Hallo und herzlich willkommen zu dem Anden weltweit und Servus Franziska Singer. Servus Philipp Fleiter. Heute machen wir mal mit kompletten Namen. Warum nicht? Es ist immer noch ein bisschen ungewohnt, aber sehr schön. Wir sitzen uns gegenüber ganz in echt in einem Raum in unserem kleinen Ermittlungskabuff. Ja. Also haben hier Fotos von den Fällen hängen und sitzen hier zwischen Aktenordnern. Jetzt schon zum dritten Mal. Jetzt schon zum dritten Mal, genau, weil man kann uns ja jetzt nicht nur hören, sondern auch sehen im Video-Podcast. Jeden letzten Freitag im Monat sprechen wir hier über Kriminalfälle aus der ganzen Welt. Und ihr könnt euch das anhören natürlich auf der Podcast-Plattform eurer Wahl und natürlich anschauen auf YouTube und auf RTL+. Und letzten Monat waren wir ja im liebsten Urlaubsland der Deutschen. Spanien. Richtig. Und dieses Mal sind wir in meinem liebsten Urlaubsland. Aber es kann nicht Österreich sein. Nein, ich würde sagen, es ist mein liebstes Urlaubsland neben Österreich. Italien. Also da war ich jetzt dieses Jahr sogar schon zweimal, nämlich auf Sizilien und in Südtirol. Italien ist einfach toll, finde ich. Findest du das auch? Bist du auch so ein Italien-Fan wie ich? Ich mag es sehr gerne. Ich mag auch die Sprache sehr gerne. Aber ich war... Schon seit ein paar Jahren nicht mehr dort, tatsächlich. Also ich kann es wirklich immer wieder nur empfehlen, weil egal wo du da hinfährst, es ist überall schön. Und wie du schon gesagt hast, egal was die sagen, über was die sich unterhalten, es klingt immer toll. Die schreien sich an und du denkst, oh ist das schön, das ist wirklich wild. Aber wir sprechen jetzt nicht nur über schöne Länder, sondern wir sprechen auch über schlimme Fälle. Und das ist in dem Fall durchaus wörtlich gemeint. Wir behandeln in dieser Folge Themen wie sexualisierte Gewalt, Missbrauch von Minderjährigen und sehr schwere Verstümmelungen bei Frauen. Außerdem streifen wir das Thema Suizid. Das nur als Inhaltswarnung. Also solltet ihr Probleme mit diesen Themen haben, überspringt diese Folge lieber oder hört sie nicht alleine. Einige Namen habe ich außerdem geändert. Bist du bereit für die Podcast-Reise nach Italien? Du schaust schon so nach der Inhaltswarnung. Bisschen zweifelnd. Nein, ich bin bereit und ich bin sehr gespannt jetzt, ob ich den Fall schon kenne. Das werden wir jetzt gleich sehen. Lass uns reingehen, würde ich sagen, oder? Ja, bitte. Die warme Abendsonne taucht die historische Innenstadt von Florenz in ein leuchtend goldenes Licht. Über dem Dach des Doms fliegen Tauben zu den Klängen der Kirchenglocken. Der 6. Juni 1981 ist ein sonniger Samstag und in der Hauptstadt der Toskana genießen die Einwohner den Sommerabend. Aus den Restaurants ist Stimmgewirr und Lachen zu hören. Die Menschen schlendern durch die Altstadt oder sind auf dem Weg zum Feiern. Auch die 21-jährige Carmela Denuccio ist heute verabredet. Zusammen mit ihrem Verlobten, dem 30-jährigen Giovanni Forgi, will die junge Frau tanzen gehen. Ihre dunklen Haare fallen offen über ihre Schultern. Sie trägt eine Goldkette um den Hals und eine kleine Handtasche aus geflochtenem Stroh. Als Giovanni seine Verlobte sieht, leuchten seine dunklen Augen. Wie viele junge Italiener in dieser Zeit entflieht das Paar an diesem Abend den strengen Regeln der erzkatholischen Gesellschaft. Die beiden gehen feiern in der Disco Anastasia. Doch auch nach dem Tanzen haben Giovanni und Scamela noch nicht genug. Die Sterne strahlen über Florenz, als die beiden in ihren kleinen Fiat Rhythmus steigen. Sie fahren südwestlich aus der Stadt hinaus in die Weinberge. Die Straße schlängelt sich durch die sanften Hügel und ist gesäumt von Olivenbäumen. Im Autoradio läuft Imagine von John Lennon. Fast am Ende der Via del Arigio kommt der Kleinwagen an einem Hügel vor einer Zypresse zum Stehen. Giovanni macht den Motor aus und lässt nur die Scheinwerfer an. Der Blick über die toskanische Stadt unter dem Sternenhimmel in dieser Neumondnacht ist atemberaubend. Muss wunderschön sein. Ja, also es ist wirklich wahnsinnig romantisch. Aber... Die beiden haben ehrlicherweise nur Augen füreinander. Ja, klar. Ganz frisch verliebt. Und so merken die beiden nicht, dass sie beobachtet werden. Plötzlich tritt ein Mann aus dem Schatten der Nacht vor den kleinen Viert. Als der Schein der Taschenlampe in das Auto strahlt, ist Giovanni geblendet. Bevor er etwas oder jemanden erkennen kann, knallen Schüsse durch die romantische Nacht. Es ist das Ende der Unbeschwertheit in Florenz. Bald werden in den Hügeln Plakate hängen, die vor gefährlichen Angriffen waren. Nicht so romantisch, wie wir am Anfang gedacht haben. Nein, wirklich nicht. Warst du schon mal in Florenz? Noch nie. Ich kenne es nur von Bildern und Videos und es muss so wunderschön sein. Also stimmt gar nicht, ich war als Kind in Florenz, aber daran kann ich mich nicht erinnern. Ja, und ich denke immer, da sollte man eigentlich mal hinfahren. Stimmt. Natürlich hofft man dann, dass es ein problemloser Urlaub wird und nicht sowas passiert, was jetzt geschehen wird. Und es geht natürlich jetzt auch weiter. Am nächsten Morgen gegen 10.30 Uhr spaziert ein Polizist an seinem freien Tag in den Hügeln an der Via del Arigio entlang, als er ein Auto direkt am Wegesrand entdeckt. Auf den ersten Blick sieht der junge Mann auf dem Beifahrersitz so aus, als würde er schlafen. Er hat seinen Kopf an die Scheibe gelehnt. Doch dann entdeckt der Polizist das kleine schwarze Loch im Kopf des Mannes. Die offene hintere Tür des Wagens und die aus Stroh geflochtene Handtasche im hohen Gras. Wenig später steht ein Streifenwagen der Carabinieri am Tatort. Also kurz zur Erklärung, wir hatten das ja in der Spanien-Folge gestern. Mit den verschiedenen Arten der Polizei. Genau, also die Carabinieri in Italien gehören zur militärischen Gendarmerie. Und die gibt es in Italien sozusagen neben der zivilen Polizei, der Policia del Stato. Und auch das, ich glaube, das hatten wir in der Spanien-Folge kurz erwähnt, das hat so historische Gründe, weil man eben nicht wollte, dass sich alle polizeiliche Macht in einem Ministerium konzentriert. Im Prinzip sind die Carabiniere, könnte man eigentlich sagen, die italienische Variante der spanischen Guardia de Civil. Die haben wir auch schon besprochen in der letzten Folge. Also die übernehmen vor allem so in den ländlichen Regionen die polizeilichen Aufgaben. Was die Carabiniere hier inmitten der bunten Blumenwiese vorfinden, schockiert selbst die erfahrensten Ermittler. Ein paar Meter vom Auto entfernt liegt die Leiche der 21-jährigen Camela del Nuccio. Sie trägt nur noch ihre Goldkette um den Hals, sonst ist sie völlig nackt. Ihre leblosen blauen Augen starren erschrocken in den Himmel. Genau wie ihr Verlobter Giovanni Foggi auf dem Beifahrersitz wurde auch Camela erschossen. Doch im Gegensatz zu Giovanni ist Camelas Körper besonders übel zugerichtet. Sie wurde verstümmelt und ihre Vulva fehlt. Zunächst vermuten die Ermittler, Tiere könnten sich in der Nacht an Camelas Leiche zu schaffen gemacht haben. Aber die Untersuchungen in der Gerichtsmedizin bestätigen wenig später, das Paar wurde am Tatort überrascht und durch Schüsse getötet. Kamela wurde nach ihrem Tod ihr Geschlechtsorgan mit einem scharfkantigen Messer herausgeschnitten. Die Brutalität des Mordes lässt nicht nur die Carabinieri staunen und so spricht sich die Nachricht rasend schnell herum. Mario Spezi, ein junger Journalist der Zeitung La Natione, ist einer der ersten Kriminalreporter am Tatort. Der damals 35-Jährige ist ein engagierter, kluger Journalist mit wachen Augen und einer großen, runden Brille. Der Anblick der Leiche von Camilla wird ihn sein ganzes Leben lang nicht mehr loslassen. Spezi ist der Erste, der über den Mord berichtet und der Einzige, der zu diesem Zeitpunkt von der Verstümmelung weiß, noch bevor die Ergebnisse der Gerichtsmedizin in Florenz offiziell vorliegen. Am nächsten Morgen ist Mario Spezies Artikel über den Doppelmord der Aufmacher auf der Titelseite von La Natione. Und ab diesem Tag spricht die ganze Stadt über den Fall. Und damit beginnen die Spekulationen. Spezi und seine Pressekollegen finden schnell heraus, dass der Mord an Giovanni und Camela nicht der erste dieser Art war. Schon sieben Jahre vorher, am 14. September 1974, findet ein Spaziergänger in Borgio San Lorenzo die Leichen von Stefania Pettini und ihrem Verlobten Pascale Gentilco. Also die beiden sind 18 und 19. Die beiden liegen in ihrem Auto, einem Fiat 127. Der Tatort liegt etwa eine Stunde vom aktuellen Tatort entfernt. Und auch Stefania und Pascale wurden in einer Neumondnacht an einem Samstag ermordet. Doch damit enden die unheimlichen Parallelen noch lange nicht. Das Paar war vorher ebenfalls feiern im nahegelegenen Teamclub. Danach sind sie in die Hügel gefahren, um ungestörte Zweisamkeit zu genießen. Auch bei diesem Doppelmord werden Patronenhülsen sichergestellt. Die Munition stammt von der Firma Winchester aus der Serie H-Kaliber 22 und wurde aus einer Beretta abgefeuert. Genau wie sieben Jahre später bei dem Mord an Giovanni und Camilla. Auch Stefanias Leiche wurde vom Auto weggeschleift und verstümmelt. Der Täter hat insgesamt 96 Mal mit einem Messer auf sie eingestochen, vor allem auf den Brust- und Genitalbereich. In Stefanias Unterleib steckt ein Weinstock. Ansonsten gibt es keine Hinweise auf einen sexuellen Übergriff, genau wie später bei Kamela und Giovanni. Also wir haben sehr starke Parallelen, die uns auch schon, würde ich sagen, ein bisschen was über den Täter verraten können in diesem Fall. Ja, der Mann wurde getötet, die Frau wurde auch getötet und erst danach wohl verstümmelt. Es gibt aber keine Anzeichen dafür, dass sich die