wobei man sagen muss, mit Ruhe und mit Konzentration wird es schon bald vorbei sein. Um 14.15 Uhr hört man aus dem Foyer des Hotels plötzlich lautes Geschrei. Es kracht an der Saaltür, dann stürmt plötzlich eine Gestalt hinein und ruft etwas von Überfall. Sofort bricht in dem Saal Panik aus, Stühle werden umgestoßen, Gläser gehen zu Bruch und Karten und Chips werden hektisch fallen gelassen. All das ist auf verwackelten Videoaufnahmen zu sehen, die live ins Internet gestreamt werden. Viele der Teilnehmer flüchten sich unter die massiven Pokertische. Irgendjemand ruft »Runter, runter«. Andere versuchen, schnell aus dem Saal im ersten Stock des Hotels zu flüchten.
Währenddessen spielen sich im Foyer des Hotels unwirkliche Szenen ab. Vier maskierte Männer stürmen auf die drei Wachleute im Vorraum des Pokerturniers zu. Die Männer sind mit einer Machete und mit Pistolen bewaffnet. Sie brüllen irgendetwas Unverständliches und versuchen, sich ihren Weg zur Kasse freizukämpfen, wo der Tresor mit dem Startgeld steht. Die Wachmänner versuchen, die Angreifer zurückzuhalten, Doch sie sind in der Unterzahl und außerdem unbewaffnet. Während die Sicherheitsleute noch mit zwei der Angreifer kämpfen, schafft es ein Dritter unbemerkt hinter den Kassentresen, bedroht die Kassiererin mit seiner Pistole und stopft sich die Jackentaschen hektisch mit Geld voll. Sein Komplize räumt die Scheine in eine leere Laptoptasche, die neben dem Tresor steht. Die Wachmänner wollen allerdings nicht aufgeben. Weil sie keine Waffen tragen, fangen sie an, Gegenstände nach den Angreifern hinter dem Tresen zu werfen. Diese versuchen natürlich, sich mit ihrer Beute in Sicherheit zu bringen. Einer schafft es, der andere nicht. Der Mann mit der auffällig roten Jacke ist auf den Videos besonders gut zu erkennen. In der einen Hand hält er seine Pistole, in der anderen die Tasche mit dem Geld. Er will gerade, genau wie sein Komplize, nach draußen stürmen, doch er hat die Rechnung ohne Roman H. gemacht. Der 36-jährige Sicherheitsmann ist Ex-Polizist und mit seinen über zwei Metern Größe und den 120 Kilo eine ziemlich eindrucksvolle Erscheinung. Als der Angreifer mit der Tasche voller Geld an ihm vorbeirennt.
Zögert dieser keine Sekunde, schnappt sich ein Metallständer für die Absperrbänder und rammt den Mann damit zu Boden. Ein Pressefotograf der Bild-Zeitung ist zufällig in genau diesem Moment vor Ort und fängt die Szene mit seiner Kamera ein. Das Foto wird danach durch alle Medien gehen. Ich zeige euch das dann auch bei Instagram. Also auf dem Bild sieht man, wie Roman H. den Angreifer in den Schwitzkasten nimmt.
Der schmächtige Unbekannte in der roten Jacke hängt im festen Griff des Sicherheitsmanns wie so ein nasser Sack. Seine Augen sehen aus wie die eines Menschen, der aufgegeben hat. Seine Pistole liegt neben ihm, die schwarze Geldtasche hat er losgelassen. Security Roman H. brüllt in den Raum hinein, Überfall ruft die 110.
Er wirkt dabei trotz der heiklen Situation erstaunlich ruhig. Doch das ändert sich innerhalb von Sekunden. Die anderen Angreifer wollen ihren Komplizen nicht zurücklassen und kommen nochmal zurück. Einer von ihnen geht mit einer Machete auf Roman H. los und der hat keine andere Wahl, als den Täter mit der roten Jacke loszulassen. Doch sein heldenhafter Einsatz hat trotzdem etwas gebracht. Ein erst 19-jähriger Angestellter des Hotels hat den Moment der Verwirrung und das Gewusel genutzt und die Tasche mit dem Geld in Sicherheit gebracht. Auf den Überwachungsvideos ist zu sehen, wie er in aller Seelenruhe damit weggeht, während aus der anderen Richtung schon der Mann mit der Machete angestürmt kommt.
Der Hotelangestellte und auch Roman H. werden später als Helden gefeiert. Vor allem, als herauskommt, dass der junge Hotelangestellte noch in der Ausbildung war. Dieser erzählt, er habe zuerst an einen Scherz geglaubt und sich deshalb sehr blauäugig in die Menge gemischt. Dank seines mutigen Einsatzes konnte der Hotelazubi zwar einen Großteil des Geldes retten, trotzdem können die Täter mit einer Beute von knapp 242.000 Euro flüchten. Der Saal und auch der Vorraum sind danach vollkommen verwüstet. Tische sind umgekippt, überall liegen Glassplitter.
Die Teilnehmer des Pokerturniers versammeln sich geschockt im Hinterhof des Hotels. Der ganze Überfall hat nicht mal fünf Minuten gedauert, doch er wird die Polizei und die Justiz in Berlin noch sehr lange beschäftigen. Für Roman H. ist an diesem Nachmittag sein Job erstmal erledigt. Als die Polizei am Hotel ankommt und die Spuren sichert, sinkt der Adrenalinpegel des Zwei-Meter-Mannes und ihm wird klar, was da eigentlich gerade passiert ist. Der Angreifer mit der Machete hat ihn zum Glück nur leicht über dem Auge verletzt, aber das hätte eben auch ganz anders ausgehen können. Auch einige der Teilnehmer haben durch die Panik im Saal leichte Verletzungen davon getragen, sonst ist zum Glück niemandem etwas Ernsthaftes passiert. Am Nachmittag wird das Pokerturnier dann tatsächlich fortgesetzt, nachdem die Polizei alle Spuren gesichert hat. Dieses Mal lagert man das Geld aber in der Spielbank gegenüber, noch so eine Situation will hier niemand riskieren. Also man hat ein bisschen was aus der Situation gelernt.
Ja, ein bisschen. Auf jeden Fall ein bisschen zu spät. Das kann man ganz ehrlich dazu sagen. Man muss natürlich sagen, die Zeit 2011, hast du gesagt, war das, ist jetzt knapp 15 Jahre her. Ja, ich glaube, man war da einfach noch nicht. 2010, 16 Jahre, ja, genau. Genau, 2010, 16 Jahre her. Die Sicherheitsstandards waren damals eben noch nicht so gut, wie sie dann auch heute sind. Man lernt bekanntlich aus Fehlern und man hätte auch zu der Zeit schon wissen sollen, dass sowas passieren kann. Und ich finde einfach, drei Sicherheitsmänner bei so einem großen Geldbetrag sind dann auch einfach zu blauäugig. Ja, das habe ich mich irgendwie bei der Recherche auch gefragt. Weil also erstmal, dass da überhaupt so maskierte Männer so einfach reinmarschieren können, wenn da mit Hunderttausenden von Euros hantiert wird. Du bist ja auch heute noch auf Pokerturnieren unterwegs. Wie erlebst du denn da jetzt aktuell die Sicherheitsvorkehrungen bei solchen Turnieren?
Ja, ich bin natürlich mehrfach in Amerika auch unterwegs bei den Poker-Turnieren. Da sind die Sicherheitsvorkehrungen natürlich ganz andere. Weil gerade bei der World Series of Poker, wo ich ja so meistens meinen Sommer verbringe, da sind ja nicht nur 700.000 irgendwie, die beschützt werden müssen, sondern es sind ja mehrere Millionen. Und da kommst du eigentlich gar nicht hin. Da sind so viele Sicherheitsleute, da sind Kassen, die mit Stahl verdeckt sind. Da kommst du gar nicht hinter. Also das Geld an sich, das wird direkt irgendwo versteckt, wo, glaube ich, kein Pokerspieler weiß, wo das eigentlich stattfindet. Aber natürlich sind die Standards jetzt auch ein bisschen gehobener. Die Sicherheitsvorkehrungen sind größer. Also ich mache mir um mein Geld, wenn ich das abgebe, aktuell eigentlich gar keine Sorgen bei solchen Pokerturnieren. Aber weiß natürlich, dass solche Situationen auch für Gangster immer gerne genutzt werden, weil es einfach eine gute Möglichkeit ist, schnell Geld zu machen, wenn es denn klappt.
Ja klar, du hast sehr viel Geld auf einem kleinen Raum und kannst da schnell reinmarschieren, schnell rein, schnell raus. Wobei, du hast es ja gerade schon so ein bisschen angedeutet, auch damals hätte man das besser gemacht. Also die Sicherheitsvorkehrungen gerade bei diesem Turnier sind nicht so super hoch gewesen. Teilnehmer erzählen nachher, dass das Preisgeld die meiste Zeit offen herumgelegen hat. Auch Panzerglas vor den Kassenschaltern gab es im Gegensatz zu anderen Turnieren nicht. Später kommt außerdem heraus, dass der Tresor zum Zeitpunkt des Überfalls offen stand.
Einer der Teilnehmer des Turniers fasst das kurz nach dem Überfall, wie ich finde, ganz gut zusammen und sagt, einfacher kann man es denen nicht machen. Vor Ort gibt es insgesamt nur sechs Sicherheitsleute und die sind alle unbewaffnet, wohl auf Wunsch des Veranstalters. Nur der Chef der zuständigen Sicherheitsfirma, Michael Kuh, darf eine Waffe tragen. Doch dieser hat kurz vor der Tat einen Autounfall und ist deshalb nicht vor Ort. Stattdessen hat Kurs seinen besten Mann Roman H. in die Nähe des Geldes platziert, weil der aussieht wie ein Baum, wie er selber sagt. Eine, wie man jetzt weiß, gute Entscheidung, denn der 36-Jährige hat ja mithilfe des Hotelazubis zumindest einen Teil des Geldes gerettet. Noch kurz vor dem Überfall soll Roman H. Den Hotelmanager gewarnt haben, dass es gefährlich ist, so viel Bargeld einfach so rumliegen lassen. Doch niemand hat auf ihn gehört. Das sorgt schon kurz darauf für große Kritik. Wer so viel Geld in Bar vorhält, muss auch dafür Sorge tragen, dass genügend Sicherheitspersonal vor Ort ist. Ärgert sich zum Beispiel der damalige Chef der deutschen Polizeigewerkschaft. Allerdings, das muss man auch dazu sagen, ist das Timing der Räuber wirklich, wirklich gut. Einen besseren Moment hätten sie sich für den Überfall nicht aussuchen können.
Zwei der eigentlich fünf Sicherheitsleute machen nämlich gerade Pause. Also es sind nur noch drei über. Und außerdem sollte das Geld nur wenige Minuten später in den Haupttresor geräumt werden und lag halt deshalb offen rum. Also da wäre es dann auch besser gesichert gewesen. Aber ja, der Zeitpunkt ist perfekt gewählt. Und was sagt uns das?
