Hallo und herzlich willkommen bei einer neuen Folge nebenan weltweit und servus Franziska. Servus Philipp. Und ihr merkt es vielleicht, es ist direkt eine ganz andere Stimmung, weil wir sitzen uns in ganz echt gegenüber. Zum allerersten Mal. Ja, das ist so wild. Beim Aufnehmen. Ja, genau. Wir haben schon, ich glaube seit sechs Jahren haben wir gerade überlegt, nehmen wir zusammen auf. Und es ist das erste Mal, dass wir beim Aufnehmen in einem Raum sind. Crazy. Ich bin nervös. Nervöser als sonst. Ja, weil sonst ist man immer so schön in seinem eigenen Zimmer zu Hause, sitzt im Schlafanzug. Jetzt mussten wir uns mal was anziehen, sogar Hosen und Schuhe. Extra für dich habe ich mir Hose und Schuhe angezogen. Ja, ich auch für dich und auch für euch, weil ihr könnt diese Folge gucken im Videopodcast auf RTL Plus und auf YouTube. Deswegen dafür Hose und Schuhe. Und ja, es geht für uns dieses Mal in ein Land, in dem wir schon mal waren bei Nebenan weltweit, ins Mutterland der skandinavischen Krimis nach Schweden. Vielleicht erinnerst du dich an unseren letzten schwedischen Fall. Ich sage nur Stichwort der Dildo der Braut Christi. Wie könnte man den vergessen, oder? Der war wirklich wilder Fall, oder? Der war komplett wild. Da ging es ja auch um eine Sekte und wie du weißt, ich habe ein besonderes Faible für dieses Thema Sekten. Ja, und das war also von vielen Sekten, die ich kenne, war das eine der besonders Irren dieser Folge, falls es euch interessiert. Und elf weitere könnt ihr euch übrigens exklusiv mit einem Abo bei RTL Plus anhören. Das kann ich euch sehr empfehlen, weil da kann man zum Beispiel auch Lieferäter nachgucken, wo ich mit dabei war. Und sowieso diese zwölf Exklusivfälle sind wirklich sehr, sehr spannend. Aber jetzt geht es ja um einen weiteren spannenden Fall. Könnt ihr, wie ich gerade schon erwähnt habe, auch als Videopodcast euch angucken, bei YouTube und bei RTL Plus. Bevor es losgeht, aber wie immer, die Inhaltswarnung. In dieser Folge streifen wir die Themen Kindstötung und wir sprechen auch über psychische Erkrankungen. Also wenn ihr damit nicht so gut klarkommt, dann überspringt diese Folge lieber. Bist du immer noch aufgeregt oder wollen wir anfangen? Ich bin bereit, lass loslegen. Sehr gut. Dieser 19. Oktober 2004 startet für Familie Amori ganz anders als geplant. Irgendwie haben an diesem trüben Dienstagmorgen alle verschlafen und so bricht vor allem bei den Eltern Hassan und Rima Hektik aus. Auch die 13-jährige Iman Amori ist heute viel zu spät dran. Eigentlich begleitet sie jeden Morgen ihren fünf Jahre jüngeren Bruder Mohamed zu Fuß zur Schule. Doch heute ist alles anders. Und so packt Mama Rima dem Achtjährigen schnell seinen Rucksack und lässt ihn zum allerersten Mal allein zur Schule laufen, damit er nicht auch zu spät kommt. Mohamed beeilt sich, der Zweitklässler will auf keinen Fall zu spät zum Unterricht kommen. Um 7.45 Uhr verlässt er das Haus, seine Mutter schaut ihm durch das Fenster hinterher. Der kleine Mohamed ist der Sonnenschein seiner Familie. Immer wieder bringt der Zweitklässler mit den schwarzen Locken, den großen dunklen Augen und dem schämischen Grinsen seine Eltern und Geschwister zum Lachen. Erst vor drei Jahren ist die Familie aus dem Libanon in die schwedische Kleinstadt Linköping, etwa zwei Autostunden von Stockholm entfernt gezogen. Seitdem wohnen die Amoris in der Barnhamsgottan im Stadtzentrum von Linköping. Vater Hassan besitzt ein eigenes Computergeschäft und ernährt damit die Familie. Mutter Rima kümmert sich um die insgesamt fünf Kinder. Wenige Minuten später ist auch Iman fertig und rennt aus dem Haus in Richtung Schule, die Straße in Richtung Asgothan herunter. Diese Straße ist auf der einen Straßenseite von bunten Einfamilienhäusern aus Holz und auf der anderen von großen Mietshäusern gesäumt. Nur ein paar Minuten nach Mohammed verlässt auch seine Schwester das Haus und geht den gleichen Weg wie ihr Bruder. Als sie in die Asgothan einbiegt, ist dort viel mehr los als gewöhnlich. Ich sah jemanden am Boden liegen. Ich rannte nach Hause und sah viele Polizisten und Krankenwagen. Ich sagte meiner Mutter, dass ich dachte, das sei ein Junge, der im Schnee ausgerutscht war. Ich erkannte seine Schuhe, wollte aber nicht glauben, dass er es war. Wird jemand sich später an den Augenblick erinnern, der ihr Leben und das ihrer Familie für immer verändert hat. Kurz darauf klingelt bei Familie Amoury das Telefon. Mohammeds Schule ist dran. Der Achtjährige ist heute nicht zum Unterricht erschienen. Sofort rennt Vater Hassan aus dem Haus. Da liegt Mohammed schon im Krankenwagen auf dem Weg ins Krankenhaus. Und er ist nicht der Einzige. Furchtbar. Acht Jahre alt ist er. Da du gesagt hast, er ist auf dem Weg ins Krankenhaus, hoffe ich, er überlebt. Aber du hast gesagt, er ist nicht allein. Wer ist da noch, ich sage jetzt mal, verunfallt, weil du wirst uns sicher gleich verraten, was tatsächlich passiert ist. Ja, ich kann schon mal so viel sagen, da ist niemand im Schnee ausgerutscht und hingefallen. Das ist jetzt, glaube ich, kein allzu großer Spoiler. Aber du hast gerade richtig gesagt, er ist nicht alleine, also nicht nur Mohamed befindet sich gerade auf dem Weg ins Krankenhaus, sondern auch die 56-jährige Schwedischlehrerin Annalena Svensson. Genau wie Mohamed ist sie an diesem Morgen auf dem Weg zur Schule. Wie jeden Morgen hat sie mit ihrem Mann gefrühstückt. An diesem Dienstag reden die beiden über ihre Pläne fürs Wochenende. Zu diesem Zeitpunkt sind die Svensons schon 35 Jahre verheiratet. Sie haben eine inzwischen erwachsene Tochter. Nach dem Frühstück bringt Annalenas Ehemann sie noch zur Tür. Die 56-Jährige hat an diesem Morgen keine Eile. Schließlich wohnt sie nur acht Minuten zu Fuß von der Schule entfernt. Mohamed Amori und die Frau mit den blonden Haaren, die gerade so ihre Ohren verdecken, kennen sich nur vom Sehen. Wenn sich ihre Wege morgens kreuzen, grüßen sie sich. Ihr Mann wird später sagen, er war jemand, der einem auffiel. Er grüßte immer, er war immer gut gelaunt. Ich erinnere mich, dass wir manchmal über ihn sagten, da kommt der Kerl. Also so aus der Nachbarschaft, wo du gar nicht weißt, wie die Leute heißen. Ja, so eine nette Begegnung. Genau, wo man sich irgendwie begegnet. Als Annalena an diesem Morgen auf die Asgottan trifft, grüßt Mohamed nicht. Stattdessen sieht die blonde Lehrerin mit den kurzen Haaren, wie der kleine Junge von einem unbekannten, dunkel gekleideten Mann attackiert wird. Vielleicht liegt Mohamed auch schon am Boden, als Annalena vorbeikommt. Das kann nie ganz geklärt werden. Jedenfalls rennt die 56-Jährige zu ihm hin. Doch als sie bei ihm ankommt, wird auch sie von hinten angegriffen. Zehnmal wird auch sie eingestochen. Als Polizei und Krankenwagen ankommen, blutet sie schwer, aber ist noch ansprechbar. Mit letzter Kraft erklärt sie den Polizisten, ihr Angreifer sei ein Mann um die 20 gewesen. Was sie nicht weiß, zu diesem Zeitpunkt ist Mohammed schon tot. 27 Stiche in seinem Körper werden die Rechtsmediziner später zählen. Kurz darauf stirbt auch Annalena Svensson bei der Notoperation. Also war meine Hoffnung umsonst. Ja, es sind leider beide Tod 2 ganz unterschiedliche Opfer. Vom Alter, von der Herkunft, ja. Es ist gut, dass Annalena noch was über ihren Wader sagen konnte, aber dass es ein Mann um die 20 war, das kann jetzt nicht sonderlich hilfreich sein. Nee, das ist natürlich, du kannst dir ja vorstellen in so einer Stadt, wie viele Männer um die 20 da unterwegs sind. Die Polizei beginnt natürlich direkt mit den Ermittlungen. Es wird ein 60-köpfiges Team zusammengestellt, das den Täter so schnell wie möglich ausfindig machen soll. Ermittlungsleiter ist Jan Stav. Der 42-Jährige mit dem blonden Seitenscheitel ist ein erfahrener Ermittler. Außerdem ist er auf seinem Polizeirevier eine kleine Berühmtheit. 1988 und 1996 hat er Schweden bei den Olympischen Spielen im 20 Kilometer Gehen vertreten. Im Gehen. Gehen ist auch eine ganz wilde Sportart. Ich weiß nicht, ob ihr das schon mal gesehen habt im Fernsehen. Ich kenne es ehrlich gesagt aus der Serie Malcolm Mittendrin. Stimmt. Weißt du noch? Ja, ja, ja. Aber ja, damit ist er so ein bisschen der Lokal-Promi, weil bei Olympia dabei gewesen zu sein ist natürlich was Tolles. Ja, auf jeden Fall. Und dieser Mann soll jetzt den Doppelmörder finden. Ich dachte damals, dass wir das Ganze sehr schnell lösen würden, erinnert er sich Jahre später an die ersten Stunden nach der Tat. Wie falsch er damit liegen wird, ahn es darf, noch nicht mal ansatzweise. Also ich verstehe, warum er das denkt, weil es ist ein Mord am helligen Tag. Ja, da sollte es Zeugen geben. Genau, auf einer Straße, nicht irgendwo in einem Hinterhof, also in der Öffentlichkeit. Man müsste ja davon ausgehen, dass das viele, viele Leute gesehen haben. Und es gibt auch viele Spuren. Also fünf Meter vom Tatort entfernt findet die Spurensicherung ein Butterfly-Messer. Butterfly-Messer, hilf mir kurz. Sind es die, die man so herumwirbelt beim Auf- und Zuhören? Ja, wo halt der Griff so aus zwei Teilen... Ja, genau. Aber wenn du cool bist, in Anführungszeichen, dann kannst du das so herumwirbeln. Ja, ich weiß, dass das damals in meiner Jugend irgendwie ein Riesenthema war. Der hat ein Butterfly-Messer. Das war so. So eins wird eben dort gefunden. Wobei man sagen muss, das ist jetzt nichts Besonderes. Also ein billiges Modell mit Metallgriff. Außerdem wird ein paar Straßen weiter im Zeitungsständer eines Supermarktes eine schwarze Strickmütze der Marke Pointer gefunden. Sowohl am Messer als auch an der Mütze klebt Blut. Blut von Mohammed und Annalena, aber auch Blut von einer weiteren Person. Die Ermittler vermuten, dass sich der Täter beim Zustechen mit dem Messer an seiner Hand verletzt haben muss. Außerdem entdeckt die Spurensicherung an der Mütze sechs blonde Haare, die wahrscheinlich dem Täter gehören. Eine Analyse ergibt, dass