beiden gewährt hätten gegen einen Angreifer. Gut, wenn du erschossen wirst, dann ist das auch meistens schwierig. Und dann hatte der Täter es ja wohl nicht auf Geld abgesehen. Das nicht, sondern es ist ja eigentlich relativ eindeutig, was das eigentliche Ziel dieser Morde ist, nämlich die Frauen. Ja. Also die Männer werden erschossen. Genau. Möglichst schnell aus dem Weg geräumt, da machen sie keine Probleme mehr. Und dann widmet er sich den Frauen. Also es muss sich um Mord mit Vorsatz handeln. Die Frage ist halt einerseits, ob die Opfer zufällig gewählt wurden oder gezielt ausgesucht wurden. Ob er sie vielleicht vorher schon länger beobachtet hat, verfolgt hat. Und andererseits auch, ob es vielleicht noch mehr Opfer gab, weil da liegen ja sieben Jahre dazwischen. Ja, das ist eine sehr wichtige Frage, wird in diesem Fall später auch wichtig werden, weil vor allem diese Brutalität, die der Täter da an den Tag legt, ist ja extrem auffällig. Also das klingt jetzt nicht so wie jemand, der das das erste Mal gemacht hat. Und es hat ja definitiv auch eine sexuelle Komponente, weil die Messerstiche ja sich eben auf Genital- und Brustbereich der Frauen mehr oder weniger konzentrieren. Und beim Messern sagt man auch oft, ja, das ist eine Form der, also es ist ja eine Penetration, aber quasi eine Verlängerung der Person, die das macht. Und es ist auch sehr persönlich, wenn du auf jemanden einstichst. Ja, total. Vielleicht hat der Täter, oder wir wissen es noch nicht, die Täter, eventuell ist es plural, vorher schon jemanden getötet? Ja. Vielleicht hat er auch in der Zwischenzeit Leute getötet. Der Modus operandi hat sich aber geändert. Ja, auch das wäre eine Möglichkeit. Er könnte ja 1974, so getötet haben, wie dann später nochmal. Und dazwischen hat er was anderes ausprobiert. Also das wäre möglich. Und dann ist es schwierig, da die Zusammenhänge erstmal zu sehen. Absolut. Und dazu kommt eben, dass die Spurenlage relativ dürftig ist. Dafür, dass wir jetzt mindestens vier Opfer haben. Aber sie haben ja die Schusswaffe. Sie haben die Schuss, ja, genau, aber die Beretta Kaliber 22 ist damals eine der meistverkauften Pistolen in Italien. Also die Tatwaffe ist die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen, also könnte in jedem Haushalt rumliegen. Und auch an den Tatorten selbst werden kaum verwertbare Spuren sichergestellt. Man muss natürlich sagen, damals ist die Spurensicherung noch lange nicht so weit, wie sie heute ist. In der Zwischenzeit spricht ganz Florenz über den brutalen Mörder, der in den Hügeln der Stadt jungen Liebespaaren auflauert. Vielleicht müssen wir an der Stelle ein bisschen Kontext geben, denn auch das ist wichtig in diesem Fall. Hinter den Florentiner Stuckfassaden leben die jungen Menschen der Stadt ihre Sehnsüchte oft im Verborgenen aus. Auch wenn inzwischen überall in den Bars, Diskotheken und bald auch in den Hügeln Warnschilder und Plakate mit der Aufschrift Vorsicht ihr jungen Leute, Gefahr vor tätlichen Angriffen hängen, treffen sich junge Liebespaare weiter auf den einsamen Feldwegen außerhalb der Stadt. Also man könnte mal sagen, warum macht ihr das? Naja, es ist ein erzkatholisches Land, vorehrlicher Sex wird nicht gerne gesehen. Genau das. Also das ist einfach wahnsinnig katholisch, wahnsinnig konservativ, Italien damals. Und dazu kommt eben, dass viele junge Menschen, das ist ja auch heute in Italien noch so, bis weit in die 30er bei Mama und Papa zu Hause wohnen. Und da hast du jetzt natürlich nicht so viele Möglichkeiten, mit deiner Freundin oder deinem Freund irgendwie Spaß zu haben, unbeobachtet. Ja, da klopfte die Nonne auf die Finger, wenn du das machst. Genau. Und deswegen ist eben der einzige Ort, wo dann junge, unverheiratete Paare miteinander Zeit verbringen können, eben das eigene Auto. Also es gibt damals so einen Spruch, ich weiß nicht, ob das zutreffend ist, dass in Florenz jedes dritte Baby in einem Auto gezeugt wurde. Also wir können davon ausgehen, dass es echt sehr, sehr verbreitet ist. Und die Ermittlungen führen damals nicht nur in die Szene der jungen Verliebten, sondern auch... In die Richtung der zahlreichen Voyeure, die sogenannten Indiani, die es damals gibt, die beobachten halt Pärchenheim nicht beim Sex und das ist damals in Florenz ein relativ weit verbreitetes Hobby, über das aber natürlich niemand öffentlich spricht. Ja, aber es ist auch oft so, je verklemmter die Gesellschaft, desto ausgeprägter werden dann die Kinks. Ja, genau. Also das macht es für die Ermittler natürlich nicht einfacher, auf ihre erste Spur zu kommen. Trotzdem gelingt es ihnen, einen Mann namens Enzo Spalletti aufzutreiben. Einen stadtbekannten Spanner, der in der Tatnacht nachweislich in der Nähe des Tatortes unterwegs war. Offenbar war Spalletti in dieser Neumondnacht in den Weinbergen südwestlich der Stadt auf der Suche nach einem guten Auto. Also so bezeichnend, wo Jöre in der Szene einen Wagen, auf den sie freie Sicht haben. Also der irgendwo steht, wo man von fern gut drauf gucken kann, wo ein hübsches junges Liebespaar drin ist. Also das ist so deren Sechser im Lotto. Und am 12. Juni, also nicht mal eine Woche nach dem Doppelmord, holen die Ermittler den Krankenwagenfahrer in seinem Haus, in einem Dorf abseits der Stadt ab. Enzo Spalletti ist weder in der Szene noch bei seinen Nachbarn sehr beliebt. Er gilt als arroganter Einzelgänger. Trotzdem traut ihm keiner einen derart brutalen Doppelmord zu. Die Ermittler hoffen während der Vernehmung darauf, dass der Voyeur vielleicht etwas von der Tat beobachtet hat. Also sie vernehmen ihn gar nicht unbedingt so sehr als Verdächtigen, sondern eher als möglichen Zeugen. Aber der kleine Mann mit dem großen Schnäuzer und den dunklen Augen will nichts erzählen. Er streitet sogar ab, überhaupt in der Nähe gewesen zu sein. Für die Tatzeit zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens hat er aber kein Alibi. Weil er die Aussage verweigert, wandert Spalletti schließlich in das Florentiner Gefängnis Lemurate, ein ehemaliges Kloster aus dem 15. Jahrhundert, das Anfang der 80er zur Haftanstalt umfunktioniert wurde. Wieder ist es Reporter Marius Bezzi, der als erstes über die Festnahme berichtet. Kaum einer glaubt wirklich daran, dass Krankenwagenfahrer Spalletti nicht nur ein Spanner, sondern auch ein Serienmörder ist. Trotzdem durchsuchen die Ermittler Spallettis Wagen und befragen Bekannte und Freunde des verheirateten Vaters von drei Kindern. Zwar finden die Polizisten im Handschuhfach des Autos eine kleine Pistole mit Platzpatronen, doch die ist definitiv nicht die Tatwaffe. Spallettis Ehefrau erzählt den Ermittlern außerdem, dass ihr Mann kein Blut sehen kann und sie ihn niemals gewalttätig erlebt hat. Auch zu dem Doppelmord aus dem Jahr 1974 ist keine Verbindung zu Spalletti zu finden. Die Polizei behält den Mann dennoch in Untersuchungshaft. Am 24. Oktober 1981 ist es dann eine Schlagzeile von Mario Spezi, die auf einen Schlag endgültig die Unschuld von Enzo Spalletti beweist. Zitat, der Mörder ist wieder da, junges Paar auf Feld brutal ermordet. Könnte jetzt natürlich auch Nachahmungstäter sein. Es muss nicht zwingend dasselbe gewesen sein. Wobei es. Es ist ganz ehrlich naheliegend, dass es dieselbe Person war. Aber erzähl vielleicht erst mal, bevor ich jetzt mit unhaltbaren Theorien anfange. Dafür springen wir mal zwei Tage zurück. Der 22. Oktober 1981 ist ein ungewöhnlich kühler Donnerstag in Florenz. Der 26-jährige Stefano Baldo fährt mit seinem schwarzen VW Golf zu seiner Freundin Susanna Cambi, einer 24-jährigen Telefonistin, die noch bei ihren Eltern wohnt. Da haben wir es wieder. Die Familie ist gemeinsam zu Abend. Danach will das junge Paar noch ins Kino gehen. Anschließend parken sie am Rande des Feldweges, der auch als Campo delle Bartoline bekannt ist und westlich von Florenz liegt. Natürlich haben die beiden von den schlimmen Morden gelesen und gehört, aber ihre Lust aufeinander ist größer als die Vorsicht. Außerdem hat die Polizei ja längst niemand festgenommen. Also zu dem Zeitpunkt geht man ja davon aus, dass das Monster von Florenz, wie er später heißen wird, gestoppt wurde. Genau, also in dem Fall würde man sich wahrscheinlich schon wieder sicherer fühlen. Ja. Und wenn du sonst nirgends hin kannst. Ja. Das Verlangen nach Romantik und Einsamkeit zu zweit so groß ist. Du schlägst halt manche Sorgen auch einfach in den Wind. Ja, es kommt noch dazu, dass Stefano hier zwischen den Feldern aufgewachsen ist und die Gegend wie seine Westentasche kennt. Also das führt natürlich auch dazu, dass er sich da besonders sicher fühlt. Er hat keine Angst und ohnehin nur Augen für seine Freundin. Um sie herum blitzen auf der Landstraße immer wieder Scheinwerfer auf. Dieser Ort hier ist beliebt bei Paaren und auch bei Spannern. Es sind fast jeden Abend Menschen unterwegs, die im Schutz der Dunkelheit ungestört sein wollen. Niemand von ihnen ahnt, dass die tödliche Gefahr längst unter ihnen ist. Zu diesen Menschen gehört auch ein junges Paar, das später in dieser Nacht ebenfalls die engen Straßen der Hügel hinauffährt. Dabei kommt ihnen ein roter Alfa Romeo entgegen. Die Autos fahren so dicht aneinander vorbei, dass das Paar des Gesicht des Mannes hinter dem Steuer gut erkennen kann. Ein älterer Mann mit ernstem Gesichtsausdruck schaut gestresst in die Scheinwerfer des entgegenkommenden Autos. Das Paar wird sich später an seine groben Gesichtszüge erinnern. Am nächsten Vormittag gegen elf ist ein Rentnerpaar auf dem Weg zu ihrem Gemüsegarten, als sie den schwarzen VW Golf sehen, der quer auf dem Feldweg steht. Die Fahrertür ist geschlossen, das Fenster gesprungen und die Beifahrertür weit aufgerissen. Auf dem Fahrersitz sitzt ein junger Mann mit dem Kopf an der Scheibe gelehnt. Seine schwarzen Haare fallen über seine Stirn. Es sieht aus, als würde er schlafen. Sofort ahnen die Rentner, was passiert sein muss und rufen die Polizei. Wieder ist auch Mario Spezi fast gleichzeitig mit den Carabinieri vor Ort. Wie schon bei den vorherigen Doppelmorden, bemühen sich die Beamten nicht sonderlich, den Tatort zu sichern oder großräumig abzusperren. Und auch das hatten wir im Fall Alcacer schon. Wenn das so schlecht losgeht, behindert das einfach die ganzen späteren Ermittlungen. Ja, ganz klar. Spurensicherung, Polizei und Journalisten laufen sich gegenseitig über die Füße, kann man eigentlich sagen. Zertrampeln alles. Zertrampeln alle Spuren, genau. 