Ja, ich weiß nicht, wie du das siehst, aber ich glaube, das sind zu viele Zufälle, sagen wir es mal so. Ich weiß nicht, also ich muss sagen, das riecht für mich danach, dass es neben den vier maskierten Männern noch eine Quelle gab, die eventuell mehr Infos hatte. Ja, also wir können davon ausgehen, entweder hatten die sehr, sehr, sehr viel Glück, hast du gerade schon gesagt, oder jemand hat ihnen einfach einen Tipp gegeben und gesagt, so jetzt wäre ein guter Zeitpunkt.
Die Presse jedenfalls stürzt sich auf den spektakulären Coup und vergleicht den Überfall auf Europas größtes Pokerturnier mit dem Film Ocean's Eleven mit George Clooney. Aber so ganz Gentleman-like und vor allem so ausgetüftelt war der Berliner Pokeraub dann nicht.
Schnell kommt bei den Ermittlern der Verdacht auf, dass hinter dem Überfall eher Amateure als Profis stecken. So haben die vier Räuber die Sicherheitsleute falsch eingeschätzt. Bei der Planung des Überfalls soll einer von ihnen von Weicheiern gesprochen haben, die man nur zu erschrecken braucht. Damit hätten sie Falscher nicht liegen können. Das zeigt eben nicht nur der Einsatz von Roman H., sondern auch die Tatsache, dass die Räuber einen Großteil ihrer Beute zurücklassen mussten. Außerdem ist bei dem Überfall kein einziger Schuss gefallen. Also das kann natürlich bedeuten, dass die besonders nett waren, die Jungs, die da reingerannt sind. Oder eben was anderes. Die Ermittler zum Beispiel denken, dass die Waffen der Maskierten nicht scharf waren, weil sonst hätten sie ja wahrscheinlich genutzt, um sich den Weg freizukämpfen. Also sei es nur, um in die Luft zu schießen und zu sagen, ey, wir sind bewaffnet, macht mal den Weg frei. Später kommt dann eben auch raus, dass es sich bei den Waffen nur um Schreckschusspistolen gehandelt hat. Und auch während des Überfalls haben sich die vier Räuber nachgedacht. Ganz so geschickt angestellt. Schon kurz nach der Tat kann die Spurensicherung an der Geldtasche, die der eine Täter mit der roten Jacke festgehalten hat, DNA-Spuren feststellen. Auf den Videos der Überwachungskameras ist zu sehen, dass der Räuber zwar neben seiner roten Jacke eine schwarze Maske trägt, aber eben keine Handschuhe.
Damit noch nicht genug. Als die vier in das Hotel stürmen, zieht sich einer der Täter seine Maske erst im Treppenhaus über den Kopf, wo natürlich in so einem großen Hotel Kameras hängen. Und als die Pokerräuber nach dem Überfall durch das Einkaufszentrum am Potsdamer Platz rennen, reißen sich einige von ihnen die Masken vom Gesicht, obwohl auch dort überall Überwachungskameras sind. Danach springen die vier in ihren Fluchtwagen, eine schwarze Mercedes C-Klasse, die in der Nähe geparkt ist, und rasen davon. Doch was sie nicht wissen, ist, dass ein aufmerksamer Zeuge sich das Kennzeichen notiert hat. Bei Profis könnte man jetzt davon ausgehen, dass sie das Fluchtauto oder zumindest das Kennzeichen geklaut haben. Aber auch daran haben die vier Pokeräuber nicht gedacht. Der schwarze Mercedes wurde erst wenige Tage zuvor in einem Autohaus gebraucht, gekauft, bar bezahlt und auf einen Vedat S zugelassen. Der ist 21 Jahre alt, hat keine Ausbildung und bezieht Sozialhilfe. Schon ganz kurz nach dem Überfall haben die Ermittler bereits den Namen einer der vier Räuber und sind sich sicher, bald alle vier hinter Gitter zu bringen. Einer der Ermittler nennt das Verhalten der vier Pokeräuber später eine neue Dimension von Dummheit. Das ist auch ein schönes Zitat. Ja, das ist wahrscheinlich eines der besten Zitate sogar.
Also, wenn ich das jetzt so höre, ich höre das ja auch zum ersten Mal. Ich war zwar vor 15 Jahren, ich habe das natürlich mitbekommen, aber war natürlich nicht so drin im Thema. Und ich habe mir das jetzt auch das erste Mal aus der Sicht angehört. Und ich muss sagen, das ist natürlich... Es gibt für mich zwei Möglichkeiten. Entweder das war wirklich nicht von langer Hand geplant und dann doch eher eine spontane Aktion, die sich die vier einfallen lassen haben oder vielleicht auch fünf, je nachdem, wer noch involviert war. Oder es sind wirklich nicht die schlauesten Leute. Ich habe nicht daran schon mal gedacht, ein Verbrechen zu begehen, aber man denkt ja auch manchmal über Sachen nach und wie würde man irgendwas machen, wenn man es machen würde. Und natürlich, wenn du ein bisschen drüber nachdenkst, du hast es ja gerade schon selber gesagt, da sind überall Kameras. Sie haben nicht mal das Auto sich die Mühe gemacht, das Nummernschild zu klauen und das Nummernschild zu wechseln. Also es spricht für mich... Nicht gerade von hoher Intelligenz, wie du schon gerade gesagt hast.
Also man könnte jetzt eigentlich denken, einen haben sie schon mal, also zumindest den Namen haben sie schon mal, weil der ja so doof war, das Auto auf seinen Namen zu kaufen und damit kommt man dann auch an die anderen ran. Wobei man sagen muss, es ist nicht ganz so einfach, wie die Polizei sich das vorgestellt hat. Also die Täter sind zwar ziemlich amateurhaft vorgegangen, ganz dumm sind sie aber natürlich nicht. Und deshalb bringt es auch wenig, dass die Polizei die Adresse von W.S. In Berlin-Kreuzberg observiert. Denn hier taucht er natürlich nicht auf. Er kann sich ja wahrscheinlich denken, dass er gesucht wird. Dafür hat mittlerweile ein Informant der Polizei bestätigt, dass der 21-Jährige bei dem Überfall dabei war. In der Zwischenzeit gehen die Fotos und die Videos des Überfalls um die Welt und alle machen sich über die Dummheit der vier Pokerräuber lustig. Der Spiegel nennen sie zum Beispiel die Trottligen vier. Und das spricht sich natürlich auch im Umfeld der Täter herum. Der Druck auf sie steigt. Trotzdem wird es knapp eine Woche dauern, bis sich weder der S in Gesellschaft seines Anwalts der Polizei stellt. Der 21-Jährige weiß wohl, wie eng die Ermittler ihm mittlerweile auf den Fersen sind und hofft jetzt wahrscheinlich auf eine mildere Strafe, wenn er sich stellt und auspackt.
Und so gesteht Widdert, dass er der Räuber mit der roten Jacke war, den Sicherheitsmann Roman H. zumindest kurzzeitig stoppen konnte. Er erklärt den Ermittlern, dass er die Aufgabe hatte, das Hotel vor dem Überfall auszukundschaften. Dabei habe er gesehen, dass das Sicherheitspersonal keine Waffen hatte und dem Rest der Bande Bescheid gegeben. Jetzt wollen die Ermittler natürlich wissen, wer die anderen drei Pokerräuber sind. Was denkst du Max, packt der Werder jetzt aus, wo er sich schon bei der Polizei gemeldet hat? Ja, es klingt ganz so. Also ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich mich dazu entscheide, also ich persönlich nicht, aber natürlich, wenn man sich dazu entscheidet, sich dann zu stellen und nicht mehr auf der Flucht zu sein, dann überlegt man natürlich schon, wie rettet man jetzt seinen eigenen Arsch. Zumindest machen das viele. Und klar, wenn er jetzt auspackt und sagt, dass er dabei war, dann irgendwann kommst du so ins Kreuzverhör, glaube ich, dass du dann automatisch dann mit dem Druck der Polizei einfach auch die anderen drei Namen weitergibst, auch wenn das vielleicht nicht ganz so clever ist.
Ja, und wahrscheinlich auch nicht so gut ankommt bei deinen Kollegen. Das kommt ja dann auch nochmal dazu. Und was du gerade gesagt hast, man versucht sich da so ein bisschen gut darzustellen. Für mich klingt das auch so, weil er sagt ja nur, ja, eigentlich wollte ich ja nur auskundschaften, was auch wieder nicht so schlau ist, weil ja ganz eindeutig auf den Videos zu sehen ist, dass er das Geld hatte und dass er eine Waffe hatte. Also es ist ja auch nicht nur, ich habe da mal reingeschaut in die Lobby. Ja, das macht ja auch im Endeffekt keinen Unterschied. Also natürlich auf den Videos ist ja auch klar zu erkennen, aber du bist Teil des Raubüberfalls und ich glaube, da kriegt jeder die gleiche Strafe. Ich weiß nicht, wie das heutzutage ist, ob man da überhaupt was aushandeln kann, ob das noch möglich ist heutzutage, aber grundsätzlich muss ich sagen, alle vier sollten meiner Meinung nach gleich bestraft werden. Aber jetzt, wie du es ja auch gerade erzählt hast, es hört sich einfach so an, als wenn das gar nicht so von langer Hand geplant ist. Wenn er das Hotel auskundschaften sollte, war das ja relativ spontan, glaube ich. Also ich glaube, das war nicht von langer Hand geplant. Kommen wir gleich zu, ob du recht hast oder nicht. Aber du hast zumindest in einer Einschätzung schon mal recht, dass WEDA tatsächlich auspackt. Also er macht dann kurz eine Pause, überlegt sich das alles nochmal und dann nennt er den Ermittlern tatsächlich die Namensender drei Komplizen.
Ahmad L.A., Mustafa U. und Dschihad C. Sie alle sind zwischen 19 und 20 Jahre alt, in Kreuzberg und Neukölln aufgewachsen und kennen sich wohl schon aus dem Sandkasten. Die vier kommen aus der Türkei und dem Libanon. Sie alle haben ihre Ausbildung abgebrochen, sind arbeitslos und leben zum Teil von Sozialhilfe. Und sie sind für die Polizei keine Unbekannten.
Körperverletzungen, Diebstahl und Drogendelikte stehen in ihrer Akte. Einer von ihnen, Mustafa U., wird bei der Polizei sogar als Intensivtäter geführt. Natürlich werden die drei sofort zur Fahndung ausgeschrieben, doch sie sind untergetaucht. Kurz danach gehen ihre Bilder durch die Presse. Es wird vermutet, dass sie sich ins Ausland abgesetzt haben könnten. Doch die Polizei kennt jetzt ihre Identität, weiß, wo sie wohnen und wer zu ihrer Familie gehört. Damit steigt der Druck. Weitere Festnahmen sind nur noch eine Frage der Zeit, vermutet die Polizei. Und die Ermittler sollen Recht behalten. Nur zwei Tage später überprüft eine Zivilstreife am U-Bahnhof Rosenthaler Platz in Berlin vier Personen.
