Bevor es losgeht, erstmal danke an euch. Seit sieben Jahren darf ich diesen Podcast hier machen und ich liebe diesen Job immer noch wie am ersten Tag. Deshalb wollte ich euch dieses Jahr mal ein bisschen was zurückgeben und euch noch mehr Folgen schenken. Also gibt es seit Anfang des Jahres jeden letzten Freitag im Monat zusätzlich zu den regulären Folgen eine Folge nebenan weltweit. Da sprechen Franziska und ich über Verbrechen aus der ganzen Welt. Kostenlos und überall, wo es Podcasts gibt, also im Feed von Verbrechen von nebenan. Ihr bekommt die Folge also sowieso. Und noch mehr von diesen Folgen gibt es übrigens exklusiv auf RTL+. Da liegen schon zwölf weitere zusätzliche Folgen nebenan weltweit für euch, falls ihr noch mehr Verbrechen von nebenan haben wollt. Und übrigens bei RTL+, könnt ihr euch die Folgen außerdem genau wie auf YouTube kostenlos als Videopodcast angucken. Also danke nochmal an euch. Dass ihr das möglich macht. Und jetzt viel Spaß mit der Folge. Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Verbrechen von dem Mann und hallo Solveigode. Hallo Philipp, schön, dass ich hier sein darf. Ich freue mich auch sehr, dass du da bist, endlich mal wieder. Das letzte Mal, ich habe es extra nachgeguckt, war in Folge 102. Da waren wir beide noch 19,5 ungefähr. Ganz genau, 18, um genau zu sein. Es ist sehr, sehr, sehr lange her. Für die, die sich nach so langer Zeit vielleicht nicht mehr erinnern können, Du arbeitest als Wirtschaftsjournalistin mittlerweile beim Handelsblatt und bist dort unter anderem Host des Podcasts Handelsblatt Crime. Und du machst auch noch andere tolle Sachen, habe ich gesehen. Ja, so das eine oder andere. Ich darf beim Handelsblatt das Podcast Live und Videoresort leiten, zusammen mit meiner Co-Ressortleitung. Und ja, ich stehe da unter anderem auch auf Bühnen, darf moderieren, das macht auch sehr, sehr viel Spaß. Ich bin also nicht mehr nur in der Podcast-Welt unterwegs und wir haben jetzt zuletzt eine ganz spannende Recherche, eine investigative Recherche gehabt. Der Podcast heißt Catching Chris. Da haben wir anderthalb Jahre lang einen untergetauchten Serienbetrüger gesucht und am Ende haben wir ihn auch gefunden. Das ist ein Mann, der wirklich 20 Jahre lang in ganz Deutschland alle möglichen Menschen, die ihm über den Weg gelaufen sind, betrogen haben in sämtlichen Aspekten des Lebens. Am Ende ging es um einen Millionenschaden von mutmaßlich sechs Millionen Euro. Wahnsinn, wirklich. Und die Recherche haben hauptsächlich meine Kollegen, die Investigativreporter Michael Verfürden und Lars-Martin Nagel weitestgehend vorangetrieben. Und ja, wer mal reinhören will, ich freue mich sehr. Das ist eigentlich schon eine perfekte Überleitung, ohne dass ich das jetzt vorher geahnt oder wir das abgesprochen hätten. Weil hier geht es nämlich auch um eine Jagd nach einem Menschen. Das kann ich schon mal verraten. Ich habe dich natürlich nicht nur eingeladen, weil du jetzt ganz lange nicht mehr da warst, sondern auch, weil wir heute über einen echten Wirtschaftskrimi sprechen. Was ja dein Fachbereich ist und zwar in Wirtschaftskrimine aus meiner Nachbarschaft, aus dem Kreis Gütersloh, also wirklich aus nebenan für mich. Inhaltswarnung, ganz kurz bevor wir starten, in dieser Folge streifen wir die Themen Suizid und Alkoholmissbrauch. Wenn ihr mit diesen Themen gerade nicht umgehen könnt, dann überspringt diese Folge lieber. Einige Namen habe ich außerdem geändert. Solve, bist du? Absolut. Lass uns gleich reinstürzen in den Fall. Sehr schön. Obwohl es noch früh am Morgen ist, ist es an diesem Dienstag in den Straßen von Cebu City schon unerträglich schwül. Kriminalhauptkommissar Karl-Heinz Wallmeier stehen Schweißperlen auf der Stirn und sein Oberteil klebt an seinem Rücken. Wallmeier ist Anfang 50 und Leiter des Kommissariats für Wirtschaftskriminalität in Bielefeld. Er kümmert sich um Fälle von Kreditbetrug, Steuerhinterziehung oder Bilanzfälschung. Ein Job, der meistens an seinem Bielefelder Schreibtisch stattfindet und eher nicht in den chaotischen Nebenstraßen einer philippinischen Millionenstadt. Aber in diesem Fall ist sowieso alles anders als sonst. Nach etwa anderthalb Jahren Suche scheint Wallmeier heute, am 28. März 2000, endlich kurz vor seinem Ziel zu stehen. Nicht umsonst wird der Kommissar zu Hause in Bielefeld der Jäger genannt. Er gilt als hartnäckig und ausdauernd, sowohl beruflich als auch in seiner Freizeit, in der er als Marathonläufer und Triathlet Medaillen sammelt. Doch bisher war der Tag für ihn wenig erfolgreich. Zusammen mit philippinischen Kollegen sitzt Wallmeier in einem Polizeiauto vor einem unscheinbaren Mietshaus. Die Ermittler haben heute in der Millionenstadt, in der viele Straßen keinen Namen haben und in der es kein Einwohnermeldeamt gibt, schon an einigen Türen geklingelt, bisher ohne Erfolg. Doch vor diesem Haus steht ein roter Wagen. Genau so einen sucht Wallmeier. Zusammen mit seinen Kollegen des BKA und den philippinischen Polizisten steigt er aus und klopft ans Tor des Hauses. Eine junge Frau kommt die Treppe heruntergerannt und öffnet den Beamten freundlich. Kurz danach kommt auch ihr Mann dazu, der wissen will, mit wem seine Frau redet. Er ist schlachsig, braungebrannt und seine dunkle Kurzhaarfrisur wird an einigen Stellen schon leicht grau. Entspannt geht er die Treppenstufen hinunter, doch als er die Polizisten am Tor entdeckt, bleibt er plötzlich wie erstarrt stehen. Guten Tag, mein Name ist Wallmeier. Erinnern Sie sich an mich? Fragt ihn der Kommissar. Der Mann wird hinter seiner großen runden Brille ganz blass und sackt auf den Treppenstufen zusammen. Er weiß genau, wer dort vor seinem Haus steht und auch warum. Insgesamt 405 Tage war er auf der Flucht vor den deutschen Behörden. Doch selbst hier, fast 11.000 Kilometer Luftlinie und knapp 16 Flugstunden von Bielefeld entfernt, konnte er sich nicht vor Karl-Heinz Wallmeier verstecken. Boah, also du hast mich gleich schon total abgeholt mit dieser szenischen Beschreibung. Ich bin jetzt schon sehr invested. Ich liebe ja auch einen hartnäckigen Kommissar. Ich finde, besonders in der Wirtschaftskriminalität ist das ja wichtig, weil es da oft nicht so emotional ist und es ja oft eher so umzahlen und ein bisschen trocken ist. Aber dass er dann auch noch der Jäger genannt wird, ist glaube ich ja so ein Beispiel für dieses Katz-und-Maus-Spiel, um das es ja heute geht. Deswegen bin ich jetzt umso mehr gespannt, wer wird denn hier eigentlich gejagt? Also wer ist jetzt dieser Mann mit der Brille und warum sucht ein Polizist aus Bielefeld ihn auf den Philippinen? Ich vermute jetzt mal seine Reaktion da auf den Treppenstufen, dass er da gleich zusammen sagt, das wirkt ja ein kleines bisschen wie ein Schuldeingeständnis. Ja, da liegst du nicht ganz falsch. Und ich finde halt, ja, also kennst du ja auch so, Wirtschaftskriminalität hat immer so ein bisschen den Ruf. Das ist so ein bisschen trocken und sehr viele Zahlen und so. Aber dieser Fall ist wirklich so irre. Deswegen habe ich mir den auch ausgesucht. Und direkt der Anfang ist ja wie eine Szene aus so einem Tatort oder so. Also man sieht schon so die Drohnenbilder vor sich irgendwie von dieser Millionenstadt auf den Philippinen. Und um zu erklären, wie es dazu kommen konnte, müssen wir jetzt mal ein paar Jahre vorspulen, ganz an den Anfang dieses ungewöhnlichen Falls und zwar zum 30. November 1992. An diesem Tag bekommt die Staatsanwaltschaft in Bielefeld einen seltsamen Brief von einem anonymen Absender. Darin steht, holen Sie die für Sie bestimmten vertraulichen Informationen aus dem Schließfach im Bahnhof Bielefeld mittels beiliegendem Schlüssel. Im Schließfach mit der Nummer 46 finden Polizisten noch am selben Tag einen ganzen Haufen Unterlagen und eine anonyme Anzeige gegen ein Unternehmen aus dem 14 Kilometer entfernten Steinhaken, der Schließfach. Balsam AG, die Böden für Sporthallen und Sportplätze herstellt. Der anonyme Absender bezeichnet den Vorstand des Unternehmens in seiner Anzeige als kriminelle Vereinigung und erhebt schwere Anschuldigungen. Auf insgesamt 14 Seiten wirft er dem Unternehmen Betrug, Steuerhinterziehung und illegale Absprachen vor und spricht von einem Milliardenschaden. In dem Schließfach findet die Polizei auch einen Ordner mit vielen internen Dokumenten, Überweisungsbelegen und Kontoauszügen, die den Betrug beweisen sollen. Also das wünscht sich ja wirklich jeder Journalist oder jede Journalistin, dass da jemand direkt mit so vielen Beweisen kommt und nicht nur eine Anschuldigung. Weil Dokumente und Beweise sind natürlich für uns alle, aber sicherlich auch für die Staatsanwaltschaft das Allerwichtigste. Also da hat sich ja jemand auf jeden Fall die Mühe gemacht. Normalerweise muss man einem Vorwurf erstmal nachgehen und dann monatelang ermitteln und ja... Mühsam Beweise einsammeln. Und dann hier gleich 14 Seiten. Also das ist schon krass. 14 Seiten plus Anhang sozusagen. Da kommt auch der Ordner dazu. Also auch für eine Staatsanwaltschaft ist das echt ungewöhnlich, so eine detaillierte Anzeige zu bekommen. Der Ordner mit dem Material wird dem Bielefelder Oberstaatsanwalt Just Schmiedeskamp übergeben. Der Fall ist hochbrisant, denn die Balsam AG ist damals auch international sehr erfolgreich. Das Unternehmen ist Weltmarktführer bei den Sportbodenherstellern, hat mehr als 1600 Mitarbeiter und macht Umsätze im dreistelligen Millionenbereich. Ein Vorwurf gegen ein Unternehmen dieser Größenordnung ist keine Kleinigkeit. Doch der Oberstaatsanwalt Just Schmiedeskamp schätzt den Fall anders ein. Bei einer Dienstbesprechung einige Tage später stellt der Staatsanwalt fest, die Behauptungen sind unschlüssig und bieten keine Anhaltspunkte für das Vorliegen einer strafbaren Handlung. Damit ist das Thema für ihn beendet. Er heftet die Unterlagen ordnungsgemäß ab. Doch Schmiedeskamp ist nicht der Einzige, der eher skeptisch ist. Auch das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in Hamburg hat damals Post von dem anonymen Tippgeber bekommen. Aber auch dort will niemand das Thema anfassen. Vielleicht erkennt auch niemand, wie brisant die Informationen wirklich sind. Du hast es ja gerade schon mal angedeutet, so für Journalisten und ihr arbeitet ja in eurem Bereich auch oft investigativ, Ist das ja schon so, man kriegt Hinweise von irgendwelchen anonymen Tippgebern. Ist dir das auch schon mal passiert, dass du die Größenordnung von dem Thema nicht direkt erkannt hast und wo du dich dann im Nachhinein darüber geärgert hast, so man hätte ich mal, wäre ich da doch mal nachgegangen? Ja, tatsächlich. Also ich bin mir nicht ganz sicher, muss ich sagen. Aber es gab einen Fall, wo ich mal so eine Nachricht bekommen habe mit einem, ja wollen wir mal über das eine Unternehmen sprechen. Es war aber so ein kleines und ich habe das dann, ich hatte zu viel andere Sachen gerade zu tun und ich habe das dann als zu klein eingehalten und es war quasi auch noch kein ganz konkreter Punkt. Es ging nur so ein bisschen, ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, es ging um quasi Streitereien. Und ich bin mir wirklich nicht sicher. Kann sein, dass ich total falsch liege, aber ich glaube, es ist dann hinterher zu einem sehr großen Skandal geworden. Da habe ich mich natürlich wahnsinnig geärgert. Ich glaube, sowas kann auch schon mal passieren. Der Spiegel hat sich wahrscheinlich auch sehr geärgert, kann ich mir vorstellen. Davon gehe ich jetzt mal aus. Also in dem Fall ist es ja schon so, das finde ich zu spannend daran, es sind ja nicht nur die Vorwürfe, sondern im Prinzip auch die Belege dazu. Aber wahrscheinlich hat das damals einfach niemand so richtig durchdrungen. Und so muss man leider sagen, passiert in diesem Fall fast ein Jahr lang gar nichts. Bis zum 8. September 1993, da taucht der geheimnisvolle Informant plötzlich höchstpersönlich auf der Polizeiwache in Bielefeld auf. Er hat die Nase voll vom Warten und wendet sich an den damaligen Leiter der Abteilung für Wirtschaftskriminalität, Kriminalhauptkommissar Karl-Heinz Wallmeier. Den haben wir ja schon am Anfang dieser Folge