der Mann, der die Mütze getragen hat, Raucher sein muss. In Kombination mit Zeugenaussagen haben die Ermittler ziemlich schnell eine erste Täterbeschreibung. Ein blonder, mittelgroßer, etwa 20-jähriger Mann, der Raucher ist und eine Schnittverletzung an der Hand hat. Sofort kontaktiert die Polizei alle Krankenhäuser der Umgebung, ob sich bei ihnen eine Person mit einer solchen Verletzung in Behandlung begeben hat. Was ja erstmal logisch wäre. Ja, wenn er einen Hauch Verstand hat, dann macht er es wahrscheinlich nicht, dann wird er sich hüten, ins Krankenhaus zu gehen. Und eventuell ist das Blut ja auch gar nicht von ihm, sondern von der dritten Person, die er vorher umgebracht hat. Also das wäre ja noch möglich. Aber wie sieht es aus mit DNA? Also können Sie ihn so vielleicht finden? Sie haben ja jetzt diese Blutprobe sozusagen und können auch DNA daraus extrahieren. Allerdings, genau, damit auch richtig. Aber es gibt eben keine Übereinstimmung. Und DNA bringt ja immer nur was, wenn du eine Übereinstimmung in der Datenbank hast. Und dann kann man an der Stelle schon mal sagen, ganz so schnell, wie sich der Chefermittler Stav das vorgestellt hat, wird er den Mörder von Mohammed und Annalena also nicht fassen können. Während die Ermittler überlegen, was die nächsten Schritte sein können, ist die Trauer um die beiden Opfer riesengroß. In der Asgottan, der Straße des Mordes, legen in den Tagen nach der Tat zahlreiche Menschen Blumen und Kerzen nieder. In der kleinen Universitätsstadt ist man geschockt von der Grausamkeit des Doppelmordes. Für Familie Amuri ist die Zeit nach dem Tod von Mohammed die Hölle auf Erden. In der Wohnung, in der zuvor so viel gelacht wurde, hört man jetzt nur noch Schluchzen und eine entsetzliche Stille. Mohammed war immer da. Er war das Lachen, die Freude und die Energie, wird Vater Hassan später sagen. All das fehlt jetzt. Kurz darauf wird Mohamed in Tefata, dem libanesischen Heimatdorf der Familie, beerdigt. Sein Sarg lässt die Familie extra in den Libanon fliegen, damit Mohamed neben seiner Oma und seiner Schwester, die vor zwölf Jahren mit nur elf Monaten verstorben ist, begraben werden kann. Auch damit er nicht allein ist. Ja, das ist ganz schlimm. Vor allem die haben schon ein Kind verloren. Das ist ja so, so schlimm. Die Trauer im Dorf ist riesig. Mohameds Bild hängt an Laternen, Bäumen und Autos. Auch seine Geschwister tragen Oberteile mit Mohammeds Gesicht und der Aufschrift Engelskind, als sein Sarg eingehüllt in eine Schwedenflagge in das Grab gelassen wird. Doch auch mit der Beerdigung findet die Familie keinen Frieden. Einige Zeit nach der Tat gibt Vater Hassan sein Computergeschäft auf. Ich war für den Lebensunterhalt der Familie verantwortlich. Nach diesem Vorfall konnte ich nicht mehr weitermachen. Doch nicht nur das. Nach dem Mord an ihrem Sohn erhält die Familie mehr als 50 Drohbriefe. Wir fürchteten um unser Leben, erzählt der Vater. Im Dezember, zwei Monate nach dem Mord, zieht die Familie schließlich von Linköping weg ins anonyme Stockholm. Drei Jahre nach Mohammeds Tod bekommen die Amoris noch ein Kind, eine Tochter. Sie nennen sie Annalena, nach der ermordeten Annalena Svensson, die Mohammed retten wollte und dafür mit ihrem Leben bezahlt hat. Boah, ich habe gerade so Gänsehaut. Ich meine, ich weiß ja, was passiert, aber, ich finde, es macht einem wieder bewusst, wie viele Opfer so eine Tat hat, neben den eigentlichen Opfern, weil die ganze Familie daran einfach so kaputt geht. Ja, auch die Freunde leiden natürlich. Wie erklärst du den Freunden des Achtjährigen, die ja auch 18 wahrscheinlich, dass er jetzt nicht wieder kommt, dass sie den nie wieder sehen können? Wenn ein Kind stirbt, dann ist es irgendwie immer besonders schlimm, finde ich. Ja, geht mir auch so. Und es hängen eben so viele Leute dran. Ich finde es so schlimm, dass die dann zu allem Überfluss auch noch bedroht worden sind. Also kann man sich ja denken, aus welcher Ecke das gekommen ist. Also ganz, ganz furchtbar. Und dementsprechend hoch ist natürlich auch der Ermittlungsdruck, weil gerade bei so prominenten Fällen, gerade wenn Kinder zu Schaden kommen, will die Polizei natürlich das so schnell wie möglich lösen. Das Team ist mittlerweile 60-köpfig, also wird auch richtig Personalaufwand betrieben und die Täter-DNA hat ja in der Polizeidatenbank kein Match ergeben. Also fordert die Polizei jetzt alle in der Umgebung wohnenden Männer im passenden Alter auf, an einem Massengentest teilzunehmen. Also es hat es ja in deutschen und österreichischen Fällen auch durchaus schon gegeben. Insgesamt geht es da um rund 6000 Männer. Also es ist ein riesiger Aufwand. Die müssen ja alle angeschrieben, besucht werden. Dann müsse Test dargenommen werden. Ja, und ganz besonders interessant sind meistens die, die sich dann weigern, daran teilzunehmen. Genau das. Und einer dieser Männer ist der Molekularbiologie-Student Andreas Tilmer, der gerade an seiner Masterarbeit schreibt und nur 400 Meter vom Tatort entfernt lebt. Dass er mehr als ein Jahrzehnt später ganz entscheidend an der Aufklärung des Falles mitwirken wird, ahnt er damals noch nicht. Denn zum damaligen Zeitpunkt führt diese riesige Testung leider zu keiner Übereinstimmung. Interessant finde ich aber, dass die schwedischen Behörden damals schon die sogenannte DNA-Phänotypisierung benutzen. Also das ist ein Verfahren, mit dem man aus dem Genmaterial des mutmaßlichen Täters Rückschlüsse über das Aussehen dieser Person zieht. Deine DNA verrät nämlich ziemlich viel über dich, also zum Beispiel deine Haarfarbe, deine wahrscheinliche Haut- und Augenfarbe, aber auch dein biologisches Alter. Also da gibt es große Möglichkeiten, was rauszufinden. In Deutschland war das sehr lange durch die Strafprozessordnung verboten. Erst seit 2019 ist die sogenannte Phänotypisierung bei schweren Straftaten, also bei Mord zum Beispiel, bei uns auch erlaubt. In Österreich darf man es auch machen. Aber theoretisch wäre es sogar auch möglich, durch DNA die sogenannte biogeografische Herkunft des Täters festzustellen. Also ob er ursprünglich aus Südmittel- oder Nordeuropa oder vielleicht auch aus Nordafrika kommt. Das ist aber in Deutschland nicht erlaubt. Also der Bundestag hat es aus Angst vor Diskriminierung oder möglicher Diskriminierung nicht erlaubt. Spannendes Thema, oder? Ja, aber ist es dann so... Ich habe mal YouTube-Videos gesehen, wo Leute so den Artest dann eingeschickt haben, um zu sehen, oh, ich bin so 5% schottisch. Ja, ja. Ist das dann sowas? Es ist ja immer nur eine Wahrscheinlichkeit. Genau, also die Regenwahrscheinlichkeit kann für heute 83%, sondern es regnet trotzdem den ganzen Tag nicht. Ja, also es würde dann, keine Ahnung, rauskommen, dass du vielleicht, weiß ich, weiß ich nicht, chinesische Wurzeln hast, was du selber gar nicht weißt. Aber daraus errechnet sich dann eine Wahrscheinlichkeit, was du für ein Typ bist, welche Hautfarbe du hast zum Beispiel. Und ich verstehe den Gedanken dahinter, wenn man es nicht sicher weiß, dass man dann eben sagt, okay, es ist schwierig jetzt zu behaupten, der Täter war Nordafrikaner wahrscheinlich, also vom Aussehen her. Aber auf der anderen Seite glaube ich, dass man sich da einfach Möglichkeiten nimmt, Fälle aufzuklären, wenn man sagt, wir haben die Möglichkeit, aber wir machen es einfach nicht. Aber soweit ich weiß, kann man es ja nicht dafür nutzen, um ein Phantombild zu kreieren. Nee, das sind alles Wahrscheinlichkeiten. Du kannst dann sagen, der hat wahrscheinlich blaue Augen, aber du weißt natürlich nicht die Nasenform, oder ob der eine Glatze hat oder volles Haar. Das weißt du eben nicht. Ja, oder eine Riesennarbe oder das kannst du alles nicht vorstellen. Ja, das stimmt. Also ja, wir werden jetzt noch in diesem Fall viel über neue Techniken sprechen. Deswegen habe ich die noch ausgesucht. Das ist ganz spannend. Also in Schweden sind sie da weiter, da benutzt man diese Methode bereits im Jahr 2004, wobei man eben sagen muss, dass das Ergebnis die Ermittlungen auch nicht wirklich weiterbringt. Laut den Untersuchungen hat der Mörder von Mohamed und Annalena mit hoher Wahrscheinlichkeit skandinavische Wurzeln und blaue Augen veröffentlicht. Das ist jetzt in Schweden keine Seltenheit. Also dementsprechend ist immer die Frage, wie viel Erkenntnis man daraus gewinnen kann. Aber sie versuchen es. Sie versuchen und arbeiten mit den Möglichkeiten, die sie haben. Die Ermittler müssen sich also etwas anderes einfallen lassen und konzentrieren sich erstmal darauf, ein Täterprofil zu erstellen. Und so wird zwei Wochen nach dem Mord eine Täterprofilgruppe, bestehend aus Ermittlern, Kriminaltechnikern, Rechtsmedizinern, Psychologen und Verhaltensforschern gebildet. Eine frühe Theorie der Gruppe ist, dass die Tat ein rassistisches Motiv haben könnte und Annalena Svensson eher zufällig ermordet wurde. Als noch wahrscheinlicher sieht die Gruppe allerdings die Möglichkeit, dass es sich bei dem Täter um einen psychisch auffälligen Menschen handelt. Aus allem bisherigen Wissen leiten sie folgendes Täterprofil ab. Der Mann ist jung, hatte vermutlich bereits Kontakt mit der Psychiatrie und hat sich zum Tatzeitpunkt möglicherweise in einem psychotischen Zustand befunden. Seine sozialen Kapazitäten sind wahrscheinlich eingeschränkt und er geht, wenn überhaupt, nur einem recht einfachen Job nach. Zudem vermuten sie, dass der Täter entweder allein oder noch bei seinen Eltern lebt. Und die Experten glauben außerdem, dass der Doppelmörder nochmal töten könnte. Wenn er sich in einem psychotischen Zustand befunden hat, dann wäre es durchaus möglich, dass er sich... Aus irgendeinem Grund, also das sind ja dann keine logischen Handlungen, bedroht gefühlt hat und deswegen dann zugesprochen hat. Genau, und das kann ja jederzeit wieder passieren, wenn das nicht behandelt wird. Das könnte wieder passieren, ja. Aber es ist was anderes als, das ist geplant, ich mach das jetzt mal, ich geh jetzt mal raus. Ich meine, das ist natürlich jetzt erstmal nur eine Ermittlungshypothese, aber das macht es natürlich, wenn man davon ausgeht, wahrscheinlich, dass das wieder passiert, weil so ein psychotischer Zustand kommt ja oft ohne große Vorwarnung. Und wenn du halt erkrankt bist und dich nicht behandeln lässt, dann kann das halt jederzeit wiederkommen. Es ist die große Angst da und Chefermittler Jan Stav hat später dann erzählt, dass er jedes Mal zusammengezuckt ist, wenn er von einem Messerangriff in der Zeitung liest, weil er gedacht hat, das könnte sein Mörder sein, der da wieder zugeschlagen hat. Je länger die Ermittlungen dauern, desto mehr entwickeln sie sich zu einer echten Sisyphusarbeit. In den Monaten nach der Tat gehen immer wieder Hinweise ein. Außerdem kommen den Ermittlern immer wieder neue Ideen und jedes Mal steigt die Euphorie plötzlich. Man denkt so, jetzt haben wir es. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich gedacht habe, jetzt sind wir ganz nah dran, erinnert sich Ermittler Starf an die Zeit. Doch jedes Mal folgt auf das Hoch die Enttäuschung, wenn sie wieder in einer Sackgasse landen. Starf sagt dazu, da fragt man sich natürlich schon, warum dauert das so lange? Warum finden wir ihn nicht? Je länger die Ermittlungen dauern, desto verzweifelter werden Stav und die anderen Ermittler an der Frage, warum sie den Täter einfach nicht finden können. Vielleicht hat er sich ins Ausland abgesetzt, vielleicht ist er in der Psychiatrie gelandet, ist längst schon tot oder hat die Tat komplett verdrängt und lebt einfach sein Leben weiter. All diesen Möglichkeiten gehen Stav und seinem Team nach. Vielleicht ist er gar nicht aus Schweden. Skandinavisch kann ja heißen. Dänemark und er war nur im Urlaub. In Norwegen, ja. Ja, zum Beispiel, das wäre ja auch eine Möglichkeit. Also es gibt einfach so viele Möglichkeiten, was es so schwierig macht. Unter anderem untersuchen sie im Umkreis Linköping jeden Suizid von Männern, die in das Täterprofil passen. Später weiten sie diese Untersuchung sogar auf Stockholm aus. Also kannst du dir vorstellen, dass das eine Riesenuntersuchung ist. Das waren natürlich keine einfachen Gespräche mit den Eltern, erinnert sich Staff an die Nachforschung. Was sagt man da? Es tut mir leid, dass sie ihren Sohn verloren haben, aber wir würden gerne ausschließen, dass er ein Mörder war. Furchtbar. Doch trotz aller Mühen rennt das Team auch hier gegen eine ermittlungstechnische Wand. Selbst das FBI, das die schwedische Polizei zwischenzeitlich um Hilfe bittet, findet keine neuen Anhaltspunkte. Ebenso wenig bringen die von Mohammeds Familie ausgelobten 100.000 Kronen Belohnung für Hinweise. Die Ermittlungen werden später als die zweitaufwendigsten in der gesamten schwedischen Geschichte eingehen. Hier nur mal ein paar Zahlen. 6.500 DNA-Abgleiche, 9.000 Zeugenaussagen und 40.000 Dokumente. Also eine Riesenermittlung. Vielleicht hast du ja eine Idee, weil das ja die zweitaufwendigste war, was wohl die aufwendigste Ermittlung in Schweden war. Spontan nicht, aber wenn du es mir sagst. Ja, es gibt ja diesen einen wahnsinnig bekannten Mord in Schweden, den Mord am damaligen schwedischen Ministerpräsidenten Olof Polme. Polme spricht man hier, glaube ich, aus oder Palme. Der wurde mitten auf der Straße erschossen. Genau, 1986. Der ist ja bis heute nicht aufgeklärt. Und der läuft ja heute noch. Da gibt es auch die wildesten Theorien dazu. Ja, vollkommen, vollkommen. Also trotz all dieses Aufwandes, muss man sagen, führen die Ermittlungen zum Doppelmord von Linköping einfach nicht zu einer heißen Spur. Und so werden aus den Monaten, die die Ermittlungen andauern, Jahre. Je mehr Zeit vergeht, desto kleiner wird das Ermittlungsteam. Irgendwann besteht es nur noch aus drei Leuten. In den nächsten Jahren gehen die Polizisten jede erdenkliche Theorie zum Täter durch. Beispielsweise 2008, als der Polizeiprofessor und Krimi-Autor Leif Persson die Theorie aufstellt, der Mord müsse von einem Teenager begangen worden sein. Schließlich sei die Tatwaffe ein ganz normales Messer, das kleine Kinder mit sich herumtragen. Nichts, was ein richtiger Bösewicht mit sich hätte. Ein Butterfly haben in Schweden schon kleine Kinder. Ja, ich glaube eher so Teenies. Aber deswegen, ich erinnere mich daran, dass in der Schule so auf dem Sportplatz gesagt hat, boah, da musst du vor sich sein, der hat ein Butterfly-Messer. Die sind doch verboten in Deutschland. Sind sie? Vielleicht waren sie es damals nicht, das weiß ich nicht. Aber ich verstehe den Ansatz, dass man sagt, das ist jetzt kein Messer, was vielleicht ein Gangmitglied tragen würde oder ein Profikiller. Es ist ehrlicherweise ein eher verzweifelter Versuch, eine Ordnung in diesen Fall zu bringen. Also der hat folgende Theorie. Ich glaube, er war auf dem Schulweg, als es passierte und er hatte irgendeinen Kontakt zum ersten Opfer, dem kleinen Jungen. Dass er oder seine Familie ihm oder seiner Familie Unrecht getan haben. Das zweite Opfer war wahrscheinlich zur falschen Zeit am falschen Ort. Auch dieser Theorie, die auf ziemlich wackeligen Füßen steht, meiner Meinung nach, gehen die Ermittler nach und untersuchen die DNA sämtlicher Teenager der Gegend. Wieder ohne Erfolg. Seinen Frust darüber kann Chef-Ermittler-Staff auch nicht immer verstecken. Einmal sagt er, ehrlich gesagt ist mir egal, ob der Täter 13 oder 23 Jahre alt ist. Hauptsache wir finden ihn. Das ist für mich das Wichtigste. Also klar, du bist ja auch immer von der Presse konfrontiert, was sagen sie denn dazu und es gibt jetzt wieder die Theorie und gehen sie dem nach. Und trotzdem muss man sagen, dass Jans Darf trotz all dieser Rückschläge nicht daran denkt, aufzuhören. Obwohl ihm laut eigener Aussage etliche Kollegen dazu raten. Ich habe nie ans Aufgeben gedacht. Ich habe immer geglaubt, den Fall lösen zu können, erinnert er sich. Und auch das kann ich mir vorstellen. Das ist ja ein Fall, wo irgendwann immer unwahrscheinlicher wird, dass du ihn auflösen kannst. Und damit kannst du natürlich karrieretechnisch keinen Blumentopf gewinnen. Wenn es immer heißt, das ist doch der Chefermittler, der damals den Fall Mohammed und Annalena nicht gelöst hat. Das bleibt ja schon an dir kleben, sozusagen. Ja klar, es ist ein Riesendruck, aber gerade mit diesem Druck auf die Polizei geschieht auch oft, dass sie dann einen falschen Täter finden, in Anführungszeichen. Und es ist ja sehr gut, dass er nicht versucht, Hauptsache ich finde irgendwen, sondern wirklich die richtige Person finden will. Das stimmt. Trotzdem gelingt es ihm eben ganz lange nicht. Also 14 Jahre nach dem Doppelmord von Linköping suchen Staff und seine beiden Kollegen immer noch nach dem Täter. Inzwischen wäre Mohamed längst mit der Schule fertig und Annalena bereits in Rente. Dann geht eine Nachricht aus den USA um die Welt. Nach mehr als 40 Jahren wurde der Golden State Killer gefasst. Und ich kann mir vorstellen, dass der dir bestimmt was sagt. Der sagt mir was, ich habe über ihn noch nicht gesprochen, aber er sagt mir was, weil Michelle McNamara war eine Journalistin, die sich sehr um diesen Fall bemüht hat und da sehr viel recherchiert hat. Die hat das Buch »I'll Be Gone in the Dark« geschrieben, was ich eigentlich schon längst mal lesen wollte. Und sie hat dann nicht mal mitbekommen, dass der Mann gefasst wurde. Er war nicht nur Serienmörder, er war auch Polizist. Ja, das ist das Krasse. Also falls ihr noch nie von dem Fall gehört habt, Joseph James D'Angelo Jr., wie der Serienmörder bürgerlich heißt, hat zwischen 1973 und 1986 im Golden State, also in Kalifornien, mindestens 13 Menschen ermordet und 50 weitere vergewaltigt. Und er konnte erst 2018 gefasst werden. Das an sich hat jetzt natürlich wenig mit dem Doppelmord von Linköping zu tun. Aber wie der Golden State Killer gefasst wurde, das ist das, was Ermittler weltweit in Staunen versetzt. Denn die Ermittler sind ihm mit Hilfe der Plattform GEDmatch auf die Spur gekommen. Das ist so eine normale Ahnenforschungsdatenbank, wo man als Privatperson seine DNA hinschickt, um herauszufinden, ob man irgendwo verwandt hat. Also genau das, was du gerade meintest, dass man irgendwie, Vorfahren in Finnland hat zum Beispiel. Und das machen gerade in den USA wahnsinnig viele Leute, weil das so Ahnenforschung ist, so ein Hobby von vielen US-Amerikanern. Ja, ich habe schon so oft von US-Amerikanern gehört. Ah ja, ich bin ja Österreicher, ich bin ja Italiener, ich bin ja... Okay, wer von deinen Vorfahren... Ach ja, das war irgendwie die Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Groß-Tante. Ja, dann okay. Aber für die ist das real. Für die ist es real und ist ganz spannend. Das scheint wirklich ein relativ amerikanisches Phänomen zu sein. Ich kenne in Deutschland nicht so viele Leute, die das machen. Ich verstehe schon, dass es spannend ist. Total, total. Und das ist halt spannend, weil das eigentlich eine so einfache Idee ist. Weil beim Golden State Killer hat damals ein pensionierter Ermittler einfach die Täter-DNA, die sie ja hatten von den Fällen, in dieser Datenbank hochgeladen. Und ist dann auf GED-Match auf Verwandte des Mörders gestoßen. Und so hat man ihn dann nach mehr als 30 Jahren überführen können. Und klar, das geht rum, nicht nur bei True Crime Fans, sondern auch bei Mordermittlern auf der ganzen Welt. Weil das natürlich so eine Idee ist, könnte man ja auch in anderen Fällen anwenden. Und auch Genetiker sprechen natürlich darüber. Zum Beispiel im Nationalen Forensischen Zentrum Schwedens, das zufällig in Linköping liegt. Chef-Genetiker des Zentrums ist ein gewisser Andreas Tillmer. Und du erinnerst dich? Ah, den hast du schon erwähnt, ja. Genau, das war der junge Masterstudent, der 2004 im Rahmen des Massengentests auch einen Speicheltest abgegeben hat. Inzwischen ist Tilma Mitte 40 an den Doppelmord, der sich gar nicht weit von