Als alle sich ausweisen sollen, gibt einer der Männer einen langer Schlags mit schlechter Haut direkt zu. Ich glaube, ihr sucht mich. Es ist Ahmad L.A. und er wirkt fast schon erleichtert, dass er sich nicht weiter verstecken muss. Doch zwei der Täter sind immer noch auf der Flucht, auch wenn mittlerweile weltweit nach ihm gefahndet wird. Die Ermittler vermuten schnell, dass sich der vorbestrafte Mustafa U. In die Heimat seiner Eltern in die Türkei abgesetzt hat. Sein Anwalt meldet sich schließlich bei der Polizei und kündigt an, dass Mustafa U. aus Istanbul zurückkommt, um sich zu stellen. Am Samstag, den 20. März, also genau zwei Wochen nach dem Überfall, landet er vormittags mit einer Maschine der Turkish Airlines in Berlin-Tegel und wird dort sofort vom LKA festgenommen. Wenige Stunden später wird am selben Flughafen auch sein Komplize Giazee festgenommen. Der 19-Jährige hatte sich in den Libanon abgesetzt. Er wirkt entspannt, trägt eine braune Lederjacke und ein ockerfarbenes Hemd. Kurz vor dem Abflug aus Beirut kauft er sich im Duty-Free noch eine Stange Marlboro. Also die kann er vielleicht im Knast ganz gut gebrauchen. Im Flugzeug setzt er sich in die letzte Reihe und schlägt die Zeitung auf, um darin zu blättern. Möglicherweise will er checken, was so alles über ihn berichtet wird. Und direkt am Rollfeld in Berlin erwartet ihn dann die Polizei. Und damit sind alle vier festgenommen, zwei Wochen nach dem Überfall.
Ja, das hat sich so angehört, als wenn das jetzt wirklich sehr, sehr lange gedauert hat. Aber ich muss sagen, nach so einem Überfall zwei Wochen ist schon gute Arbeit der Polizei oder eben, wie wir das schon gesagt haben, sehr, sehr schlechte Vorbereitung der Täter. Aber dass der Druck dann am Ende auf die drei anderen, die ja namentlich dann von dem einen Täter schon verraten wurden, dass der Druck dann so groß wird, dass sie irgendwann sich selber stellen müssen oder gefasst werden, ist, glaube ich, dann auch verständlich, weil die Familien wussten Bescheid, dass ihre Kinder, Cousins, was auch immer gesucht werden. Und die Jungs machen jetzt auch nicht auf mich den Eindruck, dass sie das alles perfekt geplant haben, dass sie das nur für sich behalten haben, sondern es scheint mir so, als hätten sie damit auch nicht geprahlt, aber als hätten sie auch andere damit eingeweiht. Und das ist natürlich bei so einem Verbrechen ein Riesenfehler, weil klar, du vertraust einigen Personen, denen du meines Erachtens dann auch nicht vertrauen darfst. Weil bei Verbrechen sind viele dann auch so, dass sie dann die Freundschaft eben vergessen und sagen, ja, das ist mein Cousin, der hat mir das erzählt.
Und deswegen, ja, keine sehr clevere Tat. Nee, keine sehr clevere Tat. Und das ist ganz oft nämlich so, dass die Leute unterschätzen, dass andere Leute eben nicht die Schnauze halten. Also ganz viele Täter werden gefasst, weil sie es irgendwem erzählen und derjenige oder diejenige das dann nicht für sich behalten kann. Und auch dieses Leben auf der Flucht, das stellt man sich ja immer so wahnsinnig glamourös vor. Aber richtig geil ist es, glaube ich, nicht. Und die haben ja jetzt auch nicht so viel Geld zu viert eingenommen, dass du jetzt den Rest deines Lebens irgendwo auf einer Karibikinsel chillen kannst. Also 240.000 Euro durch vier ist jetzt nicht so viel. Und selbst in der Türkei oder im Libanon kannst du jetzt nicht den Rest deines Lebens davon leben und dich in irgendeiner Villa verstecken. Ne, also ich sag mal, da kannst du vielleicht...
Ein Jahr oder zwei, zwei Jahre kriegst du wahrscheinlich auch hin, dich irgendwo im Ausland aufzuhalten. Aber irgendwann wird das Geld auch knapp. Aber ich glaube, es lag auch wirklich nicht daran, dass das Geld jetzt schon ausgegangen ist nach zwei Wochen, sondern eher daran, dass einfach man sich ja auch in der Türkei, wo die Bilder dann um die Welt gegangen sind, auch nicht wirklich verstecken kann. Also auch da wird das ein Thema gewesen sein. Auch da hast du Familienangehörige, die vielleicht auf dich einreden und sagen, ey, was hast du da in Deutschland gemacht? Du musst dich stellen. Du bist jung, du musst deinen Fehler einsehen, du musst Reue zeigen und vielleicht kriegst du als junger Ersttäter, wenn es denn dein Ersttäter war, wir haben ja gesagt, der eine oder andere war schon Polizei vorbestraft, kriegst du vielleicht zwei, drei Jahre, wenn du Pech hast, sonst vielleicht noch heutzutage in Deutschland, man weiß es ja nicht, vielleicht kriegst du auch Bewährung und dann kannst du nochmal neu anfangen, sozusagen, aber... Dich ewig verstecken, das geht halt sowieso nicht. Das stimmt. Vielleicht ist das der richtige Moment, sich unsere vier Pokerräuber mal ein bisschen genauer anzugucken. Man kann sagen, dass ihre Biografien ziemlich ähnlich sind.
Vedat, also der Mann mit der roten Jacke, ist im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie aus der Türkei nach Kreuzberg gekommen. Er hat insgesamt elf Geschwister, sechs Schwestern und fünf Brüder. Die BZ spekuliert damals auch darüber, dass sein Vater noch eine zweite Frau und Vedat damit sogar insgesamt 17 Geschwister hat. Aber das konnte ich nicht verifizieren. Fest steht aber, dass er in einer sehr großen Familie aufwächst. In der Grundschule läuft es gut für Vedert und er bekommt eine Empfehlung fürs Gymnasium. Da packt er es dann aber doch nicht. Er macht seinen Realschulabschluss und versucht sich danach noch am Fachabi. Aber das bricht er irgendwann ab. Auch einen Ausbildungsplatz zu finden fällt ihm schwer und irgendwann gibt Vedert die Suche ganz auf. Im Jugendclub bringt der Jüngeren Breakdance bei. Ansonsten chillt er viel zu Hause oder draußen mit seinen Freunden im Gräfekiez in Kreuzberg. Aber irgendwann rutscht Vedat ab. Zuerst zieht er einem Jugendlichen sein Handy ab. Das nächste Mal wird er in eine Schlägerei verwickelt. Das sind jetzt erstmal kleinere Dinge, aber die sorgen dafür, dass sein Name bei der Polizei im System landet. Dann wird ihm irgendwann die Sozialhilfe gestrichen und Vedat fängt an, Drogen zu nehmen. Erst ein paar Joints, dann Koks und das Schmerzmittel Tididin. Das ist recht leicht zu bekommen und wirkt einerseits euphorisierend.
Macht einen andererseits aber auch so ein bisschen gleichgültig. Deshalb ist es bei den Jugendlichen in Kreuzberg und Neukölln besonders beliebt. Mittlerweile lebt Vedat mit drei seiner Brüdern in einem heruntergekommenen Wohnblock in der Ritterstraße in Kreuzberg, gleich gegenüber von einem Wettbüro. Eine Etage tiefer wohnen die Eltern. Die Rollenverteilung in der Familie ist klar, die Mutter ist Hausfrau, der Vater Frührentner und zu Hause gelten strenge Regeln. Respekt vor den Älteren ist ganz wichtig. Vedats drei Komplizen, Dschihad, Ahmad und Mustafa, wohnen nur ein paar Straßen entfernt. Mustafa kam genau wie Vedat schon als kleiner Junge aus der Türkei nach Berlin. Da war er gerade mal drei Jahre alt. Die beiden sind seit der Kindheit eng miteinander befreundet.
Mustafas Vater arbeitet bei einer Reinigungsfirma. Sein jüngerer Bruder sitzt seit anderthalb Jahren im Gefängnis. Der nur 1,68 Meter große Mustafa ist von den Vieren derjenige mit dem dicksten Vorstrafenregister. Neben Körperverletzungen hat er schon als Jugendlicher acht Raubüberfälle begangen und landet dafür drei Jahre im Jugendknast. Er ist gerade mal einen Monat auf freiem Fuß, als er mit seinen Kumpels das Pokerturnier im Hyatt überfällt. Als Mustafas Vater erfährt, dass sein Sohn wohl bald wieder in den Knast muss, sagt er einer Berliner Zeitung, mir blutet das Herz, warum tut er unserer Familie so etwas an?
Und auch die anderen Mitglieder der Pokerraub-Gang, Jihad und Ahmad, kennen sich von der Straße. Beide teilen das gleiche Hobby, Boxen. Und beide sind ziemlich ehrgeizig in diesem Sport und auch relativ erfolgreich. Das Boxen ist für sie und viele andere Jugendliche nämlich mehr als nur ein Sport. Es gibt ihnen Halt, sie merken, dass sie etwas schaffen können. Ahmad wächst in einer streng muslimischen Familie auf. Sein Zimmer muss er sich mit zwei Brüdern teilen. Draußen ist er eher der Außenseiter. Das hat sich mit dem Boxen geändert, erzählt er später vor Gericht. Hier ist er der Sieger und seine Freunde und Trainer beschreiben ihn als sehr sympathischen, hilfsbereiten jungen Mann. Die Jungs lernen schon früh, dass Anerkennung die Währung ist, die zählt. Vielleicht auch deshalb fällt Ahmad der Umgang mit Niederlagen so schwer. Als er nach langer Zeit seinen ersten Boxkampf verliert, wirft der Gesamtschüler das Handtuch. Danach, so erzählen es Bekannte später, gerät er auf die schiefe Bahn. Ähnlich verläuft es auch mit seinem ein Jahr jüngeren Kumpel Gihad. Auch der ist ein talentierter Boxer, wird sogar Berliner Meister im Weltergewicht, also in der Gewichtsklasse bis 69 Kilo. Gihad war ein guter Junge, immer pünktlich adrett gekleidet, höflich diszipliniert, erinnert sich sein früherer Boxtrainer vom Boxverein Viktoria 71.