kennengelernt. Ah ja, den hast du ja den Jäger genannt, ne? Genau, der Jäger. Da kommt er das erste Mal ins Spiel. Und anders als der Oberstaatsanwalt wird der Ermittler sofort hellhörig. Denn dieser Informant ist nicht irgendwer, sondern ein ehemaliger Prokurist. Also ein hochrangiger Mitarbeiter von Balsam. Und das spielt natürlich eine Rolle, wenn du so Vorwürfe bewerten willst. Ja, ich habe mich gerade schon vorhin gefragt, als Sie das Schließfach gefunden haben, ob der Informant erstmal anonym bleiben wollte und das ist natürlich für Journalisten, Ermittler, Staatsanwälte total wichtig, die Seriosität der Quelle und die Motivation der Quelle auch bewerten zu können, wie sicher die Informationen sind und woher die Dokumente auch kommen können. Sowas kann ja auch gefälscht sein, ich denke jetzt irgendwie an die Hitler-Tagebücher zum Beispiel. Ja, das ist dann total wichtig. Ja, also am Anfang wollte er anonym bleiben und dann hat er gesagt, okay, jetzt reicht es mir hier. Mir ist das so wichtig, dass das irgendwie ans Licht kommt, dass ich mit meinem Namen und meiner Position dafür eintrete. Das ist ja auch gefährlich. In dem Fall ist es ein ehemaliger Mitarbeiter, aber eben ein hochrangiger. Also Pokuristen, die haben ja, ich weiß nicht, wie man das nennt, die dürfen Verträge unterzeichnen. Also sind zeichnungsberechtigt, so heißt das, glaube ich. Genau. Und dementsprechend, der hat ja schon ein bisschen mehr Einblick in das, was in einem Unternehmen passiert, als jetzt jemand, der in der Fertigung vielleicht am Band steht oder so. Ja, und verantwortet auch das Zahlenwerk mit, ne? Genau das, genau das. Und deswegen ist auch Karl-Heinz Wallmeier angefixt, weil er denkt, okay, das kommt jetzt hier nicht aus irgendeiner dubiosen Quelle. Er will der Sache nachgehen und deshalb bittet er die Staatsanwaltschaft um Einsicht in die Akten des Falls, weil die gibt es ja zu dem Zeitpunkt schon. Aber diese stellt sich quer. An der Sache ist nichts dran und das geht die Polizei nichts an, bekommt der Kommissar damals zu hören. Diese Ignoranz hat meinen Widerspruch hervorgerufen, erzählt Wallmeier später. Der drahtige Ermittler lässt sich nicht abwimmeln und wühlt sich monatelang durch die Unterlagen, die ihm der Informant überlassen hat. Wallmeier verfolgt die Hinweise aus den Dokumenten und spricht mit mehreren Menschen aus dem Umfeld der Balsam AG. So wird es aus einem unguten Bauchgefühl immer mehr ein konkreter Verdacht, den der Ermittler der Staatsanwaltschaft auch mitteilt. Doch Oberstaatsanwalt Schmiedeskamp rät ihm, die Finger von dem Fall zu lassen. Wallmeier, du hast keine Ahnung, soll der immer wieder gesagt haben, erinnert sich der Kommissar. Obwohl er komplett auf sich allein gestellt ist, will Wallmeier sich von seinen Ermittlungen nicht abbringen lassen. Sogar in seinem Urlaub reist der ehrgeizige Kommissar umher, Unter anderem nach Frankreich und sucht nach konkreten Beweisen, die er dem Oberstaatsanwalt vorlegen kann. Laut den Informationen des Informanten soll Balsam hier einige Sportanlagen mit Böden ausgestattet haben und auch ganze Sportplätze gebaut haben. Die Kosten für den Bau soll die Balsam AG über Kredite vorfinanziert haben, die den realen Wert des Auftrages weit übersteigen. Klingt jetzt erstmal kompliziert, aber das erklären wir gleich nochmal genauer. Weilmeier holt sich Hilfe bei den französischen Behörden und skrebt sich auch hier durch etliche Unterlagen und Rechnungen. Elsass wird er schließlich fündig. 1986 wurde hier eine neue Sportanlage gebaut. Der Boden stammt von Balsam aus Steinhagen. Knapp 60.000 Mark, also nach heutigem Wert etwa 67.000 Euro, hat das Projekt damals gekostet. So steht es in den Unterlagen der Gemeinde. Jetzt wird es aber interessant. Die Balsam AG hat die Höhe des Auftrags in ihren Büchern mit fast 3,4 Millionen Mark, also nach heutigem Wert 3,8 Millionen Euro angegeben. Also viel, viel, viel höher als die Gemeinde eigentlich dafür bezahlt hat. Und es kommt noch besser. Wallmer besucht auch andere Orte, in denen Balsam angeblich Sportplätze gebaut hat. Doch er findet nur grüne Wiesen. Alles deutet darauf hin, dass das Unternehmen Projekte erfunden hat, um an Geld zu kommen. Und da habe ich bei der Recherche das erste Mal gedacht, das erinnert mich an einen Fall, den wir auch hier zusammen bei Verbrechen von dem an besprochen haben, nämlich den Flow-Tech-Skandal um Big Money. Das war in Folge 80. Also da geht es durchaus parallel, oder? Total, das habe ich auch sofort gedacht. Übrigens Wahnsinn, die Folge war 2022, habe ich nochmal nachgeguckt. Das ist so wild. Wahnsinn, wie die Zeit rennt. Aber um vielleicht nochmal zusammenzufassen, worum es bei dem Flowtech-Skandal geht, wer die Folge 80 nicht gehört hat, also wer will, kann ja nochmal zurückspulen. Das war auch so ein Wirtschaftsskandal in den 90ern auch, wie dieser Fall, über den wir heute sprechen auch. Da ging es um erfundene Tiefbohrmaschinen, die einen Mann namens Manfred Schmieder, Big Money genannt, weil es eben ein sehr großer, etwas rundlicherer Mann war, die gab es gar nicht und damit eben auch Aufträge erfunden hat, die es auch gar nicht gab. Und mich hat das auch ein bisschen an Wirecard erinnert, muss ich sagen, weil auch da standen ja am Ende milliardenschwere Guthaben auf Treuhandkonten in den Büchern. Die es auch gar nicht gegeben hat, die auch einfach erfunden wurden. Also in allen Fällen gibt es einen Punkt, an dem viele Beteiligte offenbar lieber an diese Erfolgsgeschichte weiterhin glauben wollten, die wir aber ja bis heute wissen, die gar nicht existiert hat. Und was ich auch noch spannend fand, das können wir aber später noch diskutieren, dass diese Fälschung oder diese Erfindungen dann ja einfach relativ plump waren. Aber da sprechen wir nachher nochmal drüber. Absolut. Es ist echt interessant, weil die Methoden haben sich vielleicht ein bisschen geändert Und es geht dann vielleicht um Internetfirmen und nicht um Sportbödenhersteller. Aber das Grundprinzip ist das gleiche. Man schafft Werte, wo gar keine Werte sind und holt sich dann irgendwie Geld von Banken. Und spätestens da weiß Karl-Heinz Wallmeier halt, dass da mit Luftschlössern gebaut wird. Also dass es viel davon einfach gar nicht gibt. Und damit reiste dann zurück nach Deutschland. Inzwischen konnte er auch weitere Zeugen auftreiben, die ihm die illegalen Machenschaften bei Balsam bestätigen und bereit sind auszusagen. Die Protokolle der Vernehmungen und seine Ermittlungsergebnisse aus Frankreich schickt der Kommissar wieder an den zuständigen Oberstaatsanwalt Just Schmiedeskamp. Doch der scheint davon ziemlich unbeeindruckt und bezeichnet die Recherchen als wertlos. Weitere Vernehmungen soll der Kommissar unterlassen, so die Anweisung. Was? Also das klingt jetzt für mich fast so ein bisschen wie Arbeitsverweigerung, oder? Das ist doch sein Job. Oder hatte der vielleicht eine andere Agenda? Das ist eine sehr gute Frage. Also es konnte bis heute nicht abschließend geklärt werden, warum der Oberstaatsanwalt sich weigert, seinen Job zu machen, muss man eigentlich sagen. Das ist genau das, wofür er da ist. Es gibt später Gerüchte in Bielefeld, dass Schmiedeskamp persönliche Beziehungen zum Firmenchef der Balsam AG, Friedl Balsam, hatte. Also das ist zum Beispiel belegt, seine Frau, also Frau Schmiedeskamp, soll lange mit Balsams Lebensgefährtin gemeinsam Tennis gespielt haben. Beide traten bei einem Turnier sogar als Balsambienen auf, also auch noch gesponsert von der Balsam AG. Ja, also das muss man jetzt natürlich sagen mutmaßlich, aber auch hier eine mutmaßliche Parallele zu vielen anderen Wirtschaftskrimis. Da ist ja so eine wichtige Regel, stell dich immer mit den Mächtigen gut und dein Netzwerk kann dich quasi beschützen. Und bei Big Money war das ja auch so. Der hat auch Lokalpolitiker und Banker damals umgarnt und in seinem Helikopter rumchauffiert. Ja, das ist immer so schwierig, weil man damit so leicht in den Bereich von Verschwörungserzählungen abgleitet. Die Mächtigen da oben, die halten immer zusammen. Aber in dem Fall drängt sich der Verdacht natürlich auf. Und du hast, glaube ich, einen anderen wichtigen Punkt schon angesprochen, zu dem wir auch gleich nochmal kommen. Da ist auch in so einer Region, gerade in ländlichen Regionen, oft ein sehr großer Stolz auf solche regionalen Champions. Und dann will man das vielleicht auch nicht wahrhaben, dass es vielleicht doch keine Champions sind. Gar nicht ja nur bei Lokalen, sondern auch bei Wirecard. In einem riesen Milliardenskandal, der die ganze Welt umfasst. Also auch da, wir wollten als Deutschland halt auch ein erfolgreiches Tech-Unternehmen haben. Und da hat sich Wirecard als Möglichkeit geboten. Und dann wurde quasi vielleicht nicht ganz so genau hingeguckt, als dann die ersten Nachrichten auch von der FT zum Beispiel über möglichen Betrug da aufkamen. Ja. Das führt jetzt in diesem Fall dazu, dass Wallmeier in der Sackkasse steckt, ohne die Mithilfe der Staatsanwaltschaft, weil ohne die kann er ja nicht weiter ermitteln. Und mittlerweile ist es schon anderthalb Jahre her, dass in Bielefeld die ersten Hinweise auf den Milliardenbetrug bei Balsam eingegangen sind, ohne irgendwelche Konsequenzen. Doch dann läuft am 31. Mai 1994 in den deutschen Wohnzimmern abends eine Ausgabe des ZDF-Magazins Frontal. Und plötzlich kommt Schwung in die Sache. In dem Bericht ist die Rede von einem riesengroßen Finanzskandal in der Sportbranche und von, Zitat, deutschen Edelkriminellen, die sich mit frisierten Unterlagen und teils erfundenen Auslandsprojekten Milliardenkredite erschleichen. Es wird zwar kein Firmenname genannt, wahrscheinlich aus juristischen Gründen, aber das Balsam-Logo taucht in dem Film auf, ebenso wie die Begriffe Sportbotenhersteller und Ostwestfalen-Lippe. Es dauert also nicht lange, bis Reporter aus der Region 1 und 1 zusammenzählen, weil ehrlicherweise so viele große Sportbotenhersteller aus Ostwestfalen-Lippe gibt es nicht. Und schon am nächsten Tag berichten die ersten Lokalzeitungen über den Fall. Ungefähr zu dieser Zeit bekommt auch Karl-Heinz Wallmeier die ersten Drohungen. Das ist ja spannend, weil zu dem Zeitpunkt weiß die Öffentlichkeit doch eigentlich nicht, dass er ermittelt, oder? Und wie wird ihm da gedroht? Also ich habe nochmal nachgeschaut. Es war so, dass da von anonymen Anrufen die Rede war beispielsweise. Und ich kann mir das nur so erklären. Er hat ja auch im Umfeld von Balsam gefragt und hat versucht, mehr herauszufinden. Und eventuell hat da irgendjemand geplaudert. Also je größer du natürlich so eine Recherche oder eine Ermittlung aufziehst, desto mehr Mitwisser gibt es und ja, irgendwann ist es an die richtigen Leute herangetragen worden und dann gab es eben diese Bedrohung und zwar nicht nur bei ihm, sondern auch bei Lokaljournalisten, die über diesen Fall berichten, die damals die Ersten sind, die über diesen Fall berichten. Auch die erzählen später von zerstochenen Reifen und aufgebrochenen Reifen. Ja, Einschüchterungstaktik. Genau das. Also es ist nicht so ganz konkret, aber du kriegst das Gefühl, bitte hör mal hier auf, weiter nachzubohren. Ein paar Tage später äußert sich erstmals ein Vorstandsmitglied der Balsam AG zu den Vorwürfen und streitet alles ab. Es handelt sich um nichts anderes als um ein Racheakt eines fristlos entlassenen Mitarbeiters, heißt es in dem Statement. Doch irgendwann wird das Medieninteresse so groß, dass die Staatsanwaltschaft reagieren muss. Am 6. Juni 1994, mehr als anderthalb Jahre nach der anonymen Anzeige, werden Firmengründer Friedel Balsam, seine beiden Vorstandskollegen und der Finanzchef des Unternehmens, Klaus Detlef Schienkamp, festgenommen. Als die knapp 260 Mitarbeiter der Balsam AG in Steinhagen an diesem Montagmorgen zur Arbeit kommen, stehen sie vor verschlossenen Türen. Die Staatsanwaltschaft durchsucht gemeinsam mit der Steuerfahndung die Firmenzentrale des Unternehmens und beschlagnahmt zahlreiche Dokumente. Gegen Mittag steht dann fest, dass hier erstmal niemand weiterarbeiten wird. Das muss ja auch krass gewesen sein. Für die 1000 Mitarbeiter