seinem eigenen Zuhause abgespielt hat, erinnert er sich aber immer noch. Ich glaube, das ist sehr schwer, das zu vergessen. Ja, vor allem, weil es wirklich nur, ich glaube, 300 oder 400 Meter vor seiner Haustür passiert ist. Er und Ermittlungsleiter Staff nehmen Kontakt auf und besprechen, ob man die Methode aus den USA auch beim immer noch ungelösten Doppelmord von Linköping einsetzen könnte. Aber diese Methode ist neu und wurde in Europa noch nie benutzt. Nach mehreren Monaten der Planung einigen sich im Frühjahr 2019 Staatsanwaltschaft, Institut und Ermittler darauf, die sogenannte investigative genetische Ahnenforschung zum allerersten Mal auch in Europa anzuwenden. Um Tilma und Starve bildet sich eine Art Taskforce, die sich sofort daran macht, die Täter-DNA so aufzubereiten, dass sie in die Plattform eingespeist werden kann. Eine gewaltige Aufgabe, denn das Blut, das die DNA enthält, ist inzwischen 15 Jahre alt und DNA zersetzt sich mit der Zeit. Tilma gibt sein Bestes. Vollständig wiederherstellen lässt sich das Genmaterial allerdings nicht. Er erklärt, in unserem Fall waren nur noch Bruchstücke der DNA vorhanden. Wir haben kein vollständiges Genom erstellen können, obwohl wir viele Einzelteile hatten. Am Ende hatten wir sowas wie ein halbes DNA-Profil. Ja gut, das macht es nochmal schwerer. Das macht es nochmal schwerer, genau. Und was die Ermittler damals noch nicht ahnen, auch 600 Kilometer von Linköping entfernt beschäftigt sich ein Mann mit der neuen Ermittlungsmethode. Peter Sjölund ist ein kräftiger Mitfünfziger mit dunklen Haaren, bei denen an den Schläfen das Grau langsam überhandnimmt. Auf seiner Nase sitzt eine schwarze Brille mit Kunststoffgestell und dicken Gläsern. Sjölund arbeitet eigentlich in der Chemiebranche. Sein größtes Hobby ist aber die Ahnforschung. Das Thema hatten wir ja gerade. Regelmäßig hilft er Leuten dabei, Familienmitglieder, zum Beispiel unbekannte Elternteile oder Halbgeschwister ausfindig zu machen. In der Szene der Ahnenforscher ist er gut vernetzt und so erfährt er in einer Facebook-Gruppe von der ungewöhnlichen Nutzung der Datenbanken durch die kalifornische Polizei. Er erzählt, zuerst war ich ein bisschen überrascht, aber dann ist mir klar geworden, natürlich, das ist die perfekte Methode für diese Art von Fällen. Es muss hunderte oder tausende von Cold Cases geben, die wir mit dieser Technik lösen können. Ich war begeistert und ich war mir sicher, das ist der Beginn einer Revolution. Diese Technik kann noch viel mehr als der Fingerabdruck. Als er dann erfährt, dass das Nationale Forensikamt Schwedens die Nutzung des Verfahrens auch der hiesigen Polizei unter strengen Auflagen erlaubt hat, zögert er keine Sekunde. Ich habe also die Polizei in Linköping angerufen und ich habe gefragt, ob sie Hilfe brauchen. Sie sagten, ja, so sagt es Schöldlund selbst. Super. Gut, dass er sich einfach bewirbt und die auch noch sagen, ja klar, komm vorbei. Und so wächst die Taskforce um ein weiteres Mitglied. Das erste gemeinsame Treffen aller Beteiligten findet schließlich im August 2019 statt. Genetiker Andreas Tilmer erinnert sich noch genau an dieses Treffen. Beim ersten Treffen mit der Polizei war ich ziemlich schockiert. Wir hatten eine erste Suche mit der GED-Match-Datenbank gemacht und waren verabredet, um das Ergebnis anzuschauen. Aber bei diesem Treffen waren auch drei Journalisten anwesend. Für uns als Strafverfolger war das extrem ungewöhnlich. Zu dem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass die große Tageszeitung Dugens Nieheter einen Dokumentarfilm über den Fall dreht. Doch irgendwann denkt er, solange es die Ermittlungen nicht beeinflusst, warum eigentlich nicht? Schließlich könnte die neue Ermittlungsmethode bahnbrechend sein und damit vom großen öffentlichen Interesse. Und so ruft Peter Schölund in Anwesenheit aller Beteiligten die Matches des restaurierten DNA-Profils des Täters bei GED Match auf. Aber bevor wir jetzt mal dazu kommen, wie diese Methode genau funktioniert und was dabei rauskommt, ich muss mal kurz an der Stelle festhalten, wie cool ist die schwedische Polizei bitte? Dass sie Ja sagen zu dem Typen, der sie anruft und sagt, hey, vielleicht kann ich helfen. Ja, aber soll es nicht so sein? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in Deutschland passieren würde, ehrlicherweise. Ich finde es ganz toll, dass die offen sind für Hilfe von außen. Es ist ja sowieso total mutig, als allererste Behörde in Europa so eine Methode auszuprobieren. Irgendjemand muss anfangen. Irgendwer muss anfangen, ja. Und dann finde ich das auch so toll, dass sie auch die Presse dabei zulassen. Weil es kann ja völlig nach hinten losgehen, aber man macht diese Offenheit und sagt, ey, wir probieren hier was Neues aus und ihr könnt dabei sein. Das finde ich schon bemerkenswert, muss ich sagen. Schon, aber wenn zu früh irgendwas veröffentlicht wird oder irgendwie rauskommt, dann kann das die Ermittlungen halt auch behindern. Ist ein großes Risiko, was Sie da eingehen, definitiv. Und das ist ja alles, wenn das funktioniert, ist das super, wenn du was Neues ausprobierst. Wenn es nicht funktioniert, bist du halt der Dödel. Und alle sagen dir, haben wir dir doch die ganze Zeit schon gesagt. Ja, das wäre sehr schade. Aber lass uns erst mal schauen, wie diese Ahnenforschung mit DNA überhaupt funktioniert. Also jeder Mensch, das weiß man ja, hat sein eigenes DNA-Profil. Und jedes dieser Profile hat so ganz kleine Mutationen. Und das sind Mutationen, die Eltern an ihre Kinder weitergeben und die wieder an ihre Kinder und so weiter. Bio 5, also bitte. Ja, ich muss jetzt auch wirklich da lange mich reinarbeiten, weil Bio ist schon sehr lange her bei mir. Und ein Kind wird ja von zwei Eltern mit unterschiedlichen DNA-Profilen gezeugt. Sollte so sein, in besten Fall. Idealerweise, genau. Diese Mutationsüberschneidungen nehmen dann von Generation zu Generation ab. Das heißt, je enger zwei Personen miteinander verwandt sind, desto mehr gemeinsame sogenannte Punktmutationen haben sie. Speist man dann eine DNA in so eine Ahnenforschungssoftware ein, sucht diese in ihrer Datenbank nach anderen DNA-Profilen mit denselben Mutationen. Und je mehr es davon gibt, desto enger ist man mit der anderen Person verwandt. In diesem Fall suchen die Ermittler nach der Person, die die meisten Übereinstimmungen mit dem Täter hat, also möglichst nah mit ihm verwandt ist. Und genau hier kommt dann Hobby-Arenforscher Peter Schöllund ins Spiel. Der geht in den Stammbäumen des Matches so weit zurück, bis er auf einen gemeinsamen Vorfahren stößt, der die Mutation vererbt hat. Also du musst sozusagen die Zweigstelle in dem Stammbaum finden, du verfolgst ihn erstmal nach hinten, guckst zu der Person, die, diese Motivation praktisch in die Familie gebracht hat und dann gehst du die Abzweigung nach vorne wieder in die andere Richtung zum Täter. Weil das sind ja nicht Leute, das ist jetzt nicht der Bruder des Täters oder der Vater des Täters, sondern das ist wahrscheinlich der Groß, Groß, Groß, Groß, Groß Cousin. Und das ist eben das, was die machen. Das ist wirklich Puzzlearbeit. Also er erklärt das so, er wechselt praktisch, nachdem er diesen gemeinsamen Verwandten gefunden hat, die Richtung und sucht in der Zeit vorwärts. Ich suche die Kinder, die Kindeskinder, die Urenkel und so weiter von den gemeinsamen Vorfahren. Also hunderte von Nachkommen. Aber der Ur-Ur-Ur-Urgroß-Opi hat ja nicht seine DNA da hochgeladen. Nee. Also erkennt er, okay, hier ist eine winzig kleine Übereinstimmung mit dieser hier. Genau. Und muss dann... Gucken, woher die Übereinstimmung kommt. Und muss dann schauen, aber halt in analogen Akten. Genau, genau das. Also das ist eine Riesenarbeit, kannst du dir vorstellen, weil du ja hunderte von Menschen überprüfen musst. Und dafür benötigt er natürlich alle Dokumente, die er in die Hände bekommen kann. Also Geburts-, Heirats- oder Sterbedaten von Personen, oft auch Social Media. Es ist wirklich Kleinstarbeit. In dem spezifischen Fall sucht Schöldund dabei gezielt nach Männern, die in den 80ern geboren wurden. Weil sie ja wissen, es war ein junger Mann. Und so rechnen sie sich das aus. In dieser DNA-Datenbank, da sind also auch wirklich Personen aus aller Welt? Beziehungsweise für unseren Fall ist ja Skandinavien besonders wichtig, weil da muss ja jetzt jemanden finden, der von dort ist. Ja, also ja, du musst eigentlich, ja, du musst jemanden finden, du musst einen Verwandten des Mörders finden, der halt zufälligerweise das da eingespeist hat. Und die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht, weil sich insgesamt, das hat mich auch überrascht, 35 Millionen Menschen auf diesen Datenbanken registriert haben. Die meisten sind US-Amerikaner. Gut, aber von den US-Amerikanern muss ja dann trotzdem irgendwie wieder in Skandinavien kommen. Genau das. Und diese Punktmutationen halten sich so lang und die meisten Stammbäume sind so verzweigt, dass man eigentlich immer irgendeinen entfernten Verwandten findet. Es gibt zum Beispiel eine Studie aus den USA, in der heißt es wörtlich, legt nur ein Prozent der Amerikaner mit europäischen Wurzeln ihr Erbgut offen, lassen sich für 90 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe Verwandte in der Datenbank finden. Das ist wild, ne? Weil wir doch irgendwie alle aus derselben Ursuppe stammen sozusagen. Und 90% wären also potenziell identifizierbar. Und das ist auch das Problem bei dem Ganzen, obwohl sie nie einen Gentest gemacht haben. Weil du kannst ausfindig gemacht werden, auch wenn du selbst und auch niemand aus deinem engeren Verwandtschaftsumfeld, aus deiner Familie, jemals seine oder ihre DNA dort gespeichert hat. Über irgendeinen Groß-Groß-Groß-Groß-Groß-Groß-Cousin aus den USA von dem du gar nicht weißt, dass er existiert wahrscheinlich. Aber dann wieder nur über analoge Akten. Ja, genau. Dann müsste man das halt zu dir