Doch auch Gihad kommt irgendwann nicht mehr zum Training und rutscht ab. Mit 19 hat er bereits einige Vorstrafen, zum Beispiel wegen Raubes und wegen gefährlicher Körperverletzung. Trotzdem kann in seinem Boxclub keiner glauben, dass Dschihad einer der vier Pokerräuber sein soll. Er ist nicht gerade der Hellste, sagt dort ein Clubmitglied der BZ, aber so etwas Dummes hätten wir ihm nie zugetraut. Früher wollten Dziad und sein Kumpel Ahmad Polizisten oder Rettungssanitäter werden. Ihr Kumpel Vedat träumt von einer Ausbildung als Immobilienkaufmann, doch keiner von ihnen schafft es aus dem Kiez. Eigentlich habe ich nur Freunde, die nichts machen, erzählt Vedat später beim Prozess seinem Gerichtshelfer. Einmal versucht er vor dem Überfall noch aus der Sache rauszukommen und irgendwie so eine Art Karriere zu starten. Er leiht sich von seinen Freunden Geld und will damit einen Marktstand für Boxershorts und Socken eröffnen. Aber das Projekt scheitert, schon bevor der Stand überhaupt steht. Vedert hat also kurz vor dem Überfall eine Menge Schulden. Seine Schwester sagt später über ihn, der hat einfach mitgezogen, weil er verzweifelt war. Er wollte einfach einer von denen sein. Und das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Punkt. Hier geht es nicht nur um Geld, also natürlich logischerweise auch um Geld, sondern auch ein bisschen um diese Anerkennung. so, wir sind die Macker, wir haben jetzt hier das Pokerturnier überfallen. Ja, das klingt alles so. Das ist natürlich kein Entschuldiger, aber man sieht einfach, wie schmal einfach der Zwiespalt auch ist.
Ich kann es schwer erklären, es ist aber gerade, wenn man so die Geschichten hört, das ist einfach so ein ganz, ganz, ganz kleiner Turnaround der Leute einfach von guten Jungs, die vielleicht versuchen, was zu schaffen, dann auch auf so eine schiefe Bahn rutschen lassen. Und jeder der vier Täter hat sozusagen seine eigene Geschichte.
Gerade bei Vedat hört man ja, er war, glaube ich, als Kind nicht der Dümmste. Er war auf dem Weg, irgendwas zu schaffen. Aber so kleine Dinger führen dann dazu, dass du einfach abrutscht. Und das ist ja nicht nur bei den vier der Fall. Das ist jetzt ein extremer Fall, weil die halt so weit gehen, dass sie am Ende ein Pokerturnier überfallen. Vielleicht auch aus einer gewissen Verzweiflung heraus, weil sie das als letzte Möglichkeit sehen. Aber es gibt natürlich viele von diesen Kindern, gerade in Berlin, in Kreuzberg, in Neukölln, die dann einfach auch durch die Mitmenschen, mit denen sie sozusagen zu tun haben, sich runterziehen lassen. Und das ist natürlich ein ganz gefährliches Ding. Es sind manchmal Kleinigkeiten, die darüber entscheiden. Ein Boxkampf, wir haben es gerade gehört. Mit Niederlagen können die Jungs dann in dem Moment nicht umgehen, weil sie lange für diese Anerkennung gekämpft haben. Sie haben dann diese Anerkennung im Boxstudio bekommen, haben ihre Kämpfe gewonnen, haben sich irgendwie...
Erkannt gefühlt, sag ich mal. Ja, gesehen. Genau, gesehen gefühlt, richtig. Und dann eine Niederlage, an der du eigentlich wachsen solltest und sagst, jetzt erst recht, ich stehe wieder auf, führen dann zu so einem Umdenken oder durch deine Mitmenschen oder Jungs, die vielleicht selber nichts erreichen und die dich dann mit einem Ruck wieder runterziehen in den Abgrund und dazu führt, dass du dann so eine Dummheit begehst. Das ist einfach traurig. Das ist einfach schade, aber leider heutzutage viel größere Realität, als wir uns das wünschen.
Voll. Ich habe gerade so ein bisschen drüber nachgedacht, Sport spielt ja in dieser Geschichte auch eine Rolle. Also Boxen hätte ja eine Rettung sein können. Hast du dich schon mal gefragt, was aus dir geworden wäre, wenn es bei dir nicht Fußball geworden wäre? Also wo du gelandet wärst? Also ich wurde öfter gefragt, was wäre aus dir geworden. Also ich habe jetzt auch nicht so eine große Bestimmung gehabt in meinem Leben, wo ich sage, das ist jetzt das, was mich so mega neben dem Fußball interessiert hat. Bei mir war eigentlich schon seit meinem sechsten Lebensjahr klar, ich werde Fußballprofi. Also in meinem Kopf zumindest, egal was passiert. Das ist das, was ich mir für mein Leben vorgenommen habe. Und natürlich hätte es auch bei mir diesen Punkt geben können, ja, Max, du wirst kein Fußballprofi. Was machst du jetzt? Und ich habe Angst vor dieser Situation, sage ich dir ganz ehrlich. Ich habe Angst vor dieser Situation oder ich hatte Angst vor dieser Situation.
Weil in meinem Kopf gab es nur diesen Sport. Und natürlich, wenn du dann aus diesem Umfeld oder aus deinen Träumen gerissen wirst, das kann, ich sage nicht, dass es bei mir passiert wäre, weil ich glaube, dass ich auch so relativ gut im Leben gestanden. Ich habe trotzdem nebenbei aufgrund meiner Eltern meine Ausbildung gemacht. Mir ging es finanziell durch meine Eltern nie so schlecht, dass ich mir Sorgen um mein nächstes Essen machen musste. Es ist ja auch ein anderer Fall wie vielleicht bei den Jungs, bei den Tätern, die jetzt mit zum Beispiel zwei ihrer Brüder in einem Zimmer schlafen mussten. Das gab es bei mir nicht. Also mir ging es nie so schlecht, dass ich mir darüber hätte Gedanken machen müssen. Aber natürlich, wenn Sport dein Halt ist und du dann so rausgezogen wirst und so ein Negativerlebnis hast, Ich weiß nicht, was mir passiert wäre. Aber ich wüsste auch heute noch nicht, was wäre dann der Sinn meines Lebens gewesen. Von daher kann ich dir das schwierig beantworten, was dann passiert wäre. Ja, aber ich glaube auch, dass es eben diese Momente im Leben gibt, wo das halt in eine ganz andere Richtung kippen kann. Das sind, glaube ich, oft nur Kleinigkeiten. Stell dir mal vor, du hättest dich mit 15, 16 schwer verletzt irgendwie in dem Sport. Hätte alles ganz anders aussehen können.
Jetzt sind wir wieder bei den Vieren, also wir kehren zu den Vieren jetzt wieder zurück. Alle sind jetzt in Haft und Vedat hat ja als Erster ausgepackt und damit ja eigentlich gegen die ungeschriebenen Regeln verstoßen, die es in seinem Kiez gibt, weil er eben geplaudert hat. Aber auch seine Komplizen reden und gestehen den Raub im Hayat Hotel. Aber es gibt ein Problem. Die Beute ist verschwunden. Einer der vieren erzählt den Ermittlern, dass sie das Geld untereinander aufgeteilt haben. Laut den Ermittlern soll jeder von ihnen etwa 40.000 Euro bekommen haben. Mustafa U. Dagegen behauptet, sein Anteil habe nur 9.000 Euro betragen. 4.000 Euro davon gibt er bei seiner Festnahme zurück.
Den Rest des Geldes will er auf der Flucht in der Türkei ausgegeben haben. Seine drei Komplizen schweigen über ihren Anteil der Beute. Doch alle haben mittlerweile den Überfall gestanden. Der Fall ist so gut wie gelöst. Aber eigentlich, denn einiges passt hier nicht so richtig zusammen. Über das perfekte Timing des Überfalls haben wir ja schon kurz gesprochen und der schlaue Max hatte schon die Idee, dass da vielleicht noch jemand im Hintergrund eventuell tätig war. Und da ist eben die Frage, gab es einen Insider, gab es irgendjemand, der wusste, wann man am besten zuschlägt und es wirkt alles so ein bisschen so, als wären Vedat, Mustafa, Dschihad und Ahmad von jemandem vorgeschickt worden, um die Drecksarbeit zu machen. Aber wer ist dieser Drahtzieher? Am Ende ist es Mustafa, der einen Namen nennt und zwar den von Ibrahim L.M., den alle nur Onkel Ibo nennen, weil er mit Dschihad verwandt ist. Onkel Ibo ist 28 Jahre alt, gelernter Kfz-Mechaniker, arbeitslos und hat ebenfalls einige Vorstrafen. Die Ermittlungen ergeben, dass Ibo derjenige ist, der am Morgen des Raubes Dschihad anruft und ihn bittet, ein paar Jungs zusammen zu trommeln. Keiner der vier jungen Männer weiß, um was es bei dem Treffen gehen soll. Sie treffen sich bei McDonalds am Potsdamer Platz in der Nähe des Hotels.
Erst hier erzählt Onkel Ibo den anderen von dem Plan und verspricht ihnen die große Kohle, wenn sie mitmachen. Chiad ist zwar nicht begeistert, aber weil einer der anderen Jungs nicht mitmachen will, soll er einspringen. Ibrahim macht seinem Neffen ganz deutlich, dass es da keine Diskussion gibt. Wer nicht mitmacht, über den wird im Kiez gelacht. Den halten alle für klein, soll er gesagt haben.
Dschihad erinnert sich später vor Gericht, ich fühlte mich getrieben und unter Druck gesetzt. Und so macht er bei dem Raub mit. Onkel Ibo verteilt dann Waffen, Sturmmasken und Handschuhe mitten bei McDonalds. Und genau deshalb können sich Zeugen später auch gut an die Gruppe erinnern, vor allem anwedert mit seiner roten Jacke. Sie bekommen sogar noch mit, wie sich einer der vier etwas Längliches unter sein T-Shirt steckt. Wahrscheinlich die Machete. Die soll Ahmad nehmen, weil er der größte der vier ist. Nur einer geht leer aus. Für Vedat gibt es keine schwarzen Handschuhe mehr, nur noch gelbe Putzhandschuhe. Weil ihm das aber zu peinlich ist, trägt er lieber gar keine, wie wir wissen, keine besonders gute Idee. Er hinterlässt dadurch als einziger Fingerabdrücke am Tatort. Onkel Ibo ist es auch, der nach dem Überfall den Fluchtwagen fährt. In einer Tiefgarage teilt die Gruppe das Geld unter sich auf. Die Beute liegt dabei ganz offen auf der Motorhaube. Und ich habe es ja gerade schon erwähnt, die vier Räuber sollen jeder knapp 40.000 Euro bekommen haben, auch wenn sie später was anderes behaupten. Der Rest, also mehr als 80.000 Euro, den behält Onkel Ibo. Das klingt jetzt nicht wirklich nach einem guten Deal, weil die haben das Risiko und Onkel Ibo streicht die Kohle ein.