hast du, glaube ich, vorhin gesagt. Das sind insgesamt 1600 auf der ganzen Welt. Die hatten ja Tochterfirmen überall. Genau, und das waren eben die an dem Hauptsitz. Aber das hat sich natürlich wie ein Lauffeuer verbreitet, dass es da zu dieser Durchsuchung gekommen ist. Ja, ich kannte Balsam jetzt vorher gar nicht, dieses Unternehmen. Ich meine, das war auch ein bisschen vor meiner Zeit. Ich bin 1993 geboren. Na, das hättest du mit einem Jahr schon mitkriegen können. Naja, eigentlich bin ich ja erst 18, also noch später. Aber ich wollte jetzt gerne nochmal von dir ein bisschen hören, was ist das denn eigentlich für ein Unternehmen? Also was haben die sonst so gemacht? Wie bekannt war das damals? Ja, die Geschichte der Firma, die beginnt schon 1965 mit Friedel Balsam. Den Namen habe ich ja gerade schon erwähnt. Der ist damals Anfang 20 gerade mit der Ausbildung fertig und leiht sich 7000 Mark, um sich mit einer Schreibmaschine und einem Lastwagen selbstständig zu machen. Seine Idee, er will die Laufbahnen von Sportplätzen mit roter Schlacke belegen. Das ist so ein Nebenprodukt aus der Kupfergewinnung und das ist damals so üblich. Ich glaube, jeder, der mal irgendwie Sportunterricht oder Bundesjugendspiele draußen gemacht hat, kann sich an diese roten Rennbahnen irgendwie erinnern. Hab's gehasst damals, muss ich sagen. Hat sich auch nicht geändert bis heute. Ab Anfang der 70er Jahre stellt Balsam mit seiner Firma dann auch Kunststoffbelege für Laufbahnen her. Später kommt Kunstrasen für zum Beispiel Fußballfelder dazu. Damit schafft der ehrgeizige Unternehmer den Durchbruch. Was klein angefangen hat, wird schnell immer größer und entwickelt sich zu einem gut laufenden mittelständischen Unternehmen mit dreistelligen Millionenumsätzen. Eine Firma, die für eine Gemeinde wie Steinhagen mit damals weniger als 20.000 Einwohnern eine wichtige Rolle spielt, wie sich Steinhagens damaliger Bürgermeister Klaus Besser erinnert. Die haben sich entwickelt und sind sehr schnell groß geworden, waren wichtiger Arbeitgeber vor Ort. Die haben weltweit ihre Sportböden vertrieben, haben olympische Spiele ermöglicht. Und da ist man natürlich schon stolz, wenn der Boden, auf dem da Weltrekorde erzielt werden, aus Steinhagen kommt. Ja, witziger Zufall, dass wir jetzt in zwei Folgen hintereinander O-Töne von Bürgermeistern haben. Das ist so ein bisschen für mich wie die Rückkehr zu meinen Lokalradioanfängen. Aber ich finde es mal ganz interessant, um so ein bisschen Eindrücke von vor Ort einzufangen. Und man hört das auch schon so ein bisschen raus. In Steinhagen ist man stolz auf die Produkte, die aus dem kleinen Ort am Teutelburger Wald in ganz Deutschland oder sogar in die ganze Welt verkauft werden. So wie zum Beispiel der Steinhäger. Das kennt man vielleicht auch außerhalb des Kreises Gütersloh. Das ist so ein Wacholder. Ja gut, dann sei froh, weil da kriegt man Kopfschmerzen von. Das ist so ein Wacholder-Schnaps, der hier seit dem Mittelalter gebrannt wird. Aber neben den Arbeitsplätzen vor Ort sorgt die Balsam AG damals in Steinhagen auch für ordentliche Einnahmen. Es ist kein Geheimnis. Wir haben ungefähr 2,5 Millionen D-Mark Gewerbesteuern im Jahr gezahlt. Bei einem Gesamthaushalt von etwa 50 Millionen ist das eine erhebliche Einnahmeposition, die Steinhagen auch gut getan hat in den ganzen Jahren. Und das ist immer wichtig, um die kommunale Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Kindertagesstätten, Schulen, Straßen zu bauen und, und, und. Und auch sonst gehört Balsam schnell zur DNA der Gemeinde. Der Unternehmensslogan Wir bereiten Sport den Boden kennt hier in Steinhag so ziemlich jeder. Auch deshalb, weil der Spruch riesengroß auf der weißen Mauer steht, die das rote Balsam-Bürogebäude an der Queller Straße umgibt. An Balsam kommt damals keiner vorbei, sagt Klaus Besser. Also viele Steinhagener haben ja bei Balsam gearbeitet, sei es im Büro, sei es im Technikbereich, im Vertrieb, im Einkauf. Natürlich waren die auch Sponsoren unserer heimischen Sportvereine, haben auch in Steinhagen einen Kunstrasenplatz gebaut. Schon sehr früh, als andere Kommunen noch keinen Kunstrasenplatz hatten. Und insofern waren die omnipräsent, also tagtäglich. Firmenchef Friedel Balsam ist durch den Erfolg des Unternehmens zu einer lokalen Größe geworden. In den Lokalzeitungen wird er als erfolgreicher Geschäftsmann beschrieben, der es geschafft hat, sich aus unscheinbaren Verhältnissen hochzuarbeiten, quasi vom Tellerwäscher zum Millionär. Der Balsamboss hat zu dieser Zeit einen guten Ruf in der Gemeinde. Ja, einfach Mensch, also nicht irgendwie abgehoben oder der sich im Glanze seines Unternehmens gesonnt hat oder so etwas, sondern wirklich bodenständig, einfach. Wenn man nicht gewusst hätte, das ist Herr Balsam, dann hätte man gedacht, Das ist irgendein Mitarbeiter des Unternehmens oder Monteur oder sonst was. Also sehr einfacher, bodenständiger Mensch. Balsam gilt als guter Chef, der zu runden Geburtstagen die gesamte Belegschaft einlädt oder allen Mitarbeitern Freitagmittags freigibt, um mit der ganzen Firma auf die Kirmes zu gehen. Also ein Chef, wie man sich den eigentlich wünscht, ehrlicherweise. Also die ehemaligen Mitarbeiter von Balsam, über die ich Informationen kriegen konnte, die haben eigentlich fast alle gesagt, der war ein ganz toller Chef und eigentlich war das damals eine superschöne Zeit. Die kannten natürlich die Hintergründe nicht, denn der Firmenchef ist auch jemand, der immer mehr will. Bei Ausschreibungen unterbietet er Mitbewerber regelmäßig mit Dumpingpreisen und kauft sie anschließend auf. So expandiert das Unternehmen immer weiter und die Balsam AG wird zum Weltmarktführer für Sportböden. Auf seinem Höhepunkt hat das Unternehmen mehr als 30 Tochterfirmen in Europa, Amerika und Australien. Und der Jahresumsatz liegt angeblich bei etwa 400 Millionen D-Mark. Also das wären heutigen Wert umgerechnet knapp 432 Millionen Euro, also inflationsbereinigt. Weltweit arbeiten knapp 1600 Menschen für die Balsam AG. Man hat vor Ehrfurcht den Hut gezogen, wenn man den Namen Balsam gehört hat. So beschreibt es ein Geschäftspartner von Friedel Balsam. Dieser wird dank des großen Erfolges der Balsam AG zum Millionär. Und da hört es dann mit der Bescheidenheit offenbar doch auf. Balsam kauft ein Haus auf Mallorca und ein riesengroßes Anwesen im westfälischen Borkholzhausen, etwa 20 Minuten vom Unternehmenssitz in Steinhagen entfernt. Der Wert der Immobilie wird später auf mehrere Millionen Mark geschätzt. Zu dem Grundstück gehören unter anderem ein Hubschrauberlandeplatz und eine große Reitanlage, eine von Friedel Balsams Leidenschaften. Also Hubschrauberlandeplatz musste man damals in 80er, 90ern auch haben. Scheinbar gehabt haben. Irgendwie so ein Ding. Also erinnert mich auch schon wieder. Das war so ein Statussymbol, ja. Big Money auch. Big Money, genau. Wer noch? Florian Homm auch. Stimmt, ja. Hatte auch eine Villa auf Mallorca. Der hatte noch einen Zoo, einen Privatzoo. Ah ne, okay, da war es jetzt nur die Reitanlage. Also ein Riesenunternehmen. Ich habe mir das von außen mal angeguckt vor einigen Jahren. Es ist wirklich riesengroß, total schön gelegen da am Wald. Und hier feiert Friedel Balsam gerne rauschende Feste mit seinen Freunden. Aber auch sonst lässt er es sich gut gehen. Und es gibt sein Geld zum Beispiel für teure Urlaube, wie eine Safari in Südafrika oder eine Flussfahrt auf dem Colorado River in den USA aus. Aber später kommt heraus, die Geschäfte laufen gar nicht so gut, wie Balsam alle glauben lassen will. Und das finde ich total spannend. Also von all dem, was ich bei meinen Recherchen gehört habe, sowohl von Ex-Mitarbeitern als auch, wir haben es gerade bei Klaus Besser gehört, Friedel Balsam scheint eigentlich ein ganz bodenständiger Macher zu sein, so ein hemmsärmeliger Typ, der einfach gemacht hat. Und der kriegt dann irgendwann einfach nicht mehr genug, der kriegt den Hals nicht mehr voll genug. Also kennst du solche Unternehmertypen auch aus deiner Arbeit? Ja, auf jeden Fall. Also ich glaube, beides kennen wir. Also die, die den Fast Track schon immer wollten und die von Anfang an quasi etwas aufgebaut haben, was eigentlich ein Luftschloss war, um schnell an diesen Reichtum, Luxus zu kommen, den sie irgendwie gesehen haben. Das sind dann oft Leute, die vielleicht aus nicht so guten Verhältnissen kamen und sich das immer erträumt haben. Aber wir sehen auch oft Gründer oder Unternehmer, die am Anfang tatsächlich sehr fleißig sind oder auch eine Vision haben und total an die glauben und alles versuchen, um die zu realisieren und das Unternehmen quasi groß zu machen. Und dann aber in wirtschaftliche Schieflage geraten und dann versuchen quasi dieses Loch zu stopfen und dann aber irgendwann merken, das geht jetzt auf so ganz legalem Weg irgendwie nicht mehr. Und dann halt irgendwie abrutschen und insbesondere, wenn sie dann halt einmal dieses Luxusleben geschmeckt haben und diese Villa haben und das werden ja auch alles laufende Kosten sein, die man dann ja auch erstmal bedienen muss und dann wieder zurückzuschrauben, das ist halt auch total schwierig und machen die wenigsten und ja, dann landet man da vielleicht schnell. In so einem Betrug. Das ist ganz spannend, was du sagst, weil man sich ja bei Betrügern oft Leute vorstellt, die von Anfang an mit Luftschlössern handeln. Gibt es auch. Und die vielleicht auch, ne, also wo von Anfang an klar ist, das ist jetzt ein Betrug. Also aktuelles Beispiel, ich habe eine super, super, super gute Doku gesehen in der ID Mediathek über Henrik Holt. Der Windpark-Schwinler, hast du die auch gesehen, die Doku? Ich habe sie noch nicht zu Ende geguckt. Die ist sensationell. Mit der Frau auch, haben wir auch gesprochen. Guckt euch die an. Sie haben mit ihm selbst auch gesprochen und das ist halt so ein Typ. Der hat einen Betrug aufgebaut auf Windparks und da ist komplett von Anfang an klar, dass das ein Betrug ist. Also die haben niemals vorgehabt, echte Werte zu schaffen und das ist ja bei Balsam anders. Also der hat ja am Anfang wirklich geglaubt, sich da hochzuarbeiten und ja, interessant ist vielleicht, dass wir uns noch einen weiteren Mann angucken müssen, um das zu verstehen. Unbedingt, du hast ja vorhin noch einen zweiten Namen erwähnt, einen anderen Mann, nicht nur Friedl Balsam, sondern wie hieß der nochmal? Klaus Derkliff-Schlimkampf, das ist der Finanzchef der Balsam AG und ja, den müssen wir uns definitiv besser angucken, weil der wird später auch im Zentrum dieses Skandals stehen. Das ist so ein schlachsiger Typ mit so einer großen runden Brille und sonst eigentlich eher so ein... Ja, unauffälliger Mann. Also wie man sich eigentlich so einen Buchhalter vorstellt. Noch am Tag seiner Festnahme kündigt der damals 41-jährige Schliebenkamp überraschenderweise ein ausführliches Geständnis an. Und was er erzählt, sorgt für große Fassungslosigkeit. Schliebenkamp berichtet, dass die Balsam AG seit vielen Jahren in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Jahrelang macht das Unternehmen nur Verluste. Mitte der 80er war die Balsam AG praktisch konkursreif, erklärt der Finanzchef. Und wir rechnen jetzt mal zurück, also schon seit zehn Jahren hätte es die Firma eigentlich zu dem Zeitpunkt nicht mehr geben dürfen. Ja stimmt, wir sind da jetzt ungefähr Mitte der 90er. Genau, wir sind jetzt Mitte der 90er, aber von diesen finanziellen Problemen bekommt kaum jemand etwas mit. Im Gegenteil, in Steinhagen ist man super zufrieden mit der Entwicklung des Unternehmens, wie mir Bürgermeister Klaus Besser erzählt hat. Man muss ja sagen, so 70er, 80er Jahre, es boomte, es wurden Sportstätten gebaut weltweit, die waren gut im Geschäft und insofern hat man sich da keine Gedanken gemacht. Das Unternehmen floriert, sorgt ja auch im Ort noch für Beschäftigung, weil die ständig expandiert haben, haben Bauunternehmen für die gearbeitet, Handwerksbetriebe für die gearbeitet, Tiefbauunternehmen für die gearbeitet und die waren insofern auch im Ort vernetzt und da hat sich keiner Gedanken gemacht. Rechnungen wurden bezahlt, Gewerbesteuer