10 Meter vom Auto entfernt liegt die Leiche von Susanna Kambi. Ihre Augen starren weit aufgerissen in den Himmel. Ihre Arme, das finde ich auch sehr interessant, sind auf der Brust überkreuzt. Das heißt, das hat der Täter nach dem Mord so eingerichtet. So bleibst du normalerweise nicht liegen, genau. Auch Susannas Leiche wurde verstümmelt, ihre komplette Vulva mit einem scharfkantigen Messer entfernt. Laut Rechtsmedizin wurde dafür ein sogenanntes Tauchermesser benutzt. Das habe ich dann auch nachgeguckt. Ich wollte gerade fragen. Ja, das ist so ein Messer, was du dabei hast, wenn du tauchen gehst, falls du in einem Netz oder irgendwo festhängst. Und dich freischneiden musst. Genau, damit du dich freischneiden kannst von einer Angelschnur oder wo auch immer man so unter Wasser hängen bleiben kann. Die Mediziner stellen außerdem fest, dass auch Stefano Baldo und Susanna Kambi mit einer Beretterkaliber 22 erschossen wurden. Wieder gibt es keine Hinweise auf einen sexuellen Übergriff, also auf eine Penetration. Es gibt keine Spermaspuren, gar nichts. Doch trotz der dürftigen Spurenlage gibt es dieses Mal wenigstens Anhaltspunkte. Der Offizier der Caraminiere entdeckt am Tatort einen auffälligen Stein am Boden. Er ist aus Granit und hat die Form einer Pyramidenspitze. Solche Steine werden damals in vielen toskanischen Landhäusern als Türstopper verwendet. Die Polizei sichert den Hinweis, vielleicht wird er irgendwann noch hilfreich sein. Nach diesem weiteren Doppelmord wird der verdächtige Spanner Enzo Spalletti aus dem Gefängnis entlassen und die Jagd nach dem Mörder beginnt von vorne. Weil Nachahmungstäter kann man eben ausschließen, weil es wieder dieselbe Waffe war und dasselbe Kaliber wie bei der anderen Tat. Also es spricht schon sehr viel dafür, dass es derselbe Täter ist und dass Spalletti das nicht sein kann. Sie werden ja wohl nicht alle Einzelheiten in der Zeitung abgedruckt haben. Natürlich nicht, genau. Und wenn jetzt da wieder das Gleiche passiert ist, ja. Das heißt aber eben auch, dass die Jagd nach dem Mörder von vorne anfängt. Als sich die Nachricht über den neuen Doppelmord in der Stadt verbreitet, ist die Angst, in den Straßen von Florenz fast mit den Händen zu greifen. Es gibt kein anderes Thema mehr. Und so dauert es auch nicht lange, bis sich das Paar, das am selben Abend wie Susanna und Stefano in der Nähe des Tatortes unterwegs war, bei den Ermittlern meldet. Das sind ja die beiden, die dem Mann da entgegengekommen sind, dem roten Alfa Romeo. Und die erzählen der Polizei davon. Von einem älteren Mann. Aber was ist denn älter für die? Ja, das ist eine gute Frage. Wenn man 20 ist, dann ist 40 schon älter. 30 schon. Ist schon uralt gefühlt. Ja, also es wird ein Phantombild erstellt und man muss ja eben auch sagen, es war nachts, der ist denen entgegengekommen, Scheinwerfer auf Scheinwerfer. Also es war jetzt keine richtig geile Sicht. Das Phantombild des Mannes zeigt das runde Gesicht eines älteren Mannes mit großen Augen, Halbglatze und einem ernsten Gesichtsausdruck. Unter dem Bild steht, gesucht wird ein Mann zwischen 45 und 55 Jahren mit normaler Statur und breiten Schultern. Der Gesuchte hat einen dunklen Teint, dunkle Haare und dunkle Augen. Aber weder die Journalisten noch die Polizei sind auf die Hysterie vorbereitet, die die Morde ausgelöst haben. Täglich erreichen hunderte Briefe und Anrufe die Zeitungsredaktionen und die Polizeidienststellen. Menschen verdächtigen ihre Nachbarn, Freunde oder Kollegen. Die Suche nach dem Mörder scheint die gesamte Stadt zu beschäftigen. Um dieses Chaos nicht weiter zu befeuern und eventuelle Lynch-Justiz zu verhindern, entscheiden sich die Behörden dagegen, das Phantombild zu veröffentlichen. Was ja ein ungewöhnlicher Schritt ist, aber durchaus nachvollziehbar, weil das Phantombild, also ich werde es auch bei Instagram hochladen, ist jetzt auch nicht so geil, dass man da eindeutig jemanden drauf identifizieren kann. Ja, klar. Also das könnte erst recht eine Panik lostreten und dann dreht irgendjemand durch und sticht den Nachbarn ab, den er verdächtigt und der hat in der Wirklichkeit gar nichts damit zu tun. Man muss sagen, dass das aber jetzt gar nicht so viel hilft, dass sie das Bild nicht veröffentlichen. Die Florentiner leben in diesem Sommer im Jahr 1981 in Angst. Niemals zuvor hat es in Italien eine solche Mordserie gegeben. Serienmörder kannte man bis dahin nur aus den USA oder aus dem Norden oder Westen Europas. Doch jetzt lebt einer mitten unter ihnen in einer der schönsten Städte des Landes. Mario Spezi hat in den nächsten Wochen jede Menge zu tun. Seine Kontakte zur Polizei, der Staatsanwaltschaft und der Gerichtsmedizin sind so eng, dass jeder neue Verdächtige, jedes neue Detail und jeder Hinweis direkt über seinen Schreibtisch wandert. Über 57 Artikel hat Spezi allein für die Natione zu diesem Zeitpunkt über die Morde geschrieben. Seine Leser sind bei den Ermittlungen gefühlt live dabei. Am Anfang haben die Karabiniere noch versucht, den Reporter von seiner Arbeit abzuhalten. Aber mittlerweile haben sie aufgegeben. Beide Seiten beobachten genau, was die jeweils andere tut und hoffen, dass der Mörder endlich gestoppt wird. Hatten wir nicht den Fall von Vlado Taneski, den Journalisten, der dann selbst der Serienwander war? Ja, der dann ein bisschen zu viel wusste über die Taten. Also den Gedanken hatte ich zuerst auch, als ich bei dem Fall angefangen habe zu recherchieren. Also wir gucken mal ein bisschen weiter, wie sich das entwickelt. Mario Spezzi ist insofern für diesen Fall wichtig, weil er dem Unbekannten im November 1981 in einem Artikel seinen Namen gibt. Il Mostro di Firenze, also das Monster von Florenz. Die Bezeichnung für Italiens ersten Serienmörder wird im ganzen Land populär. Sogar in den USA schreibt die Presse über die grausamen Taten, die über die malerische toskanische Landschaft und ihrer Hauptstadt einen dunklen Schatten werfen. Und du kannst dir vorstellen, so eine große Berichterstattung hat Vorteile, aber eben nicht nur Vorteile. Genau, das kann die Ermittlungen behindern. Der Täter könnte jetzt seine Vorgehensweise bewusst ändern, damit sie ihn nicht kriegen oder damit er sie auf eine falsche Spur lockt. Aber ja, also ich meine, ich verstehe, dass sie alle das Auto wählen, trotzdem, trotz der Gefahr. Weil wo sollen sie denn hin? Ja. Das ändert sich auch nicht. Also das Auto ist weiter... Also sie trauen sich weiterhin. Ja, auf eine andere Art. Also auf die Hügel außerhalb der Stadt traut sich kaum noch jemand. Stattdessen, das muss ein wahnsinnig irres Bild gewesen sein. Bleiben sie jetzt in der Stadt. Genau. Stattdessen drängen sich die jungen Paare mit ihren Autos Stoßstange an Stoßstange am Straßenrand in der Innenstadt. Die Autoscheiben mit Zeitungspapier verhängt für ein bisschen Privatsphäre. Da wollte ich gerade fragen, weil wenn du in der Innenstadt stehst, da kann ja jeder reinschauen. Ja, deshalb das Zeitungspapier. Also es ist jetzt nicht ganz romantisch. Das ist vielleicht auf den Hügeln ein bisschen schöner. Auf jeden Fall sicherer. Und während die Polizei allen noch so unwahrscheinlichen Hinweisen nachgeht, verfestigt sich die öffentliche Meinung über den möglichen Täter. Der Mörder muss ein Arzt, ein Mann aus der kultivierten Oberschicht der Stadt sein. Da sind sich die meisten Menschen in Florenz sicher. Und tatsächlich kommen durch die Ermittlung immer wieder die dunklen Seiten von einflussreichen und wohlhabenden Florentinern ans Licht. So befragen die Karabiniere zum Beispiel einen Arzt, der oft nachts auf Friedhöfen beobachtet wird. Wie sich herausstellt, hat der Mann weder einen Doktortitel noch ein Medizinstudium, behandelt aber trotzdem Patienten. Trotz seiner Obsession mit Friedhöfen hat der falsche Mediziner aber für die Mordnächte jeweils ein Alibi. Also der hat zwar keinen Doktortitel, aber ein Mörder ist er eben auch nicht. Immerhin. Auch ein Priester wird verdächtigt, der regelmäßig Samstag nachts im Rotlichtviertel der Stadt unterwegs ist. Laut Zeugenaussagen ist es der Fetisch des geistlichen Frauen zu rasieren. Also da kommen Sachen raus, die mit dem Fall ehrlicherweise gar nichts zu tun haben, aber die natürlich diese Personen... Deutlich beschädigen, wenn das rauskommt. Ja. Also der ist es eben auch nicht. Ich weiß jetzt natürlich nicht, ob das dann in der Zeitung landet, aber das war ja auch eine tolle Schlagzeile. Ja, absolut. Also das spricht sich schon rum. Und damit werden eben auch ja Unschuldige in diese Sachen mit reingezogen. Der Druck auf die Polizei steigt und die falschen Verdächtigungen bringen immer mehr Unruhe in die Ermittlungen. Die Carabinieri und die Polizia del Stato ermitteln nebendurch und manchmal sogar gegeneinander. Jede noch so unwahrscheinliche Spur wird geprüft. Doch mehr als ein Jahr lang gelingt es den Behörden nicht, irgendeinen Verdächtigen auszumachen. Bis das Monster wieder zuschlägt. Es ist die erste Neumondnacht des Sommers 1982. An diesem 19. Juni sind die 19-jährige Antonella Migliorini