Ja, also ein guter Deal ist es absolut nicht. Aber wir haben es ja gerade schon gehört, also der Druck von Onkel Ibo war schon relativ groß. Ich glaube, er hat die richtigen Träger gesetzt, um die Jungs irgendwie davon zu überzeugen. mit der Sache, im Kiez wird über dich gelacht. Ich glaube, damit kriegst du so Jugendliche, die ja um, wir haben es ja gerade schon mehrfach besprochen, es geht den Jungs um Anerkennung, um das Gesehenwerden in der Gesellschaft und keine Witzfigur zu sein. Und wenn du diese Triggerpunkte irgendwie setzt, dann überzeugst du halt solche Jugendlichen auch. Und wenn du dann auch noch der Onkel bist, als 18-, 19-Jähriger in Berlin-Neukölln oder in Berlin-Kreuzberg, der sowieso keine gute Kindheit wahrscheinlich hatte, ist es für diese Jungs, auch wenn sich das jetzt komisch anhört, so ein Verbrechen begehst du nicht für 40.000 Euro normalerweise. Aber für einen Jungen aus Kreuzberg, aus Neukölln, der so viel Geld noch nie in der Hand hatte, sind 40.000 Euro eine richtig große Menge Geld. Und man muss ja dazu sagen, der Plan war ja nicht, 240.000 Euro mitzunehmen, sondern 700.000 mitzunehmen. Das heißt, es wäre auch nochmal das Dreifache für jeden. Das heißt, jeder hätte so.
Ungefähr 120.000, 150.000 Euro bekommen und so hat Onkel Ibudi wahrscheinlich auch gelockt und für die hat sich das in dem Moment einfach dann auch gelohnt und vielleicht war es auch in dem Moment, du wolltest einfach nicht Nein sagen. Also die sind jetzt auch, wie wir schon gesagt haben, nicht die Schlausen, dass die jetzt groß drüber nachdenken, aber, Und allein schon, dass er sagt, mir sind gelbe Handschuhe zu peinlich, da weißt du schon, das Verbrechen kann nicht funktionieren. Es kann nicht funktionieren. Auch wenn er die Handschuhe angehabt hätte, allein, dass man die Masken runterzieht, das ist einfach null durchdachten. Du hast es gerade selber gesagt, bei McDonalds morgens vor dem Überfall haben sie sich das erste Mal getroffen und angefangen zu planen.
Also auch wenn da nur drei Sicherheitsmänner sind, die deutsche Polizei ist nicht blöd. Von daher war es, glaube ich, ein Verbrechen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt war, wenn man das jetzt so hört. Absolut und es trifft eigentlich alles zu, was du ganz am Anfang schon gesagt hast. Also es klingt so, als haben sie es kurz vorher geplant und genau so war es ja auch. Also kaum Vorbereitungszeit. Und das sind alles natürlich nur Erklärungen, keine Entschuldigungen. Das ist halt trotzdem verbrechend, gar keine Frage. Aber ich glaube auch, für jemanden, der nie viel Geld verdient hat, der mit seinen drei Geschwistern in einem Zimmer schläft, ist ja 40.000 Euro eine unvorstellbar große Summe Geld erstmal.
Absolut, ich sage es ja gerade der wird so viel Geld noch nie in seinem Leben gesehen haben wenn dann jemand kommt und verspricht dir das sind nur drei Sicherheitswaffen du musst nicht mal eine Waffe benutzen ihr geht da rein, holt euch die Tasche es ist eine Tasche es muss ein Insider gegeben haben der gewusst hat, dass das Geld zu dem Zeitpunkt noch nicht im Tresor ist also entweder es ist jemand, der Bescheid wusste wann das Geld in den Tresor kommt, Oder es war jemand vor Ort und hat gesehen, dass die Tasche da liegt und hat gesagt, jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Weil der Zeitpunkt zwischen, dass die zwei Securities Pause machen und dass das Geld noch nicht im Tresor ist, das ist ein kleines Zeitfenster, das kannst du vorher nicht planen. Also es muss eigentlich meiner Meinung nach jemand vor Ort gewesen sein, der gesehen hat, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, die zwei gehen zur Pause, jetzt müsst ihr reinkommen. Und wenn dir dann versprochen wird, du musst einfach nur die Tasche nehmen, da passiert nichts, die sind nicht bewaffnet und du kriegst 150.000, dann wird es wahrscheinlich Überzeugung genug gewesen sein für die Jungs zu sagen, wir machen das jetzt eben.
Ja, du hast gerade noch mal was ganz Wichtiges angesprochen. Wahrscheinlich ist Onkel Ibo jetzt noch nicht das Ende der Fahnenstange, denn ein Teil des Geldes ist wohl auch an diesen Tippgeber gegangen, der eben wusste, wann das passende Zeitfenster ist. Es gibt damals Gerüchte, wer dieser Tippgeber sein könnte natürlich und auch die Sicherheitsleute könnten irgendwie mit drinstecken. Das ist so das, was damals geredet wird. Das bekommt auch Michael Kur mit, der Chef der beauftragten Security-Firma. Und natürlich will der ehemalige Kickboxer das nicht auf sich sitzen lassen, weil er auch schon lange mit der Berliner Polizei zusammenarbeitet und ich glaube so gerade Sicherheitsbranche, da ist der gute Ruf schon echt wichtig, wenn du halt weiter Aufträge haben möchtest. Und deswegen beschließt der muskulöse Glatzkopf, den alle nur Mike nennen, auf eigene Faust zu ermitteln. Als sich Kurt die Bilder der Überwachungskameras aus der Zeit vor dem Überfall nochmal genauer anschaut, entdeckt er ein bekanntes Gesicht. Ein breit gebauten Mann, Anfang 30, mit schwarzem Oberteil und gegelten schwarzen Haaren und einer sehr teuren Uhr. Dieser Mann sitzt drei Tage vor dem Überfall an einem Pokertisch im Hyatt direkt neben Autorin Charlotte Roach. Und auch am Tag des Überfalls ist der Mann auf den Bildern der Kameras im Foyer des Hotels zu sehen, halb verdeckt von einer Säule.
Kurz nachdem dort das Chaos ausgebrochen ist, verschwindet er und Michael Kuh kennt den Mann mit dem Spitznamen Momo. Er weiß sogar seinen kompletten Namen Mohammed an. Weil das ist, kann man glaube ich sagen, in Berlin ein relativ bekanntes Gesicht.
Mohamed A., alias Momo, ist damals 31 Jahre alt und gehört zu einer bekannten Berliner Großfamilie. Kurzer Hinweis an der Stelle, das Thema Großfamilien haben wir schon bei Verbrechen von dem Mann in Folge 104 besprochen, als es um den Raub im grünen Gewölbe ging. Oft geht es da ja, also Oberthema so Clan-Kriminalität und dieser Begriff Clan ist halt umstritten, weil er natürlich bestimmte Bilder erzeugt. Und außerdem eben nur für Menschen mit Migrationshintergrund verwendet wird, sozusagen als Abgrenzung gegenüber Deutschen und Weißen Verdächtigen. Und auch wenn ich es total wichtig finde, über dieses Thema zu sprechen, weil es ist ja definitiv ein Problem, ist ein Großteil der Menschen, die zu diesen Familien gehören, eben nicht kriminell. Und deshalb nenne ich den vollen Nachnamen der Familie in diesem Podcast nicht, auch wenn viele von euch natürlich wissen, um welche Familie es geht. Also zurück zu Momo. Das ist der jüngere Bruder von Arafat A., dem Oberhaupt der Familie, und ehemaligen Manager von Bushido. Also spätestens jetzt wissen die Leute wahrscheinlich, von welcher Familie ich rede. Die Familie ist Mitte der 70er vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Berlin geflohen. Experten schätzen, dass die Großfamilie in Berlin zwischen 150 und 300 Mitglieder hat. Genau weiß das allerdings niemand. Viele leben offiziell von Sozialhilfe oder auch eben von ganz normaler Arbeit. Aber ein Teil von ihnen wird regelmäßig kriminell. Einige der männlichen Familienmitglieder sind in alles Mögliche verstrickt. Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution und Geldwäsche. Also eigentlich alles, was die organisierte Kriminalität so hergibt.
Gleichzeitig soll es auch enge Verbindungen zu den Hells Angels geben. Viele der Familie A saßen schon mehrfach im Gefängnis. Manche von ihnen haben einen libanesischen Pass, andere gar keinen oder einige auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Doch der kriminelle Teil der Familie interessiert sich nicht für den deutschen Rechtsstaat und lebt nach eigenen Regeln. Das Zentrum ihrer Macht liegt vor allem in Berlin-Neukölln, genauer gesagt an der Kopfstraße. Ein Bereich, den auch die Polizei lange Zeit lieber gemieden hat. Die Ermittler fragen sich jetzt aber, hat Mohamed A. etwas mit dem Überfall auf das Pokerturnier zu tun? Das würde im ganzen Fall eine ganz andere Richtung geben. Eine Überprüfung der Handydaten ergibt, dass Momo tatsächlich während des Überfalls vor Ort war und dabei auffällig oft telefoniert hat mit Onkel Ibo. Das ist die Verbindung, nach der die Ermittler gesucht haben. Knapp drei Monate nach dem Überfall wird Mohamed A. Festgenommen. Und da haben wir den Hintermann, den du schon die ganze Zeit vermutet hattest. Befürchtet habe, sagen wir es so.
Ja, die Geschichte machte einfach anders keinen Sinn. Also es musste jemanden geben, der diese Infos weiterleitet. Und ja, auch das ist natürlich nicht wirklich clever geplant. Also, dass die Verbindung irgendwann zu der Person führt, die mit Onkel Ibo dann telefoniert hat, wenn Onkel Ibo gefasst wird. Auch das passiert. Ist ja zu erwarten, also auch das muss man ja bei so einer Planung eines Raubüberfalls, musst du ja sowas mit bedenken und eigentlich macht diese Familie, dessen Namen du jetzt nicht sagen möchtest.