wurde auch immer pünktlich überwiesen. Außerhalb der Balsam-Chefetage weiß also niemand, wie schlecht es wirklich um die Firma steht. Das liegt vor allem am Einfallsreichtum von Klaus Schlieenkamp. Der lernt nämlich Anfang der 80er Jahre Dieter Klintwort kennen. Der hat sich mit seinem Finanzierungsinstitut mit dem Namen Procedo auf das sogenannte Factoring spezialisiert. Das ist eine schnelle und unkomplizierte Finanzierungsmöglichkeit. Vielleicht, sorry, du bist die Wirtschaftsexpertin von uns beiden. Kannst du kurz erklären, was Factoring ist? Ja, gerne. Also vielleicht vereinfacht gesagt ist das, wenn eine Firma eine offene Rechnung hat und auf ihr Geld wartet, zum Beispiel jetzt für eine bestimmte Dienstleistung oder eine Ware. Und um nicht so lange darauf warten zu müssen, dass der Kunde das Geld bezahlt, verkauft das Unternehmen dann diese Forderung an eine sogenannte Factoring-Firma. Die finanziert das Ganze dann quasi vor und holt sich das Geld dann bei dem eigentlichen Kunden später wieder zurück. Natürlich alles gegen eine Gebühr, die dann zum Beispiel in dem Falle halt die Balsam AG bezahlt hat. Also es ist ein Geschäftsmodell. Vielleicht kann man das so ein bisschen vergleichen, sehr vereinfacht gesagt, mit Klana zum Beispiel Oder so Buy-Now-Pay-Later-Modellen. Also der Händler bekommt in dem Fall sein Geld sofort von Klana, obwohl der Kunde, ich, erst später bezahlt. Und beim klassischen Factoring passiert das dann eben zwischen Unternehmen und halt eher mit Rechnung in Millionenhöhe und nicht, keine Ahnung, 29,99 für eine Hose. Also macht das bitte nicht, liebe Kinder, kauft euch keine Sachen, die ihr nicht braucht und bezahlt sie später, weil Klarna-Schulden passiert leider häufiger, als man denkt, muss man vielleicht mal sagen. Ja, genau, absolut wichtiger Hinweis. Da raten ja auch viele Finanzinstitute auch davon ab, beziehungsweise eben, wie wichtig das ist. Aber da finden natürlich jetzt auch Prüfungen viel mehr statt. Also am Anfang war das nicht der Fall. Jetzt wird da immer mehr geprüft, die Kreditwürdigkeit, das Alter. Hat man schon andere Kleinkredite oder größere Kredite? Und da sind natürlich auch Sicherheiten dabei. Deswegen bin ich gespannt, ob wir gleich noch darüber sprechen, ob da auch Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden beim Factoring. Ja, das schauen wir uns gleich mal an. Also um das ein bisschen zu präzisieren, es geht um sogenanntes stilles Factoring. Also da zahlt der Kunde erstmal den Betrag an das Unternehmen und von da aus wird das Geld dann an Prozedo weitergeleitet. Der Kunde selbst bekommt also gar nichts davon mit und das Unternehmen bleibt halt immer zahlungsfähig. Auch die Balsam AG leitet damals jede Rechnung sofort an Prozedur in Wiesbaden weiter und bis hierhin ist das auch alles noch völlig legal und sauber, aber dann bekommt die Balsam AG einen Auftrag für eine Turnhalle in Saudi-Arabien für 1,8 Millionen Mark. Also heute wären das so zweieinhalb Millionen Euro und so viel soll es kosten, um die Halle mit einem neuen Kunststoffboden auszustatten, was mir übrigens wahnsinnig teuer vorkommt. Klingt riesig, was ist das für eine Turnhalle? Es ist Saudi-Arabien, also kann natürlich auch sein, dass es so eine Riesenturnhalle ist. Das stimmt. Wir wissen es nicht, aber damit Prozedio die Rechnung übernimmt, braucht die Firma eine Sicherheit und da wären wir jetzt bei dem, was du gerade aufgeworfen hast bei der Frage. Weil die wollen natürlich irgendwie sicher gehen, dass dieser Kunde in Saudi-Arabien diese Summe auch wirklich zahlt. Und Schlienkamp hat Keine Sicherheit von dem Kunden, will ihn aber auch vielleicht einfach nicht danach fragen und deshalb fälscht er die Sicherheit einfach. Der Auftrag ist ja da, wir müssen nur ein bisschen nachhelfen, rechtfertigt er damals sein Handeln. Am Ende bringt der Auftrag in Saudi-Arabien aber leider nicht so viel Geld wie gedacht und jetzt hat Schleenkamp ein richtiges Problem, denn er muss Prozedur ja trotzdem die vollen 1,8 Millionen Mark zurückzahlen, die sie ja schon vorgestreckt haben. Das hätte für Balsam das sofortige Aus bedeutet, gesteht Schlienkamp später. Also stopft er das Loch mit dem Geld aus einem anderen Auftrag und so merkt erst mal niemand etwas. Von außen betrachtet ist Balsam in der Zeit sogar so erfolgreich, dass sich einige große Banken bei dem Unternehmen in Steinhaken melden, also von sich aus. Und sie bieten Balsam an, ebenfalls Rechnungen zu günstigen Konditionen vorzufinanzieren. Schleenkamp nimmt an, erwähnt aber nicht, dass er schon mit Prozedo zusammenarbeitet. Und so bekommt er für jeden Auftrag gleich zweimal das Geld, einmal von einer Bank und dann noch von Prozedo. Damit verdoppeln sich die Einnahmen, ich hoffe du siehst meine Anführungsstriche, die Einnahmen erstmal, ohne dass Schleenkamp viel dafür tun muss. Aber das Geld muss ja auch irgendwann wieder zurückgezahlt werden, weil das ist ja nur geliehen. Also es ist eine wilde Methode, kann man glaube ich sagen. Ja, ausgefuchst auf jeden Fall, quasi doppelt erst mal Geld reingeholt. Aber deswegen ist das ja so gefährlich. Das ist ja quasi nur Geld auf Pump und das dann in diesem Fall dann sogar doppelt. Und das wird er ja nicht doppelt wieder reinholen. Ich frage mich aber eben auch, ob dann da die Banken nicht auch Sicherheiten angefragt haben, Bücher geprüft. Also ich vergleiche das jetzt mal, wenn wir ein Haus bauen wollen würden. Wir müssten mindestens eine Eigenkapitalquote von irgendwie 20 bis 30 Prozent nachweisen. und nur für ein kleines Haus. Also wir jetzt wahrscheinlich noch mehr, wenn wir beiden zusammen ein Haus bauen würden, weil wir sind Journalisten, da musst du schon mal sehr vorsichtig sein. Das stimmt, aber genau, in solchen Fällen ist das ja auch schon sehr schwierig. Und kann natürlich, aber in den 90ern ist das manchmal auch noch anders gewesen. Bei Big Money war das auch noch so, dass da eben die Banken natürlich auch ihre Ziele hatten, gewisse Margen zu erreichen, gewisse Profite. Und die haben da vielleicht eben eine gute Möglichkeit gesehen, weil die haben ja auch über diese Gebühren daran verdient. Deswegen haben die wahrscheinlich nur nach außen gesehen, ah, das ist ein ganz toll laufendes Unternehmen und vielleicht dann halt eher so ein Handshake-Deal gemacht oder so. Ja, und wie du gerade gesagt hast, das Geld kam ja rein. Das hat ja funktioniert erstmal. Und was du gerade gesagt hast mit dem Hauskaufmann, kann es glaube ich noch kleinteiliger sehen. Wenn du jetzt mal überlegst, du suchst nach einer Wohnung in Hamburg, Berlin oder München eine Mietwohnung, die du dich da nackig machen musst. Mit Einkommensnachweisen, mit Schufe-Eintrag als normaler Mensch, das ist schon wild, weil da geht es ja jetzt nicht unbedingt um Millionensummen, auch wenn es in München bei einer Mietwohnung, naja vielleicht, egal, aber das ist ja hier was ganz anderes und ja, man kann zumindest die Frage aufwerfen, ob da vielleicht am Anfang nicht so genau hingeguckt wurde von den Banken. Ist ja auch wirklich nur eine Frage. Das kann ich jetzt natürlich ja nicht stellen. Aber eine berechtigte Frage, finde ich. Als Schlinkamp sich im Spätsommer 1984 zusammen mit Friedel Balsam, also mit seinem Chef, die Zahlen genauer anschaut, stellen die beiden fest, dass mittlerweile Forderungen von fast 4 Millionen Mark doppelt finanziert sind. Balsam hat also ein Loch von mindestens 4 Millionen in der Kasse, selbst wenn alle Kunden pünktlich und in voller Höhe zahlen. Diese Schulden könnte die Firma niemals aus eigener Kraft zurückzahlen. Wir sollten Konkurs anmelden, will Schleenkamp damals seinem Chef geraten haben. Doch der winkt ab, vielleicht ist er zu begeistert von seinem steigenden Jahresgehalt. Weil das ist natürlich an Umsätze gekoppelt und die machen ja auf dem Papier erstmal super gute Umsätze. Von seinem Optimismus ließ ich mich anstecken, erklärt Finanzchef Schleenkamp später. Niemand scheint zu hinterfragen, wie er eigentlich an das ganze Geld kommt, um diese Löcher zu stopfen, die irgendwie von allen Seiten da neu aufploppen. Kläuschen, du machst das schon, heißt es damals bei Balsam. Ich bin sehr gespannt, wie er das macht. Ja, das ist eine gute Frage. Aber es drängt sich auch so ein bisschen der Verdacht auf, dass man denkt, ja komm, der macht das. Wir gucken da gar nicht so genau hin. Wir wollen das auch eigentlich gar nicht wissen. Genau das, ja. Und so wagt sich Schleenkamp noch ein bisschen weiter. Als das Unternehmen immer mehr Geld braucht, fängt er an, die Beträge auf den Rechnungen zu fälschen. Mit einer Eins davor wird aus 140.000 Mark schnell ein Millionenbetrag und diese Scheinrechnung geht dann an Prozedo, das die Summe innerhalb von kürzester Zeit an Balsam überweist. Die Differenz zwischen der echten Summe und der Fantasiezahl auf der Rechnung steckt Schleenkamp dann in Wertpapiere und Devisengeschäfte. Also hat er halt versucht, das Geld irgendwie schon wieder zu kriegen auf eine Art und das lief auch am Anfang ziemlich gut. Also die Balsam AG häuft innerhalb von kürzester Zeit riesige Summen Geld an, von denen sich der Vorstand ein angenehmes Leben macht. Nach den Einzelheiten hat nie jemand gefragt. Ich war zuständig für die wundersame Geldvermehrung. So erklärte Schleenkamp seine Rolle bei Balsam. Und das klingt jetzt alles so sehr kompliziert auf den ersten Blick, aber eigentlich ist es doch nur ein Schneeballsystem, oder? Also muss immer neues Geld nachgeschossen werden, dann funktioniert es auch. Genau, also das ist ja die Definition eines Schneeballsystems, das quasi nur am Laufen gehalten werden kann. Wenn immer wieder neues Geld nachgefüttert wird, um alte Löcher zu stopfen quasi und genau, ja, das ist der Kern, sobald das dann aber stoppt, dann bricht dieses Kartenhaus zusammen oder wenn wir beim Schneeball bleiben wollen, dann bricht das Schneeball auseinander, aber er macht ja zum Beispiel eine Sache schlauer, was ich interessant finde, als viele andere, wie du sagst, er investiert in Wertpapiere und Devisen und vermehrt das Geld erstmal. Vermutlich haben sie deswegen noch deutlich länger durchgehalten als andere. Aber bei diesem teuren Lebensstil, den du auch schon erwähnt hast, und einem Loch von 4 Millionen Mark, da ist es wahrscheinlich schwierig, das jemals wieder auszugleichen. Wenn dann vielleicht doch auch noch weitere Aufträge ausfallen oder Kunden vielleicht auch mal nicht bezahlen, ja, dann fängt das natürlich das nicht auf. Vielleicht erzählst du mir aber nochmal so ein bisschen mehr, weil ich bin jetzt wirklich neugierig auf diesen Typen, Klaus Schlienkapp, der ja scheinbar doch irgendwie so ein kleines Gäste, Genie ist. Ja, also Klaus Detlef Schlingkamp, wie er mit vollem Namen heißt, wird 1952 oder 53 als zweites Kind seiner Eltern geboren. Er hat noch eine ältere Schwester, die aber früh stirbt. Seine Mutter ist Hausfrau und kümmert sich um die Kinder. Der Vater ist meist Arbeiten. Die Familie lebt in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen und auch die Ehe der Eltern ist ziemlich unglücklich. Der Vater ist oft cholerisch und kommt angetrunken nach Hause, was viel zu Streit führt. Klaus hat deshalb kein besonders gutes Verhältnis zu ihm. Der Vater macht seinen Sohn immer wieder runter und sagt ihm Sachen wie, du schaffst das sowieso nicht. Dadurch entwickelt Klaus ziemliche Selbstzweifel. Durch seine Mutter kommt er mit den Zeugen Jehovas in Berührung und wird dort Mitglied. Hier lernt er auch seine spätere Ehefrau Elisabeth Klassen kennen, die er 1973 heiratet. Nach der Hauptschule besucht er erst eine Handelsschule und macht dann eine kaufmännische Ausbildung. 