zurückverfolgen. Mhm. Ja, und die Polizei, die kann jetzt darauf zugreifen. Also wenn du die Software nutzt, wirst du gefragt, ob deine Daten bei polizeilichen Ermittlungen verwendet werden dürfen. Und dem stimmen so ungefähr die Hälfte der Nutzer zu. Das Ding ist aber, dass du ja nicht nur für dich selbst, sondern indirekt auch für deine Verwandten zustimmst. Also der Molekulargenetiker Peter Schneider hat es so zusammengefasst. In dem Moment, wo solche Recherchen gemacht werden, wird quasi meine gesamte Verwandtschaft mit transparent gemacht, ohne dass die einzelnen Leute wissen, dass das der Fall ist. Und da verstehe ich natürlich, dass das schwierig ist. Ja, also ich finde das in solchen Fällen, in Ermittlungen, wie zum Beispiel, also in besonders schweren Fällen, wie zum Beispiel jetzt Mord, finde ich das großartig, weil wer jemanden kaltblütig tötet, sollte meiner Meinung nach auch seine Strafe erhalten. Aber ich habe auch gewisse Bedenken, aber vielleicht reden wir da am Ende nochmal drüber. Ja, können wir machen. Also es ist halt ein großes Thema und ich glaube, da gibt es auch kein nur Ja oder Nein, weil es halt beide Wahrheiten enthält. Es hat halt große Vorteile, aber es ist natürlich schon gruselig, dass da irgendwo deine DNA rumschwirrt oder deine Verwandtschaftsverhältnisse, von denen du vielleicht selber gar nichts weißt. Aber es ist noch ein Grund, keine schweren Verbrechen zu begehen. Richtig, ein weiterer Grund. Und genau das, was ich gerade beschrieben habe, macht Pieter Sjölund nun mit dem halben DNA-Profil des Täters, das Andreas Thilmer erstellt hat. Doch das Ergebnis der Suche bringt bei den Ermittlern jetzt nicht gerade so die Jubelstimmung. Ja, ich hatte vergessen, dass es nur ein halbes ist. Also es ist ja noch schwieriger, jemanden zu finden. Ja, und dann kommt eben dazu, die einzigen Treffer, die sich ergeben, kommen von sehr, sehr, sehr, sehr, sehr weit entfernten Verwandten des Täters. Für Sjölund bedeutet das einen großen Arbeitsaufwand, denn je entfernter der Verwandtschaftsgrad ist, desto verzweigter und komplizierter im Recherchieren ist ja der Stammbaum natürlich. Die entfernten Verwandten, die Sjölund ausfindig machen kann, leben in den USA, haben aber deutsche Vorfahren. Und Sjölund denkt sich, okay, die sind zwar mit dem Täter nicht eng verwandt, aber diese Ahnen in Deutschland, weil es mehrere sind, das kann ja eigentlich kein Zufall sein. Und deswegen schlussfolgert er, dass der Täter entweder auch deutsche Vorfahren hat oder sogar selbst Deutscher ist. Es ist eine neue Spur. Die Ermittler konzentrieren sich jetzt auf die in Linköping lebenden Deutschen und daraus ergeben sich gleich mehrere Verdächtige. Sjölund erzählt, damals haben viele Deutsche an der Uni studiert. Es gab einen Deutschen, der in der Nacht nach dem Mord in eines der Krankenhäuser kam. Er hatte Schnittwunden an der Hand. Das war natürlich interessant. Hattest du nicht gesagt, dass niemand wegen der Schnittverletzung, Wenn er der Mörder wäre, wäre niemand so doof, mit einer Schildschirrletzung ins Krankenhaus zu gehen, hatten wir gemutmaßt. Aber es kann ja auch sein, dass man in der Küche abgerutscht ist mit dem Messer und dann halt nur zum falschen Zeitpunkt sozusagen ins Krankenhaus gegangen ist. Und dann haben wir einen, das war das, was du gerade genannt hast, der hat sich geweigert, bei dem Gentest mitzumachen. Machst du dich natürlich auch mit. Verdächtig. Und dieser Typ hat nur 100 Meter vom Tatort entfernt gewohnt. Also es gab ein paar Leute, die für die Ermittler interessant sind. Aber auch diese Spuren stellen sich als Sackgasse heraus. Keiner der Verdächtigen hat eine DNA, die mit der des Täters übereinstimmt. Und auch bei der Ahnensuche in Deutschland rennt der Forscher nicht gerade offene Türen ein. Deutschland scheint für die Ahnenforschung das schlechteste Land der Welt zu sein. Es gibt viel Geheimniskrämerei. Man kann über die Eltern einer Person für die vergangenen 110 Jahre nichts herausfinden. Kirchenbücher sind für Recherchen ab Anfang der 1900, also 1900 Jahre, 1900, verschlossen. Aus Datenschutzgründen. Also es ist extrem schwierig, lebende Menschen ausfindig zu machen. Wäre der Täter wirklich ein Deutscher, würden die Ermittler ihn nie fassen. Und es ist ja so ein kleines Klischee, aber es scheint wieder zuzutreffen, dass in Deutschland irgendwie Datenschutz ein, ich sag mal, größeres Thema ist, als in anderen Ländern. Ja, ja, es ist eigentlich unfassbar, dass wir uns hier filmen lassen. Ja, das stimmt. Ich weiß auch nicht, ob ich mein Einverständnis dafür gegeben habe. Ich hab nichts unterschrieben. Naja, aber ja, es ist Wahnsinn, oder? Also es ist vielleicht auch einer der Gründe dafür, warum in Deutschland kaum Menschen diesem Hobby nachgehen, weil du es einfach nicht rausfinden kannst. Aber in den USA ist alles digitalisiert. High School, Abschluss, Jahrgänge kannst du alle nachgucken, wo Leute geheiratet haben, wer welche Häuser gekauft hat und so. Und hier ist einfach bis 1899 kannst du noch nachgucken. Und ab 1900 geht es nicht mehr. Dann ist es vorbei. Ich glaube, da gibt es irgendwie so eine Grenze von 110 oder 115 Jahren. Das wird dann so sukzessive veröffentlicht, aber. Es gibt scheinbar eine große Angst, dass irgendwer herausfinden könnte, wann die Ur-Ur-Urgroßeltern von irgendwem mal geheiratet haben. Man muss die Privatsphäre der Ur-Ur-Urgroßeltern auch wirklich ehren und wahren. Ja, ich frage mich halt, ob für wem das hilft, wenn die jetzt 100 Jahre tot sind. Aber es gibt bestimmt auch Argumente dafür. Aber das war so ein Moment, wo ich gedacht habe, oh nee, ist wieder typisch. Es wäre halt jetzt möglicherweise hilfreich gewesen. Ja, es wäre möglicherweise hilfreich gewesen. Und so bleibt eben der erhoffte Durchbruch bei den Ermittlungen aus. Aber das Team um Staff Sjölund und Tilma lässt nicht locker. Andreas Tilma erstellt ein neues DNA-Profil des Täters, das Peter Sjölund diesmal statt in GED-Match in die Plattform FamilyTreeDNA einspeist. Dieses Mal läuft es besser. Sjölund stößt auf mehr als 20 Treffer. Wie gehabt, verfolgt er die Stammbäume der Matches bis ins 18. Jahrhundert zurück. Insgesamt entsteht ein Pool aus 600 bis 700 Vorfahren des Täters. Also das ist eine Riesenarbeit. Und das ist ja schon zum zweiten Mal, dass er die macht. Genau, und von diesen arbeitet er sich dann wieder in die Gegenwart zurück. Wen hat der geheiratet, was hat der für Kinder und die Kinder und so weiter. Statt nach Deutschland führen diesmal aber alle Spuren an einen anderen Ort ins südwestliche Östergötland. Also in die Provinz, in der Linköping liegt. Das Team schöpft neuen Mut. Das Schöne uns sagt dazu, wir haben gedacht, okay, der Typ ist von hier. Und dann war uns klar, wir werden diesen Fall lösen. Es war nur eine Frage der Zeit. Um sich dem Mörder von Mohammed und Annalena weiter zu nähern, brauchen die Ermittler jetzt DNA-Vergleichsdaten aus der Region. Vielleicht, so ist ihre Hoffnung, können sie nähere Verwandte des Täters aufspüren, von denen man sich ihm dann natürlich weiter nähern kann. Also wir machen jetzt den Sprung von Groß, Groß, Groß, Groß, Groß, Groß, Groß, Groß, Groß, Groß Cousin vielleicht zu nur noch Groß Cousin. Aber da ist natürlich das Problem, man kann jetzt nicht einfach sagen, hier, hallo, wir wollen öffentliche DNA-Proben, meldet euch doch mal. Weil das könnte natürlich den Täter aufschrecken und das wollen Staff und Co. auf keinen Fall tun. Die Mitglieder haben eine andere Idee. Alle im Revier sollen sich an Kollegen, Familienmitglieder und Bekannte aus der Gegend wenden, denen sie vertrauen. Diese sollen dann freiwillig Speichelproben abgeben und wiederum eigene Bekannte fragen. Aber alles so unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Und eine dieser erweiterten Bekannten ist Linda Herthen. Im Frühjahr 2020 erhält die blonde Kriminalreporterin der Boulevardzeitung Afton Bladet einen Anruf von einer Kollegin. Die fragt Herthen, ob sie bereit wäre, eine Speichelprobe abzugeben, weil sie auch aus Östergötland stammt. Als Kriminalreporterin aus der Gegend kennt ihr den Fall natürlich und sie stimmt dem Speicheltest zu. Schließlich ist das kein großer Aufwand und außerdem ist sie als Kriminalreporterin schon berufsbedingt neugierig. Also bekommt Linda wie alle anderen ein Testkit per Post, wischt das Wartestäbchen einmal gründlich durch den Mund. Man erinnert sich noch so ein bisschen an die Corona-Test. Oh ja. Ähnlich, versiegelt die Probe und schickt sie dann ans Ermittlerteam. Für sie ist die Sache damit erledigt und sie denkt auch irgendwann gar nicht mehr daran. Bis sie Anfang Juni erneut einen Anruf erhält. Ihre DNA ist ein Match. Linda Jerten ist aufgeregt. Das ist der Traum einer jeden Kriminalreporterin, erzählt sie später. Doch in die Freude mischt sich auch Sorge. Was, wenn der Mörder ein enger Verwandter ist? Also das ist natürlich, klar, man ist wahnsinnig neugierig und es wäre auch schön, wenn man bei so einer Ermittlung helfen kann. Ja. Aber das ist schon gruselig, der Gedanke. Also ich würde es mit Sicherheit einerseits wissen wollen, andererseits, wenn es ein naher Verwandter ist, dann wird allein mit dem Gedanken daran ganz schön mulmig. Ja. Und du erfährst halt vielleicht was über eine Person, die du kennst und liebst und findest dann raus, dass dein, keine Ahnung, Onkel, der immer so nett zu dir war, vielleicht zwei Menschen umgebracht hat. Also natürlich, ich würde es auch wissen wollen. Natürlich will man es wissen. Es ist nur, ja, haben wir nicht letztes Jahr beim Familientreffen noch so miteinander gelacht und jetzt weiß ich, was du für ein Typ bist. Genau das. Du kannst dir vorstellen, sie ist aufgeregt, aber eben auch der Ahnenforscher, also Peter Schöllund, die Probe war ein Volltreffer. Beim Täter muss es sich um einen sehr engen Verwandten von Lenderjärten handeln. Wahrscheinlich um einen Cousin. Das ist auch eine krasse