und ihr drei Jahre älterer Verlobter Polo Mainardi mit Freunden in der Kleinstadt Montes Pertoli eine Stunde südlich von Florenz unterwegs. Antonella und Paolo sind Anfang 20 und bereits verlobt. Sie verbringen jede freie Sekunde zusammen. Am Nachmittag haben sie gemeinsam mit ihren Freunden Eis gegessen und den Tag genossen. Doch als es abends wird, überredet Paolo seine Verlobte, mit ihm in die Hügel zu fahren. Dort parkt Paolo sein Fiat 147 in einer versteckt liegenden Sackgasse. Die beiden lieben sich unter sternenklarem Himmel. Danach klettert Antonella auf den Rücksitz, um sich wieder anzuziehen. Doch in diesem Moment sieht Paolo, der schon wieder am Steuer sitzt, im Lichtkegel der Scheinwerfer einen Schatten auf sie zukommen. Er erstarrt vor Angst, bis die dunkle Gestalt direkt vor ihrem Auto steht. Erst jetzt tritt Paolo in Panik das Gaspedal durch, doch er hat noch den Rückwärtsgang eingelegt. Der Fiat macht einen Satz. Ein Schuss fällt und trifft Paolo durch die Frontscheibe in die Schulter. In Panik klammert sich Antonella von hinten an ihren Freund. Der Wagen rast rückwärts über die Hauptstraße und kracht dann in einen Graben. Vergeblich versucht Paolo den Vorwärtsgang einzulegen, aber die beiden sitzen fest. Vor Angst erstarrt, sieht das Paar nur den Fremden im Licht der Scheinwerfer auf sie zukommen. Der Unbekannte richtet seine Beretta auf das Auto und zerschießt als erstes die Scheinwerfer. Jetzt ist alles dunkel. Der Mann reißt die Fahrradtür auf und feuert jeweils zwei Schüsse auf Paolo und Antonella. Danach zerrt er Paolos leblosen Körper aus dem Wagen, doch an Antonella auf dem Rücksitz kommt er nicht heran. Dafür steckt der Wagen zu tief im Graben. Im Schutz der Nacht verschwindet das Monster so plötzlich, wie es aufgetaucht ist. Wenig später kommt ein Auto am Tatort vorbei. Der Fahrer vermutet einen Unfall und ruft sofort einen Krankenwagen. Die heraneilenden Sanitäter können nichts mehr für Antonella tun. Aber Paolo atmet noch und wird mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht. Doch obwohl die Ärzte alles versuchen, überlebt der 22-Jährige die Nacht nicht. Am nächsten Morgen bestellt die ermittelnde Staatsanwältin den Reporter Mario Spezi und einige seiner Kollegen in ihr Büro. Spezi weiß natürlich längst, dass das Monster von Florenz wieder zugeschlagen hat. Und auch, dass es dieses Mal von der Reaktion der Opfer überrascht wurde und deshalb Antonellas Leiche keine Verstümmelungen aufweist. Doch darum geht es der Staatsanwältin nicht. Sie hat eine Bitte an die Presse. Bitte schreiben Sie, dass der junge Mann noch lebt und der Polizei nützliche Angaben gemacht hat, sagt sie. Sie hofft, dass diese Nachricht den Mörder verunsichert und er deshalb einen entscheidenden Fehler macht. Spezi und seine Kollegen halten sich an die Absprache. Das ist ein schlauer Move, oder? Ja, das ist gut. Das macht den Mörder hoffentlich nervös. Vielleicht macht er da einen Fehler. Ja, das ist die Hoffnung. Aber in Wahrheit haben sie immer noch gar nichts. Nee, das ist jetzt ein reines Bluffen eigentlich. Paolo konnte auch nichts mehr sagen. Der war leider schon nicht mehr ansprechbar. Also er ist nicht wieder wach geworden, konnte nicht mehr irgendwie Hinweise geben. Leider scheint sich diese Hoffnung nicht zu bewahrheiten. Also es scheint nicht zu funktionieren. Die Ermittler haben auch nach dem vierten Doppelmord immer noch keine heiße Spur. Also ringen sich die Behörden doch dazu durch, das bisher zurückgehaltene Phantombild doch noch zu veröffentlichen. Damit erreicht die sowieso schon große Flut an falschen Verdächtigungen ein völlig neues Level. So wird zum Beispiel ein Pizzabäcker verdächtigt, weil er dem Bild ähnlich sieht. Und ich habe es ja gerade schon gesagt, dieses Bild. Da hatten wir gemeint, dass das ganz gefährlich ausgehen kann. Ja, genau. Und du hast es da vor dir. Also das kann eigentlich jeder Mann mittleren Alters sein. Also ihr könnt es euch auch bei Instagram dann anschauen, wenn ihr mögt. Und natürlich führt es zu falschen Verdächtigungen. Also dieser Pizzabäcker wird da belästigt von Jugendlichen, die hinter ihm herlaufen und immer sagen, du bist der Mörder. Und die ihn auslachen. Und am nächsten Tag begeht der Mann Suizid. Ah nein, das ist ja furchtbar. Ganz, ganz schrecklich. Aber unter den Bergen an Briefen mit Verdächtigung und falschen Anschuldigungen ist ein anonymes Schreiben an die Polizei, das die Ermittlungen in eine ganz andere Richtung lenken wird. In dem Umschlag finden die Ermittler einen vergilbten alten Zeitungsausschnitt über einen Doppelmord aus dem Jahr 1968. Daneben hat jemand nur einen Satz gekritzelt. Sehen Sie sich dieses Verbrechen nochmal an. Das war also 14 Jahre vorher? Ja. Ja, habe ich richtig gemerkt. Ja, deutlich vorher, ja. Haben Sie die Akten von damals noch irgendwo auf dem Speicher? Glücklicherweise ja. Also die Ermittler nehmen sich sofort die alten Akten vor zu dem damaligen Mord und den schauen wir uns jetzt mal an. Der muss ja dann auch ungelöst sein. Nein, das ist er nicht. Das macht es ja jetzt so spannend. Am 21. August 1968, einem Mittwoch, gehen die verheiratete Barbara Lodzschi und ihr Liebhaber Antonio Lobianco zusammen ins Kino. Barbara ist 32 und Antonio 29. Außerdem ist bei der Verabredung noch Barbaras sechsjähriger Sohn Natalino dabei. Also die nimmt ihren Sohn halt mit, wenn sie sich mit ihrem Geliebten trifft. Oder beziehungsweise die wahrscheinlich haben sie... Die gehen jetzt ins Kino. Genau, es ist halt irgendwie eine Art von Beziehung, was die führen. Das ist ein bisschen mehr als Treffen fürs Spaß haben. Also die gehen ins Kino, schauen sich da einen Gruselfilm an und verlassen Florenz erst nach Einbruch der Dunkelheit. In Antonius' weißem Alfa Romeo fahren sie über Feldwege in Richtung des Städtchens Cigna, westlich von Florenz, während Natalino auf der Rückbank eingeschlafen ist. Auf einem Feldweg in der Nähe des Friedhofs halten die beiden an und lieben sich im Auto. Sie haben keine Ahnung, dass sie die ganze Zeit verfolgt wurden. Aus einem Gebüsch heraus beobachtet sie Stefano Mehle. Stefano stammt aus Sardinien, ist Barbaras Ehemann und Vater des kleinen Italieno. Offenbar betrügt Barbara ihn schon länger und der damals 49-Jährige ist rasend vor Eifersucht und Wut. Der ist also 20 Jahre älter als der Liebhaber. Ja, und der hält es dann nicht aus, als er das sieht und dann fallen Schüsse. Antonio wird viermal getroffen und Barbara dreimal. Beide sind sofort tot. Der sechsjährige Natalino wird wenig später völlig verstört vom Besitzer eines nahegelegenen Bauernhofs auf seinem Grundstück entdeckt. Der Mann verständigt sofort die Polizei, die die Leichen in dem Alfa Romeo kurze Zeit später finden wird. Barbara und Antonio wurden mit einer Beretter Kaliber 22 erschossen, wie die Patronenhülsen am Tatort beweisen. Natalino erzählt den Ermittlern bei seiner Vernehmung, er habe seinen Vater am Tatort gesehen. Als die Ermittler Stefano Mehle kurze Zeit später festnehmen, finden sie an seinen Händen Schmauchspuren. Also er hat kurz vorher eine Waffe abgefeuert. Kurze Zeit später gesteht der 49-Jährige den Mord an seiner Frau und ihrem Liebhaber und nennt als Motiv seine Eifersucht. Die Tatwaffe will Stefano nach dem Mord in einen Wassergraben geworfen haben. Sie wird aber nie gefunden. Und das ist später noch ganz wichtig. Stefano wird wegen zweifachen Mordes angeklagt und zu 14 Jahren Haft verurteilt. Ein Gutachter attestiert ihm eine Geistesschwäche, was als milderte Umstände gewertet wird. Natalino kommt in ein Heim und wird den Rest seines Lebens unter dem Trauma leiden. Das können wir uns ja vorstellen. Der hat einfach mit angesehen, wie sein Vater seine Mutter erschießt. Das ist echt kein Wunder, das arme Kind. Er hätte doch wissen müssen, der Vater, dass das Kind ebenfalls dabei ist. Und das war ihm einfach wurscht. Ja, offenbar schon. Also vielleicht hat er nicht gemerkt, dass das Kind auf dem Rücksitz ist, weil der Natalino hat ja geschlafen. Vielleicht hat er gedacht, der ist zu Hause oder so. Aber er hat auch nachher das Kind zu dem Bauernhof gebracht und ihn da abgesetzt. Also es ist alles in allem nicht so schlau. Aber der ist nicht selbst dahin gelaufen? Nein, der Vater hat ihn da ausgesetzt und ist abgehauen. Also es ist alles nicht so richtig geplant, diese Tat. Geistes Schwäche, was auch immer das bedeuten mag. Ja, scheint nicht ganz unzutreffend zu sein. Und als die Ermittler die Patronenhülsen aus dem 1968er-Doppelmord mit denen von den Morden des Monsters vergleichen, fällt ihnen auf, dass sie aus derselben Waffe stammen müssen. Aber jetzt könnte man ja denken, Stefano Miele muss es ja dann sein. Der kann nicht das Monster von Florenz sein. Als die Mordserie 1981 beginnt, sitzt er noch in Haft. Später wird er wegen seines Geisteszustandes in einem Pflegeheim von Nonnen betreut. Aber seine Waffe scheint noch irgendwo da draußen zu sein und weiter Liebespaare zu töten. Auch Reporter Mario Spezi schreibt über die jüngsten Entwicklungen auf der Suche nach dem Serienmörder. Als einer der wenigen Journalisten schaffte es auch, den mittlerweile 63-jährigen Stefano Mehle zu interviewen. Dabei findet der Journalist eine neue Spur, die auch in den Akten zwischen den Zeilen steht, wenn man genau hinguckt. Stefano war nämlich in der Mordnacht im August 1968 nicht allein. Also hat er einen Komplizen dabei gehabt? Das zumindest erzählt er in seinen ersten Vernehmungen. Er erzählt, dass er in dieser Nacht Hilfe von den beiden Brüdern Salvatore und Francesco Vinci hatte. Die beiden stammen wie Stefano und seine ermordete Frau Barbara aus demselben kleinen Dorf auf der Insel Sardinien und sind wegen verschiedener krimineller Aktivitäten