1974 kommt er dann zu Balsam. Hier fängt er als kleiner Buchhalter mit einem Bruttogehalt von 2000 Mark an. Doch Schleenkamp ist ehrgeizig und arbeitet sich schnell hoch. Als die Firma immer weiter expandiert, übernimmt er die Geschäftsfelder in Amerika und auch immer mehr Verantwortung für die Finanzen des Unternehmens. Den Schleenkamp haben eigentlich nur die Zahlen interessiert. So beschreibt ihn ein ehemaliger Kollege. Irgendwann hat es der kleine Buchhalter bis ganz an die Spitze geschafft. Vor allem die Anerkennung seines Chefs Friedel Balsam ist Schleenkamp wichtig. Ja, das habe ich mir schon gedacht, als du das mit dem Vater gesagt hast. Es ist jetzt fast Küchenpsychologie, aber es scheint in dem Fall sehr zutreffend zu sein. Das ist jemand, der wirklich nach Bewunderung strebt und der jetzt dann scheinbar doch in seinem Leben was gefunden hat, was er wirklich gut kann. Und ja, er bekommt ja dann irgendwann die Gelegenheit als Finanzchef der Firma auszuhelfen aus diesen finanziellen Schwierigkeiten und sieht sich dann relativ schnell als Retter und genießt diese Rolle. Und auch Schleenkamp selbst, das muss man auch ganz offen sagen, profitiert davon. Zuletzt soll sein Jahresgehalt zwischen 4 und 5 Millionen Mark gelegen haben. Ah, okay. Also auch Millionär. Auch Millionär, absolut. Schleenkamp und seine Frau führen ein Leben im Luxus, das natürlich irgendwie bezahlt werden muss. Das hat mir zunehmend Druck gemacht, den Lebensstandard zu halten, erzählt Klaus Schleenkamp später einem Psychiater. Und auch den Punkt hatten wir ja schon. Irgendwann hast du dich an das süße Leben gewöhnt und dann willst du irgendwie den Status Quo beibehalten. Und bist dann ja auch nicht mehr alleine. Also wenn die dann auch Frauen und Kinder haben, dann musst du es ja denen gegenüber irgendwie erklären. Und ich glaube, wenn man so ein einsamer Wolf ist, dann die würden sich vielleicht dann auch noch selber irgendwie zurückziehen. Aber diese Rechtfertigung dann gegenüber anderen ist dann, glaube ich. In dem Kopf nicht mehr machbar. Vor allem, wenn du deinen kompletten Selbstwert aus der Arbeit und aus deinen Arbeitserfolgen ziehst, dann kannst du dieses Haus ja nicht zum Einstürzen bringen. Du bist ja nur wer, weil du so ein erfolgreicher Zahlenmensch bist jetzt in dem Fall. Und man muss sagen, bei Klaus Schlinkamp führt das dazu, dass er sich immer mehr in die Arbeit stürzt und auch in den Alkohol. Jahrelang beginnt er schon vormittags in seinem Büro zu trinken. Fast zwei Liter Wein und Schnaps kommen so täglich zusammen. Darin ertränkt er die Sorge, dass das Ganze doch irgendwann auffliegt oder die Firma pleite gehen könnte. Und, das finde ich auch einen sehr spannenden Side-Fact, mit Spenden an die Zeugen Jehovas versucht er zusätzlich sein Gewissen zu beruhigen. 1990 scheitert dann seine Ehe mit Elisabeth. Kurz danach heiratet Schleenkamp ein zweites Mal eine Holländerin, die früher für ihn gearbeitet hat und mit der er zwei Kinder bekommt. Doch auch diese Ehe läuft nicht besonders gut. Zu seinen wenigen Freunden soll Schlinkamp gesagt haben, dass beide Frauen sehr dominant in der Beziehung waren und ihn dazu angetrieben haben, immer mehr Geld zu beschaffen. Schlinkamp schafft es, die Realität immer mehr auszublenden und glaubt irgendwann selbst, dass die Aufträge, die er regelmäßig fälscht, tatsächlich existieren. Ja, auch das beobachten wir wirklich ganz oft im Wirtschaftsbetrug. Der Druck... Muss da sein. Also ich glaube, ich habe es beim letzten Mal auch schon in der Folge erzählt, das Betrugsdreieck. Man braucht Druck, um quasi überhaupt in die Situation zu kommen. Man braucht eine Gelegenheit und man braucht eine Rechtfertigung. Und die hat er für sich gefunden, indem er sich erzählt, die existieren tatsächlich. Und dann die Realität quasi dadurch verändern oder sich anders wahrnehmen, sich anders erdenken. Und das ist in diesem Fall, glaube ich, ja, klassisches Beispiel dafür. Warum ist das eigentlich niemandem aufgefallen? Ja, also das habe ich mich natürlich auch gefragt. Also es kann verschiedene Gründe dafür geben. Vielleicht hat niemand so genau hingeschaut. Das hatten wir gerade schon kurz. Das sind die 90er Jahre. Da sind noch mehr so Handshake-Deals in Mode. Und ich glaube auch, dass man halt wirklich gerne glauben wollte an diesen Welterfolg einer Firma aus der Provinz. Allerdings, man muss wirklich sagen, der Schlingkamp ist kein Meisterfälscher. Ich habe Verträge kopiert, falsche Zahlen mit der Schere ausgeschnitten und mit Klebstoff aufgeklebt. So beschreibt er seine Methode. Ich sehe es gerade nicht. Ich habe mir gerade meine Hand vor das Gesicht genommen, weil ich es nicht glauben kann. Das war bei Big Money übrigens genauso damals in den 90ern. Die haben das genau so gemacht und dann einfach drüber kopiert. Ja, die hatten ja auch kein Photoshop und kein Chat-GBT. Die muss das alle noch von Hand aus sein. Nein, aber ja, das ist halt total wild, dass du mit Klebstoff und irgendwie da Schere Millionenbetrug begehen kannst. Er selbst sagt, er hat am Anfang noch Bedenken, ob man das wirklich machen sollte, aber diese Bedenken sind schnell weg, als Klaus Schlieenkamp merkt, wie leicht das alles ist. Immer, wenn Balsam mal wieder Geld braucht, fälscht oder erfindet Schlieenkamp einfach eine Rechnung, deren Summe er sich dann von den Banken oder von Prozedur als Vorschuss auszahlen lässt. Und keiner von denen, da sind wir wieder bei der Verantwortung der anderen, will die Originalaufträge sehen. Kopien reichen aus. Und eine Kopie per Fax, da kannst du halt wirklich ganz einfach die Zahlen vorher fälschen, rüberfaxen. Also dementsprechend fällt das gar nicht auf. Und später fälscht man bei Balsam dann auch Jahresabschlüsse und Urkunden von Wirtschaftsprüfern, um den Betrug zu verschleiern. Weil spätestens da wäre es ja dann irgendwann aufgefallen, wenn da ein Wirtschaftsprüfer drüber guckt. Auch wenn es wohl bei einigen Bankinstituten Hinweise auf unseriöse und unkorrekte Geschäfte bei Balsam gibt, geht niemand diesen Hinweisen nach. Ja, zum einen denke ich mal, weil man an diesen Erfolg glauben will und zum anderen, weil das Geld ja die ganze Zeit fließt und alle an diesem System verdienen. Also nicht nur Balsam, sondern eben auch die Banken und auch Prozedur. Ja, da haben sie natürlich ein ganz schlaues System eigentlich gefunden. Solange alle daran mitverdienen, interessiert es quasi keinen oder fällt es auch nicht auf. Und man muss natürlich auch wirklich sagen, also wenn eben so Urkunden insbesondere von externen, unabhängigen Wirtschaftsprüfern gefälscht werden, das ist ja oft ein Dokument, auf das man sich auch verlässt. Ja, da finde ich kann man dann auch nicht die Banken dann zu sehr dann in die Schuld nehmen, weil… Ja, Dokumentenbetrug, was willst du da machen? Also gut, es sei denn, es ist halt nicht das Original, aber ja. Es muss halt wirklich erst einer kommen wie Karl-Heinz Wallmeier und gucken, ob es diesen Sportplatz in Frankreich wirklich gibt, damit das auffällt. Aber du kannst dir vorstellen, als das dann rauskommt, als dieser Skandal bekannt wird im Sommer 1994, bricht das alles zusammen und Balsam muss Konkurs anmelden. Und das trifft nicht nur das Unternehmen selbst, sondern auch die 50 Banken, die dem Unternehmen Kredite gegeben hatten. Der Konkursverwalter schätzt den Schaden auf etwa 2,5 Milliarden Mark. Nach heutigem Wert 2,3 Milliarden Euro. Also riesengroß. Nur mal kurz zum Vergleich. Also Wirecard, das waren 1,9 Milliarden, die da fehlen. Das ist immer noch einer der größten Wirtschaftsskandale, die es in Deutschland je gegeben hat, wenn man sich die Schadenssumme anguckt. Und ein großer Teil des Schadens trifft natürlich auch den Finanzdienstleister Procedo, der jetzt dank eines seines vermeintlich besten Kunden jetzt kurz vor dem finanziellen Ruin steht. Ein Fall, der die Finanzwelt zutiefst erschüttert, wie es der leidende Oberstaatsanwalt später betont. Und der heißt übrigens, wenig überraschend, nicht mehr Joost Schmiedeskamp. Aber dazu komme ich später noch. Und auch in Steinhaken ist der Schock nach der Enthüllung groß, erinnert sich Klaus Besser. Man hat sich das überhaupt nicht vorstellen können, dass die jetzt Luftschlösser gebaut haben. Das sickert ja dann ja nach und nach durch. Das hat man sich eigentlich nicht vorstellen können, weil das so dem mittelständischen, ostwestfälischen Unternehmer nicht entspricht. Und da ist natürlich darüber diskutiert worden, darüber ist gesprochen worden. Und ich kenne auch ganz viele immer noch, die damals dort gearbeitet haben und sich das in dieser Dimension überhaupt nicht vorstellen konnten. Weltweit stehen durch die Pleite plötzlich 1600 Menschen ohne Job da. Und auch andere Unternehmen, die für Balsam gearbeitet haben, geraten in finanzielle Schwierigkeiten. Malerbetriebe, Tiefbauunternehmen, Baufirmen und kleine Handwerker aus der Region, die noch auf Geld von der Balsam AG warten, gehen leer aus. Vielen reißt die Insolvenz ein riesiges Loch in die Kasse. Ein steinhagender Malerbetrieb zum Beispiel bleibt auf Forderung in sechsstelliger Höhe sitzen. Und das ist für so einen kleinen Betrieb echt richtig, richtig viel. Der Chef der Firma hat damals viele schlaflose Nächte. Mitarbeiter mussten aufs Geld warten. Teilweise bekamen wir Ware nur noch gegen Bargeld beim Lieferanten, erinnert er sich. Am Ende bekommt er aus der Insolvenzmasse 34,78 Mark. Also Schulden in sechsstelliger Höhe und am Ende hat er 34 Mark dafür bekommen. Aber, und das ist das kleine Happy End in dieser Geschichte, wie Klaus Besser mir erzählt hat, schaffen es all diese kleinen Steinhagner Firmen irgendwie sich über Wasser zu halten. Also daran ist letzten Endes glücklicherweise keiner pleite gegangen. Okay, Respekt. Aber, ja, das ist genau das ist das Schöne daran. Aber auch die Kommune selbst steht plötzlich vor unerwarteten Schwierigkeiten. Stichwort Steuern. Klaus Besser ist damals 36 und noch nicht mal ein halbes Jahr hauptamtlicher Bürgermeister von Steinhagen, als er den wohl schwersten Tag seiner Amtszeit erlebt. Am 27. Januar 1997 erfährt er von seinem Kämmerer, dass seine Gemeinde Gewerbesteuereinnahmen in Höhe von knapp 10 Millionen Mark zurückzahlen muss. Das Geld hatte Balsam in den letzten dreieinhalb Jahren im Voraus an die Gemeinde gezahlt und ja, durch die Insolvenz ist das natürlich unabhängig. Futsch allein, die Zinsen dieser Summe belaufen sich damals auf 1000 Mark jeden Tag. Also eine Boulevardzeitung aus einem Verlag, den du auch kennst, Orake damals, gehen in Steinhagen jetzt die Lichter aus. Aber die Politiker der Gemeinde tun alles, um das zu verhindern. Fast alle geplanten Ausgaben für das Jahr werden verschoben und so schafft es die Kommune, das Loch in der Kasse zu stopfen. Etwas, auf das Klaus Besser heute noch stolz ist. Wir haben nicht das Hallenbad zugemacht, wir haben nicht die Bibliothek zugemacht. Wir haben auch nicht die Steuern erhöht, nicht, dass andere dann darunter leiden. Das war auch einheitlich so die Auffassung im Rat, sondern wir haben es so hingekriegt, die Ärmel hochgekrempelt und es hat funktioniert. Ja, mir ist es ganz wichtig, diesen Teil der Geschichte auch zu erzählen, weil, das kennst du wahrscheinlich auch, bei Wirtschaftsverbrechen entsteht ja ganz oft der Eindruck, da entsteht gar kein Schaden. Es geht ja nur um Banken oder um Versicherungen. Das hat ja mit normalen Menschen gar nichts zu tun. Aber ganz so einfach ist es häufig nicht. Also da hängen ganz viele einzelne Schicksale dran. Eine Gemeinde, die fast in die Haushaltssicherung unverschuldet gerutscht ist. Viele Leute, die ihren Arbeitsplatz verloren haben. Und eben ja, Leute, die nicht schlafen konnten, weil Balsam denen Riesenschulden hinterlassen hat. Absolut. Ich finde es so gut, dass du diesen Punkt aufmachst, weil wir eben oft denken, das betrifft uns nicht. Und es ist so weit weg. Ein anderes gutes Beispiel ist zum Beispiel auch der Cum-Ex-Skandal. Also da geht es ja wirklich um... Ich glaube insgesamt über 11 Milliarden mittlerweile an Steuereinnahmen, die da dem Staat vorenthalten wurden. Das ist Geld, das hätte in den Ausbau von Schulen, der digitalen Infrastruktur, Netzausbau, was auch immer wir alles in Deutschland bemängeln und brauchen, das uns flöten gegangen ist, weil da einige Menschen halt dachten, sie können den Staat austricksen. Und in diesem Fall ist es dann halt auch so, dass da natürlich dann eben, ja, die Gewerbesteuer dranhängt, da denkt man im ersten Moment nicht dran und die dann wieder zurückgezahlt werden