Vorstellung. Wie toll, dass sie jetzt so eine Spur haben. Ja, aber auch wieder ein Glücksgriff und auch weil sie unkonventionell gearbeitet haben. Wir gehen jetzt sozusagen den inoffiziellen Weg und fragen einfach in unserem Bekanntenkreis. Auch wieder eigentlich eine tolle Ermittlungsidee. Hätte auch wieder ins Nichts laufen können, aber hat funktioniert in dem Fall. Sjölund lässt sich Hjertens Kontaktdaten geben und setzt sich mit ihr in Verbindung. Am Telefon erfährt er, dass Hjertens 36 Cousins und Cousinen hat, von denen sie viele nicht mal persönlich kennt. Also ganz so klein ist die Auswahl dann auch nicht. Aber das ist natürlich für einen erfahrenen Ahnenforscher kein Problem. Sjölund ackert die ganze Nacht durch, welzt Dokumente und Register. An Schlaf ist für ihn nicht zu denken, weil er denkt, es ist jetzt natürlich so nah dran, dass er das jetzt unbedingt lösen will. Nach stundenlanger Arbeit hat er das Täterfeld schließlich eingegrenzt auf zwei Großcousins von Linda Jetten. Zwei Brüder, von denen einer mit großer Wahrscheinlichkeit der Mörder sein muss, den seit mittlerweile 16 Jahren niemand finden konnte. Peter Sjölund geht nochmal alles durch. Das Ergebnis ist dasselbe. Am Freitagabend, den 5. Juni 2020, nimmt Sjölund sein Telefon in die Hand und ruft Jan Stav an. Der befindet sich gerade auf einer Abschlussfeier, als sein Handy klingelt. Als er sieht, dass es Sjölund ist, weiß er sofort, dass dieser Anruf wichtig sein muss. Er hebt ab. Entschuldige, dass ich dich an einem Freitagabend störe, hört er Sjölund sagen. Ich habe ihn gefunden. Ermittler Stav ist sofort hellwach. Nein, sagt er. Doch, erwidert Sjölund. Ist das wahr? Unglaublich aber wahr. Oder besser gesagt, ich habe zwei Brüder gefunden. Heilige Scheiße, freut sich Hans Stav. Und dann erzählt Sjölund ihm von allem, was er herausgefunden hat. Am nächsten Arbeitstag treffen sich die drei verbliebenen Ermittler mit Sjölund. Und das Team trägt alles über die verdächtigen Brüder zusammen, was sie herausfinden können. Dabei gehen sie auch die bisherigen Ermittlungs- und Zeugenberichte durch und stoßen auf eine Zeugenaussage, die erst vor ein paar Wochen eingegangen ist. In der hatte sich ein 37-jähriger Mann an einen Schulkameraden erinnert, der in das damals von der Polizei gesuchte Profil passt. Das damals veröffentlichte Phantombild sehe seinem Klassenkameraden ähnlich. Außerdem habe dieser schon früher oft über seine Gewaltfantasien gesprochen und eine Mütze besessen, die der am Tatort gefundenen sehr ähnlich sieht. Also der kommt nach 15 Jahren zur Polizei und sagt, ah ja, übrigens, mir ist eingefallen. Ich habe versucht herauszufinden, warum der sich erst nach so vielen Jahren gemeldet hat. Das wurde aber nie ermittelt. Das spielt jetzt auch eigentlich keine Rolle mehr. Denn der Mann, den der Zeuge beschreibt, ist einer der beiden Brüder. Daniel Nyquist. Bingo. Je mehr die Mittler in den nächsten Tagen herausfinden, desto sicherer werden sie. Nyquist entspricht nahezu exakt dem gesuchten Täterprofil. Bereits als Jugendlicher hatte er sich von anderen Menschen abgeschottet. Sein zwei Jahre älterer Bruder wird über ihn sagen, früher wirkte er mitunter etwas seltsam. Er hatte Schwierigkeiten, Gefühle zu zeigen und die Gefühle anderer Menschen zu deuten. Inzwischen wohnt der Verdächtige in einer kleinen Sozialwohnung. Eine romantische Beziehung oder einen Job hatte er mit 37 Jahren noch nie, während sein Bruder das Leben einer bürgerlichen Vorzeigefamilie mit Frau, Kind, Hund und Einfamilienhaus lebt. Aber das alleine sagt ja noch nichts. Auch der nette bürgerliche Brüder könnte der Doppelmörder sein. Die endgültige Sicherheit kann nur einen DNA-Test bringen. Und so werden die Brüder Nyquist am 9. Juni 2020 um 7 Uhr morgens beide festgenommen. Daniel Nyquist erinnert nur noch sehr entfernt an das mehr als 15 Jahre alte Phantombild. Sein blasses Gesicht ist aufgequollen, sein blondes Haar deutlich auf dem Rückzug. Außerdem trägt er einen ungepflegten Zehntagebart. In seltsamen, abgehackten Worten sagt er zu den Ermittlern, jetzt brauche ich wohl einen Anwalt, oder? Den braucht er. Denn nur wenige Stunden später liegt das Ergebnis des DNA-Abgleichs vor. Daniel Nyquist's DNA stimmt mit den Spuren überein, die am Tatort gefunden wurden. Jan Starve und die Kollegen haben ihren Mörder. Für die Ermittler ist es schwer zu glauben. Da widme ich diesem Fall fast 16 Jahre meines Lebens und dann kommt jemand wie Peter Sjöhlund und löst ihn in nur wenigen Wochen, sagt Starve später scherzhaft. Und ich kann dieses Gefühl sehr, sehr gut verstehen. Dass Daniel Nyquist Mohamed Amouri und Annalena Svensson getötet hat, gesteht er bereits in der ersten Vernehmung. Sein Anwalt wird später sagen, Nyquist sei erleichtert gewesen, endlich jemandem davon erzählen zu können. 16 Jahre lang hatte er die Tat für sich behalten und erfolglos versucht, alles zu verdrängen. Staff ist vom Geständnis Nyquists überrascht. Das ist bei dieser Art von Ermittlungen nicht üblich, erklärt der Kommissar später. Doch nicht nur von dem Geständnis ist er überrascht, sondern auch vom Geständigen selbst. Dass Daniel Nyquist möglicherweise psychisch nicht ganz gesund ist, hat uns Staff und seine Kollegen schon nach dessen seltsamen Verhalten bei seiner Verhaftung vermutet. Ziemlich schnell stellt sich heraus, dass bei dem damals 28-Jährigen schon 2011 das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde. Asperger gehört zum Autismus-Spektrum und die Symptome können Mangel der Empathie und Probleme in zwischenmenschlicher Interaktion sein. Ja, also das können. Natürlich, dass Autismus, so wie du das beschrieben hast, dass Autismus im Spiel ist, das habe ich mir schon gedacht. Aber natürlich, das zu haben, das bedeutet nicht, dass du gewalttätig wirst oder irgendjemandem was antun möchtest. Also dazu gehört schon noch was anderes. Ja, ja, und es ist ja eben auch eine riesige Range. Deswegen spricht man ja mittlerweile vom Spektrum, weil es eben komplett unterschiedlich ist. Aber bei Daniel Nykös trifft das extrem zu. Also wenn der mittlerweile 37-Jährige spricht, kann er einem nicht in die Augen schauen und seine Sätze sind sehr abgehackt. Das sagte ich ja gerade schon. Und man merkt, dass er es gar nicht gewohnt ist, sich zu unterhalten und dass er sich richtig unwohl dabei fühlt. Kurz nach seiner Festnahme wird Daniel Nyquist dem Haftrichter vorgeführt. Als dieser erklärt, dass Nyquist wegen des Verdachts auf Mord in U-Haft kommt, zeigt dieser keine Regung. Überrascht mich jetzt auch nicht. Ja, passt zum Bild. Passt auch dazu, ja. Man erwartet immer was. Ja, ja, klar. Ja, stimmt. Man erwartet immer, dass die dann irgendwie weinend zusammenbrechen und so. Aber das passiert in dem Fall nicht und in vielen anderen Fällen auch nicht. Genau. Also er gibt es zu, aber sagt er, wie es zu diesem Doppelmord kam, warum er das getan hat, weshalb gerade diese beiden? Da kommen wir gleich zu. Ich will erst mal kurz erzählen, wie das für die Familie von Mohammed war, als sie endlich erfahren haben, dass es eine Festnahme gegeben hat. Die können das erst gar nicht fassen. Also Vater Hassan erinnert sich, das Erste, was ich sagte, war, das stimmt nicht. Ich schrie, ich weinte, es ist so schwer zu erklären. Und nicht nur ihm geht es so. Eine von Mohammeds Schwestern schildert den Moment so. Es kamen so viele Emotionen auf einmal. Trauer, Wut, Freude. Doch die Neuigkeit bringt der Familie in Teilen auch Frieden. Hassan berichtet, erstmals seit Mohammeds Tod wieder richtig geschlafen zu haben. 16 Jahre lang hat er nicht geschlafen. Als Daniel verhaftet wurde, begann ich zu schlafen. Davor lebten wir in Angst und Leid. Gleichzeitig fordert er Antworten. Antworten darauf, warum Mohammed sterben musste. Hassan sagt es, meine Nachbarn, Freunde, alle fragen sich warum. Bis heute verstehe ich es nicht. Es sind 16 Jahre vergangen. Mohammed wäre jetzt 24 Jahre alt geworden. Antworten auf all diese Fragen soll der Mordprozess liefern, der schon im September, also drei Monate nach Nyquists Verhaftung, vor dem Landgericht Linköping startet. Der Angeklagte betritt den Saal in seiner grünen Gefängnisuniform und schaut auf den Boden. Angeklagt ist Daniel Nyquist wegen zweifachen Mordes. Unter den zahlreichen Zuschauern im Gericht befinden sich auch die Familien von Mohammed und Annalena. Sie wollen endlich hören, warum ihr Kind, ihr Bruder, ihre Ehefrau oder ihre Mutter vor 16 Jahren sterben mussten. Am zweiten Verhandlungstag sagt Nyquist erstmals aus und liefert ihnen Antworten. Während seiner ganzen Aussage sitzt er hinter einem Sichtschutz, der ihn von den Zuschauern im vollen Saal abschirmt. Nur so kann deine Nyquist überhaupt vor anderen Menschen sprechen, so nervös ist er. Damit die Zuschauer ihn trotzdem sehen können, wird er gefilmt und das Bild live auf einer großen Leinwand hinter ihm übertragen. Langsam und mit freundlicher Stimme stellt ihn die Staatsanwältin Frage für Frage. Die meisten davon muss sie nochmal erklären oder vereinfacht wiedergeben, damit Nyquist ihr folgen kann. Für seine Antworten braucht der 37-Jährige lange, teilweise mehrere Minuten. Oft setzt er zum Reden an und bricht dann doch wieder ab. Die Antworten, die er dann gibt, sind selten länger als ein Satz. In diesen kurzen Sätzen schildert er den Doppelmord. Er erklärt, wie er in der Woche vor der Tat immer wieder das gleiche Bild vor seinem inneren Auge gesehen habe. Zwei Punkte und einen Strich. Er habe das Bild so interpretiert, dass er der Strich sei und die zwei Punkte zwei fremde Menschen. Zwei Menschen, die er umbringen müsse. Wer diese Menschen sind, sei ihm egal gewesen. Warum er sie habe töten müssen, will die Staatsanwältin wissen. Damit er wieder Seelenfrieden finden kann, erwidert der Angeklagte. Er habe Angst davor gehabt, was passieren würde, wenn er die Morde nicht begeht. Am Morgen des 19. Oktober 2004 habe er direkt