Polizei bekannt. Diese Aussage hat Stefano Mehler aber später wieder zurückgezogen. Und weil man ihm den Mord an seiner Frau und deren Liebhaber so eindeutig nachweisen konnte, hat man die Spur nicht weiter verfolgt. Also es hat ja nicht unbedingt dann so viel Auswirkung auf die Tat. Man hatte ja den Täter. Doch nachdem sechs weitere Menschen mit derselben Waffe wie Barbara Locci und Antonio Lobianko ermordet wurden, interessieren sich die Ermittler jetzt natürlich brennend für die beiden Brüder aus Sardinien. Beide sehen sich recht ähnlich. Kräftiger Körperbau, dunkle Locken und tiefe dunkle Augen. Also so wie der Mann auf dem Phantombild. Außerdem haben die Ermittler in der Nähe der Sackgasse, in der Antonella Migliorini und Paolo Mainardi ermordet wurden, versteckt im Gebüsch ein leeres Auto entdeckt, das Francesco Vinci gehört. Also das ist natürlich auch wirklich ein großer Zufall. Wenig später wird Francesco festgenommen und sein Bruder Salvatore von der Polizei überwacht. Schnell stellt sich heraus, dass beide Brüder nicht nur ziemlich geübt im Umgang mit Messern und Schusswaffen sind. Sie sind auch Indiani. Sie sind auch Indiani. Also zumindest Salvatore ist ein Spanner, der gerne Liebespaare sich im Auto anguckt. Das bedeutet jetzt nicht, dass er... Der andere oder beide einen dieser Morde begangen haben. Nein. Also um in diese Richtung weiterzugehen, wäre es schon ganz gut, wenn sie jetzt die Tatwaffe vielleicht bei einem von ihnen finden könnten. Oder sonst irgendwelche eindeutigen Beweise wie zum Beispiel Bluteropfer, Haare. Na ja gut, DNA hat man da nicht untersuchen können. Also wenn sie ein blondes Haar finden oder so, das wäre nicht weiter hilfreich wahrscheinlich. Aber irgendwelche Trophäen vielleicht, wie zum Beispiel ein Ohrring eines Opfers oder irgendwie sowas. Der Täter hat ja auch Teile des Körpers abgeschnitten und mitgenommen. Gut, ich wollte es nicht unbedingt sagen. Ja, aber das wäre ja natürlich ein eindeutiger Beweis, aber man muss sagen, das sind ja alles, was wir jetzt bis jetzt gegen die beiden vorliegen haben, eher Indizien und die sind auch relativ wackelig. Das reicht natürlich nicht, um ein oder beide Brüder als Monster von Florenz zu überführen. Und dann schlägt der Serienmörder im September 1983 wieder zu. Horst Willemeyer und Jens-Uwe sind beide 24 Jahre alt und kommen aus Münster und aus Niedersachsen. Die beiden haben sich während ihres Studiums kennen und lieben gelernt. Horst hat eine große Brille, ein Schnurrbart und dunkles Haar. Jens hat ein schlankes Gesicht und schulterlange blonde Locken. Ihr Plan ist, es mit einem VW-Bulli zusammen Italien zu bereisen. Ein romantischer Roadtrip, der für die beiden Deutschen tödlich endet. Am 8. September 1983 parken Horst und Jens ihren Bus am südlichen Rand von Florenz inmitten der malerischen Hügel auf einem Parkplatz. Sie fühlen sich sicher, weil sie kommen ja auch nicht von da. Sie haben vielleicht diese ganzen Schlagzeilen nicht gelesen. Sie wissen nicht, was da los ist. Mitten in der Nacht. Außerdem sind es zwei Männer. Außerdem sind es zwei Männer. Und es wurde ja die Frau attackiert immer. Richtig, richtig. Da kommen wir gleich zu. Also die beiden fühlen sich sicher, doch dann fallen Schüsse. Jens trägt nur einen Slip. Seine langen, blonden Haare hängen ihm ins Gesicht. Horst wird durch Schüsse durch die Seitenwand des Busses getötet. Beide werden erst einen Tag später, am Samstag, den 10. September, gefunden. Sie wurden nur erschossen und nicht verstümmelt. Im verdornten Gras liegen Patronenhülsen einer Beretta Kaliber 22 Long Rifle. Die Ermittler vermuten, der Mörder könnte den schmalen Jens mit seinen langen blonden Haaren in der Dunkelheit für eine Frau gehalten und sein Irrtum erst bemerkt haben, als die beiden Männer schon tot waren. Weil wenn so die Haare ins Gesicht fallen und du guckst in der Dunkelheit. Es klingt wahrscheinlich, dass er sich für ein heterosexuelles Paar gehalten hat. Genau. Und die Ermittler, die natürlich gehofft hatten, mit den beiden Brüdern aus Sardinien endlich eine heiße Spur zu haben, sind komplett blamiert. Reporter Mario Spezi schreibt damals, obwohl inzwischen zwölf Opfer zu beklagen sind, wissen wir immer noch nicht mehr, als dass die Bestie frei herumläuft, uns ihre Bretterkaliber 22 jederzeit wieder töten könnte. Obwohl das Monster wieder zugeschlagen hat, bleibt Francesco Vinci erstmal in Haft. Das finde ich schon komisch, weil eigentlich gibt es ja keine Grundlage mehr dafür. Ja, es klingt aber so, dass das Monster und die Waffe hat wieder getötet, als ob das aus einem Märchen wäre oder aus irgendeiner Gruselgeschichte mit etwas Übernatürlichem. Das Monster ist ja auch nur ein Mensch und die Waffe von sich selbst kann nicht töten. Absolut, genau. Nicht Waffen töten Menschen, sondern Menschen töten Menschen. Das sagen zwar die von der NRA immer, deswegen sollte man das eigentlich nicht zitieren. Aber im Grundprinzip stimmt es ja, die Waffe alleine kann ja niemanden töten. Das heißt, irgendwer ist da draußen und benutzt diese Waffe weiterhin. Francesco Vinci bleibt trotzdem in Haft und es ändert sich erst nach dem nächsten Mord. Also es geht weiter. Am Sonntag, den 29. Juli 1984, werden nordöstlich von Florenz in einem Fiat Panda die Leichen der 19-jährigen Pierontini und ihres 20-jährigen Freundes Claudio Stefanacci entdeckt. Freunde von ihnen hatten schon die ganze Nacht nach dem Paar gesucht. Im Morgengrauen finden sie dann den Fiat und die beiden Leichen auf einem Feldweg nahe des Dörfchens Vickio. Wieder hat der Mörder in einer Neumondnacht zugeschlagen. Claudio liegt erschossen und mit mehreren Messerstichen auf der Rückbank. Die Leiche seiner Freundin Pia liegt wenige Meter entfernt in einem Feld. Ihre Beine sind gespreizt, die Vulva ist herausgeschnitten und auch ihre linke Brust wurde abgetrennt. Wieder finden die Ermittler die gleichen Patronenhülsen wie an all den anderen Tatorten. Im September 1984 müssen die Ermittler Francesco Vinci dann nach knapp zwei Jahren U-Hauft laufen lassen. Also es gab nicht mal einen Prozess in der Zeit. Kurz darauf werden die Ermittlungen gegen ihn und sein Bruder Salvatore eingestellt. Die Ermittler sind im Prinzip wieder ganz am Anfang. Aber du sagst immer, dass es in einer Neumondnacht geschieht. Das ist ja auch interessant. In einer Neumondnacht, das ist natürlich die dunkelste Nacht des ganzen Monats und wahrscheinlich fühlt der Täter sich da... Erstens sicherer, weil man ihn nicht so leicht sehen kann und andererseits gibt es ihm vielleicht so ein Gefühl von, also noch mehr ein Gefühl von, oh, ich bin ein Jäger, der im Dunkeln eben auf Beute zugeht. Und meine Beute ist mir wehrlos ausgeliefert, weil sie mich nicht mal sehen kann. Ich bin wie eine Jaguar oder sowas vielleicht. Es kann natürlich auch esoterische Gründe haben. Es gibt ja Leute, die so alles nach dem Mondkalender ausrichten. Also kenne ich mich jetzt nicht so mit aus, aber es gibt ja Leute, die sagen, keine Ahnung, das und das erntet man in einer Vollmond- oder Neumondnacht oder im abnehmenden Mond. Oder nur dann Haare färben, weil dann hält es länger. Genau, also dass der Neumond könnte ja für den Täter auch irgendeine Art von Bedeutung haben. Genau, so oder so oder beides oder noch ganz anders. Genau, das weiß man nicht. Das ist halt das Problem. Also man hat ganz viele Puzzleteile, aber das passt halt hinten und vorne noch nicht zusammen. Und obwohl der zuständige Staatsanwalt die Bevölkerung mit den Worten, wer irgendetwas weiß, der muss jetzt sprechen, anbettelt und sich eine extra eingerichtete Sonderkommission um die Morde kümmern soll, kommen die Ermittlungen keinen Schritt voran. Das zieht sich ja jetzt schon über mehrere Jahre hin. Also der Mörder scheint der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein. In Florenz tuschelt man mittlerweile darüber, dass eine ganze Sekte hinter der Mordserie stecken soll. Dann stirbt wieder ein Paar. Am Morgen des 9. September 1985, mehr als ein Jahr nach dem letzten Doppelmord, entdecken Pilzsucher die Leichen der 36-jährigen Nadine Moriot und ihres 25-jährigen Freundes Jean-Michel Cravi-Cilie. Das französische Paar hatte die Neumondnacht im Spätsommer auf einer Lichtung in einem Wald nördlich von Florenz verbracht und war dort vom Täter überrascht worden. Wieder bietet der Tatort ein schreckliches Bild. Der Mörder hat Nadine die Vulva und die linke Brust abgetrennt und sie dann einfach liegen gelassen. Als die beiden Toten gefunden werden, wollten Nadine und Jean-Michel eigentlich schon längst wieder daheim in Frankreich sein. Dieser Montag ist der erste Schultag von Nadines Tochter. Und wieder entdecken die Ermittler Patronenhülsen, die aus einer Beretta mit dem Kaliber 22 abgefeuert wurden. Wenige Stunden später geht bei der Staatsanwaltschaft ein Umschlag ein, der an die einzige Frau im Ermittlungsteam adressiert ist. In dem Umschlag befindet sich eingewickelt in Seidenpapier ein Stück der Brust von Nadine Moriot. Das Monster von Florenz scheint allen zeigen zu wollen, dass er der Polizei überlegen ist. Eingewickelt in Seidenpapier. Es ist ja auch eine Entscheidung, worin man das einwickelt. Zeitungspapier lässt vielleicht eher an Fleisch denken oder an Müll. Seidenpapier, das ist schon was Feines. Es wird präsentiert wie ein Geschenk. Genau, ja, ja. Das hat ja auch nicht jeder einfach so zu Hause rumliegen. Stimmt. Oder so Seidenpapier daheim. Ich hab keins. Nee, absolut nicht. Wie viele Morde gibt es jetzt? 