muss. Das ist halt total krass und beschäftigt dann am Ende halt ganze Kommunen, Städte, Unternehmen, Kreise, alles. Und es ist, gerade wenn es um Steuergelder geht, ja auch eigentlich unser Geld. Also deswegen ist es, glaube ich, wichtig, das immer wieder zu betonen, es hat eben doch direkt was mit uns zu tun. Ja. Friedel Balsam und die beiden anderen Balsam-Vorstände behaupten nach ihrer Festnahme, sie hätten von dem Betrug nichts gewusst. Angeblich habe Klaus Schlieenkamp allein und ohne ihr Wissen gehandelt. Dieser allerdings behauptet das Gegenteil. Die drei Männer haben laut seiner Aussage von allem gewusst und zum Teil sogar mitgemacht. Am Ende sitzen insgesamt sieben Angeklagte auf der Bank im Saal des Bielefelder Landgerichts. Balsam-Chef Friedel Balsam, seine Vorstandskollegen Dietmar Ortlieb und Horst Bert Schultes, Klaus Schlinkamp, der Finanzchef, sowie der ehemalige Prozedo-Gesellschafter Dieter Klintwort, sein Prokurist Ulrich Helmut Brandenberger und der Wirtschaftsprüfer Rudi Mosel. Weil der Wirtschaftsprüfer, du hast es dir wahrscheinlich schon gedacht. Der hat vielleicht nicht so geprüft, wie er prüfen sollte. Den Männern wird Urkundenfälschung, Steuerhinterziehung und Kreditbetrug in Milliardenhöhe vorgeworfen. Im April 1996 beginnt damit einer der längsten deutschen Wirtschaftsstrafprozesse, der auch das Gericht für eine riesengroße Herausforderung stellt. Fast 880 Seiten dick ist die Anklageschrift, in der die Vorwürfe bis ins kleinste Detail ausgearbeitet werden. Es gibt tausende Seiten Beweismaterial, durch das sich die Staatsanwaltschaft wühlen muss. Allein Schleenkampfs schriftliches Geständnis mit dem Titel Das Milliardengrab, das er in Uraft geschrieben hat, das ist auch ein geiler Titel, umfasst 230 Seiten. Der Finanzchef erhofft sich dadurch einen schnelleren Prozess und eine mildere Strafe. Und das ist ja auch meistens so, wenn du vollgeständig bist, wenn du hilfst, was aufzuklären, dann wirkt sich das strafmildernd aus. Aber dieser Fall ist so kompliziert, dass selbst Experten Schwierigkeiten haben, durch das Netz an Lügen und gefälschten Belegen und Rechnungen durchzublicken. Ja, das zu rekonstruieren dauert wahrscheinlich Jahre. Ja, es hat ja auch Jahre gedauert, dieses System aufzubauen und so zieht sich der Prozess in die Länge. Mehr als 200 Zeugen werden vernommen. Friedel Balsam gibt später vor Gericht zu, dass er irgendwann die Kosten aus dem Blick verloren hat. Trotzdem bleibt der ehrgeizige Unternehmer mit der schmalen Lesebrille auf der Nase bei seiner Aussage, ich habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen. Auch Prozedur-Geschäftsführer Clint Ward lässt über seinen Anwalt erklären, dass er sich als Opfer des Betrugs sieht und von den Manipulationen nichts gewusst habe. Er reicht sogar eine Staatshaftungsklage gegen das Land Nordrhein-Westfalen ein, weil die Staatsanwaltschaft so lange untätig geblieben ist und sich damit in seinen Augen mitschuldig gemacht hat. Also diese Frage kann man durchaus aufwerfen, ob man das nicht schon früher hätte aufklären können. Angriff ist die beste Verteidigung, denkt er da. Ja, in dem Fall auf jeden Fall. Und es geht natürlich auch für ihn um finanzielle Gründe. Er will, dass ihm das Land den Schaden ersetzt, der ihm durch den Betrug an Balsam entstanden ist. Aber daraus wird nichts. Die Staatsanwaltschaft geht von Anfang an von einem Komplott aus, denn Balsam und Prozedur sind eng miteinander verbunden. Friedel Balsam und Klaus Schlieenkamp waren zum Beispiel Privatgesellschafter bei Procedo, also stille Gesellschafter. Die haben auch eigenes Geld in den Dienstleister investiert. Beide Firmen beauftragen auch den gleichen Wirtschaftsprüfer für ihre Jahresabschlüsse, eben diesen Rudi Mosel, der ebenfalls auf der Anklagebank sitzt. Die Staatsanwaltschaft glaubt also keine Sekunde, dass Schlieenkamp das alles hinter dem Rücken des resoluten Unternehmers Friedel Balsam durchgezogen hat. Schlingkamp selbst berichtet von einem Treffen mit der Führungsetage, nachdem das Milliardenloch in der Kasse aufgefallen war. Das ist Betrug, will er Friedel Balsam und den restlichen Vorstand noch gewarnt haben, als die Idee zur Fälschung der Rechnung in den Raum geworfen wird. Doch dann lässt er sich angeblich doch zu dem aussichtsreichen Geschäft überreden. Weil der Prozess so lange dauert, kommen die Angeklagten aus der U-Haft frei. An den Prozestagen müssen sie pünktlich vor Gericht erscheinen, ansonsten lässt man ihn aber relativ freie Hand. Diese Zeit nutzt Klaus Schliegenkamp, um sein Privatleben wieder in Ordnung zu bringen. Von seiner zweiten Ehefrau ist er mittlerweile geschieden. Dafür nähert er sich wieder seiner ersten Frau Elisabeth an. Die beiden heiraten ein zweites Mal und Schlingkamp gründet sogar ein neues Unternehmen. Das ist ja interessant, noch so ein kleines Happy End hier. Ja, ich freue dich nicht zu früh. Naja, er macht also als Unternehmer genau dort weiter, wo er bei Balsam aufgehört hat. Er lässt seine Ehefrau als Geschäftsführerin eintragen und leiht sich 1,8 Millionen Mark, um damit an der Börse zu spekulieren. Also genau wie damals bei Balsam, aber das Geld ist schneller verzockt, als er gucken kann. und auch die Behörden werden dadurch schnell wieder auf ihn aufmerksam. Ah ja, okay. In der Zeit waren dann wahrscheinlich nicht so gute Börsenzeiten gerade. Oder er hatte nicht mehr so ein glückliches Händchen. Ja, das war auch insgesamt nicht so richtig schlau, muss man vielleicht sagen. Ja, die Ehefrau dann als Geschäftsführerin einzutragen, das kennen wir dann ja auch, um da dann eben am Ende nicht so richtig greifbar zu sein. Aber es bleibt dann natürlich trotzdem irgendwie in der Familie. Ja, und vor allen Dingen fällt es halt auf und könnte dafür sorgen, dass Klaus Schlingkamp eine höhere Strafe bekommt. Das ist ja genau das, was er vermeiden wollte mit seinem umfassenden Geständnis. Am 10. November 1998 soll der Prozess am Landgericht Biegelfeld eigentlich weitergeführt werden. Doch ein Platz auf der Anklagebank bleibt leer. Okay, wer ist nicht gekommen? Ja, du kannst es dir denken, Klaus Schlinkap. Ach was. Ja, der hat einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem steht, wenn sie diesen Brief in den Händen halten, werde ich nicht mehr leben. Ich komme mit meinem Leben nicht mehr zurecht. Oh krass, okay. Schlinkap schreibt in seiner krageligen Buchhalterschrift weiter, dass er anfangs gehofft hat, einen schnellen Schlussstrich unter die Sache zu ziehen und die Strafe für sein falsches Handeln entgegennehmen zu können. Doch jetzt könne er mit seiner Schuld nicht mehr leben. Der Brief endet mit den Worten, für mich ist alles zu Ende. Drei Tage später, am 13. November, wird in Cuxhaven Schleenkamps Auto gefunden. Eine grüne Limousine des britischen Autoherstellers Rover. Der Wagen steht am Parkplatz an der Landungsbrücke Alte Liebe direkt am Wasser. Hat Schleenkamp sich in der Nordsee ertränkt? Das vermuten seine Anwälte. Einer seiner Verteidiger erklärt, der lange Prozess habe Schleenkamp sehr belastet. Mehrfach soll sein Mandant geäußert haben, dass alles Wahnsinn ist und er keine Kraft mehr habe. Hauptkommissar Wallmeier glaubt keine Sekunde an einen Suizid. Das hat er nie und nimmer gemacht. Schleenkamp war nicht der Typ, sich selbst zu töten, ist er sich sicher. Wallmeier glaubt, dass Schleenkamp seinen Tod nur vorgetäuscht hat, um sich unbemerkt ins Ausland abzusetzen. Als die Polizei die Wohnung und die Geschäftsräume von Schleenkamp durchsucht, wird schnell klar, dass Wallmeier offenbar den richtigen Riecher hatte. Erst vor kurzem hat Schleenkamp sein Privatkonto komplett leer geräumt. Außerdem fehlt ein Koffer mit Sommerkleidung und seine Tauchausrüstung. Na gut, okay. Das ist dann ja sehr offensichtlich. Brauchst du jetzt beides für Cuxhaven nicht unbedingt. Der Finanzchef ist begeisterter Taucher. In den letzten Sommerferien hat er sogar einen zweiböchigen Tauchurlaub in der Türkei gemacht. Für den Staatsanwalt ist damit klar, dass Klaus Schlieenkamp noch lebt und dass irgendwo noch Geld steckt, wie er sagt. Dann kommt außerdem noch heraus, dass Klaus Schlieenkamp sich wohl kurz vor seiner Flucht beim Hamburger Tropeninstitut über Schutzimpfungen für bestimmte Länder informiert haben soll. Also auch da wieder der Buchhalter, der alles ordnungsgemäß abarbeitet. Und so muss sich Wallmeier schon wieder mit Klaus Schlieenkamp beschäftigen. Er soll den ehemaligen Balsam-Finanzchef aufspüren und festnehmen. Doch das ist gar nicht so leicht, denn Schleenkamp ist wie vom Erdboden verschluckt. Wallmeier und sein Team überprüfen Passagierlisten von Flügen und checken die Aufnahmen von Überwachungskameras an Flughäfen und Bahnhöfen in der Hoffnung, den Flüchtigen darauf zu entdecken. Aber das ist natürlich wirklich... Das ist die Fußarbeit. Auch die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, weil der hätte ja von jedem Bahnhof, von jedem Flughafenhaus abreisen können. Das weiß man ja nicht. Unter anderem verfolgen sie auch Spuren in die USA und auf die Bahamas. Wo man gut tauchen könnte wahrscheinlich. Wo man gut tauchen könnte und ich glaube, ist Bahamas nicht auch so ein Steuerparadies? Ach ja, klar, absolut. Wo man irgendwie gut Geld auch parken kann. Also Wallmeier fliegt übrigens sogar persönlich dorthin, um den Hinweisen nachzugehen. Aber auch das bringt die Ermittlungen nicht weiter. Aber jetzt kommt dann doch noch Bewegung in diese ganze Geschichte. Denn plötzlich bekommt Schleenkamps Rechtsanwalt eine seltsame Mail. Der Absender ist angeblich ein Francesco Santiago, ein Tauchlehrer aus Kuba. Und der schreibt, dass er Klaus Schlinkamp kennt und dass dieser zum Tauchen rausgefahren und nicht wiedergekommen sei. Danach folgt der Satz, the whole body has been eaten by the fish. Schlinkamp soll also tot und von den Fischen gefressen worden sein. Tutto completti. Glauben wir das? Ich weiß ja nicht. Also... Muss ich jetzt ehrlich sagen, bin ich skeptisch. Also wenn der Körper wirklich aufgegessen worden sei komplett, dann gäbe es ja auch keine, also how do you know, weißt du, dann gibt es ja auch keine Spuren mehr, keine Überreste. Das habe ich mich auch gefragt. Dann könnte er einfach nur verschwunden sein. Das ist ja eine dumme Ausrede. Ja, ob der Tauchlehrer da irgendwie nebendran war und das alles gesehen hat. Also es ist alles, abgesehen davon, dass Francesco Santiago natürlich ein großartiger Name ist. Fantastischer Name. Der ein bisschen ausgedacht klingt. Also es klingt alles ein bisschen zu convenient für mich, wenn du mich fragst. Aber hat mal jemand versucht, diesen Francesco zu treffen oder so? Ja, es drängt sich dann doch relativ schnell der Verdacht auf, dass es diesen Menschen mit dem Namen wie er aus einer Telenovela nicht wirklich gibt. Und ja, man ist sich nicht mal sicher, ob der jemals existiert hat. Ich glaube, spätestens da sind sich die Behörden alle einig, dass Schlingkamp die Mail entweder selbst geschrieben oder jemanden dabei beauftragt hat, um seinen eigenen Tod vorzutäuschen und sich so seiner Strafe zu entziehen. Der Prozess wird auch ohne ihn in seiner Abwesenheit weitergeführt. Also passiert gerade alles ein bisschen parallel. Am 20. September 1999, fast ein Jahr nach Schlieenkamps Verschwinden, werden dann die Urteile gefällt. Der 57-jährige Unternehmenschef Friedel Balsam wird zu acht Jahren Haft wegen schweren Betruges verurteilt. Das Gericht ist sich sicher, dass Manipulationen in einem so großen Stil nicht hinter dem Rücken des Chefs passieren konnten. Schlieenkamp hat gemeinschaftlich mit Balsam diesen Betrug begangen, sagt der vorsitzende Richter in seiner Begründung. Der Schaden liegt laut Urteil bei knapp 1,4 Milliarden Mark. Das hatte ich glaube ich gerade schon mal erwähnt. Als das Strafmaß verkündet wird, zeigt der ehemalige Chef des Sportbootenmarktführers keine Regung. Sein Ex-Finanzchef Klaus Schlieenkamp wird in Abwesenheit, also er ist ja gerade noch tot offiziell. Im Körper des Fisches. Genau, erst im Körper des Fisches wird in Abwesenheit wegen Betruges in 78 Fällen zu 10 Jahren