beim Aufwachen gespürt, dass er es heute tun müsse. Daniels Eltern sind da bereits auf dem Weg zur Arbeit und so bemerkt niemand, wie er sich sein Butterfly-Messer schnappt und mit dem Bus ins Zentrum von Linköping fährt. Dort streift er ziellos umher auf der Suche nach einem leichten Opfer, vorzugsweise einem Kind, das sich nicht wehren kann. In der Oskar-Tarn sieht er dann Mohammed. Er sei so klein gewesen, erinnert er sich. Von hinten stürzt er sich auf den Jungen und sticht immer wieder auf ihn ein. Als plötzlich Annalena Svensson neben ihm stand, attackiert er auch sie. Sie war da. Ich habe sie auch getötet, erklärt er. Was haben Sie mit der Frau gemacht, will die Staatsanwältin wissen. Angegriffen, lautet seine Antwort. Ich musste es einfach erledigen. Und als ich erst mal angefangen hatte, lief es wie von selbst. Was er bei der Tat gefühlt hat, weiß Nyquist nicht mehr. Seine Erinnerungen sind nur noch bruchstückhaft vorhanden. Ich glaube, es ging schnell, erklärt er. Als die Staatsanwältin ihn fragt, ob das Tatmotiv rassistischer Natur gewesen sei, verneint Nyquist und erklärt, es gibt keinen anderen Grund als Zufall, warum ich ausgerechnet diese beiden angegriffen habe. Mohammeds Gesicht habe er nie gesehen. Auf die Frage, was passiert wäre, wenn Svensson nicht auf einmal aufgetaucht wäre, erwidert er, ich hätte so lange weitergemacht, bis ich fertig wäre, nehme ich an. Also er hat sich irgendeine zweite Person gefunden. Er hat ja gesagt, es müssen zwei Leute sein. Also die Wahrscheinlichkeit, dass er an diesem Tag noch eine dritte getötet hätte, ist ja nicht gegeben in dem Fall. Und dann ist er einfach weggerannt und nach Hause gefahren und hat versucht, nicht mehr dran zu denken. Ja, genau. Er ist dann abgehauen, hat sein Messer und seine Mütze auf den Weg einfach weggeworfen. Also die sind ja auch gefunden worden. Hat sich seine blutigen Hände auf einer McDonalds-Toilette gewaschen Da hätte man ihn ja auch sehen können. Ja, und ist dann mit dem Bus nach Hause gefahren. Das ist wirklich kein Superverbrecher, der sich total schlau angestellt hat. Das ist einfach komplett banal und zufällig. Auch nicht durchgeplant. Gar nicht. Überhaupt nicht. Und ich glaube, das macht es noch schlimmer auf eine Art, weil das jeder hätte sein können. Und er hat nicht mal das Gesicht von dem kleinen Jungen gesehen. Also kann natürlich auch eine Schutzbehauptung sein. Aber man sieht halt am Verlauf der Tat, dass er ihn von hinten gepackt und dann auf ihn eingestochen hat. Und es kann wirklich sogar sein, dass er nicht mal ihm ins Gesicht geguckt hat. Ja, natürlich ist es immer das Feigste, sich die Kleinen und Schwachen auszusuchen. Ich muss jemanden töten, darum bringe ich ein Kind um. Es ist so, es tut so weh irgendwo. Ja, es gibt, glaube ich, nie sinnvolle Morde, aber der ist halt besonders sinnlos, finde ich. Für ihn war es aber sinnvoll. Ja, ja. Also er hat ja gedacht, dass es sein muss. In seinem Kopf hat es Sinn ergeben und tatsächlich dieses Bild mit dem Strich und den zwei Punkten verschwindet aus seinem Kopf. Und damit ist auch der Drang zu töten weg. Und das finde ich so wild, dass das einmal auftaucht, dann macht er das und dann ist es weg. Weil du ja denkst, jemand, der sowas Brutales macht, der muss das ja nochmal machen. Oder der fängt dann vielleicht erst richtig an zu eskalieren. Beim nächsten Mal sind es dann drei oder vier. Genau, das war ja auch die Vermutung von dem Ermittler, dass das keine Einzeltat bleiben wird. Woran denkst du bei zwei Strichen und einem Punkt? An Smiley hätte ich jetzt gedacht. Ich denke an Pong. Achso ja, Pong, ja, stimmt. Ja, also je nachdem, wie der Strich unten ist und die zwei Punkte oben, könnte es auch einfach ein Smiley sein. Genau. Ein Grumpy. Ein Grumpy-Smiley, genau. Aber diese Gedankengang zu haben, okay, zwei Striche, ein Punkt, das heißt, ich bin der Strich und die anderen beiden Punkte sind Menschen, die ich töten muss. Es entzieht sich ja völlig irgendeiner nachvollziehbaren Grundlage, aber ich glaube, die gibt es einfach auch bei dieser Tat nicht. Nee, gibt es nicht. Und er versucht dann so möglichst wenig an diese Tat zu denken, um das so wegzuschieben. Ab und zu googelt er mal nach dem Fall. Einmal sei er, aber so erzählt er es, kurz davor gewesen sich zu stellen. Das war so fünf bis sechs Jahre vor der Verhaftung. Wollte schon mal beichten. Ich stand kurz vor der Zwangsräumung. Damals dachte ich, Gefängnis sei besser, als auf der Straße zu schlafen. Er entscheidet sich dann aber dagegen. Nach seiner Aussage entschuldigt sich Daniel Nyquist bei den Familien Amuri und Svensson mit den Worten, es tut mir leid, dass das passieren musste. Also es musste passieren, ist halt auch eine interessante Formulierung, weil die beiden sind ja nicht vom Blitz getroffen worden, sondern er hat es ja passieren lassen, er hat es ja getan. Also richtig wäre, es tut mir leid, was ich getan habe. Ja, ja. Für ihn war es ein Muss, wenn er jetzt aber mit jemandem darüber gesprochen hätte... Also mit einer professionellen Person, dann hätte es vielleicht nicht mehr sein müssen. Vielleicht, ja. Also zumindest ist es so, dass er sich bewusst ist oder zumindest sagt er das, dass er was Falsches getan hat und dass er damit Leid verursacht hat. Und als die Staatsanwältin ihn fragt, ob er das auch wirklich so empfindet oder ob er das nur sage, weil es von ihm erwartet werde, erwidert er, ich empfinde das auch so, aber es fällt mir schwer, meine Gefühle zu zeigen. Insgesamt dauert seine Befragung eine Stunde. Nyquists Anwalt zeigt sich mit dessen Aussage zufrieden. Es hätte nicht besser laufen können. Das war seine maximale Leistungsfähigkeit. Also das ist ein Mensch, der extrem stark eingeschränkt ist, muss man an der Stelle, glaube ich, nochmal erklären. Neben Daniel Nyquist sagen auch die Hinterbliebenen der Opfer aus. Vor allen Anwesenden beschreibt Hasan Amouri seinen Sohn und welche Lücke er hinterlassen hat. Er beginnt seine Aussage auf Schwedisch, Doch wechselt er, als er emotional wird, ins Arabische. Das ist dann immer leichter in der Sprache. Ja, kann ich verstehen. Genau, er sagt dann, ich muss jetzt Arabisch reden, da es von Herzen kommt. Und dann erzählt er, Mohammed, ja, was soll ich sagen? Er war alles in unserer Familie. Er war der Mittelpunkt, die Freude, die Energie. Er war allseits beliebt. Er redete viel und wurde immer gehört. Wir als Familie sind gesprächig und gesellig. Aber es ist nun mal so gekommen, wie es gekommen ist. Nach Mohammeds Tod sei nichts mehr gewesen wie zuvor. Die Familie habe sich zurückgezogen. Gelacht wurde kaum noch. Eine Schwester von Mohammed berichtet, es hat unser ganzes Leben verändert. Aus einer starken Familie, die in diesem Land angekommen war, ist etwas ganz anderes geworden. Wir sind nicht mehr so stark wie früher. Insgesamt ist es ein kurzer Prozess. Am 1. Oktober 2020 soll schließlich das Urteil gesprochen werden. Nyquists Anwalt plädiert auf Totschlag. Ja, sein Mandant habe sowohl Mohamed Amouri als auch Annalena Svensson getötet, jedoch gäbe es keine Anzeichen für einen konkreten Plan oder ein konkretes Motiv. Demgegenüber steht die Staatsanwältin, die eine Verurteilung wegen Mordes fordert. Sie ist der Meinung, dass die Tat sehr wohl Vorsatz erkennen lässt. Daniel Nyquist sei geplant und bewaffnet an einen Ort gefahren und habe sich gezielt ein Opfer herausgesucht. Ebenso sieht es das Gericht und verurteilt Daniel Nyquist wegen zweifachen Mordes. Nyquist wird infolge des Urteils in die forensische Psychiatrie eingewiesen, die er, wenn überhaupt, nur unter strengsten Auflagen jemals verlassen darf. Heute lebt er immer noch in der Klinik, hat einen neuen Namen bekommen. Psychische Auffälligkeiten zeigt er kaum noch. Wahrscheinlich, weil er endlich mal medikamentös richtig eingestellt worden ist und Therapie bekommen hat. Ja. Ja, und das macht es noch trauriger, weil man denkt, das hätte einfach verhindert werden können. Also ab und zu darf er die Klinik zum Wandern oder Radfahren verlassen oder im Supermarkt einkaufen gehen. Ob er jemals wieder freikommt, ist aber ungewiss. Neben der Strafe des Klinikaufenthaltes muss er, Familie Amori, 350.000 schwedische Kronen Entschädigung zahlen. Aufgeteilt auf sechs Familienmitglieder. Das sind so umgerechnet ungefähr 35.000 Euro. Danke, wollte gerade fragen. Ursprünglich hatte die Familie 950.000 Kronen gefordert. Familie Svensson dagegen verzichtet auf eine Entschädigung. Auch für die Amoris ist der Betrag eher zweitrangig. Keine Entschädigung der Welt kann ihnen ihren kleinen Jungen zurückgeben, erklärt die Anwältin der Familie. In Berufung geht niemand von den Beteiligten. Vor allem auf Opferseite ist man froh, nach all den Jahren endlich eine Art Abschluss zu haben. Ja, nach 16 Jahren. Wie siehst du das Urteil? Ich glaube, dass die Frage Totschlag oder Mord nicht entscheidend ist, weil es nichts ändert. Wenn ein Mensch krank ist und eine Gefahr für andere Menschen ist, muss man ihn von der Gesellschaft fernhalten, weißt du? Also ich finde, es gibt für beides Argumente. Also wenn der Anwalt sagt, der war so neben der Spur, dass der gar nichts planen konnte. Auf der anderen Seite hat die Staatsanwältin aber auch recht, wenn sie sagt, naja, er hat das Messer mitgenommen. Er ist gezielt an einen belebten Ort gegangen. Er hat sich überlegt. Er hat sich überlegt, wen er nimmt. Er hat jetzt nicht einen Kampfsportler genommen, der da vielleicht auch unterwegs war, sondern sich ein kleines Kind ausgesucht. Er hat nicht die erste Person genommen, die er gesehen hat, nachdem er aus dem Bus ausgestiegen ist. Ja, also eine gewisse Planung war da schon dabei. Also ich finde das Urteil okay. Und ich finde schön, dass Daniel offenbar auch damit zufrieden ist. Ja, er hat es ja auch akzeptiert. Ja, ich kann mir vorstellen, dass das Leben für ihn dort eine gewisse Erleichterung bringt. Nicht, dass es schön wäre