14? Ja, also wenn wir jetzt Barbara und ihr Liebhaber Antonio im August 1968 mitzählen, sprechen wir hier von acht Morden mit 16 Opfern über einen Zeitraum von mittlerweile 17 Jahren. Also die, die man jetzt eindeutig dem Monster von Florenz zuordnen kann, wären halt 14 Jahre. Ja, aber das ist ja immer ein Abstand dazwischen von mehreren Monaten bis hin zu mehreren Jahren. Ja. Und die Polizei hat einfach keinen Dunst, wer der Täter ist. Also ich sehe da ganz krasse Parallelen zu Jack the Ripper interessanterweise, weil über den habe ich ja auch mal ein Buch geschrieben, also auch dieses Körperteile von Opfern an die Polizei zu verschicken, das hat Jack the Ripper ja auch gemacht. Wenn es denn Jack the Ripper war, das weiß man ja heute nicht mehr. Also mit einem Brief, um zu zeigen, ich bin euch voraus. Und eben auch dieses Abtrennen von Geschlechtsorganen. Also es konzentriert sich ja sehr auf Brüste und Vulva der Frau. Also das scheint für den Täter irgendwas zu sein, was er damit verbindet, was er den Frauen abschneiden will. Aus welchem Grund auch immer. Aber das hat ja Jack the Ripper eben auch gemacht. Aber ja, wenn man darüber nachdenkt, so viele Menschen tot, so eine lange Ermittlung. Und die haben eigentlich nichts. Also das Monster von Florenz ist mit Abstand der schlimmste Serienmörder des Landes. Mittlerweile hat der italienische Innenminister persönlich die Belohnung auf Hinweise auf umgerechnet 350.000 Euro erhöht. Und tatsächlich geht wenig später ein anonymer Brief bei den Ermittlern ein, der alles ändern wird. Im Brief heißt es, Er hat tausend Fähigkeiten. Er ist ein schlauer Mann, verschlagen. Ein Bauer mit breiten, plumpen Füßen, aber einem flinken Verstand. Der anonyme Briefschreiber verdächtigt einen Mann aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Florenz, der damals 60 Jahre alt ist. Sein Name? Pietro Paccani. Sofort durchsuchend die Ermittler das Haus des älteren Mannes, der ehrlicherweise nicht besonders fit wirkt. Pietro Paccani ist 60 Jahre alt, kräftig, aber ein sehr starker Trinker und lebt in den Hügeln nördlich von Florenz. Die Ermittler finden in seinem Haus nichts Verdächtiges. Außerdem ahnen sie zu diesem Zeitpunkt, also wir sind jetzt im Jahr 1985, noch nicht, welche dunklen Geheimnisse der unscheinbare Landarbeiter und Vater von drei Kindern hat. Also die haben nichts gegen ihn in der Hand, außer diesen sehr seltsamen formulierten Brief, dass er plumpe Füße hat und... Und flinken Verstand. Ja, das kann ja jeder geschrieben haben. Entschuldigung, bitte. Ja, das stimmt. Das kann auch der echte Mörder geschrieben haben, um abzulenken oder irgendwer. Ich finde es ja gut, dass sie dem erstmal nachgegangen sind, dass sie das durchsucht haben, aber sie haben jetzt halt nichts gefunden und legen das halt auch wieder als eine der vielen falschen Spuren zu den Akten. Aber du hast was von dunklen Geheimnissen gesagt. Ja, also dass er eben so unverdächtig ist, ändert sich 1987, also zwei Jahre später, als seine eigene Tochter Patschani anzeigt. Wieder überprüft die Polizei den Mann und stößt dabei auf seine blutige Vergangenheit. Das hat man sich wohl am Anfang, also damals, zwei Jahre vorher, nicht so genau angeschaut. Pietro Patschani wird am 7. Januar 1925 in dem Dörfchen Viccio geboren. In einer Zeit, als Italien noch ein Königreich ist, das von Diktator Mussolini regiert wird. Pietro hat eine Schwester, sein Bruder stirbt noch als Kleinkind. Die Paccianis sind arme Bauern, die das Land für reiche Grundbesitzer bewirtschaften. Die heiße Sonne und die harte Arbeit formen Pietros Körper. Er ist klein, aber kräftig und lernt früh, sich das, was er möchte, einfach zu nehmen. Als junger Mann besorgt er sich zwei Pistolen und ein Gewehr, um damit wildern zu gehen. Das war ja damals in Italien durchaus üblich, um sich was dazu zu verdienen. Ja, nicht nur dort. Ja, auch in Österreich auch. Oder überhaupt selber auch was zu essen zu kriegen. Ja, genau das. Als er Ende 20 ist, verliebt er sich in die 16-jährige Dorfschönheit Miranda. Er entwickelt Fantasien, stellt dem Mädchen nach und will sie ganz für sich haben. An einem Frühlingsmorgen im April 1951 wartet Pietro an einer Wiese am Dorfrand auf Miranda. Er weiß, dass sie gleich ihre Schafe auf die Weide treiben wird. Doch als er Miranda über die Hügel kommen sieht, geht neben ihr ein anderer Mann. Pietro versteckt sich in einem Busch und beobachtet, wie sich Miranda und der junge Mann tief in die Augen schauen und die 16-Jährige ihre Bluse aufknüpft. Später wird er sagen, der Anblick von Mirandas linker Brust habe ihn rasend gemacht. Wir merken uns das mal mit der Brust. Die linke Brust wurde dann abgetrennt. Ja, das könnte man durchaus als Parallele sehen. Pietro springt aus dem Gebüsch, stürzt sich auf den anderen Mann und schlägt ihm mit einem Stein in der Hand den Schädel ein. Dann zückt er ein Messer und sticht wie ein Wahnsinniger immer wieder vor allem in die Brust und in das Gesicht seines Opfers. Als der Mann tot ist, muss Miranda Pietro versprechen, ihn zu heiraten. Danach vergewaltigt er die junge Frau. Die Leiche von Mirandas Freund schleift er an einem Seil mehrere hundert Meter über einen Hügel und lässt sie einfach irgendwo liegen. Nur wenige Stunden später wird Pietro Paccani verhaftet und Anfang 1952 wegen Mordes zu 13 Jahren Haft verurteilt. Die Zeit im Gefängnis lässt den groben, kräftigen Mann noch aggressiver werden. Als er sich nach seiner Strafe in den 70ern in dem kleinen Ort Mercatale niederlässt, hat er schnell einen Ruf. Vampa, also die Flamme, nennen ihn die Einwohner, wegen seiner Wut und wegen seiner Kraft. Er baggert Frauen an, stellt jungen Mädchen nach und wildert Fasane in den Wäldern der Umgebung. Trotzdem findet er eine Frau, mit der er zwei Töchter bekommt. Die hat vielleicht auch nicht... Das gewusst, was wir wissen. Erstens nicht das gewusst und zweitens hat sie keine andere Wahl als Ja zu sagen. Ja, wir wissen ja, was er macht, um seinen Willen durchzusetzen. Also die beiden bekommen zwei Töchter, ein Sohn der beiden wird totgeboren. Später wird Pietro Bacchani seinen Töchtern sagen, ihr beide hättet sterben und er leben sollen. Er sperrt seine Töchter ein, verprügelt sie und zwingt sie Hundefutter zu essen. Also der hat eingesperrt. Ja, jetzt schon, idealerweise. Früher schon. Es wird noch viel schlepper. Als seine ältere Tochter neun oder zehn ist, beginnt er, sie sexuell zu missbrauchen. Kurz darauf vergeht er sich auch an seiner jüngeren Tochter, missbraucht die beiden abwechselnd oder sogar gemeinsam, während er seine Ehefrau aufs Sofa schickt. 1987 nimmt eine seiner Töchter all ihren Mut zusammen und zeigt ihren Vater an. Das ist so stark. Da gehört so viel Mut dazu. Und sie ist erfolgreich. Auch das ist ja leider nicht immer so. Man glaubt ihr, es wird ermittelt und Pietro Patschani wird verurteilt und muss in den Knast. Außerdem kommt sein Name auf die Liste der Sexualverbrecher im Raum Florenz. Anfang der 90er werden die Akten der italienischen Polizei dann in ein Computersystem eingespeist, auf das alle Ermittler Zugriff haben. So auch die Ermittler der Florentiner Sonderkommission, die auch mehr als fünf Jahre nach dem letzten Mord immer noch auf der Jagd nach dem Monster von Florenz sind. Als sie am Computer die Liste der Sexualstraftäter der Region mit den Tatzeiten abgleichen, fällt ihnen ein Mann auf, der in der Nähe der Tatorte lebt. Und aufwärtigerweise macht das Monster immer dann, wenn dieser wegen Sexualdelikten und einem Mord vorbestraftem Mann mal wieder in Haft sitzt, eine Pause vermorden. Der Name des Mannes, du kannst es dir denken, ist Pietro Pacani. Jetzt muss das eine nicht zwingend was mit dem anderen zu tun haben. Also, dass die Zeitpunkte der Morde sich mit der Zeit, die Pietro außerhalb des Knastes verbringt, überschneiden. Es ist entweder ein unglücklicher Zufall oder aber natürlich, sie haben tatsächlich den Kerl und die Person, die diesen Brief geschrieben hatte, hat recht gehabt. Wir schauen uns mal an, was sie noch so finden, denn es gibt durchaus noch mehr Indizien. Man muss vielleicht für den Hintergrund sagen, zu diesem Zeitpunkt sitzt Pietro Paccani noch wegen des Missbrauchs seiner Tochter in Haft. Und deswegen hat es ja vielleicht auch so lange keine Morde mehr gegeben. Im Knast zeichnet er unter anderem Paare beim Sex und er sammelt jeden Zeitungsartikel über das Monster von Florenz. Einmal schneidet er das Bild einer Frau aus und kreist mit einem Stift ihre Brüste und ihren Schambereich ein. Im Oktober 1991 bekommt der mittlerweile 66-Jährige von der Polizei Post in seine Zelle. In dem Brief wird er mitgeteilt, dass man wegen sieben Doppelmorden gegen ihn ermittelt. Fast 20 Jahre nach dem Mord an Carmela Del Nuccio und Giovanni Foggi starten die Ermittler einen letzten Versuch. Es ist eine der umfangreichsten Durchsuchungen, die die italienische Polizei jemals durchführt. Zwölf Tage lang vom 27. April bis zum 8. Mai 1992 durchkämmen Ermittler jeden Zentimeter im Haus und auf dem Grundstück von Pietro Paccani, der mittlerweile wieder frei ist. Also er hat seine Haftstrafe abgesessen zu dem Zeitpunkt. Dabei machen die Ermittler einige interessante Entdeckungen. Im Garten des Hauses finden sie eine Patrone. Sie hat keinen ballistischen Abdruck, sie wurde also nie abgefeuert. Aber sie ist von der Marke Winchester, Kaliber 22, Long Rifle, mit einem eingeprägten Haar. Das würde genau passen zu dem, was an den Tatorten bzw. in den Leichen gibt. Genau, wie die Hülsen an den Tatorten. Also da es aber diesen ballistischen Abdruck nicht gibt, der ist ja individuell, der ist ja wie ein Fingerabdruck, kann man es nicht hundertprozentig sagen. Weil das würde wirklich das ausschließen. Da könnte man sagen, es ist genau dieselbe. Da wäre dann so eine kleine Kerbe drin, an immer derselben Stelle. Aber das macht es schwer. Das ist aber natürlich ein sehr, sehr starkes Indiz und man vermutet, dass die Patrone bei einer