Haft verurteilt. Seine Verteidiger hatten bis zuletzt versucht, das zu verhindern. Schlinkamp sei es bei den Fälschungen nie um persönliche Bereicherung gegangen, sondern nur um die Rettung der Firma. Das Ganze sei zwar dreist und plump gewesen, aber kein Zeichen von krimineller Energie, betonen die Rechtsanwälte. Sie sehen die Schuld für den Schaden eher bei den Banken, die nicht richtig hingeschaut hätten. Aber da haben wir ja gerade schon was zugesagt. Also wenn man dann auch schon irgendwelche Jahresabschlüsse fälscht, dann ist es für die Bank dann auch irgendwann schwer, dahinterher zu gehen. Und dementsprechend sieht das Gericht das auch anders. Schleenkamp habe unter einer Selbstwertstörung gelitten und es... Genossen im Mittelpunkt zu stehen, so heißt es in der Urteilsbegründung. Schlingkamps umfangreiches Geständnis hat nicht zu einer milderen Strafe geführt. Die Chance hat er durch seine Flucht verspielt. Die Verfahren gegen die anderen beiden Vorstände von Balsam werden wegen geringer Schuld eingestellt. Beide müssen je 100.000 Mark Strafe bezahlen. Der ehemalige Prozedurgesellschafter Dieter Klintwort wird wegen Kreditbetrugs zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Sein Prokurist bekommt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Und der Wirtschaftsprüfer Rudi Mosel wird am Ende freigesprochen. Ja, dass er geflohen ist, hat jetzt natürlich dazu geführt, dass er... Als der Sündenbock auch dasteht, weil er auch gar nicht selber da war, um sich zu verteidigen und seine Anwälte zwar, aber in der Abwesenheit ist er dann natürlich der perfekte Sündenbock und ich vermute mal ganz stark, dass die Flucht dann zu einem höheren Urteil geführt hat. Ich glaube, sonst hätte er vielleicht eine bessere Chance auf ein milderes Urteil gehabt, ist jetzt meine Vermutung, weil er konnte ja eigentlich ganz gut nachweisen, dass er immer versucht hat, auch diese Löcher so ein bisschen zu stopfen zu einem gewissen Teil. Ja, aber er hat ja auch gleichzeitig direkt weitergemacht. Also er hat ja dann, als er frei war, wieder angefangen, Geld sich zu leihen und das hätte er vielleicht nicht machen sollen. Ja, naja, am Ende hat er dann wahrscheinlich die Panik bekommen und ist dann abgehauen, hatte keine Lust, im Gefängnis zu landen. Spekulation jetzt mal meiner Seite, aber ich fand noch spannend, für damalige Verhältnisse waren das, glaube ich, auch recht harte Urteile. Ich meine, wir reden hier echt von einem der größten Wirtschaftsstrafverfahren Deutschlands. Bei Wirecard wird das Urteil vermutlich dieses Jahr noch gesprochen. Da bin ich auch sehr gespannt, was da für Urteile rauskommt für den CEO, zum Beispiel Markus Braun. Wir wissen ja alle, Jan Marsalek, der flüchtige Asienvorstand, der ist ja noch irgendwo in Russland. Wahrscheinlich, ja. Vermutlich, aber. Ja, ziemlich wahrscheinlich. Belegen das sehr stark. Der ist nicht auf Tauchurlaub auf jeden Fall. Er ist nicht auf Tauchurlaub. Ja, aber ich fand es auch noch gut, dass das Gericht so klar dabei geblieben ist, dass so ein Betrug eben nicht im stillen Kämmerlein funktionieren kann. Nicht nur ein einziger Buchhalter, das alleine gemacht hat. Was hätte er davon haben sollen? Also außer natürlich jetzt ein bisschen sein Gehalt aufgestockt, aber das kann nicht passieren, ohne dass mehrere Menschen im Unternehmen davon erfahren und most likely eben auch die Unternehmenslenker. Absolut. Das ist so eine Verteidigungsstrategie, die ganz viele Oberchefs, sage ich mal, immer wieder versuchen. Das war auch beim Dieselskandal so, dass es dann versucht wurde, auf die kleinen Ingenieure zu lenken. Aber das ist wirklich in den seltensten Fällen so und bin da auch froh, dass die Gerichte da dranbleiben und dem nicht aufsitzen. Ich muss auch sagen, dass ich die Strafen sehr hoch fand. Also jetzt nicht im Sinne von, ich moralisch bewerte die sehr hoch, aber ich fand sie ungewöhnlich hoch, weil zehn Jahre Haft in so einem... Für einen Wirtschaftsstrafe fand ich es viel. Das ist, genau, würde ich sagen, verglichen mit anderen ist wirklich viel. Aber wir haben ja immer noch den Mann, der von den Fischen gefresst wurde. Was ist denn jetzt mit Klaus Schienkamp passiert? Du kannst dir vorstellen, dass es da einen Mann gibt, der nicht locker lässt, bis auch Klaus Schienkamp seine Strafe bekommt. Der Jäger. Der Jäger, genau. Karl-Heinz Wallmeier. Doch auch der hat monatelang keine Spur, bis das BKA Anfang 2000 einen Hinweis bekommt. Angeblich soll Schienkamp sich auf den Philippinen aufhalten. Mehr Infos haben die Ermittler nicht. Und das bei einem Land mit mehr als 100 Millionen Einwohnern, 7600 Inseln und Millionen von ausländischen Touristen jedes Jahr. Trotzdem fliegt Kommissar Wallmeier mit einigen Kollegen vom BKA in die philippinische Hauptstadt Manila, um sprichwörtlich die Nadel im Heuraufen zu suchen. Die deutschen Ermittler wälzen in einem Keller tagelang die Einreiseformulare der letzten Monate auf der Suche nach einem Mann, der eigentlich tot ist. Also vielleicht kennt man das noch von früher in manchen Ländern, ich glaube in Australien, USA ist es auch noch so, dass wenn man einreist im Flugzeug, dass man diese Formulare da ausfüllen muss mit Namen und in welchem Hotel man schläft und so weiter. Und die werden dann scheinbar in Manila zumindest in so einem Postsack im Keller gelagert und da wühlen die sich durch und suchen halt irgendwie diesen Typen da. Und am Ende ist es, wie der Zufall so will, Karl-Heinz Wallmeier selbst, der den entscheidenden Zettel aus dem Postsack zieht mit den Worten, hier ist er, wir haben ihn. Und das war so sein eigener Name? Das ist das Geile daran, Klaus Schlingkamp hat sich nicht mal die Mühe gemacht, unter falschen Namen einzureisen. Vermutlich dachte er, dass ihn hier sowieso niemand findet. Das Dokument hat er selbst handschriftlich ausgefüllt und hier steht auch, wo er nach seiner Einreise in Manila hinwahlte. Nach Cebu City, das ist so eine Flugstunde ungefähr entfernt. Eine Stadt, in der es eine große deutsche Community gibt. Also reist Wallmeier nach Cebu City, hört sich um und er hat Glück. Und auch das ist wieder so klassische Detektivarbeit. Die haben keinen Ansatzpunkt außer diese Stadt. Also fragen sie sich so in dieser deutschen Community durch. Und es gibt wohl damals in Cebu City zwei Bäcker, die deutsches Brot und deutsche Brötchen verkaufen. Na klar, keine deutsche Community ohne einen deutschen Bäcker. Und wo gehst du hin als Deutscher, wenn du die Heimat vermisst, zum deutschen Bäcker? Und ein Zeuge erinnert sich zum Beispiel ganz genau an einen schlachsigen Deutschen mit einem roten Auto, der regelmäßig hier in einer deutschen Bäckerei Brot und Brötchen kauft. Angeblich soll der Mann eine Einheimische geheiratet haben und mit ihr zusammengezogen sein. Und damit sind wir wieder am Anfang dieser Folge. Am 28. März 2000 wird Klaus Schlieenkamp nach anderthalb Jahren Flucht in seinem Haus in Cebu City festgenommen. Ein Moment, auf den Karl-Heinz Wallmeier heute noch stolz ist. Es war eine Genugtuung, allen anderen zu beweisen, ich habe recht, er bringt sich nicht um, sagt er später. Was folgt, ist eine improvisierte Pressekonferenz in Manila. Der angeblich von Fischen komplett gefressene Klaus Schienkamp trägt ein Polo-Shirt, ist braun gebrannt und wirkt ziemlich gelassen. Ich bin absolut gewillt, nach Deutschland zurückzukehren und mich meinen Problemen dort zu stellen und sie zu lösen. Ich würde gerne wiederkommen. Also er findet es auch in den Philippinen super und möchte da möglichst schnell wieder hin zurück, als ob er gerade nur so kurz einen Ausflug in den Supermarkt macht. Aber daraus wird erstmal nichts. Drei Tage nach seiner Festnahme wird er aus dem warmen und sonnigen Manila ins kalte Deutschland geflogen, wo ihn zehn Jahre Haft erwarten. Seine Ehefrau in Deutschland hat sich während seiner Flucht von ihm scheiden lassen. Die gab es ja auch noch. Die gab es. Jaja, die wird auch gleich noch eine Rolle spielen. Ladiesman, Klaus. Absoluter Ladiesman. Ja, würde man jetzt nicht denken, aber er war ein absoluter Ladiesman. Und ja, er hat auch sonst kaum noch soziale Kontakte in Deutschland. Aber Schleenkamp nimmt das Ganze gefasst auf und entschuldigt sich sogar bei den Richtern für seine Flucht. Angeblich habe er wirklich Suizid begehen wollen, dann aber doch nicht den Mut dazu gehabt. Ich will die Sache nun mit Anstand hinter mich bringen, erklärt er. Von seinem Luxusleben muss er sich im Gefängnis jetzt für die nächsten Jahre verabschieden. Weiß man denn mehr über diesen Suizidversuch und wie die Flucht abgelaufen sein soll und warum er jetzt ausgerechnet auf den Philippinen gelandet ist? Also man weiß es natürlich nur aus seiner Version und die ist wirklich wild. Also ich gebe das jetzt so mal wieder, wie das Schleenkampfs Verteidiger ausgeführt haben. Als der Ex-Walsam-Finanzchef in Cuxhaven eigentlich sein Leben beenden will, trifft er zufällig am Hafen, also kurz bevor er sich ins Wasser stürzen will, einen Kapitän, der ihn auf seinem Frachter mit nach Südamerika mitnimmt. Das erklärt aber zumindest, warum er nirgendwo aufgetaucht ist auf irgendeiner Passagierliste aus Deutschland. Während der Fahrt lernt Schleenkamp einen philippinischen Matrosen kennen, mit dem er sich anfreundet. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Neuseeland, wo Schleenkamp in Luxushotels absteigt und sein Geld mit vollen Händen ausgibt, reist er dann auf die Philippinen, um seinen neuen Freund auf der Insel Cebu zu besuchen. Dieser neue Freund stellt ihm seine Schwester vor, die Schleenkamp schon kurze Zeit später heiraten wird. Durch sie fand er neues Lebensglück, erzählt sein Verteidiger der Presse. Seiner neuen Familie auf den Philippinen erzählt Klaus Schleenkamp offenbar nie etwas davon, wo er sein Geld eigentlich her hat. Er soll hier in ärmlichen Verhältnissen ohne fließendes Wasser gelebt und auf Bambusmatten auf dem Boden geschlafen haben. Das ist natürlich auch eine ganz schön praktische Tarnung. Und diese Liebesgeschichte, die hat wahrscheinlich in der Öffentlichkeit und vor Gericht auch nochmal vielleicht ganz gut gezogen. Wie geht es denn dann für ihn weiter? Also er kommt in Haft, zehn Jahre hatten wir ja gerade gesagt, war das Urteil. Dort verhält er sich relativ unauffällig. Er telefoniert regelmäßig mit seiner Frau auf den Philippinen und schaut Fernsehen, also unspektakulär. Außerdem arbeitet er in der Insassenwerkstatt bei der Spielzeugproduktion mit und übernimmt auch dort offenbar die Buchhaltung. Also der Kreis schließt sich wieder. Wegen guter Führung wird er dann irgendwann in den offenen Vollzug verlegt. Also das ist so ein Vorzeige-Inhaftierter, wie man sagen würde. Es ist ja oft so mit Wirtschaftsstraftätern, dass die dann auch schnell in den offenen Vollzug kommen, weil die Gefängnisse ja auch überfüllt sind. Und die braucht man dann vielleicht für schwere Gewaltverbrecher oder so. Und der war ja jetzt auch schon alt. Ja. Was ist denn mit Friedel Balsam eigentlich? Ja, der wird schon im November 2003 aus der Haft entlassen. Zu dem Zeitpunkt hat er zwei Drittel seiner Strafe verbüßt. Er zieht nach seiner Entlassung nach Porta Westfalica zu seiner neuen Lebensgefährtin und fängt einen Job in ihrem Unternehmen an. In einem Interview 2004 sagte damals 62-Jährige den Journalisten, ich kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, aber ich will noch ein paar Jahre in Ruhe leben. Und so wie wir wissen, ist ihm das gelungen. Wo der ehemalige Balsam-Chef heute ist und ob er überhaupt noch lebt, ist nicht bekannt. Und wenn ja, wäre er jetzt heute halt weit über 80. Auch Klaus Schlingkamp ist kurz nach seiner Entlassung abgetaucht. Es gibt zwar einige Gerüchte, aber keine gesicherten Informationen. Nach der Pleite von Balsam mussten beide Privatinsolvenz annehmen. Balsams Anwesen in Borgholzhausen wurde versteigert. Zwischenzeitlich gab es die Vermutung, dass die beiden Männer Geld auf Konten im Ausland in Sicherheit gebracht haben. Das konnte aber nie nachgewiesen werden. Laut dem Urteil hatten die beiden durch die Betrügereien