unbedingt in einer forensischen Klinik. Und es ist, glaube ich, auch ganz wichtig, das nochmal zu sagen, weil es ja oft so in Internetkommentaren steht, oh ja, der kommt jetzt in den Kuschelknast. Nein, in der Forensik, das ist gar nicht geil da. Aber ihm wird er geholfen. Und das ist ja der Punkt, den du gerade meintest. Genau. Oder auch ein Gefängnis. Nicht schön. Ja. Unterschiedliche Abstufungen von nicht schön gibt es auch. Aber für manche ist der streng geregelte Alltag darin tatsächlich eine gewisse Erleichterung. Du kriegst Betreuung, du kriegst deine Mahlzeiten. Jemand sagt dir, komm, jetzt ist Mahlstunde. Ja, zum Beispiel. Was weiß ich. Du hast jetzt um vier Therapie. Du weißt, wann du was tun musst. Und du hattest, glaube ich, erwähnt, dass er mal vor der Zwangsräumung stand. Ja, der hat ja auch kein geiles Leben gehabt. Also näher um seine Unterkunft muss er sich jetzt auch keine Sorgen machen. Aber die Toten, sie hätten nicht sterben müssen, höchstwahrscheinlich, wenn er rechtzeitig eine qualifizierte Betreuung gehabt hätte. Das ist das Traurige daran, wenn man sieht, dass er jetzt wirklich so gut auf diese Therapie anschlägt und offenbar auf eine Art auch gut integriert werden kann mit den richtigen Medikamenten und mit der richtigen Betreuung. Du siehst ja, dass er sich verändert. Das ist ganz traurig. Ganz traurig. Ja, aber sag mal, die DNA-Abgleiche, also mit DNA-Abgleichen hat man ja seit der Einführung vor 40 Jahren schon viele Fälle aufklären können, dass mit dieser Ahnenforschung mittels DNA, davon hatte ich, also außer vom Golden State Killer, von dem hatte ich gehört, aber von diesem Fall da aus Linköping hatte ich noch nicht gehört, das ist ja doch sehr neu. Gibt es noch mehr seither? In Deutschland nicht, weil diese Art der Ermittlung ist nach wie vor verboten bei uns. Also nur bei Speichelproben, die freiwillig bei den Behörden abgegeben wurden, darf überprüft werden, ob es Verwandtschaftsverhältnisse gibt. Und das auch nur mit schriftlicher Zustimmung der Teilnehmenden. Datenschutz über alles. Genau, eine Recherche auf DNA-Anhelforschungsseiten ist bei uns nicht möglich. In Schweden ist das anders. Nachdem die schwedische Datenschutzbehörde zunächst dagegen war, ist diese Methode seit dem 1. Juli 2025 in Schweden und Dänemark bei schweren Gewaltstraftäten routinemäßig erlaubt und wird in Einzelfällen auch in immer mehr Ländern zugelassen. Also sie haben praktisch damals, das war ja so eine Art Pilotprojekt und das ist jetzt in Gesetz gegossen worden, dass sie es halt immer machen können und in anderen Ländern Europas wird es eben in solchen Pilotprojekten auch ausprobiert. Man wird es sicher nicht oft machen, weil das auch extrem aufwendig ist. Total. Ja, ich finde es super, dass es diese Möglichkeit gibt, Mörder aufzuspüren. Also natürlich sollte sowas auch nur in extremen Fällen angewandt werden, meiner Meinung nach. Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber ich glaube, wir sind uns nicht. Nein, das geht nur um schwere Straftaten zu klären, wie jetzt Mord zum Beispiel oder Vergewaltigung oder so. Vielleicht auch noch ein Punkt, aber wenn wir jetzt anfangen bei irgendwelchen. Bankraub, da sehe ich das auch nicht. Ja, aber andererseits, also diese Testunternehmen müssen aber halt nicht dieselben Datenschutzstandards einhalten, wie ein Krankenhaus oder wie das Labor, in dem du dein Blut testen lässt, ob du genug Eisen hast, ob dein Vitamin D stimmt und so. Und ich habe mal gelesen, dass viele ihre erfassten Daten auch nicht verschlüsseln oder nicht ausreichend verschlüsseln. Da gehe ich mich nicht darauf fest. Ich glaube, das gelesen zu haben. Ich persönlich habe daher die Sorge, dass einfach irgendjemand auf diese DNA zugreifen kann, die ich hochlade, weil ich wissen möchte, ob ich von Katharina der Großen abstamme. Wovon wir ausgehen? Ich meine, natürlich, sie war ja Deutsche. Und dass dann einfach was damit passiert, was ich überhaupt nicht will oder was du überhaupt nicht willst. Einfach nur, oh ja, ich mache jetzt ein Späßchen. Ja, also ich kann diese Bedenken total gut nachvollziehen und ich teile sie auch. Ich frage mich halt, ob es nicht Fälle gibt, die so schwerwiegend sind, dass ich diese Bedenken... Überwiegen. Ich würde lieber, ja ich weiß nicht, vielleicht muss ich meinen Aluhut rauskramen. Bitte. Ich würde lieber meine DNA dem Staat geben, glaube ich. Als so einer komischen Plattform. Als irgendeiner. Das stimmt. Und ich weiß nicht, also wenn ich auch nicht entscheiden kann, ob ich meine Daten dann irgendwie freiwillig hergeben möchte oder nicht. Ich würde es jetzt lieber nicht tun, mal so vorbeugend. Naja, vorbeugend ist, glaube ich, auch wirklich ein bisschen viel. Die Frage ist ja, ob man mit den Daten, die man hat, weil sie in diesen Datenbanken schon sind, von anderen Leuten, ob man die nicht nutzen kann, weil sie sind ja da. Und ich stelle mir halt die Frage, ob es nicht einen Fall gibt in Deutschland, der geeignet wäre, das mal als Pilotprojekt auszuprobieren, wie das funktioniert. Da kann man sich ja immer noch überlegen, ist das was Sinnvolles, ist das etwas, was wir nutzen können oder eben nicht. Ich glaube sowieso, dass das in Deutschland schwieriger wird. Wir haben ja schon darüber gesprochen, dass wir diese ganzen Akten gar nicht digitalisiert haben oder dass sie eben gar nicht zugänglich sind, weil, keine Ahnung, bis 1899 kannst du gucken, ab 1900 geht nicht mehr wegen Datenschutz. Also das wäre bei uns auch einfach schwieriger als in Schweden und viel weniger Menschen aus Deutschland haben natürlich ihr Material in diese Datenbanken eingespeist gegenüber Leuten aus den USA oder so. Also es würde ja eh schwieriger sein, aber ich finde schon, dass es vielleicht mal einen Fall gibt, wo man das ausprobieren könnte. Ob das jetzt immer sein muss und ob zwangsmäßig immer alles erfasst werden muss, ist natürlich die andere Frage. Also da kann ich deine Bedenken komplett verstehen. Aber ich finde halt den Ansatz hier, was die da gemacht haben, neue Wege zu gehen und zu sagen, ey, wir haben diesen Fall so lange nicht gelöst, jetzt probieren wir was ganz anderes aus. Wir holen uns jemanden von außen, der nicht aus der Polizei kommt und probieren das jetzt einfach mal. Das finde ich toll. Ja, ich sehe das durchaus positiv. Und ehrlich gesagt. Mir fällt ein Fall nach dem anderen ein, wo ich sage, der ist ungelöst und da möchte ich aber so gerne wissen. Und natürlich wollen die Hinterbliebenen noch lieber wissen als ich, wer das war. Und es gibt jetzt hunderte, tausende Fälle, bei denen ich das gerne eingesetzt sehe. Also ja, etwas zwiegespalten. Ja, ich glaube, da gibt es kein Schwarz und Weiß. Bei der Frage, weil es für beides ein Für und Wider gibt. Ein Spektrum. Ein Spektrum, ja. Lass uns am Ende, das möchte ich ganz gerne mal zu den Amuris zurückgeben. Ja, wie geht es denn jetzt? Die leben, soweit ich weiß, immer noch in Stockholm. Mohameds jüngere Schwester Annalena, die er ihren Bruder nie kennenlernen durfte, ist mittlerweile erwachsen. Jan Starf wurde für seine Arbeit als Polizist mehrfach ausgezeichnet. Er hat zwar mittlerweile das Rentenalter längst erreicht, arbeitet aber laut meinen Recherchen immer noch für die Polizei und lebt weiterhin in Linköping. Lina Kerten arbeitet weiter als Reporterin für das After Bloodhead. Sie hat trotz ihres Jobs, das finde ich interessant, nie öffentlich über ihre Beteiligung an dem Fall gesprochen. Das hätte sie ja wunderbar ausschlachten können. Erst als eine Kollegin sie nach einer Netflix-Serie über die Ermittlungen darauf anspricht, entscheidet sich Linda im Januar 2025, einen eigenen Artikel über den Fall zu veröffentlichen. Genetiker Andreas Tilmer hat eine Studie zum Thema investigative genetische Ahnenforschung veröffentlicht und hofft mit dieser Methode noch viele, viele weitere Cold Cases lösen zu können. Peter Sjölund arbeitet mittlerweile hauptberuflich als Ahnenforscher und gibt regelmäßig zu diesem Thema Interviews. Nach dem Urteil schenkt Mohameds Mutter Rima ihm das Handy ihres Sohnes. Es hatte Mohamed viel bedeutet. Och, das ist süß. Es hat mit Sicherheit einen guten Platz im Regal bekommen. Das hoffe ich sehr. Aber er ist ja der Mann, der das noch irgendwie... Gedreht hat. Mit seiner verrückten Ahnenforschung, wo wahrscheinlich immer alle gesagt haben, mein Gott, was hast du denn für ein komisches Hobby? Kannst du nicht irgendwie in Schützenverein gehen, wie normale Männer in deinem Alter? Da hat er aber auch wirklich gute Arbeit geleistet, der Peter. Das muss man sagen. Ich weiß gar nicht, warum. Du hast es gerade gemerkt, das geht mir so unheimlich nah, dieser Fall, weil das so sinnlos ist und weil du den Schmerz dieser Familie so sehr spüren kannst. Ganz, ganz schrecklich und deswegen umso schöner auf eine Art, dass es dann am Ende doch noch aufgeklärt werden konnte und ich hoffe, dass es der Familie zumindest ein bisschen Frieden geben kann. Mit Sicherheit. Sie können seither wieder schlafen. Sie können seither wieder schlafen und wir machen jetzt das Kapitel Schweden zu und es wird wieder wärmer in der nächsten Folge, so kann ich schon mal verraten. Am 30. Oktober kommt sie raus, letzter Freitag im Monat und es geht nach Espanien. Espanja. Sehr, sehr, sehr krasser Fall, kann ich schon mal sagen. Könnte sein, dass du den kennst. Mehr sage ich nicht. Ich bin gespannt. Denk schon mal drüber nach. Und wir hören uns hier wieder am 30. Oktober bei Nemand wird weit. Und wir sehen uns auch wieder. Wir sehen uns auch wieder und wir sitzen an einem Tisch. Es ist so crazy. Also, ihr seht uns, ihr hört uns wie ihr wollt. Entweder einfach als Podcast oder auch als Videopodcast bei RTL Plus und bei YouTube. Sehr vielen Dank, Franziska. Ich danke dir. Auf Wiederschauen. Sagt man das noch? Auf Wiederschauen? Können wir jetzt sagen, weil wir sehen uns ja. Auf Wiederschauen. Oder wie ich halt einfach sage, Tschüss.