Ladehemmung aus der Waffe gefallen ist. Die Pistole selbst können die Ermittler allerdings nicht entdecken. Pietro behauptet, jemand habe die Patrone auf seinem Grundstück platziert, um ihm etwas anzuhängen. Aber das Projektil bleibt nicht das einzige Indiz. Im Haus entdecken Polizisten einen Notizblock mit Skizzen von nackten Frauen, und genau dieser Block wurde damals in nur einem einzigen Geschäft verkauft. Also was für ein Zufall und dieses Geschäft ist ein Buchladen in Osnabrück. Und in diesem Buchladen haben nachweislich die beiden ermordeten Studenten Horst Willemmeyer und Jens Uwe Rüsch eingekauft. Pietro Patschani wird kurz darauf festgenommen und für alle sieben Doppelmorde angeklagt, während er weiterhin alles abstreitet. Der Prozess gegen das mutmaßliche Monster von Florenz beginnt am 19. April 1994. Vor dem Gerichtsgebäude tummeln sich Journalisten und Schaulustige. Junge Frauen tragen T-Shirts mit dem Aufdruck I love Patschani. Seine Fans nennen ihn zärtlich Opa Pietro oder das liebe Monster. Das ist absolut widerlich. Ja. Warum macht man denn sowas? Also gerade wenn man sich anschaut, was er auch seinen eigenen Töchtern angetan hat. Oder wissen Sie das nicht? Denken Sie, er ist nur das... Also das wäre ja schlimm genug, wenn er Paare tötet, Frauen dann zusätzlich noch verstümmelt. Das wäre schlimm genug. Aber wenn man sich den ganzen Kerl anschaut... Ja, ich kann mir das auch nicht erklären. Also da gibt es für mich keine logische Erklärung. Es gibt natürlich Fotos, wo er aussieht wie so ein kleiner, dicker, netter italienischer Opi, aber dann gibt es wieder Fotos, wo man sieht, was er für wahnsinnig kalte Augen hat. Und auch vor Gericht ist es halt so, also meistens guckt er nur auf den Boden mit gefalteten Händen, aber irgendwann dreht er dann zwischendurch durch, springt auf, beschimpft die Zeugen und beteuert ganz dramatisch seine Unschuld. Das ist ein Riesenprozess, in dem rund 156 Zeugen aussagen. Einige von denen erinnern sich, Paccani zur Tatzeit in der Nähe der Tatorte gesehen zu haben. Ein anderer Zeuge ist sich sicher, dass Paccani eine Beretterkaliber 22 besessen hat. Doch eindeutige Beweise kann die Staatsanwaltschaft in dem Verfahren nicht präsentieren, während Pietro Paccani weiter alles abstreitet. Das Urteil fällt dann am 1. November 1994. Alle italienischen Fernsehsender schalten live in den Gerichtssaal. Paccani wird in allen 14 angeklagten Morden schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Der 69-Jährige fasst sich ans Herz und ruft, ein Unschuldiger stirbt in den Saal. Dann wird er abgeführt. Das Monster von Florenz ist verurteilt. Zumindest scheint es so. Es scheint so. Also, dass er verurteilt wurde, das scheint nicht so, das ist ein Fakt. Aber ob er wirklich das Monster von Florenz ist, das ist halt die große Frage. Er legt jetzt wahrscheinlich Berufung ein, also der wird nicht lockerlassen, nehme ich mal an. Ja, hat er gemacht und tatsächlich wird er im dazugehörigen Verfahren im Februar 1996 freigesprochen. Das Berufungsgericht begründet sein Urteil mit erheblichen Zweifeln an der Einzeltätertheorie der Ermittler und mit zahlreichen Indizien, die auf andere Täter oder auf Komplizen hinweisen. Also es geht zum Beispiel um die Einschusslöcher in dem VW-Bus beim Mord an den beiden deutschen Studenten Horst Willermeyer und Jens Uwe Rüsch. Und die Einschusslöcher waren in einer Höhe von 1,40 Meter. Und man geht davon aus, weil man feuert ja so auf Körpermitte ungefähr oder vielleicht ein bisschen höher, so auf Brustbereich, wenn du jetzt eine Waffe abfeuerst. Daraus kann man errechnen, dass der Schütze so mindestens 1,80 Meter groß sein muss. Pietro Patschani ist allerdings gerade mal 1,60 Meter groß. Also der müsste wirklich so dann mehr oder weniger gezielt haben. So auf Stuhl gestanden oder neben seiner Stirn die Waffe gehalten haben. Also das passt nicht so. Das ist recht unwahrscheinlich. Ganz zusammen. Die Patrone, die in seinem Garten gefunden wurde, die kann natürlich jemand anders abgelegt haben. Vielleicht die Person, die diesen Brief geschickt hat. Zum Beispiel. Zum Beispiel. Wie der Block in sein Haus kommt, da kann man auch einbrechen und irgendwas hinlegen. Das könnte man, aber er hat ja den Block benutzt. Der hat ja auf dem Block auch gezeichnet. Die Zeichnungen waren von ihm. Der Block ist für mich eigentlich das stärkste Indiz, ehrlicherweise. Aber auch den kann er von jemandem bekommen haben, ohne zu wissen, woher der stammt. Ja, vielleicht... Haben Horst und Jens Uwe auch im Café gesessen, den Block dort vergessen und er hat ihn an sich genommen. Es gibt Möglichkeiten. Es gibt viele Zufälle, genau. Das ist eben möglich. Also das Verfahren ist also noch nicht vorbei. Am 12. Dezember 1996 annulliert der oberste Gerichtshof Italiens den Freispruch und ordnet eine neue Verhandlung an. Aber zu dieser kommt es nie, weil Paccani am 22. Februar 1998 im Alter von 73 Jahren tot in seiner Wohnung gefunden wird. Er starb wohl an Herzversagen. Die genaueren Umstände seines Todes werden allerdings nie untersucht. Also es gibt keine Obduktion. Stattdessen werden zwei weitere Männer aus Pachanis Umfeld namens Mario Vanni und Giancarlo Lotti angeklagt, die bei mindestens vier der Morde als Komplizen dabei gewesen sein sollen. Die drei sollen die Morde im Auftrag einflussreicher Hintermänner eines geheimen satanischen Kultes begangen haben. Das hatten wir ja in dem Alcázar-Fall auch schon mal. Das kommt doch immer wieder vor. Wenn man sonst nichts findet, muss es ein satanischer Kult gewesen sein. Ja, oder Aliens. Genau. Wanni und Lottie werden in Indizienprozessen zu langen Haftstrafen verurteilt und sterben 2002 und 2009. Beide haben ihre Beteiligung an der Mordserie immer bestritten. Also die klagen einfach einen nach dem anderen an? Und also die Sache mit dem Satanskult, daran glaube ich persönlich jetzt nicht. Es wurden sicherlich schon mehr Personen im Namen eines Gottes getötet als für eine Satanskult. Wie viele Satanskulte gibt es denn tatsächlich? Aber es macht sich immer so gut als Theorie, auch wenn die mit der Wahrheit in den wenigsten Fällen was zu tun hat. Ja, also es wirkt für mich jetzt sehr stark so, das oberste Gericht hat gesagt, es muss Mittäter geben und jetzt werden einfach random irgendwelche Leute gesucht, die man auch verurteilen kann, damit man bei der Theorie bleiben kann, dass Pietro Patschani es war und die anderen haben ihm dann halt geholfen. Warst doch der Reporter. Der Reporter, der Marius Bezzi heißt, glaubt das übrigens nicht, dass Pietro Patschani oder seine mutmaßlichen Komplizen die Morde begangen haben. Er legt sich deshalb immer wieder mit der Justiz und mit den Ermittlungsbehörden an. Er landet 2006 sogar für drei Wochen in Haft, weil er die zu sehr genervt hat. Zwei Jahre später veröffentlicht er zusammen mit einem amerikanischen Bestsellerautor das Buch Die Bestie von Florenz, in der er eine neue Theorie zu der Mordserie aufstellt, die gleichzeitig absolut wild... Aber auch auf eine kranke Art logisch ist. Also halt dich fest. Spezi glaubt, dass Cosimo, der Sohn von Salvatore Vinci, hinter der Mordserie steckt. Cosimo wird Anfang der 60er in Sardinien geboren. Da ist seine Mutter gerade mal 16 Jahre alt. Kurz darauf, im Januar 1961, wird sie tot in ihrem Bett gefunden. Neben sich ein Schlauch und eine leere Gasflasche. Cosimo liegt in dieser Nacht hinter einem Kinderbett in der Küche. Der Tod wird als Suizid gewertet. Im Dorf glauben damals aber die meisten, dass Salvatore seine Ehefrau aus Eifersucht umgebracht hat. Und Salvatore war einer der Brüder. Einer der beiden sardischen Brüder, die ja auch mal kurzzeitig verdächtigt worden sind. Ja, wo da eine dann zwei Jahre in Urhaft saß. Genau. Und kurz darauf ziehen Salvatore und sein jüngerer Bruder wie viele Sarden in die Toskana, um dort nach Arbeit zu suchen. Sein Sohn lässt Salvatore auf Sardinien bei Verwandten. In der Gegend von Florenz lernt er eine neue Frau kennen und heiratet sie. Auch sie misshandelt er regelmäßig und zwingt sie zum Beispiel zum Sex mit anderen Paaren. Also das scheint so sein, King zu sein seiner Frau, dabei zuzugucken, wie sie Sex mit anderen hat. Er war ja auch ein Spanner. Er war ja auch ein Spanner, genau. Als Cosimo vier Jahre alt ist, holt Salvatore ihn nach. Die neue Frau seines Vaters kümmert sich wie eine Mutter um ihn. Doch irgendwann hält sie die Misshandlung von Salvatore nicht mehr aus und flüchtet. Gut für sie. Wieder hat Cosimo eine Mutter verloren. Also zum zweiten Mal in seinem Leben. Gut für sie, schlecht. Für ihn auf eine Art, genau. Und irgendwann, da ist er dann schon ein bisschen älter, hört er von den Gerüchten, sein Vater habe seine Mutter ermordet und er beginnt Salvatore zu hassen. Sobald er alt genug ist, zieht er aus und verbringt stattdessen viel Zeit mit seinem Onkel Francesco. Also das ist so 14, 15 Jahre alt, als er sich von seinem Vater löst. Genau wie sein Vater und sein Onkel rutscht auch Cosimo in die Kriminalität ab und wird wegen Einbruchs, Diebstahls und unerlaubten Waffenbesitzes verhaftet. Im Jahr 1975 verlässt Cosimo Florenz und sucht sein Glück unter anderem auf Sardinien und am Comersee. Also der tingelt so von Job zu Job und versucht irgendwo Fuß zu fassen, schafft es aber irgendwie nie. Und interessanterweise in dieser Zeit werden in Florenz keine Liebespaare mehr ermordet. Das überschneidet sich jetzt aber schon mit mehreren Dingen. Also es gibt möglicherweise einfach mehrere Zufälle, dass diese Person gerade da... Immer ist. Ja, in Freiheit sind oder in der Stadt, oder? Ja, es geht aber noch weiter. Anfang der 80er heiratet Cosimo, aber die Ehe hält nur drei Jahre. Sowohl beim ersten Doppelmord im September 1974 an Stefania