Solche Fehler eher selten. Also es ist jetzt auch nicht so, dass sie für Raubüberfälle bekannt sind, sondern eher für andere Delikte. Aber trotzdem müsste man da erwarten, dass die da cleverer sind und einfach schlauer vorgehen als in diesem Fall. Aber es ist halt auch schon 16 Jahre her. Ich glaube auch die haben dann mit der Zeit gelernt. Ja, ich komme später nochmal zu anderen Sachen, die die so noch gemacht haben. Aber ja, da hat sich glaube ich was getan. Man muss sagen, zum Glück für die Ermittlungsbehörden und für die Justiz haben die sich alle eben in diesem Fall nicht so richtig schlau angestellt. Mitte Juni 2010 beginnt dann der Prozess gegen die vier. Sie werden also gegen die vier Täter, die da reinmarschiert sind. Sie werden wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Ihre Verteidiger versuchen immer wieder deutlich zu machen, dass die Jungs aus ihrer Sicht in etwas reingerutscht sind, was vielleicht ein bisschen zu groß für sie war. Die Angeklagten selbst geben sich vor Gericht betont lässig mit gegelten Haaren und schicken Hemden. Ich weiß, dass das falsch war, lässt Ahmad L. A. am zweiten Prozestag seinen Anwalt verlesen. Ich habe mich vom Geld locken lassen. Auch Vedat will erst nach dem Überfall so richtig klar geworden sein, was er da gerade getan hat.
Dschihad entschuldigt sich vor Gericht sogar dafür, einen Wachmann geschubst zu haben. Genau dieser Sicherheitsmann sagt auch als Zeuge vor Gericht aus und berichtet, wie schlecht es ihm nach dem Überfall geht. In seinem Job arbeiten geht gar nicht mehr, erzählt er. Immer wieder spielt er den Überfall nachts in seinen Träumen durch und schreckt regelmäßig im Schlaf hoch. Die Machete trifft ihn am Hinterkopf. Zwei der Räuber haben auf ihn eingeschlagen und eingetreten. Und ich glaube, das ist auch nochmal ganz wichtig an der Stelle zu sagen, das klingt jetzt wie ein unspektakuläres Verbrechen, da ist ja niemand schwer verletzt worden, aber auch sowas hinterlässt natürlich Spuren. Auch ein Banküberfall kann Spuren hinterlassen, ohne dass ein Schuss gefallen ist, weil Leute halt dadurch traumatisiert werden. Deswegen wollen wir das jetzt gar nicht kleinreden an der Stelle, aber ich will es gerne nochmal einmal betonen. Insgesamt sieben Menschen sind bei dem Überfall leicht verletzt worden. Die vier Angeklagten entschuldigen sich und betonen, dass sie ihre Tat bereuen. Sie wollen ein neues Leben anfangen, eine Ausbildung beginnen und eine Familie gründen. Intensivtäter Mustafa U verspricht sogar im Gerichtssaal, das war das letzte Mal jetzt. Doch der Richter kann ihm nicht so ganz glauben, dafür ist die Liste mit seinen Vorstrafen dann doch ein bisschen zu lang.
Außerdem will keiner der vier sagen, wo der Rest der Beute ist. Bisher sind nur 4000 von den knapp 242.000 Euro wieder aufgetaucht. Es gibt Gerüchte, dass das restliche Geld bei Verwandten sein könnte, was bei der Größe der Verwandtschaft nicht unwahrscheinlich ist.
Auch über die Hintermänner sagen die Angeklagten kein Wort mehr. Vor Gericht geben sie ihnen Codenamen. Die beiden Hintermänner werden nur noch U1 und U2 genannt. An ihre richtigen Namen können sie sich angeblich alle nicht mehr erinnern. Vermutlich, weil sie Angst vor Rache haben. Ibrahim alias Onkel Ibo hat den Jungs eingeschärft, dass sie seinen Namen verschweigen sollen. Zitat, weil man sich irgendwann wieder sieht. Also da wurde ganz klar gedroht.
Wahrscheinlich schweigen die vier Angeklagten, aber auch, weil sie ihren angekratzten Ruf nicht noch weiter ruinieren wollen. Wer zu viel quatscht, macht sich in kriminellen Kreisen selten beliebt. Wie wichtig das allen ist, zeigen auch die Beschwerden von Vedat. Der klagt mehrfach darüber, dass er von Mithäftlingen als Verräter beschimpft wird, weil er als erstes mit der Polizei gesprochen hat. Also da merkst du auch schon wieder so Image und nach außen tragen spielt da schon eine Rolle. Also man könnte jetzt sagen, du sitzt im Knast, wirst bald verurteilt, kann dir doch egal sein. Du willst aber nicht als Verräter gelten. Am Ende bist du aber einer. Das muss man auch ganz klar sagen. Gerade in diesen Kreisen in Berlin kommst du als Verräter nicht weit. Und du hast es ja gerade schon gesagt, er hat seine drei Jungs, die Namen hat er genannt, weil er vor denen keine Angst hat. Aber den Namen von Onkel Ibo hat er nicht mehr in den Mund genommen. Und den Namen von dem anderen, der da noch mit involviert war, sowieso nicht. Weil ich glaube, vor denen haben sie dann halt viel zu viel Angst. Aber natürlich geht es um Anerkennung. Er ist ein Verräter, das ist einfach so, aber natürlich will er sich das nicht sagen lassen.
Ist einfach nicht wegzureden und das wird auch, ich weiß nicht, wie lange die im Knast waren oder was auch immer, aber es wird nicht gut für ihn sein, rauszukommen. Ja, die Jungs untereinander sind sehr kleinlaut im Gerichtssaal, das finde ich auch ganz interessant. Also Vedat sagt zum Beispiel, obwohl er ja der Erste ist, der ausgepackt hat, ich würde Mustafa trotzdem noch als guten Freund bezeichnen. Und er nuschelt das so ein bisschen kleinlaut vor sich hin. Allerdings reagiert Mustafa da gar nicht drauf. Und als der Richter ihn befragt, unterbricht Mustafa ihn nur betont lässig mit, war es das jetzt? So, als würde er eigentlich nur darauf warten, dass er gleich wieder zur Tür rausspazieren kann. Also hier ist auch wieder viel Pause und Zeigen, das interessiert mich alles gar nicht. Auch Dziad ist wohl insgesamt doch ziemlich stolz auf seinen Anteil an dem Überfall, bei dem er ja eigentlich angeblich gar nicht mitmachen wollte. Vor Gericht werden Briefe von ihm vorgelesen, die er aus dem Knast zu schmuggeln versucht hat. Darin gibt er damit an, wie entspannt es im Gefängnis ist. Wie im Internat, schreibt er und meint dann, wenn ich zur Bewährung rauskomme, wäre das Jackpot.
Spoiler, das klappt nicht. Also er kommt nicht zur Bewährung raus. Dschihad, Mustafa und Ahmad bekommen jeweils dreieinhalb Jahre Haft. Eine recht milde Strafe, weil sie eben nach Jugendstrafrecht verurteilt werden. Ihr Komplize Vedat muss drei Jahre und neun Monate ins Gefängnis, weil er zur Tatzeit schon 21 war und damit juristisch als Erwachsener gilt. Allerdings berücksichtigt das Gericht bei ihm, dass er als erstes ausgepackt und die Ermittler auf die Spur der Mittäter geführt hat. In seiner Urteilsbegründung im Juni 2010 findet der Vorsitzende Richter klare Worte über die vier. Sie waren neugierig auf eine Million Euro und wollten die coolen Helden im Kiez sein. Und auch wenn der Vorsitzende meint, dass die vier Angeklagten von den eigentlichen Hintermännern ausgenutzt wurden, macht er deutlich, der Raub war eine Tat der Schwerstkriminalität. Und auch wenn Dschihad, Mustafa, Ahmad und Vedat durch die Tat in ganz Deutschland bekannt geworden sind, kommt ihr Überfall bei ihrer Familie nicht besonders gut an. Ahmads Vater besucht seinen Sohn kein einziges Mal im Gefängnis. Für ihn ist die Tat eine Schande.
Dschihad, der ja vorher im Gerichtssaal noch eine ziemlich große Klappe hatte, kann seinem Vater in der JVA nicht mal in die Augen schauen. Zwei Monate nach dem Urteil, am 19. August 2010, startet dann der Prozess gegen die Hintermänner des Pokerraubes. Wie ernst die Sache ist, merkt man schon am ersten Tag an den Sicherheitsvorkehrungen. Mohamed A. und Ibrahim L.M. sitzen hinter Panzerglas, umringt von bewaffneten Polizisten in schusssicheren Westen. Und die Zuschauer müssen mehrere Sicherheitskontrollen durchlaufen. Hier im Saal 500 des Kriminalgerichtes Moabit werden die besonders harten Fälle verhandelt, vor allem die, die zur organisierten Kriminalität gehören. Mitglieder der Familie A. sitzen hier regelmäßig auf der Anklagebank. Denn auch wenn der Überfall schlampig war, die Drahtzieher waren es nicht unbedingt. Lässig und entspannt sitzen sie am ersten Tag auf der Anklagebank und winken Freunden und Familien im Zuschauerraum gut gelaunt zu. Und davon sind viele gekommen.
Allein ihre Präsenz reicht oft schon aus, um Zeugen zum Schweigen zu bringen. Zu groß ist die Angst vor Rache. Das weiß auch Michael Kuh, der Chef der Sicherheitsfirma. Doch er lässt sich davon nicht beeindrucken. Weil die beiden Angeklagten nicht reden, ist seine Aussage umso wichtiger. Er sagt vor Gericht gegen Mohamed A. aus und begibt sich damit in Gefahr. Kurz darauf kommt heraus, dass ein Auftragskiller auf ihn angesetzt wurde. Michael Kur wird deshalb vorübergehend von der Polizei beschützt. Also man sieht, diese Angst vor Rache ist berechtigt. Da geht es jetzt nicht nur um ein paar Worte, sondern es kann halt wirklich lebensgefährlich sein, wenn du da auspackst.
Erst knapp ein Jahr nach Prozessbeginn fängt einer der beiden Hintermänner an zu reden. Die Vorwürfe sind im Wesentlichen richtig, lässt Onkel Ibo von seinem Anwalt verlesen. Er gibt zu, dass er das Ganze und auch den Fluchtwagen organisiert hat. Die Idee dazu sei aber von Mohamed A. gekommen, erklärt Ibrahim. Dieser sei frustriert gewesen, weil er bei dem Pokerturnier so früh ausgeschieden sei und habe dann beim Anblick des ganzen Geldes seine Chance gewittert. Ein paar Tage vor dem Überfall habe Momo ihn damit beauftragt, Leute für den Überfall zu finden. Bis zu dem Tag hätten die beiden dauernd hin und her telefoniert, insgesamt 21 Mal. Am Tattag war es dann Momo, der mit seinem Handy das Zeichen zum Start des Überfalls gegeben hat. Doch der hat eine ganz andere Version der Geschichte zu erzählen. Er behauptet, dass er mit dem Raub nichts zu tun hatte und sogar noch versucht hätte, den Überfall zu verhindern. Das glaubt ihm nur niemand und auch viele Indizien sprechen gegen ihn. Am Ende wird Mohamed A. zu sieben Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Ibrahim El M. kommt mit einer etwas geringeren Strafe davon, weil er geständig ist und auch seinen Mittäter genannt hat. Außerdem hat er die 22.000 Euro, die laut seiner Aussage von der Beute noch übrig waren, zurückgezahlt. Er muss sechs Jahre und vier Monate ins Gefängnis.