aber, Zitat, keine unmittelbaren persönlichen Vorteile, weil eigentlich alles, was an Geld da war, am Ende benötigt wurde, um die Verluste der Balsam AG auszugleichen. Und auch die Arbeits, beziehungsweise müsste man eher sagen, die Arbeitsverweigerung des damaligen Staatsanwalts Joost Schmiedeskamp wird Justiz und Politik noch beschäftigen. Ein Untersuchungsausschuss im NRW-Landtag soll herausfinden, warum die Staatsanwaltschaft in Bielefeld trotz zahlreicher Hinweise fast zwei Jahre nichts unternommen hat. Allerdings muss man leider sagen, dass dieser Untersuchungsausschuss ohne Konsequenzen bleibt, außer für den Bielefelder Oberstaatsanwalt Joost Schmiedeskamp. Der wird vom Dienst suspendiert und frühzeitig in den Ruhestand geschickt. Das ist aber schon relativ außergewöhnlich, dass da jemand suspendiert wird, gerade im Staatsdienst. Das passiert nicht häufig, ist auch sehr schwer, Beamten irgendwie zu versetzen oder sowas. Gut, jetzt war der wahrscheinlich auch schon sehr alt, da hat man dann gesagt, komm... Das wären jetzt eh nicht mehr ganz viele Jahre gewesen, das stimmt. Ja, aber interessanterweise, also das ist ja so ein bisschen so eine Zwitterlösung, sage ich mal. Man erkennt an, dass da was schiefgelaufen ist. Also Rauchschmiss kann man es ja nicht nennen, er wird vorzeitig in den Ruhestand geschickt. Aber es wird nie aufgeklärt, warum das schiefgelaufen ist, weil das wäre ja die eigentliche Frage gewesen. Warum hat er die ganze Zeit nichts gemacht? Das wäre das eigentliche Eingeständnis dann. Die Transparenz fehlt da so ein bisschen. Aber jetzt mal ganz ehrlich, also ohne Karl-Heinz Wallmeier wäre das ganz wahrscheinlich nie aufgefallen, oder? Ja, absolut. Also der Kommissar bekommt für seine Hartnäckigkeit in diesem Fall mehrere Preise und auch ein dickes Lob vom Innenminister. Aber das muss man leider an der Stelle auch sagen, der Fall seines Lebens hat für Karl-Heinz Wallmeier auch Schattenseiten. Jahre später, und das war echt richtig krass, kommt heraus, dass Wallmeier eine Affäre mit Elisabeth, der Ex-Frau von Klaus Schlieenkamp, hatte. Nein, hör auf. Was? Das ist jetzt auch noch so ein Love-Triangle? Ja, also Wallmeier selbst sagt, die Affäre habe erst nach den Ermittlungen begonnen. Sie sagt, die beiden wären schon zusammen gewesen, als Wallmeier nach ihrem Ex gesucht hat. Und das wäre dann natürlich ganz schön pikant. Anfang 2002 unternimmt Elisabeth dann einen Suizidversuch, weil sie glaubt, dass Karl-Heinz Wallmeier sie nur benutzt hat, um an Informationen über die Flucht ihres Ex-Mannes zu kommen. Mit ihrem eigenen Blut schreibt sie Wallmeier-Mörder an die Badezimmerwand. Aber sie überlebt glücklicherweise. Gegen den Kommissar wird danach wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger Körperverletzung ermittelt. Außerdem geht es um den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung der Amtsstellung. Doch schon nach zwei Wochen stellt die Staatsanwältin das Verfahren ein, weil man ja selbst sagt, dass er Elisabeth wirklich geliebt und sich dienstrechtlich nichts zu Schulden kommen lassen habe. Was ja sein mag, die Frage ist ja eher eine moralische. Trotzdem bezeichnet er die Affäre heute als Fehler. 2010 wird der Ermittler nach 40 Dienstjahren bei der Polizei pensioniert und arbeitet noch eine Zeit lang weiter als Privatdetektiv. Seine Marathonläufe muss er einige Jahre später aufgeben, nachdem er ein künstliches Kniegelenk bekommen hat. Den größten Erfolg seiner Karriere wird er nie vergessen. Bis heute hat er alle wichtigen Daten und Fakten im Kopf und sagt, wenn man sich seiner Sache sicher ist, dann sollte man nie aufgeben. Was ein total tolles Motto eigentlich für alle Lebenslagen ehrlicherweise ist. Der Ermittler hat später nochmal eine neue Frau kennengelernt. Mit ihr zusammen lebt er in Halle, nicht weit von Steinhagen entfernt. Und natürlich wollte ich für diese Folge auch mit ihm über diesen Fall sprechen. Ach, hast du ihn angefragt? Ja, ja, wir haben ganz lange recherchiert an dieser Folge und wir hatten auch eine Zusage für ein Interview mit ihm, worüber ich mich natürlich sehr gefreut habe, das alles nochmal aus erster Hand zu hören. Aber dieses Interview ist dann am Ende leider nicht möglich gewesen, denn Karl-Heinz Wallmeier geht es seit einiger Zeit gesundheitlich nicht gut, leider. Klaus Besser ist nach 26 Jahren als Bürgermeister von Steinhaken seit 2020 im Ruhestand. Er lebt noch heute in seiner Heimatstadt. Am ehemaligen Standort von Balsam an der Queller Straße hat sich ein weltweit tätiges Familienunternehmen aus dem Bereich Plasmatechnik angesiedelt. Insofern, was für die wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinden im Nachhinein gesehen, nach 30 Jahren, eher sogar noch positiv. Also wir haben da jetzt an dem Standort wieder ein ganz tolles, ertragsstarkes, expandierendes, weltweit tätiges Unternehmen ansiedeln können. Und das ist natürlich toll. Und so hat einer der größten Fälle von Wirtschaftskriminalität in Deutschland am Ende zumindest etwas Positives. Also ich wollte vielleicht mit einer positiven Note enden. Und das ist, was Steinhagen angeht, könnte man, wie Klaus Besser gerade schon gesagt hat, sagen, das hat denen sogar im Nachhinein geholfen. Ja, ich weiß nicht, also wie du das findest jetzt so zusammenfassend. Aber für mich ist das irgendwie so eine Mischung aus Größenwahn, mangelnder Kontrolle irgendwie, Banken, die da eben nicht genau hinschauen wollten und einem Unternehmen, das eben nach außen halt erstmal wie so die perfekte Erfolgsgeschichte wirkt und das kennen wir ja leider einfach immer noch bis heute. Also Flowtex, Wirecard, das passiert andauernd und es wird wahrscheinlich auch immer noch weiter so passieren, weil wir Menschen halt auch diese Geschichten lieben und uns auch schnell von solchen Erfolgsgeschichten blenden lassen. Ich finde aber auch gleichzeitig ist dieser Fall so typisch deutsch, oder? Also dieser gefeierte Mittelständler aus der Provinz, auf den dann die ganze Region stolz ist und wir wollen ja auch dieses Made in Germany, diesen Traum noch nicht ganz aufgeben, wobei es ja gerade der deutschen Wirtschaft nicht so besonders gut geht. Aber gut, das ist nochmal ein anderer True Crime Fall. Ja, wie siehst du das? Ich habe mich im Zuge der Recherche daran erinnert, ich bin ja ungefähr ein Jahr älter als du, dass ich damals, boah, wie alt muss ich da gewesen sein, als da berichtet wurde? Also ich durfte auf jeden Fall abends schon mal bei den Eltern mit auf den Sofa Tagesschau gucken, was ja eh schon ganz aufregend war. Und ich kann mich, das ist mir jetzt gerade erst wieder eingefallen, daran erinnern, dass wir da saßen und dann da auch drüber berichtet wurden. Und ich dachte, boah, wie krass, das ist ja von hier ein Unternehmen von hier in der Tagesschau. Damals habe ich natürlich nicht verstanden, dass das nicht unbedingt positiv ist, aber das war schon Mitte, Ende der 90er ein Riesenthema und diese Geschichte hat ja auch so viel eigentlich für eine Verfilmung. Diesen Kommissar, der gegen alle Widerstände, gegen einen Staatsanwalt, der ja sowas wie sein Vorgesetzter ist, in seiner Freizeit da in Frankreich ermittelt und dann am Ende in einer philippinischen Metropole einen Toten stellt. Das ist absolut filmreif und deswegen wundere ich mich fast, dass die Geschichte nicht schon viel häufiger erzählt wurde. Deswegen habe ich mich dann sehr gefreut. Vielleicht musst du das Spielfilmskript schreiben, Philipp. Ja, genau das. Weil ich weiß nämlich zum Beispiel aus unserem Vorgespräch, ich meine, ich habe es so für mich gedacht, wenn eine alle Wirtschaftskriminalitätsfälle in Deutschland kennt, dann ist es Solveigode. Und da habe ich gedacht, kennst du doch bestimmt den Fall. Ja, und ich kannte ihn nicht, aber halt, weil ich so jung war noch damals. Ich meine, gut, Big Money habe ich dann aber auch quasi eben erst im Zuge natürlich meiner Arbeit gesehen. Und weil es eben auch... Einen Spielfilm gab. Ja, stimmt. Stimmt, stimmt, stimmt. Und den hatte ich dann eben auch schon mal relativ früh irgendwann im Fernsehen gesehen. Und das gab es ja bei dem Fall jetzt, glaube ich, noch nicht, soweit ich weiß. Aber wenn ihr den verfilmt, bitte Credit. Also 10% der Einnahmen würde ich euch die Idee. Das ist ja gar kein Problem. Ja, stimmt. Der wird sich voll eignen dafür. Ich meine, heutzutage ist es jetzt natürlich auch so, dass sich viel verändert hat im Vergleich zu damals. Also Banken, Unternehmen, Wirtschaftsprüfer haben alle mittlerweile deutlich strengere, Sicherheitsprüfverfahren, Compliance-Regeln. Es gibt mittlerweile durch die Technik, durch AI, digitale Kontrollsysteme einfach deutlich schärfere Prüfprozesse. Also da hat sich schon einiges verändert. Gleichzeitig macht die Technik heutzutage natürlich auch den Betrug deutlich einfacher zum Teil. Ja, ich bin sehr, sehr gespannt, wie wir so Cyberbetrug auch in den nächsten Jahren noch weitersehen wollen. Ich habe nochmal so gedacht, ich meine, oft hast du ja auch Gewaltverbrecher, Mörder hier in deinem Podcast solche Fälle. Aber bei Wirtschaftsverbrechern habe ich wirklich den Eindruck, insbesondere bei Betrügern, dass die nicht anders können, als immer weiterzumachen. Und das hat der Protagonist in diesem Fall ja auch gezeigt, oder? Voll. Gibt es sogar auch Studien drüber, also die bei Gewaltverbrechern zum Beispiel, nimmt die Gewaltneigung im Alter ab. Ist ja auch wahrscheinlich biologisch erklärbar, du kannst halt mit 80 nicht mehr unbedingt so die Leute komplett kaputt schlagen. Aber die Rückfallquote ist bei Betrügern, soweit ich weiß, von allen Verbrechensgattungen am höchsten. Und das ist genau das, was du gerade gesagt hast, viele Betrüger können gar nicht anders. Und das finde ich immer wieder so spannend an diesen Typus. Wobei man sagen muss, dass zum Beispiel der Schleenkamp eigentlich gar kein typischer Betrüger ist. Weil typische Betrüger sind oft so Leute wie der Big Money zum Beispiel. Oder in unserem Podcast Catching Chris. Auch der hat ja einfach Luftschlösser aufgebaut und das 20 Jahre lang. Erstmal das und ich meine auch vom Persönlichkeitstypus her. Also Menschen, die so einen Raum füllen, den alle gerne zuhören. Jürgen Haaxen zum Beispiel habe ich in meinem Buch darüber geschrieben. Ist auch so ein Typ. Die Leute wollen diesen Menschen glauben, weil die so überzeugend drüber kommen und weil die so diesen Star-Faktor haben. Und das hatte Klaus Schlieenkamp ja jetzt nicht unbedingt. Der ist einfach so ein Buchhalter, der so vor sich hingewurschtelt hat und der so sein Ding gemacht hat. Und das finde ich in dem Fall spannend, weil es zum einen halt Muster gibt, die immer wieder auftreten. Also du hast ja gerade auch den Punkt zu Wirecard geschlagen. Ist ja eigentlich ein ähnliches Verfahren. Also da werden Werte gehandelt, die gar nicht da sind. Und keiner guckt so genau hin. Und das funktioniert ja scheinbar in der heutigen Zeit auf eine andere Art immer noch. und andererseits ist es halt auch ein sehr. Ungewöhnlicher Fall und dann noch ein Verbrechen von nebenan. Also ja, steht schon sehr lange, lange, lange, lange auf meiner Liste. Ja, passt wirklich perfekt zu deinem Podcast. Danke, dass du da warst. Beim nächsten Mal warten wir nicht mehr so lange. Ja, bitte. Das ist ausgehend, drei Jahre waren es jetzt oder vier sogar schon. Nee, das war die erste Folge. Die erste war drei Jahre her und dann war ich danach nochmal. Ja, das war so drei, zwei. 30 Folgen später. Ja, bei wie vielen sind wir jetzt eigentlich? Wir sind jetzt bei Folge 177, also die Zeit fliegt. It's crazy. Ja, also beim nächsten Mal können wir wieder 30 Folgen warten. Sehr gut. Oder nicht? Sag Bescheid. Ich freue mich immer wieder hier zu sein. Es hat mir sehr großen Spaß gemacht. Vielen, vielen Dank für die Einladung. Kann ich nur zurückgeben. Und das Schöne ist, wenn du da bist, lerne ich auch jedes Mal wieder was Neues. Das gefällt mir besonders gut. Also danke, Solve, für deine Zeit. Und wir hören uns hoffentlich ganz bald wieder. Vielen, vielen Dank. Ciao. Tschüss. Verbrechen von nebenan. True Crime aus der Nachbarschaft.