Pettini und Pascale Gentilcore, als auch bei dem Mord an Antonella Migliorini und Paolo Mainardi im Juni 1982, ist Cosimo nachweislich in der Nähe der beiden Tatorte. Beide Male zusammen mit seinem Onkel Francesco. Also die sind wohl damals schon kontrolliert worden, deswegen weiß man, dass die da waren. Bei seiner Recherche findet Mario Spezi eine Strafanzeige aus dem Frühjahr 1974, in der Salvatore Vinci einen Einbruch in seinem Haus gemeldet hat. Mario Spezi vermutet, dass Cosimo seinem Vater damals die 22er Beretter gestohlen hat, die dieser 1968 nach dem Mord an Barbara Lodzzi und Antonio Lobianco mitgenommen hatte. Weil es ist ja logisch, der war ja mit dem... Der Stefano hatte gesagt, er hat sie in den Graben geworfen und in Wirklichkeit hat er sie aber Salvatore mitgegeben. Ja, oder er war dabei, als er die Graben geschmissen hat, hat er gedacht, so eine gute Waffe, die kann man noch gebrauchen. Ja genau, die hat er rausgeholt, hat er mitgenommen. Ja genau, und dann hat sein Sohn die vielleicht dann von ihm geklaut. Also das wäre eine Möglichkeit. Und wirklich vier Monate nach diesem Diebstahl, nach diesem Waffendiebstahl, von dem wir jetzt ausgehen, schlägt das Monster von Florenz das erste Mal. Außerdem stößt der Journalist Mario Spezzi auf ein nicht veröffentlichtes Gutachten des FBI, das die italienischen Ermittler damals angefordert haben. Die Fallanalytiker aus den USA sind überzeugt davon, dass das Monster von Florenz sexuell frustriert, also nicht in der Lage zum normalen Geschlechtsverkehr ist. Dafür spricht, dass fast alle weiblichen Opfer vor allem im Bereich der Vulva verstümmelt wurden. Spermaspuren oder andere Hinweise auf sexuellen Missbrauch gab es dagegen nie. Also das hatten wir ganz am Anfang mal. Also die Penetration mit dem Messer kann ja eine Ersatzhandlung sein für die Penetration mit dem Penis. Also weil ich das eine nicht kann, mache ich dann das andere. Das ist auf jeden Fall eine Möglichkeit. Und dann ist interessant, dass Spezi noch herausfindet, dass die Kirche 1985 die Ehe von Cosimo Vinci annulliert hat, wegen Impotentia Queundi, also der Unfähigkeit des Geschlechtsaktes. Das würde ja sehr gut passen dazu. Ja, jemand, der vielleicht mehr dazu sagen könnte, nämlich sein Onkel Francesco Vinci, der wird 1993 tot im Kofferraum seines eigenen Autos aufgefunden. Er wurde stranguliert. Dieser Mord bleibt bis heute ungeklärt. Salvatore Vinci, also Cosimos Vater, ist nach seiner Freilassung im September 1984 untergetaucht. Gerüchten zufolge lebt er heute in Spanien. Sein Sohn Cosimo wohnte zuletzt in einem Arbeiterviertel im Westen von Florenz. Er bestreitet die Morde. Gegen ihn wurde meines Wissens nach nie offiziell ermittelt. Im Zusammenhang mit den Ermittlungen rund um das Monster von Florenz haben mindestens drei Menschen Suizid begangen und sieben wurden ermordet. Also so wie jetzt zum Beispiel der Onkel, der auch einfach stranguliert im Körperraum lag. Ja, wissen wir nicht, ob das tatsächlich etwas damit zu tun hat, aber er war jemand, der in die Ermittlungen verwickelt war auf jeden Fall. Genau und deshalb muss man leider sagen, dass bis heute im Fall des schlimmsten Serienmörders in der italienischen Geschichte noch viele Fragen offen sind. Diese Cosimo-Theorie gefällt mir recht gut. Ich habe mich jetzt währenddessen daran erinnert, dass ich den Fall selbst schon mal besprochen habe. Das ist aber fünf, sechs Jahre her. Und ehrlich gesagt habe ich mich jetzt an die meisten Details auch gar nicht mehr erinnert. Ich glaube, die Cosimo-Theorie ist mir damals... Die ist ja noch relativ neu. Aber wenn gegen ihn gar nicht ermittelt wurde, stellt sich mir halt auch die Frage, warum? Offiziell hat man den Mörder ja verurteilt. Der Fall ist ja aus Behördensicht abgeschlossen. Man hat ja den Typen verurteilt, man hat seine beiden Komplizen ins Gefängnis gesteckt. Deckel drauf, reicht ja jetzt. Also ich glaube, da hat einfach auch niemand Interesse daran, das Ganze wieder aufzuwühlen. Und für mich ist das überzeugendste Indiz eigentlich das Motiv. Nämlich dieses sexuelle Motiv, dass man Frauen vielleicht dafür bestrafen will, dass man selber keinen hochkriegt. Es ist eigentlich ja naheliegend, weil es hat ja definitiv eine sexuelle Motivation, diese Taten, aber es findet eben keine Vergewaltigung, kein Missbrauch der Frauen statt. Ein impotenter Täter macht schon Sinn. Absolut. Andererseits kann man auch sagen, ist es vielleicht nur Zufall, dass das in der Theorie so gut klingt. Ja, das ist ja oft so. Kann noch ganz jemand anders gewesen sein. Hast du nämlich, bevor ich es vergesse, hast du von der Theorie gehört, dass das Monster von Florenz und der Zodiac Killer aus Kalifornien ein und dieselbe Person sein sollen? Das habe ich noch nicht gehört, aber ich kann verstehen, wie man darauf kommt, weil ja der Tatablauf sehr ähnlich ist. Liebespaare in Autos, der Täter schleicht sich an, zuerst wird der Mann getötet, dann die Frau. So war es doch beim Zodiac auch, ne? Und auch der Kontakt mit den Behörden. Also der Zodiac hat doch diese Briefe verschickt mit den Rätseln und unser Florentiner-Monster hat ja die Brust verschickt. Also da geht es ja auch darum... Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist natürlich ein großer Unterschied, ob du Rätsel verschickst. Voll. Kodierte Nachrichten oder Körperteile. Und ich kann mich jetzt auch nicht daran erinnern, dass der Zodiac irgendjemandem die Vulva rausgeschnitten hat. Stimmt, diese Brutalität war nicht da. Da liegen aber auch rund 20 Jahre dazwischen. Ja, und sehr viele tausend Kilometer. Sehr viele tausend Kilometer. Nur hat offenbar zu der Zeit der Morde ein US-amerikanischer Soldat auch in Florenz gelebt. Ach so. Und der soll einem Journalisten gesagt haben, dass er für beide Mordserien verantwortlich ist, dass er quasi der Zodiac und auch das Monster von Florenz ist. Da hat es nachher aber auch wieder zurückgezogen, diese Aussage. Und gesagt, nee. Ah, mal ein Scherz. Aber das wollte mir nur ein bisschen wichtig machen. Was natürlich sehr, sehr gut möglich ist. Und auch relativ wahrscheinlich ist, ehrlich gesagt. Also was hältst du davon? Ich halte es jetzt nicht so. Nee, nee, nee. Ich bin in einem Sodiak-Fall nicht ganz so tief drin, weil das schon länger her ist, dass ich mich damit beschäftigt habe. Nämlich als dieser Kinofilm damals lief, den ich sehr gut fand. Ja, ich habe den letztens wieder angeschaut. Aber soweit ich mich erinnere, ist die Tatausführung in der Brutalität doch nochmal eine andere. Und das war ja schon sehr spezifisch, immer Neumondnächte. Ja, aber wie gesagt, die liegen ungefähr 20 Jahre dazwischen. Du kannst dich ja weiterentwickeln. Du kannst was Neues ausprobieren. Du bist auch in einem anderen Land. Ob ich das jetzt Weiterentwicklung nennen würde, ist die andere Frage. Aber ich weiß, was du meinst. Also du kannst den Modus operandi natürlich ändern. Genau. Aber ich fürchte, es gibt mehr als eine Person auf der Welt, die Liebespaare tötet. Ich glaube auch. Ich wollte es nur erwähnt haben. Und dann könnte es natürlich gewesen sein, ich meine, Florenz ist eine wahnsinnig beliebte Stadt für Urlauber. Turistadt, ja. Ja, voll. Oder aber auch aus der ganzen Welt, beziehungsweise jetzt aus Deutschland, Österreich, Kroatien, wo auch immer. Auch aus Frankreich bist du ja relativ schnell da. Das stimmt. Da gibt es auch viele Geschäfte und Firmen. Also es könnte auch ein sonst unauffällig netzender Geschäftsmann gewesen sein, der da immer wieder hinkommt. Der dann vielleicht zusätzlich zu geschäftlichen Terminen auch mal Urlaub macht oder nur das eine oder nur das andere, weil es war ja auch so diese sogenannte Abkühlzeit. Ja. Zum Teil recht lang. Das stimmt. Das sind so die größten Rätsel in diesem Fall, diese unterschiedlichen Abstände zwischen den Taten, die ja teilweise extrem lang sind und das spricht ja schon dafür, dass der Täter in dieser Zeit nicht in der Stadt ist. Zwischen den Morden oder im Gefängnis ist Oder es hat ihm halt dann wieder gereicht für eine Zeit. Es sind schon sehr lange Abkühlzeiten und es ist ja auch nicht so, dass der Zeitraum zwischen den Taten kürzer wird am Ende. Das ist ja eigentlich eher so, dass man immer mehr diesen Kick braucht und dann immer mehr tötet, dass sich das immer mehr steigert. Das war ja in dem Fall auch nicht so. Ja, ich glaube, wir werden den Fall heute nicht mehr lösen. Es wird auch nicht erklären, wie der Mann an die Tatwaffe gekommen ist. Außer, dass Stefano hat sie 1968 in den Graben geworfen und er ist dann zufällig vorbeigegangen oder hat es gesehen und hat sich gedacht, Ah, es ist ja... Und hat sich dann Jahre später überlegt, ach ja, Mensch, ich habe ja noch diese Waffe da rumliegen, jetzt bringe ich damit mal Leute um. Ja, genau, also das ist auch recht unwahrscheinlich. Aber wer weiß, vielleicht hat er irgendwo anders schon Leute auch mit dieser Waffe getötet. Ja. Wir werden es nicht lösen heute. Es ist auf jeden Fall ein wahnsinnig spannender Fall. Trotzdem klappen wir jetzt die Akte an dieser Stelle zu. Und ich kann dir schon mal sagen, in der nächsten Folge, in der Dezember-Folge, haben wir es mit einem Verbrechen mit 33.000 Opfern zu tun. 33.000? Mehr sage ich jetzt noch nicht. Kriegsverbrechen. Das ist ein absolut spektakuläres Verbrechen, was, glaube ich, relativ unvergleichlich ist. Ich bin sehr gespannt. Wir sehen uns wieder und hören uns wieder. Ja, vielen Dank, Philipp. Ich freue mich auf Dezember und dann machen wir es uns hier weihnachtlich mit Glühwein. Das ist der Plan. Klingt gut. Kann ich auch Kinderpunsch haben? Du kannst auch Kinderpunsch haben oder Eierpunsch, was auch immer du möchtest. Also bis zur nächsten Folge von Nebenanweltweit. Danke Franziska. Tschüss.