Mohamed A. setzt seine Strafe erst im offenen Vollzug ab, was für viel Kritik sorgt. 2014 wird ihm dann der Freigang gestrichen, weil er in eine Schlägerei zwischen zwei Großfamilien vor einer Bäckerei in Neukölln verwickelt war. Und das ist noch nicht alles. 2024 wird Mohamed A. Erneut verurteilt, genau wie sein Bruder Yasser. Dabei geht es um falsche Gesundheitsatteste vom Arzt und beide mussten Geldstrafen zahlen. Also da hat jetzt die Haftstrafe nicht unbedingt...
Und wahrscheinlich auch wenig überraschend dafür gesorgt, dass die jetzt nette Jungs geworden sind. Absolut nicht. Am Ende ist das aber auch leider ein Problem des deutschen Rechtsstaats. Schon lange. Ich werde es nie verstehen, egal wer dieses Verbrechen begeht. Wenn jemand so ein Verbrechen plant, dann kann es nicht sein, dass jemand damit in den offenen Vollzug geht. Wie ist sowas möglich? Das werde ich nie verstehen. Und das ist ja, wie wir jetzt schon hören, seit 2010 ist das schon so. Und das ist, glaube ich, meiner Meinung nach auch heute noch der Fall. Und da muss einfach in Deutschland was passieren, was die Gesetze angeht. Ist jetzt so ein kleiner Nebenschauplatz, aber das wollte ich einfach mal gesagt haben. Die Frage, die ich mir stelle als erstes, was ist jetzt mit Ibo, der sich ja im Endeffekt gegen... Diese Familie gestellt hat und Momo sozusagen verfiffen hat.
Was passiert mit Ibo, wenn er rauskommt? Das ist das Erste, was mir in den Sinn kommt. Stimmt. Weil das ist natürlich, du hast es schon gesagt, wir haben es ja auch schon gehört, diese Präsenz allein schon sorgt dafür im Gericht, dass sich fast keiner traut, gegen diese Leute auszusagen. Michael Kur ist eine große Nummer in Berlin, schon seit Jahren. Dass der sich jetzt vielleicht getraut hat, das kann man eventuell verstehen. Aber auch das ist gefährlich, wie wir gerade mitbekommen haben. Der, das musst du dir vorstellen, in Deutschland einen Auftragskiller aufs Dich angesetzt bekommen hat. Und da kann man Leute verstehen, die einfach auch die Klappe halten. Ja, total. Ich glaube, niemand will sein Leben aufs Spiel setzen. Ja, also mir persönlich wäre es auch zu gefährlich. Ja, kann ich vollkommen nachvollziehen. Ich bin ehrlich gesagt da auch ziemlich deiner Meinung, weil grundsätzlich muss ich sagen, dass ich den Gedanken von Resozialisierung ganz wichtig finde und richtig finde und da ist ja auch offener Vollzug ein Teil von. Dass man wieder in eine Gesellschaft eingegliedert wird. Aber wie gehst du eben mit Leuten um, die gar nicht in die Gesellschaft eingegliedert werden wollen? Und da ist eben die Frage, ob du damit sowas wie offenen Vollzug, kann ich in dem Fall auch überhaupt nicht nachvollziehen. Und einen offenen Vollzug, den kannst du machen, wenn du merkst, dass Rehabilitation möglich ist. Und wenn sich jemand richtig verhält eine gewisse Zeit.
Aber du kannst nicht den Anfang einer Strafe im offenen Vollzug verbringen lassen. Das geht nicht. Also egal bei wem, das ist einfach unmöglich, sondern jeder muss erstmal sich beweisen und zeigen, dass er sich rehabilitiert hat. Wir können ja mal gucken, was aus den vier Überfalltätern geworden ist und auch das wird dich jetzt nicht überraschen. Das mit dem Sauerbleiben hat auch bei denen nicht so wirklich geklappt. Mustafa U. wird wegen seiner langen Strafakte im August 2021 in die Türkei abgeschoben. Anfang 2025 reist er dann mit einem gefälschten Pass und unter falschem Namen illegal wieder nach Deutschland ein. Das kommt dann im Mai heraus, als Mustafa in Berlin angeschossen wird und sich im St. Hedwig Krankenhaus in Mitte behandeln lässt. Er kommt vom Krankenhaus direkt in Untersuchungshaft und wartet auf seine erneute Abschiebung. Ich gehe davon aus, dass er mittlerweile wieder abgeschoben wurde. Also er war nicht mal so schlau, dann in Deutschland die Füße stillzuhalten, wenn er schon mit falschem Pass hier eingereist ist. Sowohl Mustafa U als auch WDAS werden übrigens nach dem Pokerraub noch für einen weiteren Überfall auf ein Spielcasino in Kreuzberg verurteilt. Das war zeitlich ein paar Wochen vor ihrem großen Coup im Hyatt. Dadurch hat sich ihre Strafe auch nochmal verlängert. Gleiches gilt für Ahmad L.A. Der hat schon kurz nach seinem Haftantritt in einer Jugendstrafanstalt ein Mithäftling krankenhausreif geschlagen.
Nur von Jihad C hört man danach nichts mehr, was aber auch nicht unbedingt was heißt. Der Überfall auf das Bukaturnier hat allerdings auch dafür gesorgt, dass das Thema kriminelle Großfamilien überhaupt erst groß in den Medien gelandet ist. Denn das war das erste Mal, dass so offensichtlich ist, dass es diese Strukturen gibt für die Menschen außerhalb von Berlin oder anderen Großstädten. Und der Überfall auf das Bukaturnier Pokerturnier ist ja eigentlich der Anfang einer Reihe von ziemlich spektakulären Überfällen, bei denen die Täter aus kriminellen Großfamilien stammen. Also 2014 folgt ein Überfall auf das KDW in Berlin. 2017 dann der Diebstahl einer Goldmünze aus dem Bode-Museum, über den ich vor einigen Jahren in meiner Show auf Sky gesprochen habe. Und 2019 dann der Juwelendiebstahl im grünen Gewölbe, den ihr in Folge 104 nachhören könnt.
Inzwischen, da hat sich ein bisschen was getan, gehen Polizei und Politik härter gegen den kriminellen Teil bekannter Großfamilien vor. Zumindest versucht man das, vor allem in Berlin, Hamburg oder Bremen. Aber auch NRW und vor allem das Ruhrgebiet sind sehr beliebt bei diesen Tätern. NRW-Innenminister Reul hat den Kampf gegen kriminelle Familienstrukturen, wie er selbst sagt, zur Chefsache erklärt. Rund 413 im Jahr gibt es in NRW jedes Jahr in Shisha-Bars, Spielhallen und Wettbüros. Damit will man Großfamilien keine ruhige Minute mehr für ihre Geschäfte lassen. Gleichzeitig werden immer wieder teure Luxusimmobilien von Familienmitgliedern beschlagnahmt oder Geld eingefroren, um den Geldfluss zu unterbrechen. Doch um wirklich was zu bewirken, bräuchte es auch mehr Polizisten, kritisieren viele. Gleichzeitig gibt es immer wieder den Vorwurf, dass dieser Fokus auf dieses Thema ja auch Rassismus und Vorurteile fördert. Auch das habe ich ja eben schon kurz erwähnt. Trotzdem ist es natürlich wichtig darüber zu sprechen, dass häufig immer wieder die gleichen Namen in den Gerichtssälen auftauchen. Eine gute Nachricht gibt es aber. Zumindest in Berlin sind die erfassten Fälle von organisierter Kriminalität durch Großfamilien zurückgegangen. Zum Schluss schauen wir uns mal an, was die Organisatoren aus dem Pokerraub gelernt haben, denn der Überfall hat die bisherigen Sicherheitslücken mehr als deutlich aufgezeigt. Wir wollen dieses Ereignis so schnell wie möglich in Vergessenheit geraten lassen, sagt der Veranstalter damals.
Als das Turnier ein Jahr später wieder in Berlin stattfinden soll, gibt es ein neues Sicherheitskonzept und einen neuen Veranstaltungsort. Veranstaltungsort. Statt dem Hyatt Hotel wird jetzt in der Spielbank Berlin gepokert, quasi direkt gegenüber. Die ist grundsätzlich schon mal besser gesichert und diesmal sind die Veranstalter auch besser vorbereitet. Am Eingang gibt es Metalldetektoren wie am Flughafen, Ausweiskontrollen und auch Taschenkontrollen. Erst dann dürfen Teilnehmer und Besucher ins Gebäude. Auch der Sicherheitsmann Roman H. und sein Team sind damals wieder mit dabei. Nur auf seinen Mut und seine einschüchternde Größe will man sich diesmal aber nicht verlassen. Er und sein Team bekommen dieses Mal Unterstützung von zusätzlichen Sicherheitskräften, die die Eingänge sichern. Roman H. wird zehn Jahre nach dem Überfall auf das Pokerturnier von Journalisten noch einmal zu der ganzen Sache interviewt. Er hat mittlerweile den Job gewechselt und hat sich zum Rettungsassistenten ausbilden lassen. Zuletzt hat er in einer Notaufnahme gearbeitet. Der Überfall begleitet ihn nicht mehr. Da denkt er höchstens alle paar Monate mal dran, erzählt er. Das war eben der Job und der kann ein bisschen gefährlich werden.
Eine lässige Aussage. Ja. Also ich muss schon sagen, da ganz großes Lob, also in so einer Situation, auch wenn du Ex-Polizist bist, in so einer Situation diesen Mut zu haben, dich einem Angreifer, der mit Machete und Pistole vor dir steht, wo du nicht weißt.
Ob es am Ende eine echte Pistole ist, dich da jemandem so in den Weg zu stellen, muss ich sagen, spricht schon für sehr, sehr viel Mut. Und muss man sagen, ganz große Anerkennung meiner Meinung nach. Es freut mich sehr, irgendwie aus den Interviews rauslesen zu können, dass der damit gut umgehen kann und dass der da gut rausgekommen ist aus der Nummer. Das ist ja eben oft nicht so, wobei ich fast fürchte, dass du als Rettungsassistent auch viel mit schlimmen Sachen in irgendeiner Form konfrontiert wirst. Ich glaube auch und ich glaube auch gerade die Vorgeschichte, dass er ehemaliger Polizist ist, lässt ihn vielleicht auch ruhig schlafen. Weil ich glaube, auch als Polizist gibt es solche Situationen, wo du Leuten mit Waffe, Messer, was auch immer gegenüberstehst. Also er kannte eventuell so eine Situation schon nicht vielleicht in dem Ausmaß. Aber weil als Polizist hat er eben auch eine Waffe, da kann er sich eventuell wehren. In dem Fall hat er keine, aber er wusste ungefähr, was auf ihn zukommt. Und er hat vielleicht mit so einer Situation schon mal zu tun gehabt. Ich glaube, das ist auch ein Riesenvorteil, den du dann eben hast, um mit so einer Situation besser umgehen zu können im Nachhinein, als wenn du noch nie eine Waffe vor deinem Gesicht gesehen hast. Und wie das ja im Endeffekt auch der andere Sicherheitsmann erzählt hat, dass er seitdem nicht mehr richtig gut schlafen kann und er richtig Probleme hat, weil als normaler Sicherheitsmann hast du sowas im Normalfall eben nicht. Ja, das stimmt.
Du hast ganz am Anfang gesagt, dass du schon davon mitbekommen hast, dass es diesen Überfall mal gegeben hat in Berlin, weil Pokerszene irgendwie interessiert sich dafür. Heute hast du ein bisschen mehr darüber wahrscheinlich gelernt als das, was du schon vorher wusstest. Was ist jetzt unser Fazit zu diesem ganzen Fall? Also alles in allem nicht so schlau, könnte man glaube ich sagen. Also das Fazit aus Sicht der Täter ist ganz klar, das war keine überlegte Aktion, das war etwas sehr Spontanes, wir haben das jetzt aus der Geschichte rausgehört. Im Endeffekt war Momo der Drahtzieher der ganzen Geschichte, der aus einer Emotion heraus diesen Coup geplant hat, weil er enttäuscht darüber war, dass er selber bei diesem Turnier ausgeschieden ist und aus einer Emotion sowas Großes zu planen, das kann eigentlich nur schief gehen. Deswegen, mein Fazit ist, dass der Raub von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Ja, ich glaube, so kann man es ganz gut zusammenfassen. Du hast ja wahrscheinlich auch schon mal ein bisschen Geld verloren, hast du mir mal erzählt beim Poker. Auch mal. Ja, das kann man so sagen.
Kann man so sagen? Das kann man so sagen, definitiv. Das heißt, zumindest die Wut kannst du wahrscheinlich nachvollziehen, oder? Ja, ich sag mal so, ich kenne das Gefühl, was du hast in dem Moment, wo du aus einem Turnier, aus einem Pokerturnier ausscheidest. Vielleicht auch unglücklich, ungerecht. Das Leben ist halt manchmal ungerecht. Sowas passiert und das macht was mit dir, definitiv.
Ich kann das richtige Wort gerade nicht finden. Im Poker-Business nennt man das Tilt. Also für alle, die diese Folge hören und auch selber Pokerspieler sind, wissen, was ich meine, man ist Tilt. Man ist einfach, man kann es nicht verstehen. Und man ist so, in dem Moment, man weiß nicht, wie man mit seinen Emotionen umgeht. Und natürlich, der eine ist emotionaler als der andere. Aber selbst ich, der eigentlich ein sehr ruhiger Typ ist, der auch jetzt beim Pokern, wenn er verliert, jetzt nicht die Chips schmeißt und komplett ausrastet. Aber auch ich bin danach so in meinem eigenen Kopf gefangen und denke mir so, das kann doch jetzt nicht wahr sein. Das kann manchmal so zwei bis drei Stunden dauern, bis ich wieder runterkomme. So, und das kann wahrscheinlich in dem Fall dazu geführt haben, dass er sich gedacht hat, Alter, ich möchte das jetzt nicht so sagen, scheiß drauf, sagen wir es mal auf ein bisschen besserem Deutsch, ich hole mir das Geld jetzt wieder. So, und das ist dann einfach auch eine andere Mentalität, als es vielleicht bei mir der Fall wäre, aber im Endeffekt, sind das Emotionen, die du dann im Griff haben musst und natürlich darf das niemals zu sowas führen, dass man sagt, das hat einen jetzt so runtergezogen, ich hole mir jetzt das ganze Geld, was für alle anderen. Weil im Endeffekt, jeder, der Pokertunier spielt, weiß oder geht mit dem Wissen rein, ich kann das Geld hier verlieren. Und damit musst du einfach leben können.
Also ohne jetzt zu sagen, wo das passiert ist, aber wir haben Wir haben ja mal ein bisschen längere Zeit miteinander verbracht und ich habe dich als einen wahnsinnig gechillten Menschen kennengelernt. Ich glaube, ich kenne weniger Menschen, die so gechillt sind wie du. Warst du immer schon so oder ist das durch Pokern auch ein bisschen gekommen, weil man das da auch sein muss? Ja, ich glaube, das kommt natürlich mit der Zeit. Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich mit 17, 18 genauso gechillt war. Aber natürlich, dadurch, dass ich relativ früh in meinem Leben auch mit einer größeren Medienlandschaft umgehen musste, mit höherem Druck, glaube ich, dass diese Gelassenheit dann auch sich über die Jahre entwickelt hat. Und diese scheiß Egal Einstellung, die ich ja eigentlich schon die letzten 20 Jahre verfolge, auch die ist nicht von heute auf morgen gekommen, sondern durch.
Ja, einfach durch Lebenserfahrung auch und durch gewisse Situationen, in denen man einfach merkt, man kann es sowieso nicht der ganzen Welt recht machen und auch, also ich bin trotzdem nur ich und ich bin ein Mensch, auch ich mache Fehler, aber natürlich weiß ich, dass bei mir als Person der Öffentlichkeit dann auch viel mehr das Auge drauf gerichtet wird. Und diesen Turnaround hinzubekommen, für sich selber zu realisieren, du machst Fehler und du kannst es nicht der ganzen Welt recht machen. Deswegen sollte dir einfach egal sein, was andere von dir halten, wichtig ist, was deine Familie, deine engeren Freunde von dir, das ist wirklich das, was im Leben zählt. Und das hat einfach irgendwann dazu geführt, dass ich gesagt habe, weißt du was, was die Welt von mir denkt, kann dir eigentlich scheißegal sein. Deswegen bleib einfach entspannt, mach das, was du im Leben für richtig hältst Und am Ende muss ich in hoffentlich noch vielen Jahren mit meinem Leben zufrieden sein. Und das ist alles, worauf es ankommt.
Ja, wir haben ja schon mal ansatzweise darüber gesprochen. Ich finde es sehr bewundernswert bei dir. Und ich möchte mir manchmal so eine Scheibe davon abschneiden. Also eine kleine Scheibe Max-Kruse-Coolness würde es mir, glaube ich, auch manchmal leichter machen. Philipp, ich würde dir gerne was abgeben. Aber das geht leider nicht. Das ist wohl so. Nochmal einmal zum Ende zurück zum Thema Poker. Du hast ja wahrscheinlich jetzt schon echt einige Turniere gespielt. Hast du dir jeweils diesen Gedanken gemacht? Hier ist gerade echt viel Geld im Spiel. Hier könnte gerade irgendwas passieren. Oder sagst du, die Sicherheitsvorkehrungen sind heute so gut, dass man sich diese Gedanken nicht mehr machen muss? Nee, also ich mache mir wirklich, wenn ich bei Pokerturnieren bin, sehr, sehr wenig Sorgen um meine Sicherheit. Also nicht, weil ich nicht weiß, dass da was passieren kann, sondern einfach, weil ich auch irgendwie immer denke, in dem Moment, mir passiert schon nichts. Also es ist vielleicht ein bisschen leichtsinnig, wie ich da manchmal an die Sache rangehe. Und klar, man könnte darüber nachdenken, der Erste kriegt jetzt eine Million Euro.
Also andere denken doch auch so, warum überfallen die das Ding hier nicht? Aber dann würde ich mich ja schon wieder selber hemmen und würde mich von meinem eigenen Pokerspiel ablenken. Und im Endeffekt, ja, glaube ich einfach auch grundsätzlich in meinem tiefsten Herzen an das Gute des Menschen. Von daher, ja, mache ich mir um sowas in dem Moment einfach auch gar keine Gedanken. Da hast du mir jetzt den perfekten Übergang zu der Frage gebaut, die ich am Schluss des Podcasts allen meinen Gästen stelle. Gute im Menschen, nämlich Stichwort, was glaubst du fasziniert uns alle oder die meisten Menschen so sehr an Verbrechen? Uns alle? Ja, wahrscheinlich uns alle, fast alle zumindest, dass man sich mit sowas beschäftigt, True Crime Podcasts hört, darüber in der Zeitung liest, wie auch immer. Also es ist ja definitiv eine Faszination da. Ja, es ist definitiv eine Faszination da. Woran das bei jedem Einzelnen oder warum das bei jedem Einzelnen so ist, das kann ich dir nicht sagen. Ich kann dir sagen, warum das bei mir zum Beispiel so ist, warum ich mich manchmal dafür investiere. Also ich glaube, es ist einfach eine gewisse Artenalin-Kick und dieser Gedanke, also ich habe mir manchmal die Frage gestellt, wenn ich ein Verbrechen begehen würde, also ich bin von mir selber so überzeugt, dass ich sage, wenn ich ein Verbrechen begehen würde, würde man mich nicht erwischen. Okay. Das habe ich immer gesagt. Natürlich, ich würde es niemals machen.
Aber wenn es dabei keine Verletzten geben würde, also wenn es so ein Spiel geben würde, wo man ein Verbrechen begehen müsste und dabei nicht erwischt würde, ich würde dieses Spiel spielen, weil ich einfach sage, ich will es herausfinden, ob ich wirklich so clever bin, wie ich denke. Und ich glaube, sich selbst so irgendwas zu beweisen oder dass man schlauer ist als alle anderen Menschen, Ich glaube, das ist ein Punkt, wo man sagen kann, deswegen faszinieren einen Verbrechen so. Wenn man sich das anhört und denkt so, diesen Pokerraub. Ich glaube, viele hören sich diese Folge an und denken, ich hätte das viel besser geplant. Ich hätte das ganz, ganz anders gemacht. Ich glaube, das ist ein Punkt der Faszination ist. Soweit habe ich das noch gar nicht so richtig gedacht. Aber du hast natürlich recht. Besser ist es. Besser ist es. Genau, wir wollen ja auch keine Tipps geben. Und glücklicherweise gibt es ja auch keine Spiele, wo man irgendwie ein Verbrecher sein muss oder so. Aber ja, klar, man versetzt sich ja immer so ein bisschen auch in die Rolle des Anderen und denkt dann so, hätte ich das auch so gemacht. Und ja, spannender Punkt. Max, ich habe heute wieder ein bisschen was gelernt. Das finde ich ja alles tolle an den Folgen, dass ich selber immer ein bisschen was mitnehmen kann. Über Poker und über Scheißegal-Haltung nochmal ein bisschen. Deswegen, ich danke dir sehr. Es hat großen Spaß gemacht. Ja, vielen, vielen Dank für die Einladung und danke, dass ich dabei sein durfte. Bis zum nächsten Mal. Ciao, Max. Ciao, ciao. Tschüss.
Verbrechen von nebenan. True Crime aus der Nachbarschaft. Musik.